Der Vortragstitel war etwas sperrig und ließ Anspruchsvolles erwarten: „Unerwartete Verbindungen: Jüdisch-lateinische Texte der Spätantike und ihre kirchliche Überlieferung“. Dennoch gelang es Prof. Dr. Johannes Heil, Historiker und Inhaber der Ignatz-Bubis-Stiftungsprofessur für Religion, Geschichte und Kultur des europäischen Judentums an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, sehr schnell, die Aufmerksamkeit der in der Aula der Hochschule und zuhause an den Bildschirmen Versammelten zu fesseln. Denn Heils Ausführungen eröffneten ungeahnte und überraschende Perspektiven auf das spätantike Judentum im westlichen Mittelmeerraum. Seine These: in zahlreichen lateinischer Handschriften des Frühen Mittelalters sind sonst verschollene spätantike Texte jüdischer Gelehrter aus dem westlichen Europa überliefert. Diese lassen innerjüdische Auseinandersetzungen erkennen, in denen um die Gestalt des Judentums im Ausgang der Antike und an der Schwelle zum Mittelalter gerungen wird.
Entsprechende Vermutungen hatte Heil bereits in seiner Dissertation über „Die Juden in den Pauluskommentaren des 9. Jahrhunderts“ (1998) angestellt, seinerzeit aber noch als vage Hypothese betrachtet. Inzwischen konnte sich der Heidelberger Historiker detailliert mit der Herkunft und Vorgeschichte einschlägiger Texte, aber auch dem kulturellen Milieu des Judentums in der Spätantike befassen. Heil lässt sich dabei von der Annahme leiten, dass jüdisches Gedankengut nicht notwendigerweise in griechischen, aramäischen oder hebräischen Quellen vorliegen muss, sondern auch in lateinischen Texten überliefert sein kann. Methodisch leitet ihn dabei das durchaus anspruchsvolle Prinzip, dass alle Texte aus dem Frühen Mittelalter, die keinen explizit christlichen Inhalt haben, als möglicherweise jüdischen Ursprungs betrachtet werden müssen.
Auf dieser Grundlage rekonstruiert Heil ein „Corpus jüdischer westlicher Texte der vorrabbinischen Zeit“. Dazu zählen unter anderem der bislang ins 2. Jahrhundert datierte „Liber Antiquitatum Biblicarum“ des Pseudo-Philo oder das „Hieronymianum“, eine frühmittelalterliche Sammlung von dem Kirchenvater Hieronymus zugeschriebenen Schriften. Im Rahmen seines Vortrags führte Heil die Zuhörenden durch das Labyrinth seiner teils detektivischen Forschungen nach den Ursprüngen der Texte. Aus alledem soll im kommenden Jahr eine wissenschaftliche Publikation hervorgehen, die einen veränderten Blick auf die vorrabbinische jüdische Kultur des westlichen Mittelmeerraums im Frühen Mittelalter zu werfen verspricht. Denn anders als im Osten des Römischen Reiches und im Perserreich habe hier nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempel keineswegs das Rabbinische Judentum dominiert, so Heil, sondern eine heute nur noch in lateinischen Textfragmenten greifbare vorrabbinische Gestalt des Judentums.
Vorschau:
Die nächste Ringvorlesung findet am Mittwoch, den 15.12.2021, von 18:30 bis 20:00 Uhr unter dem Thema „Jüdische Selbstverständnisse in einer christlichen Mehrheitsgesellschaft: zur Neukonzeption des Jüdischen Museums“ statt. Referentin ist Dr. Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt. Eine Anmeldung ist unter rektorat@sankt-georgen.de möglich.



