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Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen
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Christian Troll SJ

DIE CHRISTLICH-MUSLIMISCHEN BEZIEHUNGEN
AN DER SCHWELLE ZUM DRITTEN JAHRTAUSEND:

Probleme, Herausforderungen, Chancen


0.   Einführung

Welche Art von gegenseitigen Beziehungen wünschen Christen und Muslime als engagierte Gläubige im eben begonnenen Jahrhundert aufzubauen und zu fördern? Welches sind gravierende Hindernisse und Herausforderungen, mit denen sie rechnen müssen? Schließlich, welche Schritte können und müssen unternommen werden, um die Hindernisse zu überwinden und um auf die Herausforderungen positiv zu antworten? Mit diesen drei Fragenbereichen haben wir auch die drei Schritte angedeutet, die unsere Reflexionen und Antworten gehen werden.


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1.  Wünschenswerte Beziehungen

Christen und Muslime sollten sich ernstlich und ehrlich die Frage stellen, welche Art von Beziehungen sie anstreben. Eine klare Sicht des Zieles ist notwendig, um die passenden und adäquaten Mittel ausmachen und den Weg bestimmen zu können. Hier werden wir nur eine kleine Zahl von Vorschlägen machen.


1.1. Bessere Kenntnis des Anderen

Die Kenntnis des Anderen ist von grundlegender Bedeutung für den Aufbau von gegenseitig respektvollen und fruchtbaren Beziehungen. Guter Wille ist sicher unabdingbar, aber er genügt nicht. Ein geplantes, systematisches Studium der anderen Religion - ihrer vergangenen sowie ihrer gegenwärtigen Erscheinungsformen, auf empirischer und normativer Ebene, ist angesagt. Dabei gilt es, die vielen verschiedenartigen Ausdrucksformen und Aspirationen, die jeweils auch verschieden zu gewichten sind, ernst zu nehmen. Nur so kann verhindert werden, dass interreligiöse Beziehungen auf einer oberflächlichen, durch Verallgemeinerungen und Klischees charakterisierten Ebene stagnieren. Diejenigen, die sich in ihrer jeweiligen Religionsgemeinschaft in führenden, verantwortlichen Positionen befinden, haben eine vergleichsweise größere Verpflichtung zu solchem vertiefenden Studium und Kennenlernen der anderen Religionsgemeinschaft.

Außerdem gibt es anlässlich von Festen und Erinnerungstagen im Leben der Individuen und Gemeinschaften und im Ablauf von Festen im Laufe des liturgischen Jahres manche Gelegenheit für Christen und Muslime, sich zu begegnen und gegenseitige Annahme und Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen.

Diese Art von Lernprozess und der Typ von Kenntnis der daraus resultiert, vollzieht sich etwa mittels einfacher offener, organisierter oder spontaner, Gespräche dort wo Christen und Muslime die Beziehungen entwickeln und vertiefen. Vielerlei solcher Kontakte ergeben sich im Leben der Gesellschaften, besonders dort, wo wir es mit freien, pluralen Gesellschaften wie denen Europas zu tun haben. Es gilt sie bewusst zu vertiefen und zu nutzen.

Darüber hinaus besteht dann natürlich auf beiden Seiten die Notwendigkeit, durch systematische und spezialisierte Studien auf den Gebieten etwa der Geschichte, Soziologie, Politik und auch der religiösen Wissenschaften den anderen adäquat zu verstehen. Solche Studien sind nicht neu. Sie sind seit Jahrzehnten Teil der Curricula der Universitäten geworden. Was neu ist, ist der Geist der Zusammenarbeit und des Aufeinanderhörens auch in diesen Studien.

Mir will scheinen, dass ein Studienzentrum in Deutschland, wo Christen und Muslime systematisch und gemeinsam die beiden religiösen Traditionen studieren und lehren - mit dem Akzent auf die kulturellen und religiösen Aspekte der christlichen-muslimischen Beziehungen - schmerzlich fehlen. Idealerweise sollten ein solches Zentrum von den größeren Kirchen und muslimischen Vereinigungen in Deutschland gemeinsam getragen und finanziert werden.


1.2.  Annahme des Anderen und Achtung vor Differenzen

Es steht außer Zweifel, dass Christen und Muslime viele Glaubensinhalte teilen. Beispiele sind der Glaube an den einen Gott, allmächtig und barmherzig; der Glaube an die Rolle von Propheten; der Glaube an die endzeitlichen Realitäten von Gericht, Belohnung und Bestrafung. Es existieren daneben auch fundamentale Differenzen. Der Glaube der Christen an die Dreieinigkeit und an die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus modifiziert ihre Sicht der Beziehung zwischen Gott und der Menschheit in grundlegender Weise. So drückt auch der Glaube der Muslime an die Stellung des Koran als letzter und massgebender göttlicher Offenbarung und an die Rolle die Muhammads als das Siegel der Propheten der islamischen Sicht der Geschichte einen unverwechselbaren, ihr eigenen Stempel auf.

Auch auf dem Gebiet der Moral gibt es Konvergenzen und Divergenzen. Muslime sind genauso wie die Christen vital daran interessiert, dass die jeweilige Religion den ihr adäquaten Platz einnehme in der Gesellschaft, dass der Materialismus überwunden werde, dass die Institution der Familie die ihr zustehende Achtung und den notwendigen Schutz erfahre, dass sexuelle Permissivität sowie jegliche terroristischen Aktivitäten bekämpft werden. Auf der anderen Seite gilt es zu konstatieren, dass die muslimischen und christlichen Konzepte von Gesetz und Gesellschaft, von Ehe und Familie nicht deckungsgleich sind.

Authentische Beziehungen im Geist des Dialogs verlangen, dass Christen und Muslime mit all ihren Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten im theologischen, moralischen und kulturellen Bereich einander annehmen. Solche Annahme sollte mit gegenseitiger Achtung für den Anderen einhergehen. "In gegenseitiger Annahme des Anderen und in dem daraus sich ergebenden gegenseitigen Respekt, vertieft durch Liebe, liegt das Geheimnis einer menschlichen Familie, die miteinander versöhnt ist", sagte Papst Johannes Paul II. anlässlich der Nachtwache für den Frieden in Europa [und besonders im Balkan] in Assisi am 9. Januar 1993.

Das Zweite Vatikanische Konzil, d.h. die Versammlung der katholischen Bischöfe weltweit, hatte schon im Jahre 1965 Respekt und Liebe für die Andersdenkenden als Grundbedingung für echten interreligiösen Dialog herausgestellt. "Achtung und Liebe", sagten sie, "sollten auch denen entgegengebracht werden, die in sozialen, politischen und religiösen Fragen anders denken oder handeln als wir. In der Tat, je mehr wir ihre Weisen zu denken in Achtung und Liebe zu verstehen suchen, desto eher werden wir fähig sein, in einen wahren Dialog mit ihnen einzutreten." (Gaudium et Spes, 28)


1.3.  Wirkliches Engagement für und im Dialog

Wenn Muslime und Christen sich einander so kennen, akzeptieren und achten lernen, dann sind sie gut vorbereitet, in der einen oder anderen Form miteinander in Dialog zu treten. Vier Formen des Dialogs werden normalerweise herausgestellt. Da ist zunächst der ganze Bereich von Beziehungen über religiöse Grenzen hinweg auf der Ebene des täglichen Lebens, in der Familie, am Arbeitsplatz und in anderen sozialen Aktivitäten. Außerdem gibt es interreligöse Kooperation wie z. B. Hilfe für Flüchtlinge und Opfer von Katastrophen. Der theologisch-humanwissenschaftliche Dialog (der natürlich nur zwischen Partnern sinnvoll ist, die die nötige Bildung dafür mitbringen) ist eine dritte Form. Schließlich gibt es den Austausch religiöser Erfahrung, dort wo Gläubige verschiedener Traditionen zusammenkommen, die sich intensiv um die Vertiefung der erlebten Beziehung zwischen Gott und Mensch und der Reflexion darüber widmen.

Wenn die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen nicht eine rein akademische Übung bleiben wollen, dann muss man von einem ehrlichen Christen oder Muslim Offenheit gegenüber dem Anderen und die Bereitschaft erwarten, in die eine oder andere Form von Kooperation einzutreten. Dies setzt ein gewisses "Sich-relativieren" voraus.


1.4.   Gemeinsames Zeugnis für gemeinsam vertretene Werte

Es gibt Leute, die an erster Stelle die Religionen verantwortlich machen für einen Großteil der Rivalitäten und Konflikte, die die Geschichte zeichnen. Oft betrachten sich solche Menschen als religiös nicht engagiert, als Vertreter einer - wie sie sagen - "humanistischen" Position. Sie sind skeptisch gegenüber der Auffassung, dass die Religionen insgesamt gesehen in der Weltgeschichte einen unverzichtbaren, positiven Beitrag zum Frieden gemacht haben und schließen dies auch für die Zukunft aus. Sie denken: je mehr die Religionen vom privaten, oder wenigstens vom öffentlichen Leben ausgeschlossen werden, desto größer die Hoffnung, zu einer größeren Kohäsion und Harmonie der Welt zu gelangen.

Kein seriöser Christ oder Muslim wird eine solche Position akzeptieren. Es genügt jedoch nicht, sie abzulehnen. Vielmehr gilt es, diese Sicht der Religionen und ihrer negativen Auswirkungen auf Frieden und Harmonie unter den Menschen im Leben durch interreligiösen Dialog und Kooperation effektiv und weithin sichtbar zu widerlegen.

Christen und Muslime sind aufgefordert, im nun beginnenden Jahrhundert so harmonische Beziehungen zu verwirklichen, dass sie unter Beibehaltung ihrer jeweiligen Identität der Welt überzeugend zeigen können: wir teilen Achtung vor Gott miteinander und wir beide - Muslime und Christen - glauben, dass menschliches Verhalten Gottes Willen und Gesetz folgen sollte. Christentum und Islam - in all ihren vielfältigen Gruppierungen - sind der Überzeugung, dass ihnen eine universale, an alle Menschen gerichtete Botschaft anvertraut ist, mit anderen Worten, dass sie von Gott mit Mission bzw. da´wa (wörtl. Einladung, muslimischer terminus technicus für "Mission") beauftragt sind. Die katholische Kirche hält die Freiheit des Menschen, seine religiöse Überzeugung anderen zu vermitteln, für ein Recht, einen Aspekt des Grundrechts der Religionsfreiheit. Allerdings hat diese Freiheit ihre Grenze in der effektiven Achtung - die letztlich ja auch religiös begründet und gefordert ist - der menschlichen Würde und Religionsfreiheit des Anderen. Kein Schaden sollte den Anderen zugefügt werden im Namen der Religion. Die Goldene Regel, welche beide Religionen verkünden, lehrt den Anderen - gerade auch im Hinblick auf die freie Entfaltung des Denkens und die freie Ausübung der Religion - so zu behandeln wie man selbst behandelt werden zu werden wünscht.

Jede Religion, die ihres Namens würdig ist, lehrt die Achtung, ja die Liebe des Nächsten. Wahre Religion ist nicht Ursache von Hass, Spannung und Gewalt. Christen und Muslime sollten nicht nebeneinander leben, sondern miteinander und wo immer möglich gemeinsam handelnd mit dem Ziel die Gesellschaft aufzubauen. Wenn die Verantwortlichen in beiden Gemeinschaften es versäumen, ihre Glaubensschwestern und -brüder zur Zusammenarbeit zu motivieren, müsste man dann nicht sagen, dass sie versagt haben?


1.5  Gemeinsame Anstrengung für den Frieden

Unter den Werten, die Christentum und Islam miteinander teilen, muss der Friede besonders hervorgehoben werden. Beide Religionen betonen den Frieden als herausragendes Gut. "Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch, einen Frieden, den die Welt nicht geben kann, dies ist mein Geschenk an euch" (Johannesevangelium 14, 27), sagte Jesus zu seinen Jüngern in der Nacht bevor er litt und starb. Nach seiner Auferstehung, als er ihnen erschien, begann er stets mit dem Gruß: "Der Friede sei mit euch" (vgl. Johannesevangelium 20, 19.21.26). Der Apostel Paulus spricht von Jesus Christus als "unser Friede" (vgl. Epheser 2, 24). Für Muslime ist der Friede einer der "Schönen Namen Gottes". Gibt diese Tatsache dem normalen Gruß unter Muslimen: al-salâmu `alaykum nicht eine erhöhte Bedeutung?

Friede ist notwendig für Individuen, innerhalb derselben religiösen Gemeinschaft, zwischen einer oder mehreren Religionen, zwischen Völkern und Staaten. Christen und Muslime haben die Pflicht, diese Ruhe der Ordnung zu ermöglichen und zu festigen. Kein rechtdenkender Christ oder Muslim heute sollte Kreuzzüge oder Heilige Kriege unterstützen. Auch sollten sie es nicht zulassen, dass ihr Verhalten von rassistischen Überlegungen gefärbt wird, und sie sollten keinerlei Diskriminierung zulassen auf der Grundlage von Rasse, Farbe, Klasse oder Religion. (vgl. Nostra Aetate, 5)

Das Zweite Vatikanische Konzil ermahnt Muslime und Christen, gemeinsame Sache zu machen in der Sicherung und Förderung von sozialer Gerechtigkeit, moralischen Werten, Frieden und Freiheit (Nostra Aetate, 3). Papst Johannes Paul II. hat in einer Ansprache an verschiedene Vertreter der Weltkonferenz für Religion und Frieden anlässlich der Eröffnung ihrer Sechsten Weltversammlung in Rom am 3. November 1994 mit Nachdruck die Notwendigkeit eines gemeinsamen Engagements für die Förderung des Friedens herausgestellt: "Heute müssen die Verantwortlichen in den Religionen klar zeigen, dass sie sich der Förderung des Friedens verschrieben haben gerade wegen ihres religiösen Glaubens" (Osservatore Romano, Weekly Edition, 16. Nov.1994, S.2).

Christliche und muslimische Eltern, Verantwortliche und Erzieher sollten so sehr von der Notwendigkeit eines ehrlichen Engagements für den Frieden, beginnend mit dem Frieden zwischen Christen und Muslimen, überzeugt sein, dass sie wirksam in der Lage sind, diese Überzeugungen in Familie, Kindergarten, Schule, in den Massenmedien und besonders in Moscheen und Kirchen zu vermitteln. Es ist gut, wenn über die Religionsgrenzen hinweg Beileid bezeugt wird anlässlich des Verlustes von Verwandten und Lieben durch Gewalt - die nicht selten im Namen der Religion angewandt wurde. Aber Beileid und gegenseitige Beileidsbezeugung genügen nicht. Es ist vor allem notwendig, seine eigenen Mitgläubigen in der eigenen Religionsgemeinschaft zu erziehen, den Anderen und die Anderen als Andere zu respektieren und akzeptieren und mit ihnen zusammen zu arbeiten für den Frieden. Diese Dimension der christlich-islamischen Beziehungen ist von kapitaler Bedeutung für das Jahrhundert in das wir in wenigen Wochen eintreten werden.


2. Hindernisse und Herausforderungen

Der Weg zur Erreichung der genannten Ziele ist weder einfach noch frei von Hindernissen. Auf dem Gebiet der christlich-islamischen Beziehungen gibt es wahrlich gravierende Widerstände und äusserst ernst zu nehmende Herausforderungen. Wir nennen hier einige der wichtigsten.


2.1  Das Gewicht der Vergangenheit

Die Gegenwart und die Zukunft hängen zu einem Teil auch von der Vergangenheit selbst und der jeweiligen Sicht der Vergangenheit ab. Eine Gemeinschaft ohne Gedächtnis ist eine Gemeinschaft ohne Zukunft. Beziehungen zwischen Christen und Muslimen sind nicht immer friedlich und freundlich gewesen noch sind sie es immer heute.

Das Zweite Vatikanische Konzil sieht diesen Aspekt der christlich-islamischen Beziehungen realistisch und fordert einen neuen Geist: "Obwohl im Laufe der Jahrhunderte viele Streitigkeiten und Feindseligkeiten zwischen Christen und Muslimen stattgefunden haben, fordert diese heilige Synode Christen und Muslime mit Nachdruck auf, die Vergangenheit zu vergessen und ehrlich für gegenseitiges Verstehen zu arbeiten." (Nostra Aetate, 3) Bei seiner Rede an 80.000 muslimische Jugendliche im Stadium von Casablanca sprach Johannes Paul II. im selben Sinn und mahnte ein Heilen solcher historischen Erinnerungen an.


2.2.  Fehlen von Selbstkritik

Ein wesentlicher Aspekt der christlichen Lebenslehre ist die regelmäßige, tägliche Gewissenserforschung. Der Christ ist gehalten, die Verantwortung für jegliches Übel, das er oder sie jemandem oder der Gemeinschaft zugefügt haben mögen, anzunehmen, es zu bereuen und Gott um Vergebung zu bitten. Der ehrwürdigste Akt des zentralen christlichen Gottesdienstes, die Eucharistiefeier, beginnt stets mit dem Akt und Gebet des Bekenntnisses der Schuld, der Reue und der Bitte um Vergebung. Im Sakrament der Beichte nimmt der Christ, der gesündigt hat, die Verantwortung an, bekennt und erhält Vergebung. Gibt es im Islam eine ähnlich regelmäßige Praxis? Meines Wissens sicher in gewissen Sufiorden; oder ich denke an das gegenseitige Vergeben und die Umarmung der Versöhnung und Verbrüderung öffentlich gleich nach dem morgendlichen rituellen Gebet am Grossen und am Kleinen Fest.

Selbstkritik ist ganz und gar nicht ein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil, sie ist ein Beweis für Reife. Ehrliche Selbstkritik und eine ehrliche Einladung, sich und seine Gemeinschaft immer wieder von anderen kritisch beurteilen zu lassen, kann helfen, Beziehungen zwischen Individuen und zwischen Gemeinschaften zu festigen und zu vertiefen. Wo Selbstkritik fehlt, da gibt es eine Tendenz, sich damit zu begnügen, den anderen zu kritisieren. Dies stellt ein enormes Hindernis für die Entwicklung konstruktiver und bleibender Beziehungen dar.


2.3. Manipulation der Religion durch die Politik und der Politik durch die Religion

Religionen sind der Versuchung ausgesetzt, sich aus dem einen oder anderen Grund vor die Karre der Politik spannen zu lassen oder gar, im Namen der Religion Macht und Gewalt zu rechtfertigen und für kollektive Eigenziele einzusetzen. Eine ebenso große Versuchung ist es für Politiker, die Religion zu manipulieren für ihre eigenen Ziele. Da religiöse Überzeugungen zu den stärksten Motivationen gehören, wird die Politik immer wieder versucht sein, Religion zu benutzen, um politische Ziele zu erreichen. Aus der ferneren und der neueren Geschichte wissen wir nur allzu gut, dass Religion immer wieder missbraucht wurde, um Menschen zu motivieren, Kriege zu führen, deren Hauptziele politische, wirtschaftliche oder rassistische Überlegungen waren. Dies ist traurig und bedauernswert. Ein solches Handeln sowie die ihr zugrunde liegende Mentalität tun weder der Religion noch der Politik einen Dienst.


2.4.  Religiöser Fanatismus und Extremismus

Muslimisch-christliche Beziehungen sind herausgefordert und behindert durch religiösen Fanatismus und Extremismus. Der religiöse Extremist oder Fanatiker mag motiviert sein von dem legitimen Verlangen, seine eigene Religion möge zurückkehren zu dem Zustand, den man als ursprünglichen und reinen Zustand erachtet. Der Extremist verfolgt dies selbstgesteckte Ziel jedoch meist mittels strikter Anwendung, heute, von Praktiken und Observanzen, die früher einmal Teil des Lebensstils und der gängigen Kultur waren. Hier stellt sich auch die fundamentale Frage der Hermeneutik und der adäquaten Methoden der Schriftauslegung.

Extremismus ist oft charakterisiert durch eine unbiegsame Haltung gegenüber den Glaubensgenossen und gegenüber allen, die andere Ansichten und ein anderes Konzept der Gesellschaft haben. Dies führt oft zu Gewaltanwendung. Einige Extremisten gehen noch weiter und verweigern denjenigen das Recht auf Religionsfreiheit, die von ihren eigenen abweichende religiöse Ansichten vertreten. Sie lehren ferner, dass solche Personen vom ewigen Heil ausgeschlossen sind.

Wer sieht nicht, dass solche Haltungen positive christlich-islamische Beziehungen verunmöglichen?


2.5.  Verschiedene Zugänge zu und Auffassungen von den Menschenrechten und besonders von religiöser Freiheit

Eine Schwierigkeit in den christlich-muslimischen Beziehungen besteht in den verschiedenen Auffassungen von den Menschenrechten und besonders der Religionsfreiheit. Christen, soweit sie glauben und ehrlich ihren Glauben zu leben versuchen, werden alle Menschen als nach dem Bild Gottes geschaffen betrachten und behandeln.

Für Christen sind alle Schwestern und Brüder Jesu Christi, des menschgewordenen Sohnes Gottes. Die Menschwerdung Gottes hat die gesamte Menschheit 'geadelt'. Das ist für Christen das reale und tiefste Fundament der menschlichen Würde. Ferner lehrt der christliche Glaube, dass Christus am Kreuz starb, um die gesamte Menschheit zu erlösen. So können wir sagen, dass nach christlicher Auffassung die Liebe zu Gott sich zeigt und als wirklich erweisen muss in der Achtung vor dem Anderen als solchen, in der dienenden und respektvollen Liebe zum Nächsten.

Die muslimische Glaubenssicht ist anders akzentuiert. Die menschliche Person ist Diener Gottes, keinesfalls 'mehr', und bleibt dies, selbst wenn sie sich im Glauben von Gott berufen weiß, Gottes Stellvertreter oder Vizeregent zu sein unter den anderen Geschöpfen.

Christen sehen den Menschen als von Gott geschaffen und als Geschöpf mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet. Herausragend unter diesen Rechten ist das Recht auf religiöse Freiheit. "Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von Seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so dass in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen - innerhalb der gebührenden Grenzen - nach seinem Gewissen zu handeln."(Dignitatis Humanae, 2) Die Grenzen haben es zu tun mit den gleichen Rechten der anderen, die integral zu respektieren sind.

Hier ist die muslimische Konzeption wiederum bis zu einem gewissen Grad verschieden von der christlichen. In der Tat haben mehrheitlich muslimische Länder Vorbehalte gegenüber der Universalen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948, die sie als einen Ausdruck der westlichen Kultur sehen. Die Universale Deklaration der Menschenrechte im Islam, verkündet in Paris im Jahre 1981, enthält einen Artikel über das Recht zu religiöser Freiheit (art. 13). Er ist jedoch sehr kurz, und sagt lediglich: "Jede Person hat Freiheit des Glaubens und Freiheit des Gottesdienstes im Einklang mit ihrem Glauben:"dir deine Religion, mir meine".(Q 109, 6) Der darauffolgende Artikel betrifft das Recht, zur Religion einzuladen (da`wa) und diese zu verkünden (balâgh). Der Artikel bleibt jedoch vage. Er sagt nicht klar und eindeutig, ob Anhänger von nichtislamischen Religionen das Recht haben oder nicht, ihre Religion zu verbreiten. Außerdem finden wir in diesem Dokument kein Wort über das Recht, seine eigene Religion zu wechseln.

Die Frage der menschlichen Würde und der Rechte, die auf ihr gründen, ist eine Frage, über welche Christen und Muslime, die das nötige Wissen und das nötige Vertrauen ineinander haben, ihre Ansichten austauschen sollten, in der Hoffnung, so der menschlichen Person und damit der Welt besser einen zu können.


2.6.  Gegenseitigkeit

Das Recht auf Religionsfreiheit gilt für Individuen und auch für religiöse Gemeinschaften. Es umfasst das Recht, eine Religion zu praktizieren und das Recht, diese Religion mit anderen zu teilen. Die Ausübung dieses Rechtes kennt keine territorialen Grenzen. Es betrifft alle Länder, ob sie nun mehrheitlich christlich, mehrheitlich muslimisch oder mehrheitlich hinduistisch, buddhistisch oder mehrheitlich nichtreligiös sind. Eine Religion sollte nicht für die zu ihr gehörenden Religionsangehörigen religiöse Freiheit in einem Land fordern, während sie dasselbe Recht Angehörigen anderer Religionen in einem Land verweigert oder erschwert, wo sie die Mehrheit hat. Das ist es, was wir mit Gegenseitigkeit meinen.

Am 21. Juni, dem Tag an dem die erste Moschee in Rom feierlich eröffnet wurde, sprach Johannes Paul II. in der Generalaudienz von der Notwendigkeit der Gegenseitigkeit. "Eine große Moschee wird heute in Rom eröffnet. Dieses Ereignis ist ein beredtes Zeichen für die religiöse Freiheit, die hier respektiert wird im Hinblick auf jeden Gläubigen. Und es ist bezeichnend, dass in Rom, dem Zentrum der Christenheit und dem Sitz des Nachfolgers des hl. Petrus, Muslime ihren eigenen Ort haben für den Gottesdienst mit vollem Respekt für ihre Gewissensfreiheit. Bei einer bedeutenden Gelegenheit wie dieser ist es leider notwendig zu unterstreichen, dass in einigen muslimischen Ländern vergleichbare Zeichen der Anerkennung der Religionsfreiheit fehlen. Und doch wartet die Welt, an der Schwelle zum dritten Jahrtausend, auf diese Zeichen. Religionsfreiheit ist jetzt ein Bestandteil vieler internationalen Dokumente geworden und ist einer der Pfeiler der heutigen Gesellschaft." (Osservatore Romano, Weekly Engl. Edition, 28. Juni 1995, S. 11)

Wir haben verschiedene Hindernisse, die sich der christlich-muslimischen Zusammenarbeit in den Weg stellen, erwähnt. Doch ziehen wir es hier vor, die Hindernisse als Herausforderungen zu betrachten, denn auf diese Weise gibt es Raum für die Hoffnung, dass sie durch ehrliche, beiderseitige Anstrengung und den Willen zu wahrem ijtihâd (d.h. neues Durchdenken religiöser Fragen von den Quellen her) überwunden werden können. Damit sind wir beim dritten und abschließenden Teil unseres Vortrags.


3. Wege, den Herausforderungen zu begegnen

3.1.  Das historische Gedächtnis heilen

Die Geschichte der muslimisch-christlichen Beziehungen sollte in aller Ehrlichkeit und mit aller möglichen Objektivität, auch gemeinsam und im kritischen Gespräch, studiert werden. Fehler und Übeltaten der Vergangenheit sollten als solche benannt und ehrlich und öffentlich bedauert werden. Vergebung sollte gesucht und geschenkt werden. Nur so wird Versöhnung möglich werden. Wie die Botschaft Kardinal Arrinzes, des nigerianischen Präsidenten des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, zum Fest des Endes des Ramadan 1995 es formulierte: ohne wahre Versöhnung können wir uns nicht gemeinsam engagieren weder zum Nutzen der Mitglieder unserer eigenen Glaubensgemeinschaft, noch der Gläubigen und Suchenden in aller Welt.

Solch ein gründliches und kritisches Studium der Vergangenheit schließt das lobende Anerkennen ein all dessen, was eine bestimmte religiös-kulturelle Gemeinschaft zur allgemeinen Kultur und Wissenschaft beigetragen hat. Araber, die meisten von ihnen Muslime, trugen zum Beispiel wesentlich zur Entwicklung der westlichen Zivilisation bei. Ohne ihren Beitrag wäre die Geistesgeschichte des Christentums und des Abendlandes anders verlaufen, und es würden ihr wichtige Elemente fehlen. Christliche Gemeinschaften lebten im Mittleren Osten Jahrhunderte vor dem Kommen des Islam, und die Arabische Kultur verdankt ihnen viel. Die kritische Rezeption der Vergangenheit gibt uns Zuversicht und Realismus für die gemeinsamen Aufgaben der Zukunft. Ich würde meinen, dass wir in Deutschland resoluter versuchen müssen, an den Staatsuniversitäten und an privaten Einrichtungen das gemeinsame Forschen und Lehren der Kulturen und Religionen, gerade auch was Islam und Christentum betrifft, zu fördern. Die Kirchen in Deutschland können und müssen noch mehr tun, um seitens der Christen auf allen Ebenen ein adäquates Verstehen der Kultur und Religion der Muslime zu fördern. Dabei sollten die Kriterien und Methoden der modernen Humanwissenschaften gelten, wie diese ja auch gelten im Studium der christlichen Tradition. Umgekehrt haben die Muslime weltweit, und heute besonders die Muslime in Europa noch fast alles zu tun, um ihrerseits das Christentum in Geschichte und Gegenwart so kennenzulernen, wie es sich selbst versteht, hier wiederum nach den Kriterien der Humanwissenschaften, besonders der Religionswissenschaft und Theologie. Hier sind die verschiedenen Gruppierungen der Muslime in Europa unmittelbar gefragt und herausgefordert. Schade, dass z.B. der Verein der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) die Islâh Akademie in Köln-Mühlheim und ihre Arbeit nach einem hoffnungsvollen Beginn im Herbst 2001 wieder geschlossen hat.

3.2.  Selbstkritik lernen

Selbstkritik ist nicht einfach. Sie muss gelernt werden. Papst Johannes Paul II. möchte, gerade zu diesem Zeitpunkt, am Anfang des dritten Jahrtausends, dass die Katholische Kirche ihr kollektives Gewissen erforscht in Bezug auf das vielfache Versagen ihrer Kinder im vergangenen Jahrtausend und besonders auch dem vergangenen Jahrhundert, in Vorbereitung auf das Jahr 2000. Er sagt, die Kirche "soll sich stärker bewusst werden der Sündhaftigkeit ihrer Kinder und sich an die Momente in ihrer Geschichte erinnern, wo sie sich entfernt hatten vom Geist Christi und seiner Frohen Botschaft und wo sie, statt der Welt das Zeugnis eines Lebens inspiriert von den Werten des Evangeliums zu geben, in ihrem Denken und Handeln Christus skandalös verraten haben. Obwohl die Kirche als Leib Christi, des Auferstandenen heilig ist, weiß sie auch darum, dass sie Kirche aus Sündern ist. Deshalb hört sie nicht auf, Reue und Buße zu tun vor Gott und den Menschen." (Tertio Millenio Adveniente, 33)

Sollten Muslime einen ähnlichen Prozess in Gang setzen, dann würden, so hoffen wir jedenfalls, die gegenseitigen Beziehungen zwischen ihnen und den Christen sozusagen von den Wurzeln her saniert werden. Wie oben schon gesagt wurde, Selbstkritik ist ein Zeichen von Transparenz und Kraft.


3.3. Religion befreien von politischer Manipulation und von direkt politischen Machtansprüchen

Christliche und muslimischen Verantwortliche können nicht indifferent bleiben angesichts der Manipulation der Religion durch Politiker. Der Religion sollte die notwendige Freiheit gegeben werden, um sich auf Glauben, Ritual und moralische Lehre zu konzentrieren. Gott ist im Zentrum jeder genuinen Religion. Politiker und Regierende sollten unparteiisch sein gegenüber allen Religionen. Religiöse Führer, die der Versuchung verfallen, ihre Religion missbraucht und zu einem Instrument einer politischen Partei werden zu lassen, sollten an die negativen Konsequenzen solcher Vorgänge denken. Wenn die politische Partei oder Bewegung, der eine Kirche oder religiöse Gruppe sich verschrieben hatte, die Macht verliert, wird letztere eine verachtete Witwe. Es wäre sicher nützlich, wenn von Zeit zu Zeit religiöse und politische Verantwortliche sich treffen würden, um solche Fragen zu diskutieren.


3.4.  Sich dem politischen Extremismus widersetzen und die Religionsfreiheit fördern

Genau so wie alle anderen haben auch Muslime und Christen keine wirklich gangbare Alternative zum Leben in einer kulturell und religiös pluralen Welt und wohl auch nicht zu plural organisierten Staaten. "Es gibt keinen Zwang in der Religion" verkündet der Koran. (Q 2, 256) Religion wird angeboten, nicht aufgezwungen. Religiöse Einheit oder Konformität, die als ein Resultat von Zwang - physischem, psychologischem, wirtschaftlichem, sozialem oder welcher Form von Zwang auch immer - durchgesetzt wird, ist ein Hohn auf die Würde der menschlichen Person. Erzwungene Einheit und Einheitlichkeit des Glaubens und der Glaubenspraxis sind Gottes nicht würdig und stehen damit auch im Widerspruch zum Wesen wahrer Religion. Religiöse Fanatiker bedürfen der radikalen Umkehr.

Im Hinblick auf diejenigen, die im Namen der Religion Gewalt anwenden, muss man sagen, dass sie gravierende Akte der Gottes- und Religionsverachtung begehen. "Niemand, der im Namen desselben Gottes wagt seinen Bruder zu töten, soll die Illusion nähren, dem großen und barmherzigen Gott gegenüber treu zu sein. Religion und Frieden gehen zusammen: Krieg zu führen im Namen der Religion ist ein eklatanter Widerspruch", sagte Papst Johannes Paul II. zur Weltkonferenz für Religion und Frieden (im Osservatore Romano, Weekly Edition, 16 Nov 1994, S. 2)

Weitsichtige religiöse Führer und weise Staatsmänner werden gebraucht, um die Menschen zu überzeugen, dass Religionsfreiheit eines der kostbarsten der Menschenrechte ist und dass niemand daran gehindert werden darf, dieses Recht auszuüben, solange die gerechten Ansprüche anderer Menschen dadurch nicht verletzt werden.


3.5. Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung der Benachteiligten und Gerechtigkeit

Armut, Unterentwicklung, Ungerechtigkeit und Korruption sind fruchtbarer Nährboden für das Wachsen von extremistischen religiösen Tendenzen. In solchen Gesellschaften können diejenigen, die die gegenwärtige Situation ablehnen und die die Regierung, die an der Macht ist, bekämpfen, leicht die Unterstützung der leidenden, armen. an den Rand gedrängten Masse finden, die im Übrigen die große Mehrheit der Bevölkerung ausmachen. Sie brauchen nur extravagante religiöse Forderungen zu stellen. Leicht erliegt man in dieser Situation der Versuchung, die Lösung in einer gewaltsamen Wiederherstellung der originalen Phase der Religion zu sehen. Diese betrachtet man als reine und originale Form.

Die wirksame Antwort besteht jedoch nicht in der Verfolgung der religiösen Fanatiker. Eher ist es das gemeinsame Engagement von Christen und Muslimen zusammen mit Gleichgesinnten für Gerechtigkeit, Entwicklung, gesunde wirtschaftliche Programme, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit im öffentlichen und privaten Leben und der Wille auf Seiten der Reichen, ernste Solidarität zu praktizieren mit den Armen. Friede steht auf den Pfeilern von Liebe, Wahrheit, Gerechtigkeit und Solidarität.


3.6.  Mehr Aufmerksamkeit der geistlichen Dimension schenken

Die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen werden im 21. Jahrhundert größeren Fortschritt machen, wenn und insoweit auf beiden Seiten zunehmend der Akzent auf die Entwicklung und Vertiefung der geistlichen Dimension gelegt wird.

Die Kenntnis der anderen Religion, Religionsfreiheit, öffentliche Aussprachen, Dialoge und gemeinsame Projekte sind gut und wichtig. Aber sie alleine genügen nicht. Größere Aufmerksamkeit auf Gott, seine Gegenwart, seinen Anspruch ist notwendig. Je mehr ein Muslim und ein Christ sich in Gebet, Offenheit zu Gottes Wirken im Menschen auf Gott einlassen, je mehr sie bereit sind, Gottes Willen zu tun, desto näher werden sie sich kommen in ihren Beziehungen zueinander und im gemeinsamen Wirken in der weiteren Gesellschaft. Mit anderen Worten: interreligiöse Beziehungen werden am wirkungsvollsten vorangebracht von Gläubigen, die in religiösen Dingen tief verankert und engagiert sind.

Das heißt, dass diejenigen, die die Zusammenarbeit von Muslimen und Christen erweitern und vertiefen möchten, sich einander ermutigen sollten zu Engagement im geistlichen Leben, zu Aufmerksamkeit auf Gott und seinen Willen, zu Umkehr des Herzens in wachsender Anhänglichkeit an Gottes Willen, Gebet, Askese, Aufrichtigkeit des Herzens, Liebe zum Nächsten. Derart eingestellte christliche und muslimische Verantwortliche werden sich besser verstehen und wirksamer positive gegenseitige Beziehungen aufbauen können als gelehrte Vertreter der beiden Religionen, die wenig von dem praktizieren, was sie lehren.


3.7.  Gemeinsame Sorge für den verantwortlichen Gebrauch der Güter der Erde

Experten sagen uns, dass in unserer Zeit 20 Prozent der Menschheit 80 Prozent der Güter der Erde verbrauchen und somit nur 20 Prozent für vier Fünftel der Menschheit übriglassen. Außerdem reduzieren gewisse reiche Länder die Produktion von Nahrungsgütern, um die Marktpreise auf möglichst hohem Niveau zu halten, während es gleichzeitig Länder gibt, deren Einwohner nicht genügend zu essen haben. Wir haben keine Experten nötig um zu wissen, dass die Güter der Welt zerstört oder radikal reduziert werden durch Geiz, Verantwortungslosigkeit und Krieg.

Hier eröffnert sich ein weites Feld für christlich-muslimische Zusammenarbeit in der Zukunft, in einer Welt in der sich die Menschen immer stärker ihrer gegenseitigen Abhängigkeit bewusst werden und in der auch die Christen und Muslime als Diener des Einen Herrn und Schöpfers aufeinander verwiesen und miteinander in den Dienst am Ganzen gewiesen werden.

Wir haben summarisch einige Richtungen aufzuzeigen versucht, die die christlich-islamischen Beziehungen im nächsten Jahrhundert einschlagen könnten und sollten. Werden wirkliche Schritte in der angegebenen Richtung zurückgelegt, dann ist dem Weltfrieden substanziell gedient. Möge Gott Christen und Muslimen als Gläubigen helfen, sich Seinem Ruf zu öffnen, zu gemeinsamem Denken, Planen und Handeln, in Seinem Dienst, zu Seiner größeren Ehre und zum wahren Fortschritt der menschlichen Gesellschaften.


4.  Schlussbemerkung

Mir will scheinen, dass es heute vor allem um folgendes geht: zu erkennen, wo wir, Christen und Muslime einer Meinung sind und wo nicht, und dann sich gemeinsam zu engagieren für den Aufbau der "weiteren" oder "größeren", normalerweise pluralen Gesellschaft, in der Haltung des Dienens und eben nicht bloß der Maximierung des korporativen Selbstnutzens. Es geht um einen Grundkonsens, eine gemeinsam aktiv verteidigte Anerkennung der Tatsache, dass alle Menschen, wie groß ihre Verschiedenheit auch sein mag, gleich sind, was ihre menschliche Würde angeht. Es geht um das ehrliche Bemühen, ein Minimum gemeinsamer Basis gemeinsam zu definieren und effektiv anzuerkennen, gerade auch auf der Basis einer adäquaten Interpretation der jeweiligen Heiligen Schriften und Gründerbiographien - so, dass ein Christ mit gutem biblischen Gewissen und ein Muslim mit guten koranischem Gewissen eine den weltanschaulichen Pluralismus achtende und fördernde demokratische Ordnung anerkennt und sich für ihre Durchsetzung und Vervollkommnung einsetzt.

Eine Konvivenz aller, Agnostiker, Christen, Muslime, Buddhisten usw. in unseren global vernetzten und bis auf die regionalen und nationalen Ebenen immer mehr plural zusammengesetzten Gesellschaften setzt eine politische Ordnung voraus, in welcher die Vernunft herrscht, in der jedoch gleichzeitig der Glaube weder negiert noch verfolgt wird.

Mit anderen Worten, Christen und Muslime sowie die Buddhisten und die vielen anderen religiösen Gruppierungen benötigen ein religiöses aggiornamento. Dies kommt nicht von heute auf morgen zustande, denn es ist in der Tat nicht einfach, das Wesentliche, Unabdingbare von dem zu unterscheiden, was verzichtbar ist. Die einen gehen zu weit, die anderen nicht weit genug. Schritt für Schritt ergibt sich aber doch wohl der gangbare und von allen vertretbare Weg.

Die katholischen Kirche hat sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil als ganze verpflichtet, sich es sozusagen einklagbar vorgeschrieben, diesen Weg der Unterscheidung zu gehen. Können die Muslime auf ihre eigene Art dasselbe tun? Davon hängt sehr viel ab. Sollte sich bei den Muslimen der nicht zu leugnende heutige islamistische Trend als maß- und tonangebend durchsetzen, d.h., die Tendenz, die zwar bereit ist, materiellen und technischen Fortschritt zu akzeptieren, nicht aber gleichzeitig die Notwendigkeit eines aggiornamento im angedeuteten Sinn (besonders im Hinblick auf Pluralismus und der Demokratie), dann wird uns die Vergangenheit mit den gewaltsamen Auseinandersetzungen und bewaffneten Kämpfen wieder einholen und uns erneut in eine Situation versetzen, in der es nur eine Alternative gibt: beherrschen oder beherrscht werden. Konvivenz dagegen setzt die respektvolle kritische Reflexion auf das Wesentliche des Glaubens voraus und das nicht-Wesentliche - im Licht dessen was doch wohl der Inbegriff der islamischen sowie der christlichen Botschaft ist: Friede allen Menschen in Gerechtigkeit und Anerkennung ihrer Verschiedenheit.