Gerhard Podskalsky
Probleme der Vermittlung
zwischen
östlicher und westlicher Kultur
| Gedruckt in: Stimme der Orthodoxie, Festschrift Konrad Onasch, 3/1996, 53-55 |
Der anspruchsvolle Titel meines Beitrages läßt vielleicht nicht sofort erkennen, wovon ich berichten möchte. Als Geisteswissenschaftler habe ich weder aufsehenerregende Ausgrabungen noch sensationelle Handschriftenfunde oder ähnliches mitzuteilen, sondern möchte den Leser nur an grundsätzlichen Überlegungen teilhaben lassen, die sich mir bei der Abfassung dreier Handbücher je unterschiedlicher orthodoxer Nationalliteraturen des Mittelalters bzw der frühen Neuzeit aufgedrängt haben.
Mehr denn je kommt es heute darauf an, wieder zusammenzuführen, was innerlich zusammengehört, wie z. B. die seit tausend Jahren getrennten Kulturen des europäischen Westens und Ostens; das häufig gebrauchte Bild vom notwendigen »Atmen mit beiden Lungenflügeln« (Papst Johannes Paul II.) unterstreicht nur die vitale Bedeutung dieses dringend anstehenden Prozesses. Allerdings hängt die Chance des Gelingens einer Annäherung oder gar Einigung davon ab, ob die beiden Partner einerseits die innere Freiheit besitzen, ihre jeweilige Position und Tradition historisch-kritisch in Frage zu stellen (bzw. hinterfragen zu lassen) und andererseits sich gegenseitig so darzustellen, daß ihr geistiges Erbe dem anderen weder abstoßend-fremd, noch exotisch-alternativ (und damit nur partiell und akzidentell anziehend) erscheinen muß.
Nach dieser kurzen Einleitung zu meinem Anliegen möchte ich zunächst die drei eingangs genannten (Nachschlag-)Werke vorstellen, um dann einige häufig wiederkehrende Schwierigkeiten der Vermittlung aus der Sicht des Außenstehenden aufzuzeigen. Zum Abschluß sei dann aus jedem Buch eines von vielen (möglichen) Beispielen genannt, wie scheinbar archetypische Besonderheiten des Ostens in Wirklichkeit dem Westen auf mannigfache Weise nahestehen, ja z. T. auf Umwegen aus ihm stammen. - Die drei Werke befassen sich mit der Geistesgeschichte von drei bzw. vier) orthodoxen Ländern des europäischen (Süd-)Ostens, und zwar unter sprirituell-theologischer (d. h. originärer) Rücksicht; ihre Titel (in chronologischer Reihenfolge des Erscheinens) lauten:
- Christentum und theologische Literatur in der Kiever Rus' (988-1237), München 1982;
- Griechische Theologie in der Zeit der Türkenherrschaft (1453-1821), München 1988;
- Bulgarische und serbische theologische Literatur des Mittelalters (864-1396 bzw. 1459) [in Vorbereitung (ca. 1995)].(1)
Etwa in der Form der schon gut eingeführten Handbücher zur Patrologie (Altaner, Quasten u. a.) die gesamte geistliche Literatur (nach Gattungen) einer in sich geschlossenen Epoche vorzustellen und zu werten, lag jedem Werk als Zielvorstellung zugrunde; dabei war besonders beim ersten und dritten Werk darauf zu achten, daß es sich bei seinem Stoff methodisch um vorscholastische Schriften handelt, die dem westlichen, nachscholastischen Leser nicht leicht als hoch- und gleichwertig im Sinne der abendländischen Literatur jener Epoche zu vermitteln sind. Wie selbstverständlich ergaben sich bei der Bearbeitung des oft weitverstreuten, nur mühsam vollständig zu erhebenden Materials neue Einsichten in die kulturelle Differenziertheit der einzelnen orthodoxen Nationen, selbst im inneren Kreis der angeblich uniformen »Slavia orthodoxa«. Gerade dies ist aber der Punkt, der mir die Sisyphusarbeit erträglich, ja lohnend erscheinen ließ; es war mir auch eine Freude und Bestätigung, daß die über 50 ausnahmslos positiv urteilenden Rezensenten des ersten Werkes, dessen russische Ausgabe inzwischen (1991) in die Wege geleitet wurde, sich aus den verschiedensten Konfessionen (Katholiken, Altkatholiken, Protestanten, Orthodoxe verschiedener Länder und Jurisdiktionen, Atheisten) und Fakultäten (Historiker, Philologen, Theologen) rekrutierten.
Wo liegen nun die Probleme der Vermittlung? Ein Hindernis liegt sicher in der bei den byzantinisch-slavisch geprägten, orthodoxen Nationalkirchen seit 40-50 Jahren vorherrschenden Ausrichtung auf die palamitische bzw. neopalamitische Theologie. Ihr wissenschaftstheoretisch relevantes, theologisches Grundaxiom beruht auf der Leugnung der Möglichkeit einer natürlichen Gotteserkenntnis sowie der Forderung nach einer sinnlich-geistigen Erfahrung Gottes (durch die göttlichen Energien, d.h. die Schau des ungeschaffenen Taborlichts), ja selbst der Heiligkeit als Voraussetzung einer authentischen Theologie; diese Präsupposition wird der stärker rational verfaßten Theologie des Westens (der entscheidende Einschnitt zeigt sich schon bei Augustinus!) generell abgesprochen. Aus dem genannten Axiom ergibt sich ferner die Konsequenz einer doppelten, unvereinbaren Wahrheit; denn dem Vernunftwissen steht unvermittelt und unrückführbar ein Glaubenswissen gegenüber. Die Wiederentdecker dieser seit der Lebenszeit des hl. Gregorios Palamas (+ 1359) bis zum Anfang dieses Jahrhunderts weitgehend vergessenen oder aufgegebenen Lehre waren zunächst Russen (Florovskij, Kern, Losskij, Meyendorff, Prochorov u. a.), dann aber auch Griechen (Chrestu, Mantzarides, Romanides u. a.), Serben (Jevtic, Radovic u. a.) und Rumänen (Staniloe). Es ist wohl ohne weitere Erklärung einsichtig, daß diese monastisch orientierte, d.h. als Fortentwicklung des athonitischen Hesychasmus entstandene Theologie kaum dialogfähig ist, es sei denn zum Zwecke der einseitigen Bekehrung.
Welcher Spielraum bleibt damit zur Vermittlung an den westlichen Christen, der seine Tradition nicht einfachhin zur Disposition stellen will? Vielleicht ist in diesem Kontext der Hinweis nicht unwichtig, daß die scheinbar originär östliche Theologie des Palamas fast gleichzeitig, aber sicher ohne gegenseitige Kenntnis oder Beeinflussung, eine gewisse Parallele im Westen hat, und zwar in der Person des deutschen Benediktiners Johannes von Kastl (1370 - nach 1426); dieser mystische Denker verfaßte u.a. zwei Traktate mit den Titeln: »De lumine creato« und »De lumine increato« (ed. J. Sudbrack, Die geistliche Theologie des Johannes von Kastl, II, Münster 1966, 11-122), deren Existenz nicht nur im Westen, sondern auch orthodoxen Theologen bisher völlig unbekannt geblieben zu sein scheint. Anders als Palamas verstand aber Johannes von Kastl (Oberpfalz) seine Einsichten über das ungeschaffene Licht nicht als ausschließlichen Weg der theologischen Erkenntnis, sondern als komplementäre Option, wie es übrigens auch in Byzanz üblich war - eben bis zum Palamitenstreit. Noch in der großen theologischen Debatte des II. Jahrhunderts standen sich der Mönch Symeon der Neue Theologe (+ 1022) samt seinem Schüler / Redaktor Niketas Stetathos und die Schultheologie eines Stephanos von Nikomedeia als Exponent einer humanistischen Bildungsschicht (Johannes Mauropus, Michael Psellos, Johannes Italos, Eustratios von Nikaia u. a.) gegenüber, von denen nur einige Autoren mit extremen Thesen vom kirchlichen Gericht (Synode) verurteilt wurden. Das eigentliche Problem des Palamismus besteht also nicht in seiner Existenz oder seinen Sentenzen als solchen, sondern in seinem vom Konzil (Konstantinopel 1551) legitimierten Monopolanspruch in der Theologie, das bedeutet: dem Streben nach endgültiger Ausschaltung der humanistischen Alternative. In dieser nur kurz skizzierten Einstellung vieler orthodoxer Theologen der Gegenwart liegt sicher ein gravierendes hermeneutisches Verständigungsproblem zwischen Ost und West. Andere Vermittlungsschwierigkeiten drücken sich in Schwarz-Weiß-Malerei bzw Klischeevorstellungen aus, wie z. B., die Ostkirche sei die Kirche der Liebe, die Westkirche jene des Rechts (bzw. der Gegenüberstellung von Petrus- und Johanneskirche); doch schon Chomjakov warnte im 19. Jahrhundert davor, nicht das Ideal der einen Seite mit der Realität der anderen zu vergleichen, was zu falschen Schlußfolgerungen führen müsse. Oder die Ostkirche sei die Kirche des Bildes (Ikone), die Westkirche dagegen jene des Wortes (insbesondere seit der Reformationszeit). Stringent genommen, würde diese Behauptung jeden Vergleich und jedes Gespräch unmöglich machen, Ost und West zu schlechthin inkommensurablen Größen stempeln. Tatsächlich ist solch ein Satz aber nur die halbe Wahrheit; auch die östliche Tradition ist viel reicher und offener, als es sich manche Ideologen, wie z. B. die extremen Slavophilen und Hellenophilen, träumen lassen. Auch im Westen hat die Liturgie einen hohen Stellenwert (z. B. bei den Benediktinern), während andererseits der Osten durchaus auch die rationale Spekulation kennt (vgl. z. B. die russische Sophiologie). Auch der Westen kennt das meditative Gebet der Kontemplation, wie ein rumänisch-orthodoxer Mönchspriester kürzlich überrascht in einem Zisterzienser-Kloster feststellen mußte; andererseits kennt auch der Osten seit den ersten christlichen Jahrhunderten den sozialen Einsatz in den Klöstern (neben dem Gebet): denken wir an die Hospizsiedlung »Basilias« Basileios' d. Gr., an die »psychiatrische« Abteilung für gemüts- und geisteskranke Mönche im Kloster des Theodosios Koinobiarches (Palästina), an das Vielzweckrefugium für Arme, Kranke und Pilger beim Höhlenkloster in Kiev. Auch die Aufspaltung Europas in einen individualistischen Westen und einen eher gemeinschaftsbewußten Osten (Genossenschaft / Mir) hält einer kritischen Prüfung nicht stand; gerade die großen Autoren auf beiden Seiten sind trotz Einbindung in Orden oder geistige Schulen nicht anders denn als Einzelpersönlichkeiten zu verstehen.
Angesichts dieser und anderer Hürden ist es tröstlich, daß auch immer wieder unerwartete Bindeglieder zwischen den Hemisphären in Erscheinung treten. Aus jedem meiner genannten Werke will ich nur ein Beispiel nennen: Was die Kiever Literatur betrifft, so fällt auf, daß ihr polemischer Teil nach dem Großen Schisma (1054) ausschließlich auf die aus Byzanz importierten Mönche und Metropoliten zurückgeht, während sich die einheimischen Autoren der Rus' (ca. 50) eher auf versöhnliche Aspekte verlegen (vgl. die Legende von Antonij Rimljanin). Am deutlichsten wird das im Offizium (Sluzba) auf die Translatio der Nikolausreliquien aus Myra nach Bari (1087). Während die griechische Kirche diese Rettungsaktion aus der Türkenherrschaft als Diebstahl anprangert, deutet der unbekannte Autor der Sluzba (ca. 1091) das Ereignis so: Nun sei Nikolaus als Hirte Christi auch zu den »anderen Schafen« des »lateinischen Volkes« gesandt worden, um auch sie durch seine Wunder zu Christus zu führen. Immer wieder wird die dynamische Reiseroute von Myra über Bari ins himmlische Jerusalem ausgezogen, und Nikolaos als Helfer aller Christen auf diesem Wege apostrophiert. - Ein zweites Beispiel, aus dem Bereich der metabyzantinischen Theologie: Wo der in Venedig residierende Metropolit Gabriel Severos (vor 1540-1616) die Siebenzahl der Sakramente beweisen will, verfällt er in einen auffällig hymnisch-ausladenden Tonfall. Die Erklärung dafür ist einfach, wurde aber erst in jüngster Zeit gefunden: das »Syntagmation« über die Sakramente (1600) verwertet an der fraglichen Stelle einen Traktat über Zahlenmystik (unter Einschluß der jüdischen Kabbala) des berühmten Kapuziners Laurentius von Brindisi, den Maximos Margunios zuvor ins Griechische übersetzt und Gabriel Severos gewidmet hatte. Für die Abhängigkeit griechischer und russischer Theologen von westlichen Autoren gibt es in dieser Epoche noch zahlreiche weitere Beispiele: denken wir nur an die Auswertung ignatianischer Exerzitien bei Nikodemos Hagioreites oder die oft wörtliche Benutzung Bellarmins in den dogmatischen Schriften Stefan Javorskijs. - Für den Bereich der bulgarisch-serbischen Literatur des Mittelalters schließlich sei nur auf die verblüffenden Parallelen zwischen den Literaturtheorien des Konstantin von Kostenec (ca. 1380 - 1.H. 15. Jh.s) und des Jan Hus (ca. 1369-1415) verwiesen. In ihren jeweiligen sprachreformerischen Werken, die sich mit dem Verhältnis von Orthographie und Orthodoxie beschäftigen, gibt es erstaunliche Gleichklänge, vor allem im methodischen Aufbau, die noch näher zu untersuchen wären.
Wenn wir unsere Überlegungen an dieser Stelle abbrechen, so sei als Fazit nur eines hervorgehoben: bei allen echten und künstlich aufgerichteten Verrmittlungs- und Verständigungsproblemen zwischen Ost und West bleibt die begründete Hoffnung bestehen, daß immer wieder auch verblüffende Brücken ans Licht treten, deren Bedeutung man nicht mit dem Schlagwort »Pseudo-Morphose« (G. Florovskij, nach O. Spengler), d. h. todbringende Angleichung (des Ostens an den Westen, besonders in der Zeit der Turkokratie - nach 1453) abtun sollte.
Nachtrag (1999): Zwei Titel der im voranstehenden Beitrag angekündigten Bücher lassen sich inzwischen genauer angeben:
- Christianstvo i bogoslovskaja literatura v Kievskoj Rusi (988-1237 gg.), St. Peterburg 1996;
- Theologische Literatur des Mittelalters in Bulgarien und Serbien (865-1459), München 1999 (C. H. Beck).
