Ringvorlesung am 14.12.2022 – „Al-Aqsa oder Tempelberg: Der ewige Kampf um Jerusalems heilige Stätten“.

Für Gesellschaften westlicher Prägung ist religiöse und weltanschauliche Pluralität kennzeichnend. Faktisch sind Religionen also partikular. In ihrem Selbstverständnis jedoch sind monotheistische Religion universal. Ihnen geht es um den einen Gott, der für alle Menschen dieser eine Gott ist, und von dem sie etwas aussagen, für das sie universale Geltung beanspruchen und für das sie die anderen gewinnen wollen. Diese faktisch partikularen Religionen mit universalem Anspruch zeichnen häufig Orte als ihre eigenen, besonderen Orte aus. Brenzlig wird es, wenn sich mehrere Religionen auf den gleichen Ort als „heiligen Ort“ beziehen. Mit einem, gegenwärtig besonders heftig ausgetragenen Konflikt um einen „heiligen Ort“ beschäftigte sich am Mittwoch, dem 14.12.2022, die zweite Ringvorlesung an der PTH Sankt Georgen. Thema des Abends war „Al-Aqsa oder Tempelberg: Der ewige Kampf um Jerusalems heilige Stätten“. Zu Gast war der Historiker Dr. Joseph Croitoru, der als freier Journalist arbeitet und mehrere viel beachtete Bücher publiziert hat, u.a. „Die Deutschen und der Orient. Faszination, Verachtung und die Widersprüche der Aufklärung“. Moderiert wurde der Abend von Prof. Bernhard Emunds. 

Croitoru stellte dar, wie – auch vermittelt über nationalistische Bestrebungen – die interreligiöse Spannung rund um den Jerusalemer Tempelberg bzw. die Al-Aqsa Moschee entstand. Es dürfte nur wenige Orte geben, die über verschiedene Epochen hinweg so stark im Fokus verschiedener Religionen standen wie der Jerusalemer Tempelberg. Für die Juden ist es der Berg des Tempels, für die Muslime der Ort des drittwichtigsten Heiligtums. Wo der Überlieferung nach Abraham opferte, Salomo den ersten Tempel erbauen ließ, Jesus durch den kurz zuvor von Herodes prächtig erneuerten Tempel schritt, und wo lange nach dessen Zerstörung muslimische Herrscher ein Heiligtum errichteten – dort streiten seit gut hundert Jahren Muslime und Juden darüber, wer unter welchen Bedingungen Zugang zu was hat und welches der vorhandenen Bauwerke dauerhaft Bestand haben soll. Sie streiten z.T. mit zunehmender Erbitterung und einer gehörigen Portion Fanatismus. Joseph Croitoru stellte die 3000-jährige Geschichte des Tempelberges dar und zeigte auf, wie der Streit um Jerusalems heilige Stätten seit dem 19. Jahrhundert immer weiter eskalierte. Inzwischen planen einige jüdische Eiferer einen „dritten Tempel“, während die ebenfalls religiös und nationalistisch aufgeladenen Proteste mit Polizeigewalt unterbunden werden.

Nach der britischen Eroberung Palästinas 1917 hatte sich der Streit zwischen Juden, die ihre Möglichkeiten, an diesem Ort zu beten, erweitern wollten, und Muslimen, die jede Veränderung des Status quo als Schritt zum Verlust der für sie hoch bedeutsamen Al-Aqsa Moschee begreifen, intensiviert. Nach der Gründung Israels und vor allem nach der Eroberung Jerusalems im 6-Tage-Krieg 1967 riefen demonstrative und z.T. auch gewaltsame jüdische Aktionen einer religiösen Aneignung des Tempelbergs heftige Reaktionen der Palästinenser hervor, die ihrerseits durch Terroranschläge gegen Israelis die Situation weiter anheizten. Offen ist, wie es nun, nach den Präsidentschaftswahlen vom November 2022, weiter gehen wird. Die Mehrheitsverhältnisse, die sich bei und nach dieser Wahl ergeben haben, verheißen nichts Gutes.

Zum Abschluss der Veranstaltung bekamen die über 60 TeilnehmerInnen, sowohl vor Ort als auch online zugeschaltet, die Möglichkeit, Fragen zu stellen und so mit dem Referenten ins Gespräch zu kommen.

Die dritte Ringvorlesung findet am Mittwoch, dem 18.01.2023, von 18:30 bis 20:00 Uhr statt. Thema des Abends ist „Die Ukrainekrise als Krise der internationalen Zusammenarbeit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts“. Zu Gast ist Prof.in Dr. Nicole Deitelhoff, Leiterin des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung und geschäftsführende Sprecherin des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Goethe-Universität, Frankfurt am Main. Weitere Informationen finden Sie auf unserer Homepage. Die Anmeldung ist unter rektorat@sankt-georgen.de möglich. Auch an diesem Abend wird eine digitale Teilnahme möglich sein.

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