Moralwarnung
Friedhelm Hengsbach SJ
Vorgestern noch waren es geldgierige Manager, die in der Bevölkerung eine moralische Empörung auslösten. Jetzt ergießt sich eine Flut moralischer Vorwürfe in die politische Arena. Ein Ministerpräsident "lügt", einer Wahlkämpferin wird "Wortbruch", einem Spitzenkandidaten "Wahlbetrug" vorgeworfen. Eine Abgeordnete gerät in "Gewissensnöte".
Sind die moralischen Vorwürfe angemessen? Wenn in einer weltanschaulich pluralen Gesellschaft der Geldverkehr, der Machtkampf oder die Forschung moralisch aufgeladen werden, droht die Gefahr, dass das reibungslose Funktionieren der Wirtschaft, Politik und Wissenschaft gestört und dieGesellschaft in einen krankhaften Alarmzustand versetzt wird. Folglich ist "die vielleicht vordringlichste Aufgabe der Ethik, vor Moral zu warnen" (N. Luhmann).
