Eine Kirche der sechs K´s
Friedhelm Hengsbach SJ
Die katholische Kirche in Deutschland wird derzeit durch die Vergehen von Amtsträgern weit heftiger durchgeschüttelt, als dies 1968 das päpstliche Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung oder 2006 das Diktat des Vatikans, aus der Schwangerschaftskonfliktberatung auszusteigen, je geschafft haben ? meint Matthias Dobrinski in der Süddeutschen Zeitung.
Dies mag auch daran liegen, dass Kirchenmitglieder zwar die überraschend hohe Sensibilität der Kirchenleitungen für die Opfer und die rigoros moralische Verurteilung der Täter schätzen, aber gleichzeitig darüber verärgert sind, wie wenig der strukturelle Hintergrund individueller Übergriffe thematisiert wird ? etwa die Verhärtung männlicher Macht in abgeschlossenen pädagogischen Milieus, gedeckelte und vagabundierende Sexualität, widerwillig hingenommene Kopplung von kirchenamtlicher Funktion und persönlicher Lebensform, systematischer Ausschluss von Frauen aus kirchlichen Positionen und die religiös verbrämte patriarchale Hierarchie.
Kardinal Lehmann hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Gründonnerstag 2010 zwar einen beachtenswerten, nüchternen und einfühlsamen Beitrag über die vermuteten Ursachen sexuellen Missbrauchs und gewalttätiger Übergriffe in kirchlichen Einrichtungen geschrieben. Seine Vorschläge, welche Konsequenzen die Kirche in Deutschland daraus ziehen könnte, verharren jedoch in den Dimensionen einer dogmatischen Reflexion und spirituellen Konversion. Strukturreformen werden nicht in den Blick genommen.
Dabei brodelt es in den katholischen Gemeinden unter Katholiken, die jene skandalösen Vergehen zum Anlass nehmen, den Kirchenleitungen vorzuwerfen, dass sie zahlreiche strukturellen Reformvorschläge, die auf Bischofssynoden von Bischofskollegen und auf der Würzburger Synode, auf Katholiken- und Kirchentagen sowie auf Diözesansynoden von verantwortlichen Christen vorgetragen wurden, systematisch blockieren. Die Club-Solidarität religiöser Eliten miteinander scheint mehr zu gelten als ihre Solidarität mit dem ihnen anvertrauten Volk der glaubenden Christen. Solche Christen, die mehr und mehr anachronistische Kirchenstrukturen zur Disposition stellen, empfinden sich bald als Fremde in einem kirchlichen Exil, auch wenn sie die Erwartung nicht aufgeben, dass die Kirche sich aus ihrer Gefangenschaft befreit. Sie bleiben Träumende, "die in Tränen säen und in Jubel ernten".
Was hält die katholische Kirche in Deutschland gefangen?
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