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Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen

Jörg Splett

ZUM THEMA TOLERANZ

Christlich-philosophisch

1. In seiner Untersuchung Veritas sive Varietas(1) hat Friedrich Niewöhner es unternommen, als verschwiegenes Vorbild von Lessings Nathan den Rambam: Maimonides zu erweisen. Das Fazit seiner abenteuerlichen Spurensuche kann er mit Uriel da Costa ziehen (319f): In Berufung auf die Religion Adams bzw. Noahs tritt an die Stelle der Intoleranz der jeweiligen Offenbarungsreligion die Intoleranz ihnen allen gegenüber. »Bei Uriel stammt der Satz, Moses (und Christus und Muhammad) sei ein Betrüger gewesen, aus derselben Quelle wie der Satz, er sei weder Jude, noch Christ, noch Muhammedaner«: aus der Tradition der Marranen. Entweder seien eben alle Religionen wahr oder keine (206f). Die Ringparabel kann man dann als Korrektur der Betrüger-These auffassen. Hier betrügen nicht die drei Stifter, sondern der Vater. »Der Vater ist der erste Betrüger - ob die Söhne Betrüger sind oder nicht, das ist eine andere Frage, auf jeden Fall sind sie Betrogene. Diesen Betrogenen gibt der weise Richter dann den Rat, wie sie es vermeiden können, darüber hinaus als betrogene Betrüger angesehen zu werden« (53).

Angesichts dieser Wendung nun verstehe ich nicht, wie nicht bloß bei Deutsch-, sondern auch Religionslehrern das Lessingsche Angebot auf derart breite Akzeptanz trifft. Jede(r) hat Anspruch auf Wahrung von Namen und Ehre, also auch jene drei, die der Anonymus Betrüger heißt. Doch nicht gleichermaßen Gott selbst?(2)

2. Was wäre denn Toleranz in rechtem Verständnis? Ein Lexikon wie der Große Herder nennt Toleranz erstens allgemein als sachliche das Geschehenlassen eines Übels, weil der Verzicht auf ein Einschreiten klüger zu sein scheint; als persönliche das Hinnehmen dessen, was einem von anderen als Übel widerfährt; zweitens die Duldung anderer religiöser und weltanschaulicher Überzeugungen und Betätigungen (eigens genannt die Toleranz des Staates); drittens die Gewährung von Glaubens-, Bekenntnis- und Kulturfreiheit an die Angehörigen verschiedener religiöser Gemeinschaften.

Die zweite Bestimmung (mit Einschluß der dritten) beschäftigt uns hier. Dabei sind die unterschiedlichen Gruppen-Verhältnisse bedeutsam. Toleranz unter den Konfessionen muß nicht dieselbe Gestalt zeigen wie gegenüber anderen Religionen oder gegenüber purer Diesseitigkeit - ebenso Toleranz gegenüber Einzelnen oder geschlossenen Gemeinschaften. Wichtiger aber ist die Bestimmung der Toleranz nach ihrer Motivation.

Einer neutralen Toleranz geht es um die äußere Ruhe und den allgemeinen Frieden; von Wahrheit oder Nichtwahrheit der unterschiedlichen Positionen sieht sie ab. (Konkret realisieren läßt sie sich freilich nicht; denn so wenig neutral wie das Schulgebet ist der Verzicht darauf, nicht anders bei Kreuzen in der Öffentlichkeit, bei Sonn- und Feiertagsregelungen usf.) Als indifferente (oder relativierende) Toleranz ist davon jene Haltung abzuheben, die den Gruppen (konsequent auch der eigenen) nur relative Wahrheit zubilligt und sie deshalb grundsätzlich alle gleichstellt. Die Attitüde des überlegenen Schiedsrichters im Blick auf dogmatische »Befangenheiten«.(3)

In ihr gibt sich der zeitgemäße Lehrer als »Meisterdesillusionierer. Nur eins verlangt er noch: Man soll ihn nichts mehr fragen. Damit hat er die Antwort auf alles. Die kokette Bescheidenheit des 'schwachen' und 'kraftlosen' Denkers hat seinen Dekonstruktionismus zum Maß aller Dinge erhoben. Was bleibt im Einsturz der Ideale, jenseits von Gut und Böse? Ich, antwortet er, ich bleibe - und das ist genug.«(4) - Freilich müssen nach außen die Werte hochgehalten werden. »Hinter den Kulissen aber wird mit den Augen gezwinkert. Man schiebt die öffentlichen Vorurteile beiseite und hält auf einen Zynismus der guten Gesellschaft« (ebd.).

Dem, der von der verpflichtenden Geltung des von ihm Erkannten überzeugt ist, bleibt diese Lösung unannehmbar; sowohl im Blick auf theoretisch-praktische »Vernunftwahrheiten« (wie etwa, daß Vergewaltigung schlechthin verboten, menschenunwürdig ist) als auch in religiöser Überzeugung (so der von Christen, daß Gott sein letztes Wort in Jesus von Nazareth gesprochen hat). Er kann taktische Toleranz üben, als notgedrungene Konzession, oder eine Haltung, die man positive Toleranz nennen könnte.

Irreführend ist die Rede von dogmatischer (In-)Toleranz. (Sie spricht zudem schon aus indifferenter, relativierender Position.) Die Weigerung, sein Credo zur Privatmeinung herabzustufen, ist als solche weder tolerant noch intolerant. Jemand bekennt schlicht Sätze als wahr, von deren Wahr-sein er überzeugt ist. Was mitnichten heißen muß, er glaube nur, statt zu wissen. Wissen bedeutet ein Wahrheitsverhältnis. Ist wahr eine Behauptung, die (Aristoteles) »sagt, was ist« - auch ahnungsloserweise - , so heißt Wissen, daß man sich des Zutreffens bewußt ist. Dies kann eigener Ein-sicht entspringen oder dem gerechtfertigten Vertrauen auf das Wort eines andern. Warum sich der Etymologie unterwerfen und 'Wissen' auf den »optischen« Zugang zur Wirklichkeit beschränken? Es gibt auch ein Erkennen, das als Glauben (ursprünglich: lieb halten, [sich] anvertrauen) geschieht (vgl. Gen 4, 1). Toleranz aber ist nicht der Name für ein Verhältnis zur Wahrheit, sondern für zwischenmenschliche Beziehungen - im Hinblick auf die Wahrheitsfrage.

So ist auch die Rede von »exklusiver« und »inklusiver Intoleranz« nicht glücklich. Der Glaube an Jesus Christus als Herrn (Phil 2, 9-11) stellt ihn zwar exklusiv allen anderen Heilbringern als den Einzigen gegenüber (Apg 4, 12); aber dies - wie eine entsprechend einladende Verkündigung (2 Kor 5, 17-20; Apg 4, 20) - ist mitnichten intolerant. - Es geht ja nicht eigentlich um Theorien, die dem Welt-Geheimnis mehr oder weniger gerecht werden können - so sehr auch dies zum religiösen Selbstverständnis gehört; sondern - statt um Was-Verhalte - um Antwort auf ein Sich-Zeigen; christlich: auf die Daß von Gottes Selbstzusage in Jesus Christus.

Da wir über das hiermit erschlossene Was von Gott/Mensch/Welt nie genug wissen und lernen können, bedürfen wir alle des Dialogs. Denn zwar ist - nach Anselms herrlicher Bestimmung - Gott unüberbietbar, und so auch sein unableitbar freier Beschluß zur Mitteilung Seiner selbst, nie aber unser Reden von ihm.

Früher hatte man militanten Christen zu sagen, daß in der Tat »der Irrtum kein Recht hat«; doch eben darum, weil er überhaupt kein Rechtssubjekt ist - dies sind nur Menschen, und daß denen die Gewissensfreiheit nicht etwa erst zu gewähren, sondern schlicht zu gewährleisten sei. Neuerdings wird es offenbar nötig, zunächst dies Gewissensrecht gerade für Christen zu fordern: gegenüber einer libertären Intoleranz, bei welcher (fast) »alles geht« - und durchgeht - außer dem Wahrheitsbekenntnis.(5)

Sodann den Unterschied anzumahnen, der zwischen Nötigung und u. U. sogar verlangter Abwehr besteht. Der wird verdeckt, wo man umstandslos gegen »Gewalt« spricht. So sehr man niemanden zu Taten gegen sein Gewissen zwingen darf, so sehr ist man gegebenen Falles verpflichtet, Überzeugungstäter daran zu hindern, ihrem Gewissen zu folgen. - Eines ist die Achtsamkeit darauf, den Anderen und Fremden in seinem Eigensein gelten zu lassen, ein anderes dickfellige oder/und feige Wurstigkeit (Offb 3, 16: Lauheit) bei zynischen Angriffen auf Wahrheitsliebe und Glauben - sei es an einen Menschen, sei es an Gott.

3. Christlich gehört Toleranz in einen dreifachen Einsatz, den der Gemeinsamkeit (koinonía) - weshalb sie mehr ist als bloße Duldung, nämlich Erleiden der Differenz; den des Dienstes (diakonía) - darum beansprucht der Christ sie für sich; schließlich den von Zeugnis und Verkündigung (kérygma) - daß er die anderen (einschließlich Nathan-Lessings) als »anonyme Christen« hofft, entbindet ihn nicht von diesem Auftrag.

Es zeigt sich so, meint Gabriel Marcel, »daß das, was wir unter den Namen Toleranz stellen, in Wirklichkeit ein Mittelding ist zwischen psychologischen Dispositionen, die sich übrigens selbst wieder zwischen dem Wohlwollen, der Gleichgültigkeit und dem Abscheu, einem maskierten Machiavellismus, abstufen, - und einem geistigen Dynamismus völlig anderer Art, der in der Transzendenz seinen Haltepunkt und sein Bewegungsprinzip findet.« Oder noch klarer: Es »ergibt sich, daß die Toleranz gleichsam vor unseren Augen zerfällt. Auf der einen Seite schmilzt sie, im Sinn des Skeptizismus verstanden, zur Gleichgültigkeit zusammen; auf der anderen wandelt sie sich in Liebe um...«(6)




1. Veritas sive Varietas. Lessings Toleranzparabel und das Buch Von den drei Betrügern, Heidelberg 1988.

2. Zu einer Kritik jüdischerseits: Paul Mendes-Flohr, Mendelsohn and Rosenzweig, in: W. Schmied-Kowarzik (Hrsg.), Der Philosoph Franz Rosenzweig (1886-1929). I-II, Freiburg/München 1988, (I) 113-223; F. Rosenzweig, Ges. Schriften, Haag 1979ff, III 449-453.

3. Niewöhner 136: »Der Weg von der Toleranz zur Verachtung der anderen war immer sehr kurz.«

4. A. Glucksmann, Die Augen der Erinnerung oder La 'Trostlosigkeit' de la Philosophie, in: FAZ-Magazin vom 18.8.1995, 16-20, 18f.

5. Man darf sich wundern, daß Nathan ausgerechnet Beliebtheit als Wahrheitskriterium nennt. Statt einer Martyrer-Liste (nicht erst) von Sokrates an nur ein Aperçu G. Chr. Lichtenbergs: »Vom Wahrsagen läßt sichs wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheit sagen« (Sudelbücher J 787: Schriften u. Briefe [W. Promies], München 1968ff, I 763).

6. Schöpferische Treue, München u.a. 1963, 197-207 (Phänomenologie und Dialektik der Toleranz), 207; Die religiöse Toleranz, in: Orientierung 23 (1959) 252f, 253.