Ausländische Pflegekräfte in Privathaushalten

Projektleitung: Bernhard Emunds

 

Projektbearbeitung:
Uwe Schacher

Kontakt

E-Mail: schacher@sankt-georgen.de

Skype: uwe-schacher

Mobil: 01577 168 96 01

 

Zur Person

Xing: www.xing.com/profile/Uwe_Schacher
Facebook: www.facebook.com/uwe.schacher
Bizzlounge: bizzlounge.com/UweJoachim_Schacher/ 

 

Laufzeit: ab Januar 2010

Projektziele:
Das Forschungsprojekt soll das komplexe Bündel von Motivationen, Interaktionsketten und institutionellen Arrangements sichtbar machen, das mit der irregulären Beschäftigung von Pflegekräften verbunden ist. Dabei bezieht sich die Untersuchung auf das Pflegeverhältnis zwischen dem Pflegebedürftigen und der Pflegekraft sowie auf das Beschäftigungsverhältnis zwischen Arbeitgeber und Pflegekraft.

Projektbeschreibung
Rahmenbedingungen, gesellschaftlicher Kontext und Problemlagen:
Gesundheitswesen und Pflege befinden sich in einer Phase forcierter Transformation. Dieser dramatische Strukturwandel wird erheblich durch politische Vorgaben und die Europäisierung der Rahmenbedingungen moderiert. Wesentliche Faktoren sind:

  • Die Lebenserwartung der Bevölkerung steigt an. Dies führt zu einer Zunahme pflegebedürftiger Menschen. Besonders demenzielle und chronische Erkrankungsbilder nehmen zu.
  • Traditionelle, weiblich codierte Pflegearrangements erodieren, da der Anteil der Frauenerwerbsarbeit steigt. Dies geht einher mit größer werdenden Mobilitätsanforderungen und Fexibilitätserfordernissen.
  • Die Geburtenraten verharren unter dem Niveau der Bestandserhaltung der Bevölkerung. Immer weniger jüngere Menschen stehen deshalb immer mehr älteren Menschen gegenüber.
  • Aufgrund regionaler Attraktivitätsdisparitäten wirken demographische Einflußfaktoren nicht zeitgleich, sondern zeitversetzt. Dadurch kumulieren Pflegeprobleme besonders in Regionen, in denen sich schon jetzt dramatische Verschiebungen im Altersaufbau der Bevölkerung zeigen.

 

Die Pflegeversicherung ist nicht als Vollkaskoversicherung konzipiert und bezieht sich auf zwei Gesetzbücher (SGB V und SGB XI) was einer ganzheitlichen Sichtweise des Pflegeprozesses nicht förderlich ist.
Die Zahl der Hilfs- und Pflegebedürftigen nimmt seit Jahren immer mehr zu. So waren es 2007 ca. 2,25 Mio. Menschen. Mehr als 2/3 werden zu Hause gepflegt und versorgt. Dies entspricht auch den politischen Vorgaben: ambulant vor stationär. Davon werden ca. 1 Mio. Pflegebedürftige von Angehörigen im familiären Setting versorgt. Bei ca. 500.000 Pflegebedürftigen wird ein Pflegearrangement von pflegenden Angehörigen unter Hinzuziehung eines ambulaten Pflegedienstes realisiert.
Bei den familiären Pflegearrangements wird die Pflege weit überwiegend von Frauen geleistet. Problematisch ist dabei neben den oben genannten veränderten Rahmenbedingungen besonders, dass die Frauen aus der gleichen Alterskohorte wie die Männer kommen (ca. 40% sind älter als 65 Jahre). Das bedeutet ein vorhersehbar sinkendes innerfamiliäres Pflegepotential in Deutschland, bei gleichzeitig stark steigender Belastung der pflegenden Familienangehörigen.
In der Konsequenz steigt der Bedarf an Fachkräften in der Pflege.
Schon jetzt (2007) arbeiten 236.000 Beschäftigte in den ambulanten Pflegediensten und 574.000 Beschäftigte in den Pflegeheimen. Die Anzahl der Beschäftigten in den ambulanten Pflegediensten stieg von 1999 mit circa 184.000 auf die heutige Zahl an.
In den Gesundheitsdienstberufen liegt der Anteil der Beschäftigten mit Migrationserfahrung bei 18,3 % (2006). Dies bedeutet, dass im Verhältnis zur Gesamtwirtschaft, in der der Anteil der Beschäftigten mit Migrationserfahrung bei 7 % liegt, bei den Gesundheitsdienstberufen Mitarbeiter mit Migrationserfahrung weit überproportional und überdurchschnittlich vertreten sind. Diese Gruppe leistet einen relevanten und signifikanten Beitrag im deutschen Gesundheitswesen und hat in der Regel einen geregelten Aufenthaltsstatus (Einbürgerung, EU-Bürger mit Aufenthaltsstatus, Spätaussiedler). Der Pflegeeinsatz von Mitarbeitern mit Migrationserfahrung liegt schwerpunktmäßig in den Einrichtungen in den oft prekären Arbeitsverhältnissen im Niedriglohnsegment, oder in der Leih-oder Teilzeitarbeit. Die größte Gruppe der Mitarbeiter mit Migrationserfahrung kommt aus der EU (74 %). Davon rekrutiert sich die größte Teilgruppe aus den osteuropäischen Beitrittsstaaten der Europäischen Union.
Auch bei der Pflege in Haushalten und bei haushaltsnahen Dienstleistungen dominieren Pflegekräfte aus Osteuropa und werden auf circa 115.000 geschätzt. Dabei werden Arbeitsverhältnisse legaler und illegaler Art abgeschlossen. Dazwischen gibt es noch eine rechtliche Grauzone, da zuweilen ein Teil der Leistungen legal erbracht wird, ein anderer Teil jedoch nicht. Auch besteht die begründete Vermutung, dass arbeitsrechtliche Bestimmungen nicht in gebotenem Ausmaß beachtet werden. Diese Beschäftigten realisieren zumeist einen Lebensstil der Pendlermigration. Am Arbeitsort wird sehr oft eine häusliche rund um die Uhr Pflege und Betreuung verwirklicht, um dann in regelmäßigen oder unregelmäßigen Abständen zurück zu kehren.
Für die Pflegebedürftigen und deren Angehörige ist dieses Setting aus Kostengründen attraktiv, da die Pflegeversicherung das Pflegerisiko nicht vollumfänglich absichert und notwendige Pflegeleistungen deshalb nicht abgedeckt werden könnten, beziehungsweise zu teuer sind.
Bei diesen prekären Arbeitsverhältnissen kann in der Grauzone eine rechtlich gesehen illegale Pflege erwachsen. Zwar ist diese Pflegedienstleistung dann bezahlbar, gleichzeitig jedoch besteht die Gefahr, dass persönliche Absprachen und Vereinbarungen, auch solche die nicht gesetzeskonform sind, getroffen werden, und aufgrund der Privatsphäre staatliche Kontrolle nicht hinreichend stattfinden kann.
Für dieses Spannungsfeld von ausländischen Pflegekräften in Privathaushalten gibt es bisher keine substantielle Forschung. Aufgrund des schon jetzt vorhandenen Volumens, wie auch der erwartbaren Steigerung sind wissenschaftliche Erkenntnisse zu diesem Problembereich sehr wichtig, möglicherweise sogar prioritär.


Dieses Projekt möchte einen Beitrag zur Vertiefung des Problemverständnisses und zu möglichen Problemlösungen leisten.


Dieser Text orientierte sich inhaltlich stark an:
Steffen, M. (2010). "Dann holen wir halt eine Polin". Die Beschäftigung von Arbeitsmigrantinnen aus Osteuropa. Vortrag an der Evangelischen Akademie Bad Boll, 18. / 19. Juni 2010. Verdi Bundesverwaltung, Ressort Gesundheitspolitik
Verdi (2010). Branchenbericht: Die Arbeitssituation von Migrantinnen in der Pflege. Verdi Bundesverwaltung, Ressort Gesundheitspolitik


Fragestellungen:
Die erkenntnisleitenden Forschungsinteressen sind zweidimensional strukturiert.

  • Dimension 1: Die erste Fragedimension bezieht sich auf die konstituierenden und moderierenden Faktoren die das spezielle Pflegeverhältnis, unter den Bedingungen der Irregularität, beeinflussen. Die Gestaltung der Pflegesituation und des Betreuungsprozesses wird dabei unter besonderer Berücksichtigung der Pflegequalität in den Fokus genommen.
  • Dimension 2: Die zweite Fragedimension wird durch die Beschreibung des Beschäftigungsverhältnisses zwischen Pflegekraft und zu Pflegendem aufgespannt. Neben der differenzierten Beschreibung des Beschäftigungsverhältnisses in seiner Ausgestaltung, interessiert besonders das Wechselverhältnis zwischen Beschäftigungsform, interaktive Ausgestaltung, Tauschformen, Machtverteilung, Intersubjektivität und Pflegequalität unter Einbezug von Lebensqualität, Zufriedenheit und Glücksempfinden aller am Pflegeprozess Beteiligter.

 

Untersuchungsmethoden:
Die Qualität einer sozialwissenschaftlichen Studie wird wesentlich durch die angewandte Methodik mitdeterminiert. Bei der hier infrage stehenden Forschungsproblematik lässt sich weder auf elaborierte Theorien, noch auf bekannte Populationsparameter und deren Zusammenhänge, zurückgreifen. Bei einer solch unscharfen Erkenntnislage bieten sich Forschungsmethoden an, die durch Offenheit in Verbindung mit der Möglichkeit Hypothesen zu generieren und erste Musterzusammenhänge zu postulieren, an. Dementsprechend wird dieses Forschungsprojekt offen, prozesshaft modelliert. Der Schwerpunkt wird dabei auf den Verfahren der qualitativen Sozialforschung liegen. Allerdings wird ein Methodenmix appliziert, der sich am Ideal der integrativen Sozialforschung orientiert. Im Besonderen ist dies eine Kombination aus qualitativer Forschung, akteurszentrierter Netzwerkanalyse und der sekundäranalytisch-adaptiven Kontextualisierung als Brücke zur quantitativen Sozialforschung. Dementsprechend liegt eine Triangulation der Methoden vor. Neben ersten Objekterkenntnissen ist das Ziel umfänglichere, generalisierbare Folgestudien zu substantiieren.


Experteninterviews:
Das Forschungsprojekt startet in der Explorationsphase mit der Hinzuziehung von Experten für das Forschungsproblem. Dies ist besonders wichtig um das theoretische und praktische Insiderwissen in unserem empirisch und theoretisch noch wenig vorstrukturierten Untersuchungsfeld effizient, effektiv und ökonomisch, einzubeziehen. Dementsprechend haben die Experten in unserer Studie eine Katalysatorenfunktion in Verbindung mit systematischer Informationsgewinnung. Das Experteninterview wird als mündliche Befragung in einem vorstrukturierten, aber vergleichsweise offenen Frageformat geführt. Strukturdimensionen sind: Kognitionen, Emotionen, Motivationen, Kommunikationen, Interaktionen, Strukturparameter usw.. Realisiert werden die Experteninterviews Face-to-Face, via Skype, oder Telefon.
Anhand einer Matrix wurden die Felder der zu befragenden Experten bestimmt. Die Dimensionen bilden sich durch den Kompetenzbereich (Wissenschaft, Praxis, Verwaltung usw.) und die Regionalität (lokal, regional, national). Insgesamt werden 12 Experten befragt.


Leitfadeninterviews
Anhand eigener empirischer und theoretischer Vorarbeiten und den Ergebnissen der Experteninterviews wird ein Leitfadeninterview zur Face-to-Face Applikation entwickelt. Die mündliche Befragung wird in einem offenen Gesprächssetting stattfinden. Das Leitfadeninterview besteht aus einer Reihe von offenen, halboffenen und einigen wenigen voll standardisierten Fragen. Dadurch soll der Gegenstandsbereich exploriert werden und gleichzeitig zur Gewinnung von Ideen, Hypothesen und Strukturvermutungen beitragen. Denkmuster, Handlungsmuster, phänomenale Wahrnehmung und strukturelle Parameter sollen rekonstruiert und aufeinander bezogen werden. Besonderer Vorteil des Leitfadeninterviews ist darüber hinaus, dass es mit diesem Format gut möglich ist auf die Individualität der Befragten flexibel und adaptiv einzugehen. Vor dem Einsatz im Feld wird der Interviewleitfaden zur Qualitätssicherung von Experten bewertet.
Insgesamt werden vier Pflegesettings in diese Studie einbezogen. Daraus ergibt sich auch die Anzahl der Leitfadeninterviews:

  • vier Pflegebedürftige
  • vier Angehörige der Pflegebedürftigen
  • vier Pflegekräfte
  • vier Angehörige dieser  Pflegekräfte

 

Alles in allem werden also 16 Interviews durchgeführt.

Methodisch-theoretischer Zugang:
Einzelfallanalyse (Grounded Theory): Die Grounded Theory ist ein elementares Verfahren, welches sich im Bereich des Entdeckungszusammenhanges der Logik der Forschung verorten lässt. Genuines Ziel dieses prozessorientierten wissenschaftlichen Verfahrens ist die schrittweise Generierung von Hypothesen und Theorien. Feste, endgültige und zwingend verbindliche Prozeduren und Definitionen liefert diese Theorie nicht, eher Handlungsanweisungen und die Anwendung eines bestimmten Denkstils. Die Theoriebildung funktioniert gegenstandsbezogen und offeriert dadurch eine Reihe von Vorteilen in Forschungsfeldern die sich mit den Charakteristika theoretische Unterkomplexität, empirischer Unwissenheit und unbekannte Wechselwirkungen, beschreiben lassen. Da alle diese Charakteristika auch auf unser Forschungsfeld anwendbar sind, ist die Methode der Grounded Theory besonders für unsere Fragestellung geeignet. Interessant ist dabei aus wissenschaftstheoretischer Sicht, dass hier der bereits von Aristoteles beschriebene logische Schluss der Abduktion angewendet wird, um in Folgeuntersuchungen dann durch probabilistische Induktion und (möglichst) repräsentative Verallgemeinerung ersetzt zu werden. Dies entspricht einem Übergangsbereich der Genese von gegenstandsorientierter Theoriebildung zur Entwicklung formaler Theorien.


Akteurszentrierte Netzwerkanalyse:
Der methodologische Individualismus hat Schwierigkeiten bei der Abbildung von handlungsleitenden Relationen. Wie die neuere Netzwerkforschung und Netzwerksimulation zeigen kann, lassen sich bestimmte Verhaltensweisen nicht alleine im Individuum verorten. Wenn beispielsweise zwei Menschen sich ineinander verlieben, so ist die Liebe keine Eigenschaft einer Einzelperson, sondern ein "Dazwischen", eine Relation. Um also im Hinblick auf unsere Fragestellung ein optimales Ergebnis zu erzielen sind Interaktionsgeflechte, Bekanntschaftsnetzwerke, allgemein soziale Netzwerke für unsere Fragestellung zu berücksichtigen. Im Rahmen dieser Studie werden diese sozialen Netzwerke deshalb akteurszentriert erhoben und ausgewertet.


Sekundäranalytisch-adaptive Kontextualisierung:
Die große Stärke der qualitativen Sozialforschung, idiosynkratische Merkmale und Merkmalskombinationen des Einzelfalles differenziert zu betrachten und zu beschreiben, kann auch gleichzeitig eine Erkenntnisrestriktion sein. Um diese Einschränkung zu vermeiden und den Einzelfall in einem größeren Zusammenhang zu kontextualisieren wird ein Verfahren verwendet welches wir sekundäranalytisch-adaptive Kontextualisierung nennen. Technisch gesehen wird im Rahmen des Leitfadeninterviews eine Auswahl von standardisierten Fragen mit gestellt. Diese standardisierten Fragen entsprechen standardisierten Fragen aus Bevölkerungsumfragen. Die ausgewählten und relevanten Bevölkerungsumfragen werden empirisch typologisch als Referenzvergleichsgruppe genutzt. Dadurch lässt sich eine Brücke zwischen dem von uns untersuchten Einzelfall und einer erweiterten Erkenntnisperspektive auf der Basis von repräsentativen, quantitativen Studien bauen.


Triangulation:
Dem Grundverständnis dieser Studie als integrative Sozialforschung entsprechend werden verschiedene Erkenntnisstrategien, Kombinationen von Methodologien als komplementäre Verfahren zur Geltungsbegründung genutzt. Die Verbindung von sekundäranalytisch-adaptiver Kontextualisierung mit den eigenen Primärdaten dieser Studie wird in der Daten-Triangulation geleistet. Mittels der akteurszentrierten Netzwerkanalyse in Kombination mit qualitativer Einzelfallanalyse wird die Theorien-Triangulation hergestellt. Die Hoffnung dieser integrativen und komplementären Herangehensweise ist, dass dem Phänomen entsprechende Erkenntnisse möglich werden und die Ergebnisse von größerer Validität sein mögen.  

gefördert durch die