„Jesus Christus ist der Herr“ (Phil 2,11)

Zum Werk von Alois Kardinal Grillmeier SJ (1910–1998)

von Theresia Hainthaler

aus: Theologie und Philosophie 74 (1999) 85–97

Alois Kardinal Grillmeier SJAlois Grillmeier SJ1 hat sich in den etwa 50 Jahren2 seines wissenschaftlichen Wirkens als Dogmatiker und Dogmengeschichtler in besonderer Weise mit der Christologie befaßt3. Der Titel des mehrbändigen Werkes, das nicht abgeschlossen ist, „Jesus der Christus im Glauben der Kirche“, kann als Motto über seinem ganzen Schaffen stehen: Es ging ihm um Jesus als den Christus des Glaubens, wie er in der Kirche (genauer: in den verschiedenen Kirchen) verstanden wird.

In mehreren umfangreichen Werken fand dieses Interesse an der Christologie und in besonderer Weise an der grundlegenden Definition des Konzils von Chalcedon (451) seinen Niederschlag: Zunächst in den drei Bänden „Das Konzil von Chalkedon“ (1951–54, 51979), die Grillmeier zusammen mit Heinrich Bacht SJ herausgegeben hat und die wesentlich auf seine Initiative zustande kamen. Sodann ist zu nennen die Aufsatzsammlung „Mit ihm und in ihm“ (1975, 21978), in der Vor- und Begleitarbeiten zum Hauptwerk „Jesus der Christus im Glauben der Kirche“ zusammengefaßt sind, und dann vor allem dieses selbst, von dem bisher vier Bände4 vorliegen. Die Aufsatzsammlung „Fragmente zur Christologie“, herausgegeben von Theresia Hainthaler (1997), vereint Studien und Beiträge nach 1975. Vom Interesse an der Verbindung von christlichem Glauben und künstlerischer Darstellung, von Dogmengeschichte und christlicher Ikonographie zeugt die Studie „Der Logos am Kreuz“ (1956). Den ursprünglichen Plan, die Darstellung Christi in der Kunst eingehend zu behandeln sowie ein Buch über Christus-Frömmigkeit zu schreiben, konnte Grillmeier nicht verwirklichen; diese Anliegen sind aber spürbar in den vorliegenden Werken.

Auch wenn mit dem Titel „Jesus der Christus im Glauben der Kirche“ das zentrale Thema seiner Arbeit angegeben werden kann, so erschöpfte sich das theologische Interesse Grillmeiers nicht in der Christologie der Alten Kirche, wie die Liste seiner Publikationen5 zeigt. Insbesondere stellt seine Teilnahme am II. Vatikanischen Konzil einen weiteren Brennpunkt seines Schaffens dar. Grillmeier hat als Konzilstheologe in der Theologischen Kommission die dogmatischen Konstitutionen „Lumen gentium“ und „Dei verbum“ mit erarbeitet und aus dieser Kenntnis heraus diese Texte kommentiert.

1. Gegenwartsbedeutung historischer Forschung und ökumenische Ausrichtung

Ehe vom Inhalt der oben genannten Bücher die Rede ist, zunächst noch ein Wort zum Motiv der historischen Forschung, die für Grillmeier nie Selbstzweck war. Im Vorwort zu „Mit ihm und in ihm“ formulierte er, vielleicht programmatisch6: „Das Bemühen des Verfassers … geht dahin, das Werden des Glaubens der Kirche an Jesus Christus, wie er sich ausdrückt im Kerygma, im Bekenntnis und in der theologischen Reflexion, in möglichst ursprünglicher Weise zu erschließen.“ Für seine Arbeit nahm er gerne den Vergleich mit der Gruben- oder Bergwerksarbeit. Wenn es in der Geschichte des Christusbildes nicht bloß um Theologie- und Geistesgeschichte gehe, „sondern in erster Linie um die Erforschung des Glaubensbewußtseins der Kirche, die aus dem Pneuma lebt“, dann habe es sehr wohl einen Sinn, in die Schächte der Vergangenheit zu steigen, um die Gegenwart daraus zu bereichern7. Grillmeier war es um diese Verwurzelung des Glaubens der Kirche, speziell an Jesus Christus, im Glauben der Väter und die Identifizierung damit zu tun, selbst wenn diesem Glauben heute notwendig eine andere Sprachgestalt gegeben werden muß. Verstärkend kam hinzu, daß es gerade für die Gespräche mit den altorientalischen Kirchen nötig ist, zu den Ursprüngen der Spaltung zurückzukehren und den gemeinsamen Glaubensgrund zu entdecken. Die Verortung seiner Forschungen im ökumenischen Dialog, vor allem mit den altorientalischen Kirchen, an dem er selbst mitwirkte8, hat er seit 1975 in jedem seiner Bücher zum Ausdruck gebracht9.

2. „Das Konzil von Chalkedon“

Bereits im großen Werk „Das Konzil von Chalkedon“, das er zur 1500 Jahr-Feier des Konzils von Chalkedon 1951 zusammen mit H. Bacht im Auftrag der Fakultät Sankt Georgen plante und dann in 3 Bänden 1951–1954 herausbrachte, zeigt sich das Interesse an den verschiedenen Kirchen (die syrischen Kirchen, Chalcedonier wie Antichalcedonier, christliche Araber, Kopten, Jakobiten, Armenier, Byzantiner, Protestanten) bis hin zur Frage der Inkulturation in Indien. Genauso aber wird bereits im Inhaltsverzeichnis das Interesse an der Bedeutung der dogmengeschichtlichen Inhalte für die Kirche in den Fragen der Gegenwart deutlich (Band III).

Dieses Gemeinschaftswerk, das nach dem zweiten Weltkrieg entstand, versammelt 54 Beiträge von zahlreichen Theologen aus Deutschland wie Frankreich, den Niederlanden, Italien, Belgien, Libanon, Österreich, USA, Griechenland, Spanien, Großbritannien und Indien (darunter Namen wie Riedmatten, Ortiz de Urbina, Camelot, Richard, Lebon, Moeller, W. de Vries, G. Graf, Bardy, Van Roey, H. und K. Rahner, Congar, Daniélou, Fries, Volk, Schnackenburg).

Nach dem Krieg als Deutscher die Kontakte neu zu knüpfen, war eine besondere Herausforderung, der sich Grillmeier mit großem Einsatz stellte. Das Werk wurde mit hohem Lob bedacht und ist noch heute ein Referenzwerk für Arbeiten über das Konzil von Chalcedon10.

3. Die Entwicklung von „Jesus der Christus im Glauben der Kirche“

Aus dem ersten Beitrag dieses Werkes von 202 Seiten11, den Grillmeier selbst verfaßte, entstand dann nach und nach der erste umfangreiche Band des Werkes „Jesus der Christus im Glauben der Kirche“: Zuerst erschien 1965 in englischer Sprache „Christ in Christian Tradition“. Das Bemühen von Grillmeier war, jede Entwicklungsstufe des christologischen Problems in ihrem eigenen Charakter zu verstehen und darzustellen, ohne die späteren dogmatischen Konzepte hineinzutragen. Die Ansätze für die spätere Entwicklung, wo es sie gibt, sollten jedoch durchaus deutlich gemacht werden12. Das Buch wurde schnell zum „Klassiker“, zum Lehrbuch für die Christologie in der englischsprachigen Welt. Gerühmt wird die deutliche Herausarbeitung der Entwicklungslinien in der Christologie der ersten fünf Jahrhunderte.

Die 2. Auflage 197513 stellt eine völlige Überarbeitung der 1. Auflage dar; neben Literatur-Nachträgen ist die theologische Entwicklung zwischen Origenes und Nicaea neu bedacht worden, der christologische Beitrag von Marcell von Ancyra und Didymus von Alexandrien wurde aufgrund neuer Forschungen mehr beachtet und gewürdigt, die Kapitel über Didymus von Alexandrien, Origenismus, Ephesus und Chalcedon wurden überarbeitet. In einem Appendix ist die Nestorius-Frage in der modernen Forschung eigens dargestellt. Zugleich trägt die 2. Auflage nun den Zusatz „Volume One“ und zeigt damit die geplante Fortsetzung des Werkes an.

Auf deutsch erschien Band 1 dann 1979 (also 14 Jahre nach der ersten Publikation in Englisch), erweitert und angewachsen auf 829 Seiten; diese Version wurde auch 1982 (mit Verbesserungen der deutschen Ausgabe) auf italienisch publiziert. Eine starke Ausweitung erfuhr vor allem das erste Kapitel über die Wirkungsgeschichte der zentralen biblischen Aussagen über Jesus Christus bis ins 5. Jh. hinein. Die Verklammerung der apostolischen mit der nachapostolischen Zeit sollte „paradigmatisch“ aufscheinen an den Grundsätzen und Methoden der Väter beim Umgang mit der biblischen Christologie. Hinzugefügt wurden ferner Ausführungen über Ephraem den Syrer und die Vorgeschichte des Origenismus im 4./5. Jh. Die deutsche und die italienische Ausgabe stellen somit eine starke Umarbeitung der 2. englischen Auflage von 1975 dar.

1990 konnte die 3. Auflage der deutschen Ausgabe erscheinen, wobei versucht wurde, den aktuellen Forschungsstand zu erreichen; neu formuliert wurden die Kapitel über Paul von Samosata und Nemesius von Emesa, einige Eingriffe erfuhr die Darstellung von Marcus Eremita und der ps.-ignatianischen Briefe (längere Rezension).

Das Werk wurde von Grillmeier auf drei Bände geplant: Band 1 stellt die Entwicklung vom NT bis zum Konzil von Chalcedon (451) dar, Band 2 soll die Zeit nach Chalcedon bis Gregor den Großen bzw. den Einbruch des Islam behandeln, Band 3 schließlich die Zeit bis 800, wenn mit den Auseinandersetzungen um den spanischen Adoptianismus die Entwicklung der altkirchlichen Christologie einen gewissen Abschluß findet. Verwirklicht sind von diesem Programm außer Band 1 bisher von Band 2 die Teilbände 2/1, 2/2 und 2/4. Die genannten Bände sind seit 1996 auch auf englisch und französisch erhältlich, auf italienisch bereits weitgehend, auf spanisch Band 114. Die aktuellsten Versionen sind derzeit: Band 1 auf deutsch (3. Aufl.) und spanisch, Band 2/1 auf deutsch (2. Aufl.), französisch und italienisch, Band 2/2 auf französisch und englisch (und italienisch), Band 2/4 auf englisch und französisch; eine neue französische Übersetzung und eine Aktualisierung der englischen Ausgabe von Band 1 sind in Vorbereitung.

4. Zum Spezificum des Ansatzes von Grillmeier

Der erste Beitrag in „Das Konzil von Chalkedon“ I gibt als Zielrichtung an: den Weg des christologischen Kerygmas vom Wesen der Person Jesu Christi von der apostolischen Zeit bis zum Konzil von Chalcedon (451) nachzuzeichnen, um so das „geschichtliche“ Verständnis der Formel von Chalcedon im Unterschied zum „dogmatischen“ zu gewinnen15. Der Sinn des Beitrages „wird darin gesehen, daß einige christologische ‚Schemata‘ in ihrer dogmengeschichtlichen Eigenart herausgestellt und als besondere Faktoren der Entwicklung gewertet werden.“16 Zu den hier erwähnten Schemata gehören das sog. Logos-Sarx-Schema und das Logos-Anthropos-Schema. Dabei steht das Logos-Sarx-Modell der alexandrinischen Schule für die griechische Theologie athanasianischer Prägung, und das Logos-Anthropos-Schema für das Ernstnehmen des Humanum in Jesus Christus, wofür die Antiochener mit allem Nachdruck eingetreten sind. Selbst eine erneute Überprüfung für die erste deutsche Auflage (1979) ließ den Autor erkennen, daß diese Deutungsmuster unverzichtbar sind, um die Positionen einzelner Väter des 4. Jh. wie auch die übergreifende christologische Gesamtbewegung zu charakterisieren, wenn auch im einzelnen gut differenziert und genau abgegrenzt werden muß17.

Grillmeier wollte eine Verbindung von Einzelanalyse und umfassender Synthese erreichen. Grundlage für diese Geschichte der Christologie ist das intensive Quellenstudium und die Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur18. Bei den einzelnen Autoren und Kirchen wird versucht, den entsprechenden kulturgeschichtlichen und philosophischen Hintergründen Rechnung zu tragen. In historisch-kritischer Methode wird das jeweilige Christusbild des Autors bzw. der Kirche erarbeitet, das wie ein Medaillon dargestellt werden soll. Auf der Grundlage der Einzelanalysen wird dann die Entwicklungsgeschichte des Christusbildes in der Väterzeit in ihren großen Linien sichtbar gemacht. Ein Ergebnis seiner Untersuchungen besteht für Grillmeier darin, daß die Dynamik der Entwicklung „in der Verbindung von Kerygma und Reflexion liegt“. Immer wieder brauche die Verkündigung der Kirche, wie sie sich in Missionspredigt, Taufkatechese, Homilie, Liturgie und im sakramentalen Leben niederschlägt, über eine einfache Sprache hinaus gerade gegenüber einer sich bildenden christlichen Intelligenzschicht eine tiefere Begründung und Ausdeutung. „In der Spannung von Kerygma und Reflexion stellt sich die Christologie der Väterzeit aber immer als eine ‚Glaubensgeschichte‘ dar.“19 Auf diesem Hintergrund ergeben sich für die These Harnacks von der Hellenisierung des Christentums, mit der sich Grillmeier vielfach auseinandersetzte20, andere Antworten. Notwendigkeit und Nutzen einer solchen sowohl „detailliert wie umfassend angelegten Geschichte der Christologie“21 zeigte sich Grillmeier aber auch in den Dialogen mit den altorientalischen Kirchen.

5. Inhalt der Bände

Band 1 behandelte die Zeit vom NT bis zum Konzil von Chalcedon. Grillmeier gelang es dabei, grundlegende Linien aufzuzeigen, die inzwischen Allgemeingut geworden sind22. Er gehört auch zu dem Kreis derer, die Nestorius neu bewerteten und seinen christologischen Beitrag würdigten23. Dieser „irenische“ Zug seiner Dogmengeschichtsschreibung wurde mehrfach hervorgehoben. Protestantische Kollegen weisen aber auch häufig darauf hin, wie hier Dogmengeschichtsschreibung als Schriftauslegung offenbar wird:

„Grillmeier macht deutlich, wie intensiv das biblische Christusbild, dessen Entwicklung schon in urchristlicher Zeit durch Selektion und Konzentration, durch Assimilation an Sprache und Denken der Umwelt sowie durch Transformation von Kerygma in Dogma bestimmt ist, die seit dem 2. Jh. wissenschaftlich reflektierte Christologie prägt. DG [= Dogmengeschichte] ist so zu einem wesentlichen Teil Auslegungsgeschichte, weil die Motive der biblischen Christologie präsent bleiben. Sie ist aber zugleich geistige Auseinandersetzung mit dem Hellenismus, indem sie das Monotheismusproblem im Kontext der Soteriologie mit den Denkmitteln der zeitgenössischen Philosophie bearbeitet; so wird die Christologie ‚zum Angelpunkt einer Weltanschauung‘ …, die als wissenschaftliche Leistung den philosophischen Systemen der Antike gleich zu achten ist.“24

Band 2/1 behandelt die Auseinandersetzungen um die Definition von Chalcedon in der unmittelbaren Zeit danach bis 518, als mit dem Regierungsantritt von Kaiser Justin I. eine chalcedonische Restauration einsetzte. Dabei wird insbesondere die Christologie von Papst Leo I. eingehend gewürdigt, aber auch sein Kampf gegen den Manichäismus. In diesem Band sind in einem eigenen großen Kapitel die Quellen zusammengestellt, die für die Bearbeitung der Zeit ab 451 zu beachten sind. Dabei zeigen sich neue literarische Gattungen, die erst in den christologischen Auseinandersetzungen entstanden sind: neben den Synodalakten der verschiedenen Parteien auch die Florilegien, Definitionssammlungen, Häretikerkataloge etc.

Von Band 2/2 an will die Numerierung ein geographisches Prinzip und zugleich eine Arbeitshypothese zum Ausdruck bringen: Beginnend mit dem Patriarchat Konstantinopel (2/2) über den „Fruchtbaren Halbmond“ (Patriarchat Jerusalem und Antiochien mit Armenien, Georgien und Persien: Band 2/3), Alexandrien mit Nubien und Äthiopien (Band 2/4) und dem lateinischen Westen (Nordafrika, Spanien, Gallien, Irland, Italien, Donauländer: Band 2/5) soll der konkrete Christusglaube der einzelnen Überlieferungsgebiete und der einzelnen Kirchen nach Chalcedon dargelegt werden. Die Hoffnung dabei ist, die Arbeitshypothese zu verifizieren, daß trotz aller unterschiedlicher und z.T. gegensätzlicher Terminologie das ursprüngliche Kerygma des NT in allen diesen Kirchen erhalten geblieben ist, daß also vor dem Einbruch des Islam um das Mittelmeer, das mare internum, ein geschlossener orbis christologicus bestand, geschlossen im Sinne eines gemeinsamen Glaubens an Jesus den Christus des Glaubens. Verschiedene Christusbilder, doch – so die Hoffnung – ohne Verlust des Wesentlichen. Verwirklicht sind bisher Band 2/2 und Band 2/4, in Arbeit sind Band 2/3 und Band 2/5.

Band 2/2, der die verschiedenen Ansätze im Patriarchat Konstantinopel darstellt, bringt auch eine eingehende Untersuchung der Christologie von Severus von Antiochien, des „Kirchenvaters“ der Antichalcedonier (zu Unrecht als „Monophysiten“ bezeichnet, denn ihre Christologie will nicht eine „Mono“-Natur in Christus bekennen – die dann wohl mit der göttlichen Natur gleichzusetzen wäre –, sondern eine zusammengesetzte Natur. Mit mehr Recht könnte man den Namen „Miaphysiten“ gebrauchen, denn die Mia-Physis-Formel ist für diese Gruppe konstitutiv. Diese Formel meinte Cyrill von Alexandrien bei seinem verehrten Vorgänger Athanasius zu finden, ohne zu wissen, daß die Formel nicht von diesem stammte, sondern aus apolinaristischen Fälschungen.) Grillmeier bietet damit fast eine Monographie über Severus, den er in der Auseinandersetzung mit seinen Gegnern, sowohl im eigenen Lager wie bei den Chalcedoniern, darstellt. Severus ist tatsächlich ein starker Pol, an dem sich sowohl Gegner wie Freunde orientieren. Auch die Herausbildung der Begrifflichkeit von Enhypostasie und erste Ansätze zur Scholastik bei Chalcedoniern wie Leontius von Byzanz und Leontius von Jerusalem werden im Band 2/2 behandelt, der damit eine stark spekulativ ausgerichtete Thematik aufweist. Grillmeier konnte mehrfach neue Editionen noch vor ihrem Erscheinen verwenden (Leontius von Byzanz, Eustathius monachus, Theodosius, Dokumente des Agnoeten-Streits, Ps.-Caesarius) und seine Analysen auf eine neue Quellenlage stützen. Einen großen Raum nimmt in diesem Band auch Kaiser Justinian mit seinen theologischen Aktionen ein: für die theopaschitische Formel, gegen die Origenisten, der Kampf um die Severianer; insbesondere aber wird das zweite Konzil von Konstantinopel (553), das selten einer eingehenden Analyse unterzogen wurde, hier in seinen Canones (wie vor dem Hintergrund der geschichtlichen Ereignisse) untersucht. Zum christologischen Bild des Patriarchats gehören neben den vielfältigen Ansätzen der reflexen Christologie auch die liturgischen Dichtungen eines Romanos Melodos.

Band 2/4 bietet demgegenüber ein „bunteres“ Bild: etwa die Begegnung mit dem Judenchristentum Äthiopiens, die Missionsgeschichte Nubiens und Äthiopiens, das Mönchtum Oberägyptens mit seinem Mönchsvater Schenute, dessen Christologie Grillmeier aufgrund von neu zugänglich gemachten Texten (Tito Orlandi) ganz anders bewerten konnte: es handelt sich nicht um eine „öde Christologie“ und eine „christuslose Frömmigkeit“ (Leipoldt), sondern vielmehr um eine stark ausgeprägte Christozentrik. Der Band bietet einen Einblick in die Christologie der Patriarchen von Alexandrien (Timotheus Älurus, Theodosius) und die Herausbildung zweier Hierarchien, aber auch der Christologie der Gelehrten. Darunter findet sich auch Johannes Philoponus, ein Philosoph, dessen Arbeiten in neuerer Zeit größere Beachtung erfahren. Bei dem Dichter Nonnus von Panopolis begegnet man dem Versuch, das Johannes-Evangelium in Hexametern einem gebildeteren Publikum nahezubringen – Inkulturation des Evangeliums in höhere Schichten. Der liturgische Ausdruck des Christus-Glaubens wird eigens studiert für die koptische Kirche wie für die äthiopische Kirche. Für Nubien ist man wegen des geringen überlieferten Schrifttums auf bildliche Darstellungen und Ergebnisse der Archäologie angewiesen, die hier ebenfalls ausgewertet werden. Die Bedeutung dieses Bandes 2/4 dürfte somit insbesondere in der Darstellung der Frühzeit der christlichen Kirche in Afrika liegen, vor dem Einbruch des Islam und lange vor der Kolonialzeit, unter Verwendung von neuen Forschungsergebnissen sowie einer Vielfalt von Zeugnissen (Literatur, Dichtung, Kunst, Archäologie, Münzen).

Es scheint, daß sich die Hoffnung bewahrheitet, „daß bei allen Verschiedenheiten mit ihren kulturellen und geistigen Vorbedingungen die großen Gebiete des Orbis christologicus, sive orientalis, sive occidentalis, in der Substanz des Christusglaubens eins sind, dies vor allem vom Taufkerygma und vom Alltagsglauben her.“25

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Die Einheit in Christus wollte Grillmeier nicht nur im Sinne des ökumenischen Bemühens „ut unum sint“ aufzeigen, sondern auch im Sinne des spezifischen Humanum gemäß dem großen Theologen des 7. Jh., Maximus Confessor: „In dem Maße, wie der Mensch Gott geeint wird, wird er gerade als solcher bewahrt“. So schloß Grillmeier seinen Beitrag über die christologische Entdeckung des Humanum (1977) mit den Worten: „Die Botschaft von der Menschwerdung Gottes in Christus, von der Heimführung des Menschen zu Gott ist der unüberholbare Beitrag des Christentums zur Entdeckung des Humanum. Je mehr der Mensch in das Licht Gottes tritt, umso heller leuchtet sein eigenes Wesen auf.“26

Alois Grillmeier hat für sein Kardinalswappen den Schlußsatz aus dem Philipper-Hymnus gewählt, „Jesus Christus ist der Herr“ (Phil 2,11). Es ist das Bekenntnis der Frühen Kirche, das das biblische Kerygma in kürzester Form zusammenfaßt. Der Satz steht im Phil-Hymnus, einem der zentralen Texte der Christologie, der sowohl der antiochenischen wie der alexandrinischen Theologie teuer ist. Er bringt auch den Anspruch der christlichen Botschaft im Dialog mit den Religionen ins Wort. Für den Inhalt dieses Bekenntnissatzes hat sich Alois Grillmeier in seinem wissenschaftlichen Werk und in seinem ganzen Leben eingesetzt.


Fußnoten

1 Alois Grillmeier wurde am 1.1.1910 in Pechbrunn (Oberpfalz) geboren. 1929 trat er in die Gesellschaft Jesu ein; nach dem Studium der Philosophie in Pullach/München 1931–34 und der Theologie in Valkenburg/Holland 1934–36 bzw. Frankfurt 1936–38 wurde er am 24.6.1937 in München zum Priester geweiht. In Freiburg i. Br. promovierte er nach Studien in Rom am 9.2.1942 zum Dr. theol.; Militärdienst 1942–1944. Ab 1944 Lehrtätigkeit, zunächst Fundamentaltheologie und Dogmatik (bis Okt. 1948), dann Dogmatik und Dogmengeschichte, ab 1950 in St. Georgen, Frankfurt am Main bis zur Emeritierung (1978). Von Bischof Wilhelm Kempf, Limburg, wurde er als Theologe zum II. Vaticanum berufen und wirkte 1963–1965 als Konzilstheologe in der Theologischen Kommission. Auf vier Reisen nach Zambia und Malawi (1963–1966) führte er Bischöfe und Missionare in die Konzilsdokumente ein. Als Hauptschriftleiter gestaltete er die Zeitschrift „Scholastik“ (1964–1965) bzw. „Theologie und Philosophie“ (1966–1977). Er erhielt den theologischen Ehrendoktor der Universität Mainz (21.5. 1977) und der Universität Bamberg (23.5.1990); er war Korrespondierendes Mitglied der Bayer. Akademie der Wissenschaften (ab 19.2.1993), Wissenschaftlicher Beirat (4.12.1972) bzw. Konsultor der ökumenischen Stiftung „Pro Oriente“ Wien (29.10.1979); am 26.11.94 wurde er durch Papst Johannes Paul II. zum Kardinal kreiert. Am 13.9.1998 starb er in Unterhaching bei München.

2 1942 erschien eine erste Rezension in Schol 17, 1946/47 ein Artikel in StZ 139 (1946–47), vgl. „Bibliographie Alois Grillmeier 1942–1996“, in: A. Grillmeier, Fragmente zur Christologie. Studien zum altkirchlichen Christusbild, hg. v. Theresia Hainthaler, Freiburg 1997, 451–473, hier: 451.

3 A. M. Ritter schreibt in einer Würdigung in ThR 60 (1995) 254: „In einer Konzentration ohnegleichen hat er sein Lebenswerk im wesentlichen der Erforschung eines einzigen Themas, der Christologie vor und nach Chalkedon gewidmet.“

4 Vgl. Bibliographie.

5 Dazu vgl. die Bibliographie. Neben den dogmatischen Themen der Trinitätslehre, Christologie, Soteriologie, die die Vorlesungen und die Lehrtätigkeit bestimmten, sind besonders zu nennen Fragen der Mariologie, des Priestertums, der Buße und der Krankensalbung, aber auch die Themen Inkulturation und Mission. Die Beschäftigung mit der Christologie führte zur Auseinandersetzung mit den Weltreligionen Islam, Buddhismus, Hinduismus – in der Antike mit der Gnosis, dem Manichäismus, Mazdaismus etc. Innerhalb der Gesellschaft Jesu engagierte er sich für den Brüderberuf; den Mitbrüdern P. Delp und P. Rupert Mayer, die er beide persönlich kannte – Delp sogar als Studiengenossen, mit dem zusammen er die Priesterweihe empfing –, widmete er kleine Beiträge.

6 A. Grillmeier, Mit ihm und in ihm, Freiburg i.B. 1975, 21978, 5.

7 Eine Sicht, die gewürdigt wurde etwa auch von J. Ratzinger in seiner Rezension in ThPh 51 (1976) 253f (zu Mit ihm und in ihm): „Hier aber findet man wirklich ‚Grundlagenforschung‘, Erkenntnis jener geschichtlichen Zusammenhänge, von denen das Denken auch da noch bestimmt wird, wo es vergeßlich geworden ist und sich nur noch dem Heute und Morgen zuwenden will. … Die tief zurückreichenden Wurzeln gegenwärtiger Probleme werden sichtbar und man begreift, wie sehr eine christologische Arbeit, die solches nicht wissen will, faktisch im Blinden tappt und mit Größen arbeitet, deren tieferen Gehalt sie gar nicht kennt.“

8 Ritter, 267, meint, daß Grillmeier an den Dialogen mit den Orientalisch-Orthodoxen Kirchen „von Anfang an beteiligt (war) – als ihre Seele nicht nur, sondern auch als ihr Kopf!“ Teilnehmer an den Wiener Konsultationen mit den Altorientalen (1971, 1973, 1976) haben Grillmeier als Architekten der Wiener Christologischen Formel bezeichnet.

9 Vorwort zu Mit ihm und in ihm (1975), 5f; Vorwort zu Jesus d. Chr. I (1979). Das Vorwort zu Jesus d. Chr. 2/1 (1986) drückt die Absicht aus, daß der gesamte zweite Band „in allem eine ökumenische Spitze bekommen“ soll. Jesus d. Chr. 2/2 ist Kardinal König und der ökumenischen Stiftung Pro Oriente gewidmet. Ab diesem Band soll neben „der Einheit im Glauben auch die Besonderung der verschiedenen Kirchen in den Blick“ kommen (Vorwort, p. VII). Im Vorwort zu Jesus d. Chr. 2/4 erwähnt Grillmeier ausdrücklich den Einfluß der ökumenischen Gespräche in Wien und Kairo mit Vertretern der altorientalischen Kirchen auf die Darstellung der Christologie im Patriarchat Alexandrien.

10 K. Lehmann sprach 1977 (AnzKG 86, Okt. 1977, 158) von einem „für die Konziliengeschichte einmaligen und kaum zu überschätzenden Werk“. Es sei „nicht nur eine große konzilsgeschichtliche Leistung, die in diesem Umfang – es sind ca. 50 Beiträge von Fachleuten – wohl kaum Vorbilder und leider auch noch keine Nachfolger hat, sondern darin liegt auch eine bahnbrechende Öffnung der deutschsprachigen Theologie nach einer Epoche der Isolierung vom Ausland durch die nationalsozialistische Herrschaft. Wenn die deutschsprachige Theologie bald nach dem Krieg innerhalb der weltumspannenden katholischen Kirche überraschend schnell wieder Boden gewonnen und Ansehen gefunden hat, so verdanken wir dies nicht zuletzt der unermüdlichen Zuversicht der beiden Herausgeber [scl. Grillmeier und Bacht]. Das Werk darf als ein Mark- und Meilenstein in dieser Geschichte gelten.“

11 A. Grillmeier, Die theologische und sprachliche Vorbereitung der christologischen Formel von Chalkedon, in: Alois Grillmeier / Heinrich Bacht (Hg.), Das Konzil von Chalkedon I (Würzburg 1951) 5–202. Der Initiator der „International Conference on Patristic Studies“ von Oxford, Prof. F. L. Cross, regte an, diesen Artikel ins Englische zu übersetzen.

12 Vgl. Author’s Preface vom 24. Mai 1964 zur ersten Ausgabe.

13 Die Seitenzahl wuchs von 528 auf 599 Seiten; etwa ein Drittel des Buches war neu. Die (inzwischen vergriffene) französische Übersetzung von 1973 beruht auf der ersten englischen Version von 1965.

14 Vgl. Bibliographie.

15 Chalkedon I, 6.

16 Chalkedon I, 6, Anm. 3.

17 Vgl. Jesus d. Chr. I, p. VIII.

18 W.-D. Hauschild, Grundprobleme der altkirchlichen Dogmengeschichte, VF 29,2 (1984) (4–31) 11: „Hier wird der gesamte Gegenstandsbereich durch eigene Forschung, durch exakte Quelleninterpretation und Literaturverarbeitung in größter Dichte wie Breite erschlossen und in eine einheitliche Gesamtdarstellung umgesetzt – eine wissenschaftliche Leistung von Harnack’schem Format!“

19 Jesus d. Chr. I, p. VIII.

20 Dazu besonders Fragmente zur Christologie, 81–111.

21 Jesus d. Chr. I, p. IX.

22 Vgl. K. Lehmann, AnzKG 86, Okt. 1977, 157: „Nicht nur die christologische Forschung, sondern auch die Lehre über das Geheimnis Jesu Christi ist heute undenkbar ohne das sichere Weggeleit Alois Grillmeiers durch die nicht immer leicht überschaubaren theologischen Landschaften auf der Karte der Alten Kirche.“ A. de Halleux hebt in seiner Rezension zu Christ in Christian Tradition I2 die „Kunst“ hervor, „die in den Analysen mit erstaunlicher Einzelkenntnis erarbeiteten Ergebnisse in Zusammenfassungen auf das Wesentliche zurückzuführen … So hat der Leser also insgesamt die seltene Chance, die letzten Forschungen schon in ein ‚Handbuch‘ eingefügt zu finden, das ohne Zweifel für lange Zeit ‚klassisch‘ bleiben wird“ (ThPh 51, 1976, 247. 248).

23 A. Grillmeier schrieb: „Je mehr wir die Orthodoxie seiner [scl. Nestorius’] Lehre zeigen können, um so leichter wird sich der Kontakt mit der Nestorianischen Kirche von heute herstellen lassen …“ (Jesus d. Chr. I, 642). Auf diese Bemerkung wurde mehrfach Bezug genommen im jüngst begonnenen Dialog mit der Assyrisch-Orthodoxen Kirche (sog. Nestorianer). – R. Hübner konstatiert in seiner Rezension, ThPh 56 (1981) 268–274, zur 1. deutschen Version eine „befreiend irenische Art, in der der Autor verdächtigte und verurteilte Theologen zu verstehen und zu verteidigen sucht“; das Buch sei „mit spürbarer Wärme geschrieben“. G.s Dogmengeschichtsschreibung habe tatsächlich friedenstiftend gewirkt. „Insofern ist G.s Werk ein wahrhaft christliches Werk, und Schöneres läßt sich nicht sagen“. Er habe eine „Möglichkeit aufgewiesen, auch verurteilte Theologen für die Kirche wiederzugewinnen.“

24 W.-D. Hauschild, Grundprobleme der altkirchlichen Dogmengeschichte, VF 29,2 (1984) 4–31; ähnlich A. M. Ritter, ThR 60 (1995) 266.

25 Vorwort zu Jesus d. Chr. 2/1, p. VIII.

26 Fragmente zur Christologie, 32.