Im Zentrum der 5. Ringvorlesung, am Mittwoch, den 12.01.2022, standen theologische Reflexionen zum Staat Israel und zur Landfrage. Dieses Thema wurde den TeilnehmerInnen von Dr. Christian Rutishauser SJ – Delegat für Schulen und Hochschulen, Mitglied der vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum – dargelegt. Zu Beginn stellte Rutishauser die Landverheißung für das Volk Israel auf Grundlage der hebräischen Bibel dar. Die Rezeption der biblischen Landverheißung im Pentateuch und im Josua-Buch, müsse heute, auch hinsichtlich der Vorgaben der Halacha, theologisch neu reflektiert werden. Der Besitzanspruch des jüdischen Volkes auf „erez Israel“ könne nicht nur auf die biblische Verheißung zurückgeführt werden, sondern müsse die Halacha einbeziehen. Die enge Verknüpfung von jüdischer Identität im Kontext der Landnahme sollte eine theologische Reflexion erfahren, bei der auch die Diaspora-Erfahrung des Judentums positiv berücksichtigt werden müsse.
Auch aus christlicher Perspektive müsse die Landverheißung des Alten Testaments betrachtet werden. Ein entscheidender Unterschied bei der Interpretation der Landverheißung sei, dass für die jüdische Theologie die Verheißung von „erez Israel“ ein konstitutives Element für das eigene Selbstverständnis sei, wohingegen die ChristInnen das „Heilige Land“ als eine liturgisch-sakrale Erinnerungslandschaft begreifen würden.
Wichtig sei im Dialog zwischen ChristInnen und Juden bzw. Jüdinnen, dass diese unterschiedliche Konzeption der Landverheißung akzeptiert und respektiert werde, dies legt bereits Papst Johannes Paul II. 1984 in seinem apostolischen Schreiben "Redemptionis anno" dar. Trotz dessen fehle eine klare theologische Reflexion über Land und Staat Israel aufseiten des Vatikans, so Rutishauser weiter.
Die Konzeption von Landverheißung, Landnahme und/oder Landgabe spiele auch in der Beurteilung der aktuellen politischen Situation des Staates Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten eine große Rolle. Dabei sei in jedem Diskurs zu berücksichtigen, dass das Leben im Land gemäß der Halacha erst dann einen Wert erhalte, wenn es in Gerechtigkeit und Frieden für alle gelebt werde. Im Folgenden ging der Referent noch auf die politischen Implikationen der derzeitigen Konzepte von Landverheißung und Landnahme als politische Erzählung ein und problematisierte diese in angemessener Weise. Die Veranstaltung bot durch die breite Fächerung des Themengebiets und der dem Thema innewohnenden Spannung eine gute Grundlage für Fragen und Anregungen aus dem Publikum.
Vgl. auch die Berichterstattung zu dieser Ringvorlesung auf Domradio.de
Vorschau:
Die sechste und damit letzte Ringvorlesung findet am Mittwoch, 02.02.2022, von 18:30 bis 20:00 Uhr statt. Thema des Abends ist „Der unüberwindliche Graben: Wahrheit in Vielfalt“. Prof. Dr. Walter Homolka, Leiter des Rabbiner-Seminars an der Universität Potsdam, wird an diesem Abend referieren.
Die Anmeldung ist unter rektorat@sankt-georgen.de möglich. Für eine Teilnahme vor Ort gilt die 2G+-Regel.



