Die Sankt Georgener Abendgespräche im Sommersemester 2026 starteten am 22. April mit der Feier des 35-jährigen Bestehens des Hugo von Sankt Viktor-Instituts.
Der Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit mit P. Niccolo Steiner SJ, in Verbindung mit dem Hugo von Sankt Viktor-Institut, seinem Vorstand, P. Prof. em. Dr. Rainer Berndt SJ, und der wissenschaftlichen Mitarbeiterin, Dr. Karin Ganss, haben dieses Abendgespräch vorbereitet.
„Vom Nutzen und Nachteil der Mediävistik für die heutige Theologie“, so lautete der Titel des Abends.
Frau Prof.in Schlotheuber (Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf), eine bedeutende Mediävistin, sprach über „Frauenklöster als besondere Wissensräume der Theologie“. Sie würdigte zuerst die Arbeiten von P. Berndt zur hl. Hildegard von Bingen (+1179), die am 7. Oktober 2012 durch Papst Benedikt XVI. zur Kirchenlehrerin erhoben worden war. Die „Positio super canonizatione ac ecclesiae doctoratu“ für diesen kanonischen Akt verfasste P. Berndt in Verbindung mit Sr. Maura Zatonyi OSB. Seine Arbeiten über Hildegard von Bingen stellen einen besonderen Höhepunkt seiner theologisch-liturgisch-mediävistischen Forschung dar. Frau Schlotheuber gab darüber hinaus in ihrem Vortrag einen Einblick zu ihren Forschungen zu Frauenkonventen des hohen Mittelalters. Sie sprach über Netzwerke von Nonnen, über deren Stellung innerhalb der Kirche, zwischen Klausur und Welt. Einen besonderen Focus lenkte sie auf die „Gelehrte<n> Bräute Christi“ in der mittelalterlich christlichen Gesellschaft. Wissen und Wissensräume waren für die geistlichen Frauen in den Klöstern elementar. Die Klosterbibliotheken geben uns noch heute einen Einblick und Zugang zum Wissen dieser in Klausur lebenden Frauen. Die Bücher ihrer Bibliotheken und deren Herstellung, die Pflege und deren Käufe waren für die Frauen der Ort und zugleich die Möglichkeit der Ausbildung und Bildung. Der Feier der Liturgie, die die geistlichen Frauen im Chor auf der Empore am Chor, im Abstand zum Klerus, mitfeiern konnten, gab ihnen einen eigenen Zugang zu Christus. Frau Schlotheuber sprach u. a. auch über Chorhandschriften, über ein Nonnentagebuch und ein Bücherinventar der Elisabeth von Calenberg (+1558). Diese Schriften der gelehrten Frauen geben ihnen heute eine Stimme in Forschung und Wissenschaft. So unterstrich Frau Schlotheuber den nicht zu unterschätzenden Nutzen des Mittelalters und seiner Quellen. Diese ruhen in Form von nicht edierten Handschriften in den Bibliotheken, oftmals immer noch unentdeckt. Sie warten als Zeugnisse der Kirchen- und Sozialgeschichte auf ihre Entdeckung und Erforschung.
Herr Dr. Dr. Krijn Pansters S.T.D. von der Universität Tilburg in den Niederlanden hielt seinen Vortrag über die „KIrchengeschichte in der katholischen Theologie: Gedächtnis, Methode und digitale Horizonte“. Er betonte die Wichtigkeit der Kirchengeschichte in der Theologie. Das Gedächtnis und das Fundament der mittelalterlichen Theologie als Grundlage unserer Zeit, der Moderne, sei im universitären Studium und in der Forschung nicht zu unterschätzen. Herr Pansters ist außerordentlicher Professor in Tilburg - an der Schule für Katholische Theologie. Darüber hinaus ist er dort stellvertretender Dekan für Forschung. Er sprach auch über die Einübung von Tugend und gelebter Spiritualität im europäischen Mittelalter. Zudem hat er auch über die digitalen Herausforderungen gesprochen. Er hat den Nutzen und die Begrenzung der „KI“ umrissen und gleichermaßen auch für eine Askese der digitalen Medien plädiert. So berichtete er uns darüber hinaus über eine Anfrage der Spezialisten für „KI“ an seiner Hochschule, die ihn als Mediävisten befragen, wie er eine Gewichtung von Wissen und Ethik vornehmen würde. Als Antwort darauf rekurrierte Pansters auf Abaelards frühscholastisches Werk „Sic et Non“. Denn Abaelard fand im 11. Jahrhundert einen neuen Zugang vom Umgang mit Traditionen und daraus entstehenden neuen Fragen, die er in einem Prozess ordnete und überprüfte. Diese entstehende „collatio“ wurde dann von ihm gemäß der Vernunft (ratio) hinterfragt. Dieses Vorgehen des mittelalterlichen Autors nennt Pansters uns nun als Richtschnur für den Umgang der Hochschulen mit der Künstlichen Intelligenz in Forschung und Lehre.
Herr Pansters ist zudem Vorsitzender der „Internationalen Gesellschaft für theologische Mediävistik“ (seit 2018). Die IGTM wurde von P. Berndt im Jahre 2002 gegründet. Sie hat ihren Sitz an unserer Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt-Georgen.
Somit waren beide Vortragenden Vertreter und Förderer der Kenntnis des Mittelalters in der Kirchengeschichte und ihrer Quellen.
Zur anschließenden Podiumsdiskussion kam Herr Dr. Stammberger hinzu. Er ist in der Diözese Limburg verantwortlich für den Fachbereich „Pastoral und Bildung“. Darüber hinaus ist er Absolvent unserer Philosophisch-Theologischen Hochschule und hat bei P. Berndt promoviert über die Predigten Hugos von Saint Victor (+1141).
Das gemeinsame Gespräch gestaltete sich sehr lebendig. Die beiden Vortragenden diskutierten teils einig, teils kontrovers über die Formen der Lehre im Fach Kirchengeschichte, sowie auch über den Einsatz von „KI“ mit Chancen und Risiken. Einig waren sich alle auf dem Podium, dass das Fach der Kirchengeschichte im Mittelalter ein nicht zu unterschätzendes Potential hat.
Das Resümee des Abends lautet somit: Es lebe die Mediävistik!
Prof. Dr. Wolfgang Beck sprach als Hochschulrektor abschließend das Grußwort und gratulierte P. Berndt SJ zum Institutsjubiläum, zu seinen Arbeiten und denen des Instituts. Im Anschluss lud er zum Empfang und zu weiterführenden Gesprächen ein.
Musikalisch wurde das Abendgespräch und die akademische Geburtstagsfeier begleitet von Rafael Sampaio an der Gitarre mit Werken von Heitor Villa-Lobos (1887–1959): Prelúdio n° 1; Luis Milán (ca. 1500–1561), Pavanas I und III; Roland Dyens (1955–2016): Tango en Skaï.
Die Aufzeichnung des Abendgesprächs ist auf unserem YouTube-Kanal verfügbar: https://youtu.be/o1SVZeB5LbY?si=A0R2tPhR2ypvBPi6
Text: P. Rainer Berndt / P. Niccolo Niccolo Steiner / Dr. Karin Ganss






