Formwandelnd unterwegs in die Zukunft
100 Jahre Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen – doch wie geht es weiter? Diese Frage stand natürlich auch beim Festgottesdienst im Bartholomäusdom und dem offiziellen Festakt im Römer-Kaisersaal am Freitagabend im Raum.
„Sankt Georgen hat sich immer entwickelt und wird das auch weiter tun.“ Das sagte Prof. Dr. Stephan Herzberg, Rektor von Sankt Georgen, beim Festakt zum 100-jährigen Bestehen der Philosophisch-Theologischen Hochschule am Freitagabend im Kaisersaal. Dabei stand – naturgemäß – die Geschichte der ehrwürdigen Hochschule im Mittelpunkt, und doch war es vor allem der Ausblick auf die Zukunft, der vom vollbesetzten Saal viel Applaus bekam. Schon länger steht fest, dass Sankt Georgen und die Goethe-Universität eine engere strukturelle und rechtliche Verbindung planen. „Zwischen Sankt Georgen und der Goethe-Universität gibt es viele Brücken“, so Herzberg. „Uns verbindet der Wille, zugunsten von wissenschaftlicher Exzellenz und zugunsten der Menschen zu arbeiten, zugunsten einer Forschungskultur, die Wissenschaft und Gesellschaft intensiv miteinander verbindet. Dafür stehen wir ein und bringen uns gerne in die Universität und die Stadt ein, auch in einer neuen Form.“
Bereits seit Jahresbeginn feiert die Hochschule ihr 100-jähriges Bestehen, unter anderem mit Aktionen wie einer bunten Parkbeleuchtung, Vorträgen und einem dreitägigen Kongress in dieser Woche unter dem Titel „Beyond Knowledge“. Der Freitag bildete nun mit einem Festgottesdienst im Bartholomäusdom und dem anschließenden Empfang im Römer den Höhepunkt des Jubiläumsjahres. „Unsere Stadt braucht Sankt Georgen“ – das sagte Oberbürgermeister Mike Josef bei seiner Begrüßung und nutzte die Gelegenheit, den erst am 1. Oktober ins Amt eingeführten neuen Rektor Herzberg zu beglückwünschen. Und Mike Josef blieb sich einmal mehr treu, indem er seine Begrüßung unterhaltsam einführte: „Dass wir heute den 100. Geburtstag einer Philosophisch-Theologischen Hochschule feiern, hätte unsere Urväter und Urmütter in höchste Empörung versetzt, denn Frankfurt war einst eine urprotestantische Stadt.“ Katholiken hätten damals wenig zu melden gehabt, erklärte Josef den schmunzelnden Anwesenden. Dies sei heute „gottseidank“ anders, mit 15 Prozent bildeten die Katholiken die größte religiöse Gruppe der Stadt. Sankt Georgen bezeichnete er als „Juwel in unserer Stadt, sprudelnden Quell von philosophischem und theologischen Wissen, aus dem Generationen von Studierenden Erkenntnisse und Weisheit schöpfen können.“ Auch der Plan der seit 1980 als staatlich anerkannte wissenschaftliche Hochschule, eine noch engere Verbindung zur katholischen Theologie der Goethe-Uni einzugehen, freue ihn. „Es wäre schön, wenn daraus ein übergreifender Fachbereich entstehen würde – das passt zum Zeitgeist.“ Den Studierenden und Lehrenden empfahl er: „Halten Sie die Fahne des Forschens, des Wissens und des Glaubens hoch. In Zeiten, in denen viele nach einem tieferen Sinn suchen, kann eine solche Hochschule Antworten aufzeigen – und ist wichtiger denn je.“
Zusammenarbeit schafft Stärke
Festredner war Jesuiten-Pater Prof. Dr. Ludovic Lado aus Kamerun, der unter anderem darüber sprach, was den Menschen immer von künstlicher Intelligenz entscheiden wird, wie emotional Glauben in Kamerun und Afrika gelebt wird, was Hunger mit Lernen zu tun hat – und der die Anwesenden gleich zu Beginn zum Schmunzeln brachte, indem er einleitete, viele der großen Kirchenlehrerinnen hätten keine theologische Hochschule besucht. Dies solle aber nicht heißen, dass Sankt Georgen geschlossen werden solle – natürlich nicht. Weitere Grußworte kamen von Karin Müller, Staatssekretärin für Bundes- und Europaangelegenheiten, Pater Dr. Bernhard Bürgler SJ sowie von Felix Beck und Florian Fascher vom AstA der Hochschule. Musikalisch begleitet wurde der Festakt vom Duo Duor auf Saxofon und Harfe, das, nachdem das Saxofon bei der Zugabe ausstieg, den ganzen Saal zum Mitsingen des Leonard-Cohen-Klassikers „Hallelujah“ brachte, bis das Problem behoben war.
Zu den Festrednern gehörte auch Prof. Dr. Enrico Schleiff, Präsident der Goethe-Universität. Er gratulierte zum Jubiläum und sagte, Frankfurt dürfe und solle stolz auf die Vielfalt der Wissenschaft sein. „Nur als wissenschaftliche Gemeinschaft kann es uns gelingen, den berechtigten Erwartungen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik gerecht zu werden“, so Schleiff. Sankt Georgen habe die wichtige Rolle, gewonnene wissenschaftliche Erkenntnisse in Antworten zu übersetzen. Doch die Leistung dürfe nicht auf den Beitrag zu ethisch-sozialen Fragen reduziert werden, auch die die theologische Frage nach Gott und dem Glauben sei prägend. „Zusammenarbeit schafft Stärke“, betonte der Präsident der Goethe-Universität. Die konstruktiven, zielorientierten Gespräche über eine vertiefte Zusammenarbeit seien weit fortgeschritten. „Wir führen sie mit der gebotenen Sorgfalt und dem gemeinsamen Anspruch, Tradition in eine tragfähige Zukunft zu führen. Wir tun dies aber auch vor dem Hintergrund von dem, was Mike Josef uns am 3. Oktober in der Paulskirche ins Stammbuch geschrieben hat: mit Gestaltungsoptimismus, Zukunftsmut und Verantwortungsbewusstsein.“
Neue wesentliche Denkaufgaben
Im Vorfeld zum Festakt im Römer gab es im Bartholomäusdom am Nachmittag ein Pontifikalamt mit Michael Kardinal Czerny SJ aus Rom und dem Limburger Bischof Dr. Georg Bätzing, begleitet von eindrucksvollem Orgelspiel von Dommusikdirektor Andreas Boltz und weiteren Musikern, darunter auch einem Projektchor aus Sankt Georgen unter der Leitung von Norbert Hoppermann. Studierende und Mitarbeitende der Hochschule lasen Fürbitten vor, Hochschulrektor Herzberg wirkte als Diakon mit. Bischof Georg Bätzing sagte in seiner Predigt: „Nicht wenige gehen in einer Welt ohne Gott lieber in Deckung mit ihren Glaubensüberzeugungen.“ Aber nicht so Sankt Georgen: Die Wirkung der Hochschule sei kaum zu ermessen seit den Zeiten eines Aufbruchs aus Repression vor 100 Jahren. „Damals konnten die Jesuiten ihre besonderen Kompetenzen im Bereich von existentieller und spiritueller, theologischer und philosophischer Bildung endlich wieder für Kirche und Gesellschaft fruchtbar machen.“ Seit den Jahren der Gründung und des Aufbaus damals hätten sich die Bedingungen für die theologische Bildungsarbeit in Sankt Georgen mehrfach grundlegend verändert, betonte der Bischof – und heute stünden Herausforderungen ganz eigener Art ins Haus. Die Hochschullandschaft insgesamt gerate unter Druck, die umgreifende Säkularisierung habe Folgen für die Kirchenbindung von Menschen, auf kirchliche Strukturen und Ressourcen; und tektonische Verschiebungen in der internationalen Politik und im gesellschaftlichen Diskurs förderten auch für die Theologie neue wesentliche Denkaufgaben zutage. „heute – weiter – denken“: Den Slogan des Sankt Georgener Jubiläumsprogramms lese er auch als eine Selbstvergewisserung darüber, wie eine in der Moderne sprachfähige Reflexion des religiösen Glaubens gelingen könne und welchen Themen sie sich stellen werde. „Dass Gott und dem christlichen Bild vom Menschen ein solcher Ort in der kulturellen Vielfalt Frankfurts auch weiterhin erschlossen werde, darauf wollen wir gern alle nötige Mühe und Aufmerksamkeit richten. Alles zur größeren Ehre Gottes.“ Die gesamte Predigt kann unten nachgelesen werden.
Pressemitteilung der katholischen Stadtkirche Frankfurt - Redaktion & Fotos: Anne Zegelman
https://frankfurt.bistumlimburg.de/news/2026/oktober-2026/formwandelnd-unterwegs-in-die-zukunft
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- Frankfurter Rundschau (13.10.2026): Theologische Hochschule Sankt Georgen: Noch 6 Priesteramtskandidaten, aber 250 Studierende https://www.fr.de/frankfurt/theologische-hochschule-sankt-georgen-noch-priesteramtskandidaten-aber-250-studierende-94539340.html
- Frankfurter Allgemeine Zeitung (15.10.2026): Ein Ort für Glaubenssuche und kritisches Denken https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/jesuiten-hochschule-sankt-georgen-in-frankfurt-wird-100-jahre-alt-accg-201311025.html
- Frankfurter Allgemeine Zeitung (17.10.2026): Zum Jubiläum geht der Blick nach vorn https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/beim-festakt-von-sankt-georgen-steht-die-kooperation-mit-der-uni-frankfurt-im-vordergrund-accg-201596701.htm





