Summaries Heft 1-2020

Thomas Schärtl: Die Auferstehung Jesu denken. Ostern zwischen Glaubensgrund und Glaubensgegenstand

Der Artikel problematisiert grundsätzliche hermeneutische Leitvorstellungen im Umgang mit den biblischen Osternarrativen und befasst sich mit der fundamentalchristologischen Rolle des Auferstehungsglaubens. Dabei wird auch der Versuch unternommen, den Kern der Ostererfahrung zu bestimmen. Vorgeschlagen wird eine Mittelposition, die die Traglast für das christologische Bekenntnis nicht allein Ostern, sondern auch anderen Grunderfahrungen mit Jesus von Nazareth aufbürdet. Die Erscheinungen des Auferstandenen werden als DisclosureErfahrungen bestimmt, der Gedanke der Präsenz des Auferstandenen in der Zeit mit Anleihen aus dem sogenannten Extended-Mind-View modelliert.

The paper discusses the crucial hermeneutical options we have to approach the Easter narratives and raises the question whether the christological burden of proof should be put on the resurrection of Christ exclusively. It also votes for a middle position (between a number of extremes) which puts the burden of proof on a variety of experiences with Jesus of Nazareth. Alongside these considerations the paper tries to determine the core of the Easter experiences as disclosure experiences. The notion of the presence of the resurrected Christ in time is modelled on the basis of some key concepts which have been recently discussed in the socalled Extended Mind-View.

Daniel Remmel: Allerlösung als Freiheitsgeschehen? Eine Debatte analytischer Eschatologie zwischen Thomas Talbott und Jerry Walls

Im deutschen Sprachraum bislang kaum wahrgenommen ist eine intensive Debatte in der analytischen Religionsphilosophie und Theologie seit dem Ende der 80er Jahre, die sich um den Gedanken einer universalen Erlösung aller menschlichen Subjekte dreht. Entzündungspunkt dieser Debatte ist Thomas Talbotts nachhaltiges Eintreten für einen starken Universalismus, dem zufolge die universale Erlösung in eschatologischer Hinsicht nicht nur eine verantwortbare Hoffnung, sondern eine sichere Gewissheit darstellt. Interesse weckt Talbotts Ansatz vor allem aufgrund seines Anspruchs, eine Allerlösung zu denken, die den Ansprüchen libertarischer Freiheit Genüge tut. Trägt man nämlich der Vernunftbedingung freien Handelns Rechnung, so sei eine postmortale Endentscheidung des Menschen einzig als Einwilligen in Gottes Erlösungsangebot denkbar. Diese These hat vor allem den Widerspruch von Jerry Walls auf den Plan gerufen, der gerade aus Achtung menschlicher Freiheit an der Denkbarkeit der Hölle festhalten will.

In the German-speaking world so far barely noticed is an intensive debate in analytical philosophy of religion and theology since the late 80s, concerning the idea of the universal salvation of all human subjects. The ignition point in this dispute about universal salvation is Thomas Talbott’s enduring commitment to a strong universalism, according to which the eschatological salvation of all people is not just a reasonable hope, but a certainty. Talbott’s approach arouses interest because of his claim to design universal salvation in a way that meets the demands of libertarian freedom. Taking into account rationality as a condition for human freedom, a postmortal final decision of man is conceivable only as consent to God’s offering of salvation. Above all, this thesis challenges the contradiction of Jerry Walls who, just out of respect for human freedom, wants to hold on to the possibility of hell.

Christoph Bruns: Mehr Spielraum als gedacht? Eine kritische Auseinandersetzung mit Michael Seewalds Buch Dogma im Wandel

In seinem Buch Dogma im Wandel vertritt Michael Seewald die Auffassung, der dogmatische Spielraum für Reformen und Veränderungen in der katholischen Kirche sei größer als gedacht. Der vorliegende Beitrag unterzieht diese These und ihre Begründung einer kritischen Prüfung und kommt zu folgendem Ergebnis: Seewalds These scheitert an den Grundprinzipien der amtlichen katholischen Dogmatik, insbesondere an der Lehre von der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramts, die er in seiner Argumentation nicht hinreichend in Rechnung stellt. Wo immer der kirchliche Reformdiskurs Fragen betrifft, die die Identität der Kirche und ihres Glaubens berühren, ist die Unfehlbarkeitsfrage das alles entscheidende theologische Kernproblem.

In his book Dogma im Wandel Michael Seewald takes the view that the dogmatic frame for reforms and changes within the Catholic Church is larger than generally assumed. Here we challenge this thesis and its argument. The result is: Seewald’s thesis is not compatible with the principles of official Catholic dogma, in particular with the doctrine of the infallibility of the ecclesiastical magisterium, to which he does not pay enough attention. Wherever the discussion about reforms within the Church refers to matters connected with the identity and faith in the Church, the question of infallibility is the theologically crucial point.

Michael Seewald: Zur Kritik von Christoph Bruns an Dogma im Wandel

Der Beitrag reagiert auf die von Christoph Bruns vorgetragene Kritik an dem Buch von Michael Seewald, Dogma im Wandel. Wie Glaubenslehren sich entwickeln, Freiburg 2018. Der Text greift drei von Bruns thematisierte Aspekte auf: die Rolle des dem Papst und dem Bischofskollegium zukommenden Lehramtes in der katholischen Kirche, die kontroverse Frage nach der Verbindlichkeit des dogmatischen Sekundärbereichs sowie das von Bruns skizzierte Verständnis einer homogenen Lehrentwicklung.

This article is a response to Christoph Bruns’s criticism of the book Dogma im Wandel: Wie Glaubenslehren sich entwickeln (Freiburg 2018) by Michael Seewald. The article addresses three issues discussed by Bruns: the role of the magisterium of the pope and the college of bishops, the controversial question of the level of what is binding in the secondary realm of doctrine, and Bruns’s conception of a homogeneous development of doctrine.

Summaries Heft 2-2020

Georg Braulik OSB: Die „ekklesiologischen“ Begriffe des Deuteronomiums. Ein Beitrag zur biblischen Theologie des Gottesvolks

Die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils verwenden „Volk Gottes“ als Leitmetapher bzw. Topos für die „Kirche“. Allerdings schließt dieser Topos Israel nicht ein, obwohl der Begriff biblisch auf die jüdische Existenz als bleibend erwähltes Volk Gottes verweist. Der Artikel bringt die locker systematisierte „ekklesiologische“ Terminologie des Deuteronomiums, der wichtigsten alttestamentlichen Theologie des Gottesvolkes, ins Gespräch. Untersucht werden die Begriffe „Volk YHWHs“, „Volk des Erbeigentums“, „Volk des Sonderguts“, „heiliges Volk“, „Versammlung“ samt „versammeln“ und „Versammlung YHWHs“, schließlich „ganz Israel“, das als eigentlicher Adressat der Reden Moses alle genannten Prädikate in sich sammelt. Seine besondere Würde als „Volk YHWHs“ bestätigt ihm der Bund mit seinem Gott.

In its official documents, the Second Vatican Council uses “people of God” as a leading metaphor or topos for “Church”. This topos, however, does not include Israel although its biblical application refers to the Jewish existence as the enduringly chosen people of God. This contribution presents the loosely systematized “ecclesiological” terminology of the Book of Deuteronomy, which constitutes the most important Old Testament theology of the people of God. It explores the terms “people of YHWH”, “people of inheritance”, “a people specially his own”, “holy people”, “assembly”, together with “assemble” and “assembly of the Lord”, and finally “all Israel”, which is the real addressee of Moses’s discourses and thus contains all of the above designations. Israel’s covenant with its God assures it of its especial dignity as the “people of YHWH”.

Christoph Halbig: Gründe und göttliches Belieben

Der Beitrag untersucht das Problem der Möglichkeit und Reichweite göttlichen Beliebens aus rationalitätstheoretischer Perspektive. Es soll zunächst gezeigt werden, wie und auf welchen unterschiedlichen Ebenen das begriffliche Instrumentarium, das in der aktuellen Debatte um normative praktische Gründe erarbeitet wurde, für ein vertieftes Verständnis dieses Problems fruchtbar gemacht werden kann. Im Zentrum stehen hier die Kategorien der adäquaten und die der rechtfertigenden Gründe. Im zweiten Teil wird der Frage nachgegangen werden, ob und wie verhindert werden kann, dass deontische Gesichtspunkte (insbesondere moralische Pflichten des Schöpfers gegenüber seinen Geschöpfen) die mit Hilfe dieser Kategorien eröffneten Spielräume für göttliches Belieben wieder verschließen.

This paper discusses the problem of the possibility and range of divine discretion from the perspective of rationality theory. It will first be examined how and on which different levels the conceptual tools developed in the current debate on normative practical reasons can be made fruitful for a deeper understanding of the issue at hand. The focus here is on the category of adequate and justifying reasons. The second part explores whether and how the categories of adequate and justifying reasons can prevent deontic considerations (especially the moral obligations that the Creator has towards his creatures) from obstructing divine discretion.

Stefan Hofmann SJ: Die normative Bedeutung der Handlungsfolgen nach Thomas von Aquin

Kein Ethiker würde bestreiten, dass moralische Urteile über menschliche Handlungen besonders die Folgen ebendieser Handlungen berücksichtigen müssen. Konsequentialisten behaupten, dass der moralische Status einer Handlung vollständig von der Güte ihrer Folgen abhängt. Deontologische Ethiker versuchen zu zeigen, dass ihre Theorien nicht blind sind für die besondere normative Bedeutung, die den Handlungsfolgen zukommt. Der vorliegende Artikel präsentiert und analysiert die Folgenreflexion des Thomas von Aquin. Er zeigt, dass Thomas bewusst zwischen verschiedenen Arten von ‚Folgen‘ unterscheidet: Thomas kennt effectus per se, effectus per accidens und den eventus sequens. Um die Bedeutung dieser handlungstheoretischen Differenzierungen adäquat zu verstehen, wird zunächst Thomas’ deskriptiver Begriff von den Handlungsfolgen dargestellt. In einem zweiten Schritt wird die normative Bedeutung der Folgen für das moralische Urteil erschlossen. Für die zeitgenössische Debatte werden zu guter Letzt vier Punkte genannt, inwiefern Thomas’ Unterscheidungen auch für die heutige Reflexion über die Handlungsfolgen hilfreich sein können.

It is customary for ethicists to emphasize that moral judgments about human actions have to be made in the light of the consequences of these actions. Consequentialists argue that the moral status of an action is completely dependent on the goodness of its consequences. Deontological ethicists try to show that their theories do in fact recognize the importance of consequences. This article presents and analyzes Thomas Aquinas’s thinking about consequences. It shows that Aquinas clearly distinguishes between different kinds of consequences: effectus per se, effectus per accidens, and eventus sequens. The importance of these distinctions within Aquinas’s theory of action has been overlooked by proportionalists but also by Thomistic authors. Hence, the article tries to give a systematic account of Aquinas’s concept of consequences and of the normative weight these different types of consequences acquire in his theory of moral judgments. Finally, the article specifies how contemporary ethical debate about consequences could benefit from Aquinas.

Christoph Bruns: Zur Kernproblematik des Reformdiskurses in der katholischen Kirche

Im letzten Heft dieser Zeitschrift hat Christoph Bruns eine kritische Auseinandersetzung mit Michael Seewalds Buch Dogma im Wandel vorgelegt. Darauf hat dieser im selben Heft mit einer Gegenkritik geantwortet. Im vorliegenden Beitrag prüft Bruns Seewalds Argumente. Dabei bringt er die grundlegenden Probleme des Reformdiskurses in der katholischen Kirche zur Sprache: den weitreichenden Anspruch der Kirche auf Unfehlbarkeit in Fragen des Glaubens und der Sitten, die exklusive Bedeutung des kirchlichen Lehramts für das Dogma, die Aufgabe der Theologie im Kontext des katholischen Offenbarungsverständnisses. Außer dem Zweiten Vatikanum stützt Bruns seine Analyse vor allem auf jüngere Dokumente der Glaubenskongregation.

In the previous issue of this journal, Christoph Bruns entered into a critical engagement with the book Dogma im Wandel by Michael Seewald. To this Seewald responded with a counter criticism. In this article, Bruns examines Seewald’s arguments and in doing so brings up the fundamental problems of discourse on reforms in the Catholic Church: the Church’s claim to infallibility regarding questions concerning faith and morals, the outstanding importance of the magisterium for dogma, and the role theology plays in the context of the Catholic conception of revelation. In addition to the Second Vatican Council Bruns draws primarily on recent documents issued by the Congregation for the Doctrine of the Faith.

Summaries Heft 3-2020

Johannes Arnold: Mit Platon zur Erkenntnis Gottes? Der „philosophische Exkurs“ des Siebten Briefs bei Kelsos und Origenes

Zitate aus dem „philosophischen Exkurs“ in Platons Siebtem Brief (341c–344d) finden sich sowohl in einigen erhaltenen Fragmenten aus dem Alethes Logos des Mittelplatonikers Kelsos (für deren ursprüngliche Anordnung in diesem Beitrag ein neuer Vorschlag vorgelegt wird) als auch in der Entgegnung des Origenes (Contra Celsum VI 3–10). Auch wenn die Zitate jeweils unterschiedlichen Argumentationszielen dienen sollen – Kelsos will den Christen eine defizitäre Platon-Rezeption nachweisen, Origenes will zeigen, dass die heiligen Schriften der Christen Gedanken enthalten, die den platonischen ebenbürtig oder sogar überlegen sind –, lassen sich bei beiden Autoren gemeinsame Voraussetzungen und Tendenzen in der Auslegung des Exkurses feststellen, so zum Beispiel eine Konzentration auf die Frage nach der Erkennbarkeit Gottes. Origenes und bereits Justin und Klemens von Alexandria erweisen sich in ihrer Rezeption von Aussagen des Siebten Briefs als geprägt von Entwicklungen des zeitgenössischen Platonismus.

Quotations from the “Philosophical Digression” in Plato’s Seventh Letter (341c–344d) are found both in some preserved fragments from the Alethes Logos by the Middle Platonist Celsus (for whose original arrangement a new proposal is presented in this article) and in Origen’s reply (Contra Celsum VI 3–10). Although the quotations in each serve a different argumentative purpose – Celsus wants to prove that the Christian reception of Plato is deficient and Origen wants to show that the holy writings of the Christians contain thoughts that are equal or even superior to Plato’s – certain conditions and tendencies in the interpretation of the “Digression” can be detected that are common to both authors, for example, the concentration on the question of the “Knowledge of God”. Origen’s, and indeed Justin Martyr’s and Clement of Alexandria’s, reception of passages from the Seventh Letter show that they were influenced by contemporary trends in Platonism.

Oliver J. Wiertz: Die Vernünftigkeit religiösen Glaubens im Zeitalter religiöser Vielfalt und der Dissens unter epistemisch Ebenbürtigen

Der Aufsatz beschäftigt sich ausgehend von einem Argument David Humes mit den Herausforderungen für die Rationalität religiöser Überzeugungen durch die neue Wahrnehmung religiöser Vielfalt. Hintergrund ist die zeitgenössische epistemologische Diskussion des Dissenses zwischen epistemisch Ebenbürtigen (peer disagreement). Es wird argumentiert, dass religiöse Vielfalt – auch unter der Annahme, dass sich unter den Anhängerinnen und Anhängern anderer Religionen solche befinden, die mir in Bezug auf religiöse Fragen prima facie als epistemisch ebenbürtig erscheinen – religiösen Glauben nicht prinzipiell irrational macht, aber in manchen Fällen eine Reduzierung der Gewissheit der eigenen Glaubensüberzeugungen erfordert.

Starting from an argument by David Hume, the article deals with challenges to the rationality of religious belief posed by a new awareness of religious diversity. In light of the contemporary epistemological discussion on peer disagreement the article argues that religious diversity does not necessarily render religious faith irrational, not even under the assumption that some adherents of different religions are epistemic equals. However, in some cases it may require of religious believers to reduce the certainty of their own religious beliefs.