Ist der deutsche Sozialversicherungsstaat am Ende?

Veröffentlicht am 14.11.11 um 14:52 Uhr

Einladung zu den 2. Heppenheimer Tagen zur christlichen Gesellschaftsethik am 11./12.Mai 2012

In der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung hat das 'konservativ-korporatistische welfare regime' Deutschlands schon sprachlich keinen guten Klang. Im Unterschied zu den 'sauberen', d.h. an den modernen Steuerungsmedien des Staates bzw. des Marktes ausgerichteten, welfare regimes des skandinavischen bzw. des anglo-amerikanischen Typs bildet es gewissermaßen das 'hässliche Entlein' unter den etablierten Formen des welfare capitalism. Zwar scheint es im Durchgang durch das 20. Jahrhundert insgesamt eine imposante Erfolgsbilanz und eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz aufweisen zu können; anders als seine beiden Konkurrenten, das etatistische und das marktliberale Modell, verfügt es jedoch nicht über den legitimatorischen support durch eine allgemein überzeugende normative Begleittheorie. Eine solche ist offensichtlich nie ausgearbeitet worden. Zumindest scheint sie nie in relevantem Maße politik- und öffentlichkeitsfähig geworden zu sein. In diesem Sinne konnte etwa Jürgen Kaube 1993 notieren: "Es gibt keinen Bodin, keinen Rousseau oder Marx des Wohlfahrtsstaates. (?) Ihm liegt keine ausgearbeitete Ideologie zugrunde, und es ist fast so, als testete mit dem Wohlfahrtsstaat die politische Evolution, ob politische Gebilde auch ohne eine kompakte philosophische entstehen und stabilisiert werden können."

Dass das 'hässliche' deutsche welfare regime aus 'korporativer Marktwirtschaft' (Werner Abelshauser) und 'katholischem Sozialstaat' (vgl. Frank Nullmeier/ Friedbert W. Rüb) seit den 1990er Jahren in Misskredit geriet, könnte von daher nicht nur an - realiter oder auch nur vermeintlich bestehenden - empirischen Defiziten, Unzulänglichkeiten und Strukturfehlern dieses Wohlfahrtsstaatstypus liegen, sondern auch an der mangelnden politisch-moralischen Unterstützung für dieses 'jenseits von Markt und Staat' angesiedelten Sozialmodells, das seinen spezifischen Charme - wenn es einen solchen denn geben sollte - in den Selbstverständigungsdebatten der politischen Öffentlichkeit in Vergangenheit und Gegenwart offensichtlich kaum zu entfalten vermochte.

Nach dem akuten Scheitern der forschen neoliberalen Verabschiedungen des deutschen Sozialversicherungsstaates ist es jetzt doch an der Zeit, das spezifische Profil und die prinzipielle Leistungsfähigkeit des 'deutschen Wirtschafts- und Sozialmodells' und seine eventuellen Zukunftschancen empirisch und normativ noch einmal neu in den Blick zu nehmen. Vor diesem Hintergrund wollen die '2. Heppenheimer Tage zur christlichen Gesellschaftsethik' die Theorie und Empirie, die Traditionen und Gefährdungen des deutschen Sozialversicherungsstaates auf den Prüfstand stellen, ihn sowohl in historisch-systematischer wie empirisch-aktueller Hinsicht auf seine Stärken und Schwächen untersuchen und auf dieser Grundlage der Frage nachgehen, ob er in ? wie auch immer modifizierter Form ? auch heute noch zukunftsfähig sein kann (und sollte) oder ob er nun doch endgültig ins Politikmuseum des 20. Jahrhunderts gehört. Es geht also um die Frage: Welche Bilanz ist zu ziehen über die Jugendjahre, die Blütezeit und das angebliche Greisenalter des 'hässlichen Entleins', dieser merkwürdigen und prima facie so unansehnlich geratenen Hervorbringung der jüngeren politischen Evolutionsgeschichte? Ist jetzt endlich die längst fällige Beerdigung vorzubereiten; oder könnte es sein, dass das Gerücht über das historische Ende dieses Entleins am Ende nur eine Ente ist?

Weitere Informationen entnehmen Sie bitte der Ausschreibung anbei.

Begrenzte Teilnehmerzahl. Interessenten mögen bitte bis 31.01.2012 anfragen unter grossekracht(ät)theol.tu-darmstadt.de