Johannes Beutler SJ
Die Ehre Gottes
und die Ehre der Menschen
im Johannesevangelium
Abschiedsvorlesung am 8. 2. 2002
Zu den kostbarsten Kunstschätzen der Spätantike und des frühen Mittelalters gehören die Mosaiken der altrömischen Kirchen. Das älteste Apsismosaik altkirchlicher Basiliken befand sich in der konstantinischen Peterskirche. Nur wenige Fragmente sind von ihm erhalten, u. a. ein Brustbild des Paulus, der nach rechts zu Christus hinaufschaut - es wurde jüngst in der Eingangshalle der heutigen Peterskirche neu zugänglich gemacht, dabei freilich fälschlich als Bildnis des Petrus bezeichnet. Die Bildkomposition ist uns durch zahlreiche Abbildungen noch bekannt: Petrus und Paulus flankieren einen erhöhten Christus und weisen den Betrachter auf ihn hin. Christus erscheint verklärt über einer Landschaft, in deren Mitte aus einem Hügel die vier Paradiesesströme entspringen. An ihnen laben sich zwei Hirsche. Darunter ziehen von beiden Seiten je sechs Schafe aus einer Stadt heraus - zugleich Darstellungen der Städte Jerusalem und Bethlehem und Sinnbild des Himmlischen Jerusalem. Weitere Hinweise auf das himmlische Jerusalem kommen hinzu wie das Lamm, auf das sich der doppelte Zug der Schafe von rechts und von links hinzubewegt und das auf einem weiteren Hügel steht, aus dem die vier Paradiesesströme entfließen (eine Verbindung von Gen 2,10 und Offb 22,1; die Verdopplung des Motivs im Mosaik verdankt sich einer späteren Überarbeitung). Weitere Elemente kann man den Mosaiken der Basilika der heiligen Kosmas und Damian am Forum (frühes 6. Jh. n. Chr.) entnehmen, die offensichtlich weitgehend auf die Vorlage von Alt-Sankt Peter zurückgehen: die Symbole der vier Evangelisten, von denen diejenigen des Matthäus und Johannes noch zu sehen sind, das Lamm auf dem Buch der Geschichte zwischen den sieben Leuchtern, die vierundzwanzig Ältesten, die ihre Lorbeerkränze vorweisen usw. Die Palmen, die jeweils rechts und links das Hauptmosaik rahmen, verweisen schon auf das Motiv der Ehre. Auf der linken Palme sitzt gelegentlich ein Phönix, Symbol der Unsterblichkeit.
Diese kostbaren Mosaiken, die die Bildwelt altrömischer Kirchen des ersten Jahrtausends bei aller Variation weitgehend prägen, verdanken sich in starkem Maße der Offenbarung des Johannes. In ihrer Mitte steht der verherrlichte Christus bzw. das Lamm, das die Schöpfungsordnung vollendet (wie das Motiv der Paradiesesströme zeigt) und zugleich die Erlösung bringt und gerade so Ehre und Huldigung von den Menschen, vor allem von den Apostelfürsten und den durch die Lämmer symbolisierten Zwölf, aber auch von den vierundzwanzig Ältesten als den Repräsentanten des Gottesvolkes und von den Engeln empfängt. Die Heiligen ihrerseits sind in die himmlische Welt der erhöhten Christus entrückt, nehmen teil an der Ehre des Christus und können so auch als Fürsprecher angerufen werden. Auf die Evangelientradition verweist vor allem die Verlegung der Verherrlichungsszene an den Jordan, wie wir sie in St. Kosmas und Damian und seitdem häufiger finden. Hier erscholl ja nach den synoptischen Evangelien (Mk 1,11 par.) die Stimme vom Himmel: "Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe".
Es erscheint reizvoll, in diesen Bildwerken des ersten Jahrtausends auch einen Einfluss johanneischer Theologie zu sehen, waren doch die Künstler von der griechischen Kirche geprägt, für die der Evangelist Johannes "der Theologe" schlechthin war. Das Christusbild ist nicht das des Gekreuzigten, sondern des zum Vater Erhöhten. In seinen Glanz sind diejenigen Menschen hineingenommen, die ihm in Leben und Sterben die Treue gehalten haben. In den frühchristlichen Apsismosaiken sind es ausschließlich die Märtyrer, die in die Gemeinschaft Christi aufgenommen erscheinen. Damit klingen schon eine ganze Reihe von Themen an, die im Johannesevangelium entfaltet werden: der "Glanz Christi", der "geschaut" werden kann, als Teilhabe an der Lichtwelt Gottes, und die Ehre, die auch denjenigen Menschen zuteil wird, die um Christi und des Glaubens willen alles auf Spiel gesetzt haben. Wenden wir uns also dem biblischen Thema dieser Vorlesung zu: "Die Ehre Gottes und die Ehre der Menschen im Johannesevangelium".
1. Sprachlicher Überblick
Es sind vor allem zwei Wörter, die im Johannesevangelium von "Ehre", "Glanz" und "verherrlichen" sprechen: das Substantiv dóxa und das Verb doxázein, oft im Passiv gebraucht. Daneben tritt die Wortgrupe timé ("Ansehen", vgl. Joh 4,44) und timáo "ehren" (Joh 5,23; 8,49; 12,26).
Das Substantiv timáo, "Herrlichkeit", "Glanz", "Ansehen", "Ehre" kommt im Johannesevangelium vor allem in zwei Verbindungen vor: man kann die "Herrlichkeit" Gottes oder Christi "schauen", oder es geht um das "Suchen" oder "Lieben" des "Ansehens" oder der "Ehre". Zur ersten Gruppe gehören die Stellen, an denen etwa vom "Schauen" der "Herrlichkeit" des fleischgewordenen Logos (Joh 1,14) oder des Glanzes Jesu, der sich in seinen Zeichen offenbart (Joh 2,11; 11,40; vgl. 11,4), die Rede ist. Schon Jesaja sah die Herrlichkeit Jesu im Voraus (12,41). Die Jünger sollen dereinst die Herrlichkeit Jesu beim Vater sehen (17,24). Die zweite Reihe von Texten spricht von der Suche nach "Ehre", vom "Empfangen" von "Ehre" oder der "Liebe" der "Ehre". Hier sind vor allem die Kapitel 5 (Vv. 41 und 44), 7 (V. 18) und 8 (Vv. 50 und 54) zu nennen, mit einem Echo in Joh 9,24 und einer abschließenden Behandlung in 12,43. Vor allem diesen Textstellen werden wir nachgehen. Die verbleibenden Stellen Joh 17,5.22 werden unter 3. behandelt.
Das Verb doxázein "verherrlichen" wird im erzählenden Teil des Johannesevangeliums ausschließlich auf Jesus bezogen, und zwar zumeist im Zusammenhang mit der Vollendung seines Lebens in der "Stunde" seines Heimgangs zum Vater (vgl. Joh 7,39; 12,16.23.28 2x). Das Zeichen der Auferweckung des Lazarus dürfte als Vorverweis auf Jesu eigene Auferstehung gleichfalls in diesen Zusammenhang gehören (11,4). In den Abschiedsreden ist von der wechselseitigen Verherrlichung von Vater (13,31; 14,13; 15,8; 17,1.4) und Sohn (13,31f; 16,14; 17,1.5) bzw. der Verherrlichung des Sohnes durch die Jünger (17,10) die Rede. Für die Fragestellung nach der Entscheidung zwischen der Ehre Gottes und der Ehre der Menschen ist erneut Joh 8,54 von Bedeutung. Jesus verherrlicht sich nicht selbst, sondern erwartet seine Ehre vom Vater. Eben dadurch kann er auch Beispiel für die Jünger werden. Gehen wir also den Textabschnitten näher nach, die von dieser Entscheidung zwischen der Ehre Gottes und derjenigen der Menschen sprechen.
2. Die Wahl zwischen der Ehre Gottes und der Ehre der Menschen
Der erste Text, der ausführlich von unserem Thema spricht, findet sich gegen Ende von Kap. 5 im Johannesevangelium (5,41-44). Im Anschluss an die Heilung des Gelähmten vom Teich Betesda kommt es zu Kontroversen zwischen Jesus und den Jerusalemer "Juden" über die am Sabbat vollbrachte Heilung. Jesus weist im Rahmen dieser Kontroverse von immer neuen Gesichtspunkten aus darauf hin, dass er nicht aus sich heraus handelt, sondern in Einheit mit dem Vater. In den Versen19-30 rahmt und prägt dieser Gedanke den ganzen Unterabschnitt. Die Verse 31-40 sind in Entsprechung dazu von der Aussage bestimmt, dass Jesus nicht über sich selbst Zeugnis ablegt und dass sein Anspruch auf Glauben deshalb gerechtfertigt sein muss. In einem dritten Gedankengang (V. 41-44) nimmt Jesus für sich in Anspruch, nicht von Menschen Ehre anzunehmen, sondern allein von Gott. Das kleine Redestück ist von starken Oppositionen gekennzeichnet.
Es entsprechen sich auf der Seite Jesu:
- keine Ehre von Menschen annehmen
- nicht in eigenem Namen kommen
- im Namen seines Vaters kommen
- die Ehre vom alleinigen Gott her suchen;
dem stehen auf der Seite der Gegner Jesu gegenüber:
- Ehre voneinander empfangen
- im eigenen Namen kommen
- die Liebe Gottes nicht haben
- die Ehre vom alleinigen Gott nicht suchen.
Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der Verweis auf die Liebe Gottes. Wie ich an anderer Stelle zu zeigen versucht habe, steht hier im Hintergrund das Hauptgebot von Dtn 6,4ff, das mit dem Bekenntnis zu dem alleinigen Gott beginnt und die Liebe dieses Gottes aus ganzem Herzen und mit allen Kräften fordert. Dass Johannes hier auf diesen für den Glauben und das Ethos Israels gleichermaßen zentralen Text zurückgreift, geht aus der Verbindung der Liebe zu Gott mit dem Bekenntnis seiner Einzigkeit hervor, die sich gerade hier bei Johannes findet ("Ich habe erkannt, dass ihr die Liebe zu Gott nicht in euch habt", V. 42; "Wie könnt ihr zum Glauben kommen, wenn ihr eure Ehre voneinander empfangt, nicht aber die Ehre sucht, die von dem einen Gott kommt?", V. 44). Das Suchen der eigenen Ehre ist also nicht irgendeine Fehlhaltung, sondern läuft dem Hauptgebot Israels direkt zuwider. Es gilt, sich zwischen der eigenen Ehre und derjenigen Gottes zu entscheiden, und damit zugleich zwischen der Ehre, die von Gott kommt, und derjenigen, die nur Menschen einander verleihen können.
Eine verwandte Stelle, die gleichfalls auf das Hauptgebot Israels zurückgreift, ist Joh 8,41f, wo die Jesus ablehnenden "Juden" behaupten, Gott als einzigen Vater zu besitzen, Jesus ihnen aber entgegenhält, dass sie in diesem Falle auch ihn lieben müssten. Von diesem Vater sei er ja gesandt.
Zuvor war in Kapitel 7 noch einmal das Thema das Suchens der eigenen Ehre aufgegriffen worden, wohl im Rückgriff auf Kap. 5. Hier heißt es: "Wer im eigenen Namen spricht, sucht seine eigene Ehre; wer aber die Ehre dessen sucht, der ihn gesandt, hat, der ist glaubwürdig, und in ihm ist keine Falschheit" (7,18). Über den Text von Kap. 5 hinaus wird hier die Glaubwürdigkeit Jesu deutlicher mit seiner Verkündigung in Verbindung gebracht. Wenn und soweit er nicht seine eigene Botschaft ausrichtet, sondern die des Vaters, versucht er für sich auch keinen Ruhm zu erwerben. So ist seine Botschaft schon aus diesem Grunde glaubwürdig. Erneut wird dieses Verhalten Jesu einem anderen gegenübergestellt, nämlich demjenigen, das die eigene Anerkennung auf Worte im eigenen Namen gründet.
Es war schon von Kap. 8 die Rede gewesen. In 8,30-59 findet sich eine der heftigsten Kontroversen zwischen Jesus und den "Juden" im Johannesevangelium. Sie verliert nur deswegen etwas an Brisanz, weil es sich bei der Gruppe, mit der sich Jesus auseinandersetzt, entsprechend 8,30 um Juden handelt, die zum Glauben an Jesus gekommen waren, also solche, die ursprünglich für Jesus offen waren, sich aber an dem für den johanneischen Christus typischen Hoheitsanspruch stießen. Erneut kommt hier die Grundhaltung zur Sprache, die die Gegner Jesu von ihm selbst unterscheidet. Auf den Vorwurf, Jesus sei von einem Dämon besessen, entgegnet dieser: "Ich bin von keinem Dämon besessen, sondern ich ehre meinen Vater; ihr aber schmäht mich" (8,49). Die Logik der Argumentation ist nicht auf den ersten Blick zu durchschauen. Sie setzt erneut das Bewusstsein Jesu voraus, vom Vater zu kommen und auf ihn ausgerichtet zu sein, d. h. ihn zu "ehren". Die Juden müssten diese Tatsache anerkennen und ihm darum die Ehre erweisen, die Gott und dem von ihm Gesandten zukommt. Doch tun sie das Gegenteil: sie schmähen Jesus. Mit dem charakteristisch johanneischen Verb doxazein "verherrlichen" heißt es darum folgerichtig im folgenden Vers: "Ich bin nicht auf meine Ehre bedacht (verherrliche mich nicht selbst); doch es gibt einen, der darauf bedacht ist und der richtet" (8,50). Jesus die ihm geschuldete Ehre zu verweigern, führt also zum Gericht, und dies umso mehr, als er seine Ehre ja nicht von sich aus sucht. Anders gesagt: "Wenn ich mich selbst ehre, so gilt meine Ehre nichts. Mein Vater ist es, der mich ehrt, er, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott" (8,54). Erneut sind wir nicht weit vom Hauptgebot Israels entfernt. Das Bekenntnis zu Gott müsste auch zum Glauben an Christus führen, da er ja im Namen Gottes spricht und handelt. Seine Glaubwürdigkeit kommt gerade dadurch zum Ausdruck, dass er nicht seine eigene Ehre sucht, sondern diejenige dessen, der ihn gesandt hat.
Im Rückblick auf die großen Kontroversen zwischen Jesus und den ihn ablehnenden "Juden" aus Jerusalem versucht der Evangelist abschließend auf die Frage eine Antwort zu finden, warum Jesus letztendlich nicht von den Vertretern seines Volkes angenommen wurde und warum selbst diejenigen, die zum Glauben an ihn gekommen waren, diesen Glauben oft nicht zu bekennen wagten. Der Grund ist der gleiche, mit dem wir jetzt bereits vertraut sind: "Dennoch kamen viele zum Glauben an ihn; aber wegen der Pharisäer bekannten sie es nicht offen, um nicht aus der Synagoge ausgeschlossen zu werden. Denn sie liebten das Ansehen bei den Menschen mehr als das Ansehen bei Gott" (12,43).
An dieser Stelle ist ein Doppeltes bemerkenswert. Zum einen wird hier deutlich, wie man sich die Auseinandersetzung um die Ehre Gottes oder der Menschen konkret vorzustellen hat. Die Texte des Johannesevangeliums, die davon sprechen, sind offenbar unter dem Einfluss der Lebenssituation des Evangelisten und seiner Gemeinde entstanden. In der Auseinandersetzung mit einer benachbarten Synagoge, aus der wohl viele johanneische Christen stammten, mussten die neuen Jünger Jesu auch um ihre soziale Stellung fürchten. Sie waren in Gefahr, ihren guten Ruf, ihre Stellung und vielleicht auch ihren Lebensraum und -unterhalt zu verlieren. Solche Christen, die ihren Glauben an Jesus u. U. geheim hielten, um nicht aus der Synagoge ausgeschlossen zu werden (vgl. auch Joh 9,22; 16,2), wurden vom Evangelisten ermutigt, offen zu ihrer Glaubenseinsicht zu stehen und diese auch zu bekennen. Ein Beispiel solchen Verhaltens ist der Blindgeborene von Joh 9, der die Aufforderung der Pharisäer "Gib Gott die Ehre!" (9,24) wörtlich nimmt und um des Bekenntnisses zu Jesus willen den Ausschluss aus der Synagogengemeinschaft in Kauf nimmt (9,34). Ganz offensichtlich sollen sich Leserinnen und Leser des Johannesevangeliums in solchen Gestalten wiederfinden.
Der andere Grund, warum der Rückblick des Evangelisten auf die Haltung der Hörer Jesu in Joh 12,43 so bedeutsam ist, ist der Textzusammenhang von Joh 12,20-43. Es lässt sich zeigen, dass hinter dem gesamten Abschnitt in starkem Maße das Jesajabuch steht. Nicht nur, dass der Prophet im näheren Kontext dreimal namentlich genannt wird (12,38f.41) und zwei wörtliche Zitate aus seinem Buche aufgenommen werden (Jes 53,1 LXX in V. 38, Jes 6,9f in V. 40). Vor allem das sog. Vierte Lied des Gottesknechts scheint den ganzen Abschnitt vom Kommen der Griechen zu Jesus von 12,20f an zu prägen und zu bestimmen, vor allem der Anfangsvers dieses Liedes, der für die johanneische Theologie im allgemeinen und für den genannten Abschnitt im besonderen von kaum zu überschätzender Bedeutung ist. Er lautet nach der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta: "Seht, mein Knecht wird Verständnis haben, er wird überaus erhöht und verherrlicht werden". Das charakteristisch johanneische Begriffspaar vom hypsothênai und doxasthênai Jesu hat hier (und nur hier) seine Textgrundlage. Bereits in 12,23 bricht Jesus angesichts der auf ihn zukommenden Griechen in die Worte aus: "Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird". Weitere Aussagen zu Jesu Erhöhung und Verherrlichung folgen. Sie sollen weiter unten behandelt werden. Erwähnt sei hier nur noch, dass auch in diesem Zusammenhang vom Verhalten der Jünger die Rede ist. Sie sollen bereit sein, um Jesus willen alles, ja auch das Leben preiszugeben. Eben darin werden sie Ehre empfangen: "Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren" (12,26).
3. Der Glanz der Vollendung
Schon früh kündigt sich im Johannesevangelium das Thema einer kommenden "Verherrlichung" Jesu an. Zum ersten Mal ist davon im Rahmen des Laubhüttenfestes die Rede. Am letzten Tag dieses großen Festes lädt Jesus seine Zuhörerschaft im Tempelbereich ein, zu ihm zu kommen und zu trinken. Er selbst ist der Quell lebendigen Wassers, Sinnbild des Geistes, den Gott seinem Volk verheißen hat. Diese endzeitliche Gabe ist freilich im Sinne des Evangelisten an den Heimgang Jesu zum Vater gebunden, in seiner Sprache: an Jesu "Verherrlichung": "Denn der Geist war noch nicht gegeben, weil Jesus noch nicht verherrlicht war" (7,39).
Erst im Lichte von Ostern, johanneisch gesprochen von der "Verherrlichung" Jesu her, können die Jünger auch Handlungen verstehen, die ihnen zunächst nicht in ihrer eigentlichen Bedeutung aufgegangen waren wie die feierliche Einholung Jesu als Messiaskönigs in Jerusalem: "Das alles verstanden seine Jünger zunächst nichts; als Jesus aber verherrlicht war, da wurde ihnen bewusst, dass es so über ihn in der Schrift stand und dass man so an ihm gehandelt hatte" (12,16). Wir hatten bereits gesehen, wie Jesus im Kommen der Griechen zu ihm das universale Heil für alle Völker kommen sieht, das an seinen eigenen Heimgang gebunden ist. Die Stunde dieses Heils ist auch diejenige der Verherrlichung Jesu als des Menschensohnes (12,23). Die Bitte Jesu, mit der er bereitwillig in den Tod geht, lautet: "Vater, verherrliche deinen Namen!" Sie erhält die Antwort durch die Himmelsstimme: "Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen" (12,28). Diese Verherrlichung Gottes ist aber aufs engste an die "Erhöhung" Jesu (am Kreuz und zum Vater) und an seine "Verherrlichung" gebunden. Von dort aus wird er alle an sich ziehen (12,32).
Diese Motivwelt durchzieht in der Folge die Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium. Sie werden eingeleitet durch ein fünfzeiliges Jesuswort: "Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht. Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen, und er wird ihn bald verherrlichen" (13,31f). Auslöst wird dieses Wort durch den Fortgang des Verräters in die "Nacht" (13,30). Nichts kann den Weg Jesu in sein Leiden und in seine Verherrlichung mehr aufhalten. Diese Verherrlichung wird auch diejenige Gottes sein - des Vaters, der ihn gesandt hat. Der etwas komplizierte Aufbau der Texteinheit könnte, wie ich einmal vorgeschlagen habe, darauf zurückgehen, dass das hymnische Fragment ursprünglich nur aus den ersten beiden Zeilen bestand: "Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht" (V. 31). Es würde sich dabei um eine hymnische Formel der frühen Kirche handeln, als Parallelismus aufgebaut, in der die Gemeinde die Verherrlichung ihres himmlischen Herrn besang. Ähnliche kultische Lieder finden sich gehäuft in der Offenbarung des Johannes. Der Evangelist hätte dieses Fragment in seinen Evangelienzusammenhang eingebaut. Dabei stieß er freilich auf das Problem, dass Jesus seine Passion und seine Verherrlichung in Tod und Auferstehung dann ja noch vor sich hatte. So konnte und musste er den Gedanken der Verherrlichung Jesu mit dem Beginn der Passion - dem Fortgang des Verräters - mit dem Ausblick auf die noch ausstehende Vollendung der "Herrlichkeit Christi" verbinden. So kam es dann zu den weiteren drei Zeilen: "Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen, und er wird ihn bald verherrlichen" (V. 32).
Die nächsten Kapitel variieren das Thema. Nach Joh 14,13 wird der Vater dadurch verherrlicht, dass er tut, worum ihn die Jünger im Namen Jesu gebeten haben; nach 15,8 dadurch, dass die Hörer Jesu reiche Frucht bringen und dadurch Jünger Jesu werden. Nach 16,14 wird der Geist-Paraklet von den Worten Jesu nehmen und es verkünden und Jesus so verherrlichen. Diese drei Texte verweisen dabei schon auf die nachösterliche Stunde der Kirche.
Eine letzte große Zusammenfassung des Themas der "Verherrlichung" bietet das sog. Hohepriesterliche Gebet Jesu in Joh 17, mit dem die Abschiedsreden schließen. Es atmet durch und durch johanneischen Geist, auch wenn es sich in seinen großen Themen aus der Überlieferung speist. Vermutlich haben hier vor allem zwei Textbereiche eingewirkt: das Gebet Jesu am Ölberg mit der vertrauensvollen Anrede Gottes als "Vater" und dem "Kommen der Stunde" (Mk 14,36.41 par.) und die Theologie des Leidenden Gottesknechts von Jes 52,13 - 53,12, die wir schon hinter dem Abschnitt Joh 12,20-43 fanden. Von hier stammt wohl vor allem das Thema der "Verherrlichung" Jesu und des Vaters, das das Gebet von Anfang an durchzieht: "Vater, die Stunde ist da. Verherrliche deinen Sohn, damit dein Sohn dich verherrlicht" (Joh 17,1).
So wie Jesus den Vater auf Erden verherrlicht hat (17,4), so soll ihn der Vater nun verherrlichen, und zwar mit der Herrlichkeit, die dem Sohn vor Erschaffung der Welt zukam (17,5). Der letzte Gedanke ist neu und verbindet die Verherrlichung Jesu in seinem Tod und Heimgang mit seiner Präexistenz beim Vater.
Im folgenden weitet sich der Blick Jesu und bezieht auch ausdrücklich die Jünger mit ein. Sie sind Jesus vom Vater gegeben und bleiben dessen Eigentum, doch gereichen sie zugleich Jesus zur Ehre: "Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht" (17,10). In ihnen scheint denn auch die Herrlichkeit Christi auf: "Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind" (17,22). Der Glanz der Einheit von Vater und Sohn kann also nur aufstrahlen, wenn die Jünger auch unter sich eins sind. Bleiben die Jünger mit Jesus und untereinander verbunden, dann werden sie auch Christus in seiner Herrlichkeit schauen: "Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt" (17,24). Man wird unwillkürlich an den Augenblick denken, an dem der Glaube der Jünger ins Schauen übergeht. Aber im Sinne des Prologs kann auch an die Schau der Herrlichkeit Christi durch die gläubige Gemeinde gedacht sein, die ihr schon hier und jetzt geschenkt ist (vgl. Joh 1,14).
In überraschender Weise wird der Gedanke der Verherrlichung noch im möglicherweise später zugefügten Kapitel 21 aufgegriffen. Jesus ist seinen Jüngern am See Tiberias erschienen und hat ihnen ein Frühmahl bereitet. Im Anschluss daran fragt er Petrus dreimal nach seiner Liebe zu ihm. Es folgt ein Wort, in dem Jesus dem Petrus voraussagt, dass man ihn in seinen alten Tagen dahin führen werde, wohin er nicht gehen wolle. Das Evangelist deutet das mit den Worten: "Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen werde" (21,19). Für die Leserinnen und Leser des Johannesevangeliums schließt sich hier ein Kreis. Die ganz erste Hälfte des Evangeliums war von der Entscheidung zwischen der Ehre Gottes und der Ehre der Menschen bestimmt gewesen. Abschließend kommt das Evangelium auf diesen existentiellen Aspekt zurück. Es gilt, sich zu entscheiden zwischen der Ehre, die man innerhalb dieser Welt von den Menschen erhält, und der Ehre, die man in Leben und Sterben Gott zukommen lässt und an der man dann durch Christus auch selber wird teilnehmen können (vgl. oben zu Joh 17,10 und 22). Für die Leserschaft des Johannesevangeliums ist Petrus trotz seiner Schwächen Identifikationsfigur. Hat er einmal die Liebe zu Jesus erneuert und seine dreifache Verleugnung durch sein dreifaches Bekenntnis der Liebe zu Jesus wettgemacht, dann kann er auch als Beispiel des Jüngers gelten, der für Jesus alles, selbst sein Leben aufs Spiel setzt, dabei aber sich selbst gewinnt: "Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren" (12,26).
In vielen Teilen der Welt ist es heute keine Selbstverständlichkeit mehr, den Glauben an Jesus zu leben und zu bekennen, so wie dies auch zur Zeit des Evangelisten der Fall war. Unter dieser Rücksicht könnte das Johannesevangelium auch für heutige Leserinnen und Leser eine neue Aktualität gewinnen. Man muss es nur von dem Vorurteil befreien, es wolle eine rein innerliche Frömmigkeit vermitteln und sei eine Art Handbuch der Mystik. Das ist es vielleicht auch, aber diese Mystik führt nicht aus der Welt heraus, sondern erst recht in sie hinein. Dies zu vermitteln, war mir während der drei Jahrzehnte meiner akademischen Lehre ein Anliegen, und es wird es bleiben. Ich danke allen, die mir dabei Weggefährten und Helfer waren.
