Kurzbiografie von Pater Oswald von Nell-Breuning SJ

P. Oswald von Nell-Breuning SJ

Am 8. März 2015 ist es 125 Jahre her, dass Pater Oswald von Nell-Breuning, der Namensgeber unseres Instituts, in Trier geboren wurde. Pater von Nell-Breuning war einer der führenden kritischeren Kommentatoren und Impulsgeber für die Wirtschafts- und Sozialpolitik der frühen Bundesrepublik, ein Brückenbauer zwischen Katholizismus und DGB sowie Sozialdemokratie und als langjähriger „Nestor“ der katholischen Soziallehre zugleich eine kritische Stimme in den innerkirchlichen Debatten z. B. über das kirchliche Arbeitsrecht und den § 218 StGB.

Bereits zu Lebzeiten galt der Jesuitenpater Oswald von Nell-Breuning als einer der führenden Vertreter und Interpreten der "Katholischen Soziallehre". Zugleich wurde ihm eine herausragende Bedeutung als politischer Intellektueller zugesprochen, der sowohl gesellschaftswissenschaftliche, ökonomische, juristische, philosophische wie auch theologische Kompetenzen aufbringt. Als Redner, Schreiber, Politikberater, Dozent und politisch intervenierender Akteur hat er sich mit fast allen wichtigen gesellschaftspolitischen Fragen seiner Zeit befaßt - und stand so häufig im Mittelpunkt öffentlichen Aufmerksamkeit.

Oswald von Nell-Breuning SJ wurde am 8. März 1890 als Sohn einer Adelsfamilie in Trier geboren. Nach einem kurzen Studienauftakt in den Disziplinen Mathematik und Naturwissenschaften studierte er Theologie und Philosophie. Nationalökonomisch bildete er sich autodidaktisch aus. 1911 trat er in den Orden der Gesellschaft Jesu (SJ) ein; 1921 wurde er zum Priester geweiht. Am theologischen Fachbereich der Universität Münster (Wstf.) promovierte er 1928 mit seiner Arbeit über die "Grundzüge der Börsenmoral". Noch im selben Jahr wurde er als Professor für Moraltheologie, Kirchenrecht und Gesellschaftswissenschaft an die Philosophisch-Theologische Hochschule St. Georgen nach Frankfurt am Main berufen. Mit Unterstützung des sogenannten "Königswinterer Kreises", einer losen Vereinigung von katholischen Intellektuellen (Götz Briefs, Theodor Brauer, Paul Jostock, Franz H. Müller, Gustav Gundlach SJ u.a.) leistete Nell-Breuning die grundlegenden Vorarbeiten für das 1931 erschienene Rundschreiben von Papst Pius XI »Quadragesimo Anno«, dem systematischen Dokument kirchenamtlicher Sozialverkündigung mit pointiert lehrhaftem Charakter.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er zu einem angesehenen Berater in wichtigen staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen der sich formierenden Bundesrepublik Deutschland: Er war Mitglied im Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft (1948-1969), stellvertretender Vorsitzender des Wohnungswirtschaftlichen Beirates beim Bundesministerium für Städtebau und Wohnungswesen (1950-1958), Mitglied des Beirats beim Bundesministerium für Familien- und Jugendfragen (1959-1961) und seit 1959 Mitglied des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Zugleich war er als Professor und Dozent auch außerhalb der ordenseigenen Hochschule St. Georgen tätig: u.a. seit 1948 mit dem Lehrauftrag für Moraltheologie und Sozialethik an der Philosophischen Fakultät der Universität Frankfurt/M., seit 1956 als Honorarprofessor für philosophische Grundfragen der Wirtschaft an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der gleichen Universität, oder ab 1949 mit Lehrtätigkeiten an der Frankfurter Akademie der Arbeit. Neben der kontinuierlichen Arbeit in diesen institutionalisierten Funktionen begleitete er in informellen Positionen direkt und indirekt die programmatischen Diskussionen und die politische Praxis der Gewerkschaften und der beiden großen Volksparteien SPD und CDU. Innerhalb des bundesdeutschen Katholizismus war er zeitweise ein gefragter Berater für kirchliche Gremien und Verbände. Dabei ragen seine Mitwirkung in der innerkatholischen Gewerkschaftsdiskussion der 50er Jahre, in der katholischen Mitbestimmungsdiskussion der 60er Jahre und schließlich sein Engagement in der Würzburger Synode der katholischen Bistümer Westdeutschlands (1971-1975) für das umstrittene Dokument "Kirche und Arbeiterschaft" heraus.

In diesen vielfältigen Aktionsfeldern nahm Nell-Breuning oftmals Schlüsselstellungen ein. Er präsentierte Kompromißlösungen zwischen opponierenden Interessen – oder wurde auch nur von konkurrierenden Positionen gleichermaßen zu Legitimationszwecken benutzt. Jedenfalls wurde der Jesuitenpater in den politischen Arenen über die Grenzen von Parteien und Tarifpartner hinweg allgemein akzeptiert. Unumstritten galt er als der "Nestor der katholischen Soziallehre".

Für sein Lebenswerk wurden ihm zahlreiche Auszeichnungen unterschiedlichster Institutionen verliehen: der Guardini Preis der Katholischen Akademie in Bayern (1972), die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt (1977), die Leuschner Medaille des Landes Hessen (1979) oder der Hans-Böckler-Preis (1980). An seinem 100ten Geburstag wurde ihm vom damaligen Bundespräsidenten Dr. Richard von Weizsäcker das Großkreuz des Bundesverdienstordens verliehen.

Als Autor, Redner und Berater hat Oswald von Nell-Breuning erheblichen Einfluß auf die sozial- und wirtschaftspolitische Entwicklung der Bundesrepublik als sozial- und rechtsstaatlich organisierte Industriegesellschaft genommen. Insbesondere hat er durch seine politisch-praktische und politisch-theoretische Tätigkeit dazu beigetragen, dass einerseits die katholisch-kirchlichen Institutionen wie auch die traditionell orientierten Teile des sozialen Katholizismus in den gesellschaftlichen Modernisierungsprozeß der Bundesrepublik integrierten werden konnten, und dass andererseits die westdeutsche Modernisierung eine "sozial-katholische" Richtung nahm.

Am 21. August 1991 starb P. Oswald von Nell-Breuning SJ in Frankfurt am Main.