Zwei Missionare der Freiheit

Friedhelm Hengsbach SJ  

Zwei prominente Katholiken aus der Erzdiözese Paderborn, ein Erzbischof und ein CDU-Politiker haben im Herbst 2008, unmittelbar bevor die Turbulenzen auf den Finanzmärkten ein globales monetäres und soziales Erdbeben auslösten, ein leidenschaftliches Bekenntnis zur Freiheit und Eigenverantwortlichkeit des Menschen in der Wirtschaftsgesellschaft abgelegt. Der eine folgert daraus, dass ein wild gewordener Kapitalismus um der Gerechtigkeit willen durch die Soziale Marktwirtschaft gezähmt werden müsse, der andere im Kontrast dazu, dass der Kapitalismus gerettet werden müsse, weil es ohne ihn keine soziale Gerechtigkeit gebe.

Meine vergleichende Lektüre der beiden Bücher ? von Reinhard Marx: ?Das Kapital? und von Friedrich Merz: ?Mehr Kapitalismus wagen? mündet zuerst in einer Sprachlosigkeit, die schnelle Urteile ausbremst. Denn zu groß sind die Unterschiede. Zwar beziehen sich beide auf eine Studie der Bertelsmannstiftung, dass zu Beginn des Jahres 2008 73% der Befragten darüber klagen, die Verhältnisse in Deutschland seien ungerecht. Aber der Bischof sieht darin einen Reflex der wirtschaftlichen Machtverschiebung zugunsten der Kapitaleigner, die in den Zeiten der Globalisierung bei den Arbeitnehmern entwickelter Länder Sozialabbau und Lohnverzicht durchsetzen, während die Armut und der Hunger in den am wenigsten entwickelten Ländern zunehmen. In einem einleitenden fiktiven Brief fragt er seinen Namensvetter Karl Marx, ob der Lauf der Geschichte ihm letztendlich Recht geben werde, dass der Kapitalismus an sich selbst zugrunde geht. Merz dagegen entdeckt in der geäußerten Klage bei den Befragten einen erheblichen Aufklärungsbedarf- zum einen über den Grundsatz der Gerechtigkeit und zum anderen über das Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft. Diesen hätten die politischen Eliten ernst zu nehmen. 

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