Der Park von Sankt Georgen: Artikel aus der FAZ

  

Mit freundlicher Erlaubnis der

FAZ, 15.06.2002, Nr. 136, S. 92

 

STEPHANIE GEIGER
Der Park der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen
 

Inspirierende Beschaulichkeit:
Ein Ort, um Kraft für die Wissenschaft zu sammeln 

Vom Apfelbaum bis zur Zistrose ein Sammelsurium heimischer und exotischer Pflanzen

 

FRANKFURT. Hinter einer hohen Mauer versteckt, direkt neben der vielbefahrenen Offenbacher Landstraße, liegt der Park der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen. Ein Ort, der den Besucher aus der Hektik des Alltags entführt und in eine neue Welt inspirierender Beschaulichkeit hineinnimmt. Im Park von Sankt Georgen - an der Hochschule bilden Jesuiten seit 1926 künftige Priester und kirchliche Mitarbeiter aus - umfängt den Besucher aber nicht nur wohltuende Ruhe, die von Vogelgezwitscher begleitet wird. Hinter den Mauern wartet ein Sammelsurium von Bäumen und Sträuchern, aus unterschiedlichen Erdteilen - das Ergebnis einer Sammelleidenschaft, die seit mehr als 40 Jahren andauert.

Heute gibt es im Park von Sankt Georgen mehr als tausend verschiedene Pflanzen. Mindestens zwei Drittel dieser Bäume und Sträucher hat der Jesuitenpater Rainer Koltermann neu angepflanzt, der 1974 die Hege und Pflege des Parks übernommen hat. Oft ist der Pater, der bis 1999 an der Hochschule Naturphilosophie lehrte und auch einen Lehrstuhl für Zoologie an der Mainzer Universität innehatte, bei der Ansiedelung ein großes Risiko eingegangen. Ein Versuch war es ihm aber immer wert. Und so war er bei manch einem der Exemplare erstaunt, daß es auch in nördlichen Breiten gedeiht.

Jeden seiner Schützlinge kennt er dem Namen nach. Um aber auch den Unkundigen an der Vielfalt teilhaben zu lassen, hängt an jeder der Pflanzen ein kleines Schildchen, das Aufschluß über ihren lateinischen und ihren deutschen Namen gibt. Besonders stolz ist der Pater auf den Riesenmammutbaum (sequoia dendron giganticum), den er als Student vor etwa 40 Jahren im Park gepflanzt hat. Ein stattliches Exemplar eines Mammutbaums ist aus dem kleinen Pflänzchen geworden, das aber an seine Verwandten in Kalifornien noch lange nicht heranreicht.

Die Pflanzen, die Koltermann als Setzlinge oder Samen von Reisen mit nach Sankt Georgen gebracht hat oder an die er anderweitig gelangt ist, hat er vor allem nach zwei Aspekten ausgewählt: Sie sollten möglichst interessant und nicht ganz alltäglich sein wie die Zypern-Zistrose oder die chilenische Aurakarie. Schon einmal hatte er ein Exemplar dieser südamerikanischen Schmucktanne im Park gepflanzt. Doch Wühlmäuse haben der etwa zwei Meter hohen Aurakarie ein Ende bereitet. Pater Koltermann wagte vor einiger Zeit einen zweiten Versuch, das Bäumchen mißt aber noch nicht einmal einen halben Meter. Daneben gibt es im Park einen Kuchenbaum, dessen Blätter im Herbst nach Lebkuchen duften, oder einen Tulpenbaum, der im Frühjahr mit tulpenähnlichen Blüten übersäht ist. Ein ganz besonderer Baum ist die aus China stammende Gleditschie, die am Stamm und den Ästen lange Dornen austreibt. Auch der japanische Lackbaum findet sich hier, aus dessen hochgiftigem Saft in Japan früher Lack für Holzkästchen gewonnen wurde. Zudem gibt es einige Nutzpflanzen im Park. Wobei viele Apfel- und Pflaumenbäume den Wühlmäusen zum Opfer gefallen sind. Selbst hier hat Pater Koltermann Wert auf Exotik gelegt: Von den Kiwi-Pflanzen erntete er im vergangenen Jahr mehr als 300 Früchte. Auch der Feigenbaum bringt reichlich Ertrag. All diese seltenen und ungewöhnlichen Pflanzen, von denen manche in Sankt Georgen ihr nördlichstes Vorkommen haben dürften, mischen sich in die alte Anlage des Parks aus dem 19. Jahrhundert, die auf ein Landgut von 1780 zurückgeht.

1840 kaufte der Bankier Johann Georg Konrad von Saint-George, der mit Margarethe Luise Bethmann-Hollweg verheiratet war, den Landsitz. Von ihm her rührt auch der Name Sankt Georgen. Sebastian Rinz, der Schöpfer des Frankfurter Anlagenrings, hat für Saint-George den bäuerlichen Ziergarten in einen englischen Park verwandelt. Nach Saint-Georges Tod wurde die Tochter Katharina Elisabeth, die mit dem Bankier Grunelius verheiratet war, Besitzerin der Anlage. Sie vergrößerte 1863 das Anwesen und ließ es vom Rinz-Enkel Andreas Weber gestalten, der auf der Anhöhe im südlichen Teil ein Teehaus errichtete, eine Art kleiner Tempel mit Säulen, in dem heute eine Marienstatue steht. Aus den ersten Jahren des englischen Parks stammen das Prachtexemplar einer Blutbuche mit Ästen, die bis zum Boden reichen, und der Ginkgo-Baum, der durch Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg, denen die Villa zum Opfer viel, stark beschädigt wurde.

Die Erben von Katharinas Sohn Moritz, der den Besitz übernommen hatte, verkauften die Anlage 1925 an die Jesuiten, die damit erstmals nach dem Kulturkampf des 19. Jahrhunderts wieder auf deutschem Boden Fuß faßten. Was hätte dem Park Besseres passieren können, als daß das Anwesen der Familie Grunelius zu einem Ort theologischer Ausbildung wurde. So konnte weitgehend gesichert werden, daß der Park nicht Opfer von Bodenspekulanten wurde. Mit einer Einschränkung: In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verkauften die Jesuiten ein fast zwei Hektar großes Areal im südöstlichen Teil. Nur so konnten sie den Neubau von Mensa und Bibliotheksgebäude finanzieren, die mit den übrigen Hochschul- und Wohngebäuden den überwiegenden Teil des Parks vom Lärm und der Hektik der Straße abschirmen.

Heute sind es nicht mehr Frankfurter Patrizierfamilien, die durch den Park streifen. Die mehr als 400 Studenten der Hochschule, die Seminaristen und ihre Professoren schätzen die Stille des Parks. Und nicht wenige wandeln in philosophischer Tradition auf seinen verschlungenen Wegen, diskutieren oder erholen sich im Sommer im kühlen Schatten eines der großen Bäume und genießen diesen Ort einfach - fernab von der hektischen Welt. 


In der Serie schon erschienen: Ehemalige Benediktinerabtei Seligenstadt (18. Mai), ehemaliges Benediktinerkloster Lorsch (1. Juni)


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