Keine zinsfreie Kirchenwährung

Bernhard Emunds

Thomas Ruster hat eine zinsfreie Kirchenwährung vorgeschlagen, die gegen die kriselnde Finanzwirtschaft ein Zeichen setzen soll.  Christen sollen untereinander den wirtschaftlichen Leistungsaustausch mit einem Geld abwickeln, das dann, wenn man es unbenutzt besitzt, allmählich an Wert verliert. Ich halte diesen Vorschlag eines kirchlichen ?Schwundgelds? für abenteuerlich ? und zwar aus ökonomischen und theologischen Gründen.

Nicht das Zinsnehmen ist das zentrale Problem der Finanzwirtschaft, sondern die Möglichkeit mit Finanzgeschäften ohne nennenswerte Wertschöpfung sehr viel Geld zu verdienen. Wer behauptet, die Finanzkrise ginge darauf zurück, dass viele Formen von Geldvermögen mit Zinseinkünften verbunden sind, kann nicht erklären, warum es erst jetzt zu dieser Krise gekommen ist.  Zwischen dem Zweiten Weltkrieg und 1980 blieben die Industrieländer sogar von kleinen Finanzkrisen verschont; Zinsnehmen war aber auch damals gang und gäbe. Die wichtigste Ursache der Krise ist m.E. die seit den 80er Jahren neu entstandene enge Verbindung zwischen geldschöpfenden Geschäftsbanken einerseits, belebten Wertpapier- und Immobilienmärkten andererseits. Wenn Geschäftsbanken Kredite vergeben, dann schaffen sie neues Geld: Sie schreiben dem Kreditkunden auf dem Girokonto den Kreditbetrag gut. Das ermöglicht eine elastische Versorgung der Akteure mit Geld, ohne die modernes Wirtschaften nicht möglich ist. Wird aber neu geschaffenes Geld in großem Maßstab zum Kauf von Wertpapieren oder Immobilien genutzt, dann entsteht eine große Preisblase, an der vorübergehend viele Akteure sehr viel Geld verdienen können. Aus einer solchen Preisblase entweicht derzeit die Luft.

Zinsen erhält, wer anderen Menschen Geld ausleiht. Sie setzen sich aus drei Bestandteilen zusammen: einer Kompensation des Risikos, das der andere das überlassene Geld nicht zurückzahlt, einem Ausgleich dafür, dass der Vermögensbesitzer vorübergehend auf den Vorteil verzichtet, mit seinem Geld beinahe alles, was er sichwünscht, kaufen zu können, und einem Mindestzinssatz, mit dem die Zentralbank die Geldschöpfung der Banken und damit letztlich Wachstum der Realwirtschaft beeinflusst. In einer Geldwirtschaft könnten die beiden ersten Komponenten nur bei einer totalitären Steuerung aller wirtschaftlicher Aktivitäten beseitigt werden. Würde der Mindestzinssatz abgeschafft, dann müsste der Staat (denn die Zentralbank ist letztlich eine staatliche Einrichtung) auf ein wirtschaftspolitisches Instrument verzichten, das in normalen Zeiten höchst wirksam ist. Schließlich kann er mit ihm die Privatwirtschaft, die aus sich selbst zu Boom undCrash neigt, bremsen oder beleben. Müsste die Zentralbank statt des Mindestzinssatzes jeweils die Schwundrate des Geldes festlegen, dann wäre dies viel komplizierter und die Steuerungswirkung fraglich.

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