* 3. Oktober 1933 in Hamburg, + 6. November 2024 in Berlin
Johannes Beutler war das Kind einer Hafenstadt. Am 3. Oktober 1933 wurde er in Hamburg geboren. Damit war ihm die Reisefreudigkeit in die Wiege gelegt, die er bis zum Ende seines Lebens behalten hat. Nicht nur das Reisen hat er aus Hamburg mitgenommen, auch andere hanseatische Eigenschaften: Weltläufigkeit, Gediegenheit, die Fähigkeit zur Selbstironie und ein gesundes Selbstbewusstsein. Seiner Herkunft aus einer bildungsbürgerlichen Familie verdankte er seine Liebe zur Musik – als Bratschist hat er lange Jahre im Streichquartett gespielt – und vor allem seine exzellente Sprachen-Kenntnis nicht nur antiker Sprachen, die als Neutestamentler zu seinem alltäglichen Geschäft gehörten, sondern auch moderner: Englisch, Spanisch, Französisch und Italienisch sprach er fließend. Das hat ihm das Reisen leicht gemacht und auch die regelmäßige priesterliche Tätigkeit in spanischen und italienischen Gemeinden. Einige Jahre war er in der Seelsorge im Frauengefängnis Frankfurt-Preungesheim engagiert. Kolumbianerinnen, die wegen Drogenschmuggels einsaßen, haben dort das Gespräch mit ihm gesucht. Mit seinen Spanisch-Kenntnissen konnte er den Kontakt zu ihren Familien herstellen.
Nach dem Abitur 1952 ist Johannes Beutler zunächst als Priesteramtskandidat des Bistums Osnabrück an die Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen gekommen. Von dort ist er zwei Jahre später in den Jesuitenorden eingetreten und hat die ordensübliche Ausbildung durchlaufen: Noviziat in Eringerfeld, Philosophie im Münchner Berchmanskolleg, Theologie in Frankfurt, Terziat in Belgien. Nach dem Abschluss der Theologie in Frankfurt hat er sein Lizenziat und seine Promotion am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom absolviert. 1974 wurde er dann in Frankfurt zum ordentlichen Professor für Neues Testament ernannt.
Seit dieser Zeit hat er vielfältige universitäre Tätigkeiten wahrgenommen, unter anderem Gastprofessuren etwa in Nigeria, Bolivien, Kolumbien und Mexiko. Weit über seine Emeritierung hinaus war er regelmäßiger Teilnehmer an deutschsprachigen und internationalen exegetischen Konferenzen. Dabei hatte er ein lebendiges Interesse an der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Er erkundigte sich nach den Arbeiten seiner jungen Kolleginnen und Kollegen, nahm deren Ergebnisse in seine Arbeiten auf, legte ihnen aber auch nicht zuletzt gern seine eigenen exegetischen Meinungen dar.
Zweimal, von 1978 bis 1982 und 1992 bis 1996, war Johannes Beutler Rektor der Hochschule Sankt Georgen. In seiner ersten Amtszeit hat er für die Hochschule das staatlich anerkannte Promotionsrecht erlangt. Von 1993 bis 2001 war er Mitglied der päpstlichen Bibelkommission, unter dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation Kardinal Ratzinger. In diese Zeit seiner Mitarbeit fiel das zentrale Dokumente der Bibelkommission „Das jüdische Volk und seine heilige Schrift in der christlichen Bibel“ (2001), ein theologisches Thema, das Johannes Beutler sein Leben lang wichtig geblieben ist.
1998 wurde er zum Vizerektor der römischen Universität Gregoriana ernannt und konnte danach auch über die in Deutschland übliche Altersgrenze hinaus von 2001 bis 2007 als ordentlicher Professor am Päpstlichen Bibelinstitut lehren. Nach seiner Emeritierung in Rom 2007 ist Johannes Beutler nach Frankfurt zurückgezogen und hat vom Ignatiushaus in der Elsheimerstraße eine vielfältige wissenschaftliche und seelsorgliche Tätigkeit entfaltet. 2023 ist er ein letztes Mal umgezogen: in das Peter-Faber-Haus in Berlin-Kladow.
Sein Leben lang war Johannes Beutler der gesellschaftliche und politische Bezug seiner wissenschaftlichen Arbeit wichtig. Ende der 80er Jahre ist er deshalb mit einer Gruppe von Jesuiten-Studenten in eine Altbauwohnung im Frankfurter Ostend gezogen. Sein Anliegen war, auf diese Weise seine wissenschaftliche Theologie stärker mit dem Alltagsleben der Menschen in der Stadt zu verbinden. Seine wissenschaftliche Publikationstätigkeit war aber immer auch von seinem gesellschaftlichen und politischen Engagement begleitet: für die Friedenspolitik der 80er, im sozialpolitischen Einsatz für Arme bis zu kirchenpolitischen Themen wie der Priesterweihe für Frauen.
Sein exegetisches Lebenswerk galt dem Johannes-Evangelium und den johanneischen Briefen. Aus seiner langen Lehrtätigkeit ist sein Kommentar zum Evangelium hervorgegangen, der in Deutsch erschienen, ins Englische, Spanische, Französische, Portugiesische, Italienische übersetzt, schon nach wenigen Jahren ein Standardwerk geworden ist. Breite exegetische Diskussionen sind dort konzis und hanseatisch nüchtern auf den Punkt gebracht. Vor allem verfolgt Johannes Beutler darin aber ein Interesse: das Johannesevangelium aus seiner festen Verwurzelung im Judentum und dessen heiliger Schrift, dem christlichen Alten Testament, heraus zu verstehen.
Nachdem er sich zeitlebens mit dem Johannes-Evangelium beschäftigt hat, hat sich Johannes Beutler in den letzten Jahren schwer damit getan, dass dessen Christologie vielleicht am stärksten im Neuen Testament Jesu göttliche Identität betont. Statt dessen hat er nach neuen Wegen gesucht, das Menschsein Jesu als Ausgangspunkt einer christlichen Theologie zu verstehen. Aber auch für den Evangelisten Johannes ist Jesus nicht nur der, der eins ist mit dem Vater, sondern auch ein Mensch auf dem Weg. Er ist den Seinen vorausgegangen. „Ich gehe, um euch einen Platz zu bereiten“, sagt Jesus in der ersten Abschiedsrede (Joh 14,1). „Habt keine Angst“ ist der Titel des Buches, das Johannes Beutler 1984 zu dieser Rede veröffentlicht hat (2011 ins Englische übersetzt). In den vergangenen Jahren hatte Johannes Beutler immer wieder mit Krankenhausaufenthalten zu tun, sein hohes Arbeitsethos hat er dennoch nicht aufgegeben. Am 6. November ist er Jesus auf seinem menschlichen Weg in den Tod gefolgt, um bei ihm jetzt auch seinen himmlischen Platz zu finden.
Ansgar Wucherpfennig sj
Die Beerdigung findet am 21. November 2024 um 11:15 Uhr am Südfriedhof Frankfurt statt
(Beginn an der Trauerhalle, Darmstädter Landstr. 229, 60598 Frankfurt a. M.)
Das Requiem findet um 12:45 Uhr in der Campuskirche Sankt Georgen statt
(Offenbacher Landstr. 224, 60599 Frankfurt a.M.).



