Rede zum 01. Mai

Friedhelm Hengsbach SJ

Liebe Kolleginnen und Kollegen,  

gestern, am Vorabend des 1. Mai  hatte die Stadt Ludwigshafen zum Arbeitnehmer­empfang eingeladen. Das Thema hießt: "Industriepolitik nach der Finanzkrise". "Nach der Krise" - höre ich schlecht?  

Ja, es gibt sie, die laut rufen: Wir sind noch mal davon gekommen! Die Börse bewegt sich im Aufwind. Die Stabilisierung der Banken macht Fortschritte. Die Spekulation hat neue Märkte erschlossen ? Rohstoffe, Nahrungsmittel, Währungen. Die Deut­sche Bank meldet den höchsten Quartalsgewinn ihrer Geschichte. Das Ausland staunt über die relativ niedrigen Arbeitslosenzahlen in Deutschland. Allerdings wird das von den Großbanken verursachte Finanzdesaster, der dramatische Absturz der Realwirtschaft und jetzt die drohende Zahlungsunfähigkeit von Staaten von den öffentlichen Haushalten, vor allem von den Kommunen und von den abhängig Beschäf­tigten.

Gab es vor vier Jahren nicht einen ähnlichen Fanfarenstoß? Zwei Millionen Arbeits­plätze schienen 2006-2008 zusätzlich geschaffen. Aber bald stellte sich heraus, dass die Hälfte aus Teilzeitarbeit, Leiharbeit, befristeter, prekärer Arbeit zu Armutslöhnen bestand, zu Löhnen, die durch Sozialleistungen auf ein menschenwürdiges Existenz­minimum aufgestockt werden musste. Auch im Jahr 2010 fehlen 5 Millionen wettbewerbsfähige Arbeitsplätze, denen 700 000 offene Stellen gegenüberstehen. Kurzarbeit ist verdeckte Arbeitslosigkeit  

Ein Sozialforschungsinstitut in Bielefeld, das seit Jahren "Deutsche Zu­stände" beob­achtet und beschreibt, hat für dieses Jahr ermittelt, dass die Bevölkerung mit sehr pessimistischen Erwartungen die gesellschaftlichen Verhältnisse betrachtet, das eigene private Umfeld jedoch ziemlich gelassen beurteilt. 90% der Befragten rechnen mit sozialem Abstieg und Armut, Drei Viertel meinen, das Gespür für Solidarität sinke, zwei Drittel fürchten, dass es immer weniger gelinge, schwache Mitglieder der Gesellschaft mit zu versorgen, und ein Drittel ist davon überzeugt, dass wir es uns in Zukunft nicht mehr leisten können, allen Menschen gleiche Rechte zuzugestehen. "Wut und Apathie" kennzeichnen die allgemeine Stimmungslage infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise in Deutschland.

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