Gegen den Kapitalismus nicht stark genug

Kommentar zur Enzyklika Caritas in Veritate

Friedhelm Hengsbach

Vierzig Jahre nach der Enzyklika Papst Pauls VI. hätte das Jubiläumsdokument erscheinen sollen, also im Jahr 2007. Aber es kam mit mehrmaliger, erheblicher Verspätung. Wegen der Finanzkrise, wurde gemunkelt. Aber dann hätte diese kompetenter und intensiver behandelt werden müssen. Das Dokument des Vatikans, wie es jetzt vorliegt, ist eine einzige Pannenserie. Die deutsche Ausgabe trägt den Titel: ?Die ganzheitliche Entwicklung des Menschen in der Liebe und in der Wahrheit?. Es war gedacht als eine ehrfürchtige Verbeugung vor dem mittelbaren Vorgänger des jetzigen Papstes.

Die Einleitung schwingt sich in abstrakte und wolkige Wortspiele um die Begriffe Liebe und Wahrheit empor. ?Liebe in der Wahrheit? wird zum angeblich neuen Prinzip der katholischen Soziallehre erklärt, das sich in zwei Orientierungsmaßstäbe der Gerechtigkeit und des Gemeinwohls auslegt. Das 1. Kapitel fasst die Botschaft Pauls VI. zusammen, interpretiert diese jedoch recht eigenwillig und verkürzt sie auf die subjektive Dimension individueller Verantwortung und religiöser Berufung zur Entwicklung. Das 2. Kapitel prüft, ob sich die positiven Erwartungen Pauls VI. an die Entwicklung des ganzen und eines jeden Menschen erfüllt haben. Damit ist dieser Themenkreis abgeschlossen. Die Überschrift des 3. Kapitels lautet zwar: ?Brüderlichkeit, wirtschaftliche Entwicklung und Zivilgesellschaft?, aber was dann inhaltlich geboten wird, klingt überraschend. Es geht nämlich um die verschiedenen Steuerungsformen von Markt, Staat und Zivilgesellschaft, die voneinander abweichen und aufeinander bezogen sind. Ähnlich groß ist der Abstand zwischen der Überschrift des 4. Kapitels: ?Entwicklung der Völker, Rechte und Pflichten, Umwelt? und dessen Inhalt. Themen und Themenfolge stimmen nämlich nicht überein. Zuerst wird erklärt, dass diejenigen, die Rechte beanspruchen, auch Pflichten haben, und dass die Pflicht der reichen Länder darin besteht, die Rechte der schwächeren Länder zu achten. Dann widmet sich der Text dem Bevölkerungsproblem und der Geburtenplanung, kritisiert bestimmte Formen der Unternehmensethik und prüft Entwicklungsprojekte bzw. Entwicklungsprogramme. Den Schluss bilden tiefsinnige Reflexionen über das Verhältnis des Menschen zur natürlichen Umwelt sowie die schwerwiegenden Probleme des übermäßigen Energieverbrauchs. Vom Klimawandel ist nicht die Rede. Die Überschrift des 5. Kapitels kündigt die ?Zusammenarbeit der Menschheitsfamilie? an. Da diese jedoch ein theologisches Konstrukt ist, wird das Kapitel mit einer ziemlich abgehobenen Spekulation über die innergöttlichen Beziehungen als Urbild der einen Menschheit eingeleitet. Ihr schließt sich unvermittelt eine Belehrung über die herkömmlichen Prinzipien der Subsidiarität und Solidarität an. Dann werden konkrete Vorschläge genannt, wie der Welthandel fair zu gestalten, Bildungszugänge zu eröffnen, das Asylrecht zu sichern, das Finanzwesen neu zu ordnen, Verantwortung der Konsumenten zu wecken und eine echte politische Weltautorität zu etablieren seien. Weniger diffus und relativ schlüssig fällt das 6. Kapitel aus: ?Die Entwicklung der Völker und die Technik?. Aber dafür gerät es zu einer ungewöhnlich scharfen Auseinandersetzung mit dem Absolutheitsanspruch der Technik oder besser mit der Selbstüberheblichkeit des modernen Menschen, der sich anmaßt, den Beginn und das Ende des menschlichen Lebens mit technischen Mitteln zu manipulieren.

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