Hirschberger Kirchenrechtstagung

Die Hirschberger Kirchenrechtstagung wurde im Jahr 2010 vom Lehrstuhl für Kirchenrecht (Prof. em. Dr. Heribert Hallermann) in Würzburg begründet und seit 2011 in Kooperation mit dem Mainzer Lehrstuhl für Kirchenrecht durchgeführt. Im Bistumshaus Schloss Hirschberg der Diözese Eichstätt wird alle zwei Jahre eine wissenschaftliche Fachtagung durchgeführt. Diese Fachtagungen nehmen in der Regel aktuelle Fragen in den Blick, die vornehmlich aus der Sicht des Kirchenrechts diskutiert werden. Die gemeinsame Verantwortung für die Fachtagungen liegt seit dem Jahr 2016 beim Lehrstuhl für Kirchenrecht, Religionsrecht und kirchliche Rechtsgeschichte der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt am Main (Prof. Dr. Thomas Meckel) und dem Seminar für Kirchenrecht, kirchliche Rechtsgeschichte und Staatskirchenrecht der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Prof. Dr. Matthias Pulte). Der Förderverein Sacrae Disciplinae Leges e.V. hat seinen Sitz in Frankfurt am Main.


Ius semper reformandum – Reformvorschläge aus der Kirchenrechtswissenschaft

Kirchenrechtliche Fachtagung im Bistumshaus Schloss Hirschberg, 4.-6. Oktober 2017

Vom 4.-6. Oktober 2017 fand im Bistumshaus der Diözese Eichstätt Schloss Hirschberg in Beilngries die fünfte Hirschberger Kirchenrechtstagung zum Thema „Ius semper reformandum – Reformvorschläge aus der Kirchenrechtswissenschaft“ statt, zu der der Frankfurter und der Mainzer Lehrstuhl für Kirchenrecht eingeladen hatten.

Hier können Sie einen Blick in das Tagungsprogramm werfen.

Nach der Einführung in die Tagung durch Prof. Thomas Meckel (Frankfurt), in der er betonte, dass das Kirchenrecht kein unveränderbarer, monolithischer Block, sondern stets ein Ius semper reformandum sei und der Kirchenrechtswissenschaft dabei die Aufgabe zukommt, dem Gesetzgeber Reformvorschläge zu unterbreiten, widmete sich der erste Vortrag der Tagung von Prof. Adrian Loretan (Luzern) dem Thema „Menschenwürde. Dignitatis humanae [personae] und ihre kirchenrechtliche [Nicht-]Rezeption“. Loretan zeigte auf, dass die katholische Kirche in den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils eine grundsätzliche Verhältnisbestimmung zu anderen christlichen Bekenntnissen, anderen Religionen und auch säkularen Weltanschauungen vollzieht. De lege ferenda sprach er sich für eine Harmonisierung des Personenbegriffs einerseits im Kirchenrecht selbst und andererseits im Dialog zwischen kirchlichem und staatlichem Recht aus. So sollte insbesondere c. 208 vor aller Unterscheidung die Taufe als gemeinsame Grundlage aller Gläubigen, von Laien und Klerikern, stärker betonen.

Prof. Burkhard Berkmann (München) beleuchtete in seinem Vortrag „Die neue Haltung des II. Vatikanums zu den Nichtchristen“, was diesbezüglich im Kirchenrecht schon umgesetzt ist und was de lege ferenda noch umzusetzen wäre. Grundlage für die neue Verhältnisbestimmung ist Nostra Aetate. De lege ferenda sieht Berkmann Desiderate hinsichtlich der Würde der Person und ihrer Rechte. Hierbei sprach er sich für die Aufnahme von c. 3 der LEF in das kodikarische Recht aus, der alle Menschen als Personen bezeichnet. Auch die Einstellung von nichtchristlichen Lehrenden für nicht-theologische Fächer an Hochschuleinrichtungen müsse im Sinne von GE 11 leichter möglich sein. Ein weiteres Desiderat sei gemäß AG 14 die klarere Umschreibung des Rechtsstatus der Katechumenen. Bezüglich der Holocaustleugnung und der Diffamierung anderer Religionen sieht Berkmann den Bedarf einer weiten Auslegung von c. 1369, die das Verbot der Gotteslästerung und des Aufrufs zu Hass gegen die Kirche enthält, auf alle Religionen ausweitet. Abschließend betonte er die Notwendigkeit der Einführung eines „Interreligiösen Direktoriums“, der Berücksichtigung der Nichtchristen in einer Reform des kirchlichen Strafrechts sowie die Chancen der pastoralen Betreuung religionsverschiedener Ehen.

Prof. Thomas Meckel (Frankfurt am Main) beleuchtete in seinem Vortrag „Ad intra et ad extra – Die kirchenrechtliche (Nicht-)Rezeption von Lumen Gentium und Gaudium et Spes“ zunächst die Rezeption der genannten Konstitutionen des Zweiten Vatikanischen Konzils, wobei er insbesondere das Desiderat einer ausgebauten Verwaltungsgerichtsbarkeit und die Rezeption des weiten Amtsbegriffs des Konzils und des CIC/1983 in den Canones 145 und 228, die in partikularkirchlichen Dokumenten noch klarer erfolgen müsste, herausarbeitete. Daraufhin betrachtete Meckel die verfassungsrechtlichen Implikationen des Verhältnisses von Kirche und Welt. Die Kirche sei gemäß LG eine Gemeinschaft des Glaubens in der Welt, in der den Laien gemäß LG 31 und GS 43 in der Welt ein besonderer, aber nicht exklusiver Sendungsauftrag zukommt (vgl. AA 9). Statt der Verwendung des Begriffs „(Welt)Laien“ sprach er sich für eine Betonung der grundlegenden Gemeinsamkeit aller Gläubigen im gemeinsamen Priestertum aus, die sich kodikarisch im Begriff der christifideles ausdrückt. Zudem beleuchtete Meckel systematische Unzulänglichkeiten im Laienkatalog des CIC/1983, aus dem sachgemäß viele Rechte und Pflichten in den Grundrechtekatalog aller Christgläubigen verlagert werden müssten, da sie sich nicht ausschließlich an christifideles laici richten (z.B. die Pflicht der Eheleute zum „Aufbau des Volkes Gottes“ und das Erziehungsrecht in c. 226 §§ 1-2). Der Laienkatalog könnte sich somit auf jene Rechte und Pflichten beschränken, denen der spezifische Weltcharakter der Laien inhärent ist. Anschließend an c. 226 beleuchtete Meckel die verfassungsrechtliche Relevanz der Familie – die im kodikarischen Recht nicht entsprechend rezipiert wurde –, die gem. LG 11 gleichsam „ecclesia domestica“ ist. Meckel plädierte – auch auf Grundlage der Charta der Familienrechte vom 22. Oktober 1983 – dafür, dass die Familie verfassungsrechtlich eine stärkere Position erhalten und in ihrer spezifischen Sendung bzw. ihrem Anteil an der Sendung der Kirche in c. 226 § 1 stärker ausgestaltet werden solle. In diesem Kontext könnten das Ehekatechumenat und eine Ehebegleitung wichtige Instrumente sein, um die Familienmitglieder zur Verwirklichung der in der Taufe verliehenen Tria Munera im Rahmen der Familie zu befähigen.

Daran anschließend erläuterte Frau Prof. Sabine Demel (Regensburg) in Ihrem Vortrag „Zivile – kirchliche – sakramentale Ehe. Ein Reformvorschlag zur Überwindung rechtlicher Widersprüche in der Ehegesetzgebung“ ihr Reformmodell von einer gestuften Sakramentalität des Ehesakraments. Sie plädierte dafür, dass eine zivile Eheschließung von Katholiken, bei der die Nupturienten sowie die staatliche Rechtsordnung die Elemente der Einheit und Unauflöslichkeit anerkennen, aber die Vollform des Sakraments (noch) nicht empfangen möchten, und der kein kirchlicher Ehehinderungsgrund entgegen steht, als anfanghaft sakramental und kirchlich gültig bezeichnet werden sollte. Das Vollsakrament empfangen die Nupturienten in Demels Modell wie bislang durch die kanonische Eheschließung, in dessen Vorbereitung ein intensives Ehekatechumenat stehen soll.

Aus moraltheologischer Sicht referierte Prof. Franz-Josef Bormann (Tübingen) zum Thema „Ehevorbereitung, Ehebegleitung und verantwortlicher Umgang mit dem Scheitern. Ein moraltheologischer Rückblick auf den synodalen Prozess, Amoris laetitia und das Bischofswort vom 23. Januar 2017“. Nach einem Hinweis auf die sich wandelnden kulturellen Voraussetzungen für die Formen des ehelichen Zusammenlebens konstatierte er, dass die Ehevorbereitung und -begleitung in der heutigen Zeit vor eine besondere Herausforderung gestellt sei, da sie durch besondere Belastungsfaktoren im Familienleben bestimmt ist. Bezüglich der Aussagen von Amoris laetitia und des Bischofswortes vom 23. Januar 2017 hinsichtlich eines verantwortlichen Umgangs mit dem definitiven Scheitern einer Ehe, forderte er eine klarere Definition dessen, was mit der besseren Integration von Menschen in irregulären Situationen gemeint ist und eine Verhältnisbestimmung zur traditionellen Schuld-, Umstände-, und Gewissenslehre der katholischen Kirche. Bormann forderte einerseits die Bischofskonferenzen auf, ein Gesamtkonzept der Ehevorbereitung und -begleitung zu erstellen und andererseits erwartet er von allen theologischen Disziplinen, bisherige Defizite aufzudecken und Vorschläge zur Verbesserung der Situation aktiv einzubringen.

Prälat Prof. P. Markus Graulich (Untersekretär des Päpstlichen Rates für die Gesetzestexte, Rom) widmete sich dem Thema „Synodalität als Kennzeichen einer missionarischen Kirche – Postulate und Desiderate aus kirchenrechtlicher Perspektive“. Der synodale Prozess, der auf den drei kirchlichen Ebenen der Teilkirche, der Kirchenprovinz und der Universalkirche verortet ist, sei vom Hören der Aussagen aller Kirchenglieder bestimmt, woraufhin die verantwortliche kirchliche Autorität die verschiedenen Aussagen berücksichtigen und unterscheiden muss, um letztlich zu einer verantworteten Entscheidung zu kommen. Als Desiderate sieht Graulich auf der teilkirchlichen Ebene die Notwendigkeit einer regelmäßigen Feier von Diözesansynoden, auf Ebene der Kirchenprovinzen die Stärkung der Institution des Partikularkonzils gemäß c. 445, und auf universalkirchlichen Ebene eine jährliche Feier der Bischofssynode gemäß c. 342 als Beratungsorgan des Papstes. Darüber hinaus sieht Graulich innerhalb der Römischen Kurie das Desiderat einer verbesserten Kommunikation zwischen den einzelnen Dikasterien.

Prof. Christoph Ohly (Universität Trier) präsentierte in seinem Vortrag „Ein deutlicheres Zeugnis für das Evangelium“ (Evangelii Gaudium 121) kanonistische Reformvorschläge zum Verkündigungsrecht. Das Wort Gottes drücke sich sowohl in der Heiligen Schrift als auch in der Tradition aus. Die Verkündigung des Wortes Gottes liege in der Verantwortung der ganzen Kirche bestehend aus allen Getauften. Dieser Gedanke sollte in c. 747 Berücksichtigung finden. Des Weiteren plädiert er für ein qualifiziertes Zusammenwirken von Lehramt und Gläubigen. Gemäß Ohly müsse der sensus fidei fidelium de lege ferenda in die Canones 212 § 1 und 747 aufgenommen werden. Zudem sprach er sich für eine differenzierte Ordnung des Predigtdienstes aus, indem er für eine Beauftragung aller kirchlichen Amtsträger zum Predigtdienst plädierte, die über das derzeitige Verständnis von c. 766 hinausgeht.

Den abschließenden Vortrag der Tagung hielt Prof. Matthias Pulte (Mainz) zum Thema „Kirchenreform im Sinne und aus dem Geiste der Mission – Was Franziskus will und was die Konzilsväter schon vorausdachten“. Als Element der Kirchenreform durch Papst Franziskus nannte er neben Neustrukturierung der Römischen Kurie die strukturelle Verankerung von synodalen Elementen, wobei er das Motu Proprio Magnum Principium beispielhaft hervorhob, und die Reform der kirchlichen Vermögensverwaltung. Zudem zählte Pulte Desiderate auf, die bei einer Reform der Kirche berücksichtigt werden sollten: Diese seien die Frage der Universalität und Partikularität des Rechts, die Notwendigkeit einer qualitativen Überarbeitung des Eheprozessrechts und die Vereinheitlichung der höchstrichterlichen Rechtsprechung. Zusammenfassend hielt er fest, dass Franziskus Reformvorhaben auf Grundlinien des Zweiten Vatikanischen Konzils beruhen und forderte, auch die transatlantischen und transpazifischen Ideen für die Reform der Kirche zu berücksichtigen.

An die Vorträge schlossen sich lebhafte und angeregte Diskussionen an. Für die Studierenden gab es in einer exklusiven Runde zudem die Möglichkeit, den Referenten fernab des Plenums Fragen zu ihren Vorträgen zu stellen. Die Leitung der Tagung lag in den Händen von Prof. Dr. Thomas Meckel und Prof. Dr. Matthias Pulte. Die Tagungsmoderation übernahmen Mag. Theol. Anna Krähe (Würzburg), MEd. Anna Christina Schmees (Mainz), Julia Fink (Mainz), und Mag. Theol. Vincent Jünger (Frankfurt). Die Vorbereitung und Durchführung der Tagung lag in den Händen des Frankfurter Lehrstuhls. Die Publikation der Tagungsergebnisse erfolgt in Form eines Tagungsbandes in der Reihe Kirchen- und Staatskirchenrecht (KStKR).