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Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen
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Norbert Baumert SJ

Anstößig oder Anstoß?

Zur Charismatischen Erneuerung


Eine kürzere Fassung der ersten vier Kapitel erschien in "Stimmen der Zeit", Heft 9/September 1998 (Band 216) S. 594-606, das letzte Kapitel in der Zeitschrift "Gemeinde-Erneuerung" Nr. 70, 2'98, S. 10-12 (Speersort 10, 20095 Hamburg).

Der vorliegende Text ist erhältlich bei:
Kommunikationsdienst Fam. Ritter, Innstr. 16, 94032 Passau,
und:
Sekretariat der CE, Marienstr. 80, 76137 Karlsruhe.

Die Kirche lebt vom Pulsschlag des Geistes. Er pulsiert im Wort der Schrift, in den Sakramenten, in jedem Einzelnen mit allen Tugenden und Gaben und so im Ganzen des Leibes Christi: in der Gemeinde mit dem Amt. In diesem Beitrag soll einer Spur seines Wirkens besonders nachgegangen werden: der "Charismatischen Erneuerung". Wer ist noch nicht auf sie gestoßen - Christen, die sich auf den Heiligen Geist berufen, manche auch penetrant? Die Photos von ihren Veranstaltungen tun ein Übriges. Mancher zieht dann den Schluß: So sind sie immer, und so sind sie alle.

Man hat viele Erklärungen versucht: psychologische aus dem religiösen Bedürfnis bestimmter Menschen und aus ihrer Persönlichkeitsstruktur, soziologische aus den Notwendigkeiten bestimmter Kulturen und Epochen, frömmigkeitsgeschichtliche aus dem inneren Wachstumsgesetz und Wandel von Spiritualität, schließlich aus dem "Charisma" bestimmter Führergestalten. Auch wenn solche Gesetzmäßigkeiten darin ihren Anteil haben mögen - hat man damit das Wesen des charismatischen Aufbruchs erfaßt? Ist "enthusiastisches Christentum" eine zutreffende Charakterisierung? Seriöse christliche Theologie rechnet immer damit, daß Gott in unserer Geschichte handelt und daß er Menschen durch seinen Geist begnadet und führt. Wie, wenn dies eine solche Spur ist? Dann wäre sie insoweit dem Menschen entzogen, wäre nicht machbar und darum auch nicht vom Menschen und seinen kulturellen Bedingungen her letztlich erklärbar.

So löst das Stichwort 'Charismatische Erneuerung' je nach Vorkenntnis und Voraussetzungen verschiedenste Vorstellungen und Reaktionen aus. Versuchen wir, über Teilwahrnehmungen hinaus das Ganze in den Blick zu nehmen, 1. von seiner geistlichen Mitte her, 2. durch theologische Reflexion, 3. in der Praxis der katholischen Kirche in Deutschland, 4. in seiner weltweiten und ökumenischen Ausprägung, 5. seiner Literatur und schließlich 6. in einigen Hauptimpulsen in die Gesamtkirche hinein, immer unter dem kritischen Blick geistlicher Unterscheidung.
 

1. Die geistliche Mitte

Biographische Anfänge liegen fast immer im Verborgenen, im sehr persönlichen Weg des Einzelnen mit Gott, besser: im Weg Gottes mit ihm. Ob Christ oder Atheist, jung oder alt, in allen Schichten werden Menschen innerlich angesprochen, "sich aufzumachen". Wer auf dieses Locken und Rufen eingeht, wird oft auf die Heilige Schrift verwiesen. Es kann ein Anstoß von außen kommen, der jemanden nicht mehr losläßt; oder Gott überrascht einen Menschen, im Gebet, in Exerzitien, mitten im Alltag. Der Betreffende sucht zu antworten, sucht vielleicht auch Menschen, die das verstehen. Andere kommen mit jemandem ins Gespräch, vielleicht auch ins Gebet, und sind nachher betroffen, verändert. Wieder andere werden eingeladen zu Tagungen, zu einem Glaubenskurs, einer Gebetsgemeinschaft oder einem Segnungsgottesdienst und erfahren einen Anruf oder die Nähe Gottes, etwa wenn man mit ihnen um den Heiligen Geist betet. Das sind normale Wege, wie das Reich Gottes wächst. Was neu ist, ist die Art und Weise, in der viele Menschen hier Begegnung mit Gott erfahren. Nicht selten geschieht eine Bekehrung vom Unglauben oder eine Befreiung aus völliger Hoffnungslosigkeit, häufig eine tiefe Umkehr, immer aber eine neue Hinkehr zu Gott. Wird diese vertieft, auch wissensmäßig, trägt es gute Frucht, sonst bleibt es oberflächlich, "Strohfeuer". Die Betroffenen können es zunächst nicht beschreiben, erkennen es aber bei anderen wieder und wissen, daß sie diesen Weg weitergehen sollen.

Mit einer solch überraschenden Erfahrung beginnt - wenn sie echt ist und beantwortet wird - eine tiefgreifende Veränderung des Lebens. Sie kann darin bestehen, daß innere Hindernisse und Ängste Gott gegenüber abgebaut werden; man wird z.B. fähig, seine Berufsarbeit in neuer Weise zu tun; mit der Umkehr zu Gott kann die Bitte um Verzeihung und die Bereitschaft zur Vergebung möglich werden oder auch der Mut, auf andere zuzugehen. Was vorher wie ein unerfüllbares Gebot erschien, wird manchem nun zu einem inneren Wunsch. Das Wort der Schrift und die Eucharistie wird zum Brot für den Tag; ein innerer Hunger drängt nach dieser Speise. Und das Gebet ist keine lästige Pflicht, sondern (zumindest zeitweise) ein Bedürfnis, so wie man einem geliebten Menschen nahe sein will - und mehr als dies. Zumindest manchmal ist es ein liebendes Verweilen, das wie ein Geschenk erfahren wird. Oft geschieht innere Heilung oder Heilung der Erinnerungen und meist ein innerer Umbruch von bisher nicht gekannter Tiefe, freilich auch mit den spezifischen Gefahren solchen Neuaufbruchs, z.B. der Übertreibung, Fehleinschätzungen der eigenen Persönlichkeit oder auch, daß sich jemand dann der aufdeckenden Arbeit des Heiligen Geistes entzieht.

Häufig sind mit diesem Geschehen Ausdrucksformen verbunden, die fremd anmuten: "Sprachengebet", das heißt ein Sprechen zu Gott hin, das ganz aus der Tiefe kommt und Wesentliches ausdrückt, aber für den Betenden unverständlich ist, und das vorwiegend im privaten Gebet geschieht (manchmal zunächst heftig, aber dann ruhiger, kraftvoll); neue Gesten sowohl im persönlichen wie im gemeinschaftlichen Gebet; deutliche bildhafte Eindrücke; Worte, die nicht aus dem eigenen Überlegen und "Machen" kommen, sondern wie eingegeben sind; Ereignisse, die dem Leben eine neue Richtung geben und Wachsamkeit des Geistes, Klarheit der Unterscheidung und Demut des Herzens fordern. Dies alles wird nicht durch andere gelehrt; man wird nicht darin eingewiesen oder 'eingeweiht', sondern es geschieht von innen her. Gott ist kein Fremder mehr, sondern ein lebendiges Gegenüber, einer der von innen her bewegt und führt - jeden persönlich und einmalig. Nicht jeder erlebt es in gleicher Stärke, aber jeder geht einen für ihn neuartigen geistlichen Weg. Dabei knüpft Gott dort an, wo der Mensch steht.

Es kommt der Wunsch auf nach mehr Kenntnis des Glaubens, die wichtig ist, um das Erfahrene zu verarbeiten und zu vertiefen. Denn nun beginnen die Fragen - richtige und falsche: Ein neues Wirken des Heiligen Geistes? Warum erst jetzt? War der Heilige Geist bisher in meinem Leben nicht am Werke? Waren unsere Vorfahren weniger offen, daß sie das nicht erfahren haben? Andere fragen: Warum mir und warum nicht jenem in gleicher Weise? Wieder andere: Was muß ich tun, damit ich es auch bekomme? Und falls jemand auf diesem Wege erstmalig zu Gott findet, kennt er Glaubensleben nur in dieser Weise und meint dann leicht, jeder müßte doch Gott so erleben.

Nun, viele einzelne dieser Elemente gab und gibt es selbstverständlich immer wieder in der Geschichte der Kirche; aber in dieser Verbindung ist es neu. Und aufgrund der breiten Streuung kann man inzwischen von einer neuen Art der Spiritualität sprechen, die frömmigkeitsgeschichtlich unterscheidbar ist von anderen Impulsen des Geistes, etwa der Armutsbewegung des Mittelalters, der Devotio Moderna oder der Spanischen Mystik am Beginn der Neuzeit, aber auch von anderen geistlichen Bewegungen heute, selbstverständlich mit fließenden Übergängen. Man hat lange nach dem passenden Namen gesucht. Nachdem man in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts von Pfingstbewegung sprach, hat sich daneben seit Beginn der siebziger Jahre in den großen Kirchen der Name Charismatische Erneuerung herauskristallisiert.

Für viele ist eine Grundform des Wachstums die Gebetsgemeinschaft. Für diese ist wichtig, daß reife Christen darunter sind, Menschen mit geistlicher Unterscheidungsgabe und gesundem Hausverstand, sonst wird es ein Führen von Blinden durch Blinde! Man trifft sich einmal wöchentlich zu Gebet und Hören auf das Wort Gottes. Am Anfang stehen meist Lob und Dank, mit eigenen Worten ausgesprochen und mit vielen neuen Liedern; dies kann zu einer Phase der Stille führen, zu Anbetung und Hören. Manchmal kommen dann deutliche Impulse, und man muß lernen, die echten von den unechten zu unterscheiden: Worte der Schrift, gemeinsames Beten oder Singen "in Sprachen", ein Bild, eine Erkenntnis, ein prophetisches Wort; ein (vorbereiteter oder auch aktuell innerlich "gezeigter") Schrifttext, über den man länger miteinander spricht, aus dem heraus neu ein Gebet erwächst. Weitere Elemente sind: Lehre, persönliche Zeugnisse, Fürbitte in persönlichen und allgemeinen Anliegen, Segnungsgebet für einzelne, persönlicher Austausch und Klärung von Fragen. Entscheidend ist die geistliche Wachsamkeit, um zu erkennen, wohin die Führung des Geistes jeweils geht.

Wer eine Gruppierung von außen her kennenlernt, ist gelegentlich überrascht über den merkwürdigen Stil, undifferenzierte Äußerungen einzelner, manchmal auch über den Mangel an Tiefe, was zu dem oben Gesagten nicht recht passen will. Es gibt die Gefahr, damit hausieren zu gehen, es zu "vermarkten" und letztlich sich selbst damit interessant zu machen (vgl. Mk 1,43-45). Nicht alles, was "fromm" aussieht, ist schon geistlich. Wenn eine (evtl. starke) Emotion nicht integriert wird, kann sie sich an die Stelle des Geistlichen schieben. Da der Spielraum für den Einzelnen groß ist, braucht es ein gutes Gespür für das jeweils Angemessene. Ausdrucksformen, die in einer bestimmten Situation passend waren, darf man nicht einfach wiederholen wollen. Kurz: Es gibt hier wie auch sonst in der Kirche Imitation, Fehlverhalten, "Kinderkrankheiten", Mangel an grundlegendem Glaubenswissen, Engstirnigkeit, Fundamentalismus, Geltungssucht, getarnte Machtbefriedigung. Es braucht gediegene persönliche und gemeinschaftliche Reifungsprozesse.

Nicht jeder sieht seinen Weg in einer Gemeinschaft; manche werden einen sehr persönlichen, eigenen Weg geführt - nicht ohne geistliche Begleitung und Hilfe - und wissen sich doch diesem Aufbruch zugehörig. Bei jedem aber muß sich die Echtheit in seinem Alltag erst zeigen. Wie wirkt sich die neue Art der Gottesbeziehung aus in seinem Denken und Handeln? Bringt er die Nöte und Fragen seines Lebens vor Gott? Geschieht das nicht, kann der Anfangsimpuls wie ein Strohfeuer verlöschen. Oder der Betreffende wird zum Konsumenten, der beim Gebetsabend vom Gebet und Leben der anderen zehrt, seine Neugier über Persönliches anderer befriedigt, "schielt" oder den großen Freiraum mißbraucht, um sich in den Mittelpunkt zu stellen. Darum muß der Weg der Nachfolge in einer solchen Gruppe deutlich artikuliert und gelebt werden. Andererseits ist erstaunlich, welche Lebensgestalt trotz mancher "Brüche" bei vielen aus einem solchen Anruf erwachsen ist. Die Zeugnisse sind zu zahlreich und die Früchte zu deutlich - in nunmehr 30 Jahren.
 

2. Theologische Reflexion

Um sich und anderen "Rechenschaft zu geben" (vgl. 1 Petr 3,15), hat eine aus diesem Aufbruch erwachsene theologische Kommission einen Text erarbeitet, der 1987 von der Deutschen Bischofskonferenz "zustimmend zur Kenntnis genommen" und "als Grundlage für die weitere Arbeit anerkannt" wurde: "Der Geist macht lebendig" (vgl. u. 5), Darin werden Grundfragen der Pneumatologie und der Spiritualität angesprochen, um die Vorgänge im Ganzen kirchlichen Lebens zu verstehen und zu integrieren. Hauptthemen: "Wirklichkeit und Wirken des Geistes Gottes; Erfahrung des Geistes Gottes; Kriterien und Maßstäbe; Geist-Erfahrung und Grundentscheidung; Gnadengaben; Wege in die Praxis; Gefahren."

Immer wird durch solche Erfahrung, wenn sie echt ist, das Gottesbild vertieft, gereinigt und oft genug korrigiert. Das biblische Gottesbild tritt deutlicher hervor: die Heiligkeit und Barmherzigkeit Gottes zugleich. Zwar gilt die Charismatische Erneuerung als eine Heilig-Geist-Bewegung; aber der Heilige Geist ist es, der den Menschen zum Vater führt ("Abba, Vater" Gal 4,6) und zum Bekenntnis zu Jesus Christus bewegt ("Jesus ist der Herr", vgl. 1 Kor 12,3). Wird dabei zugleich eine gewisse "Geistvergessenheit", besonders in der westlichen Kirche, korrigiert, so geschieht dies nicht auf Kosten einer der anderen göttlichen Personen. Im Gegenteil: Erst wenn dem Heiligen Geist in der Praxis der Frömmigkeit der gebührende Platz gegeben wird, kann das geistliche Urvertrauen zum Vater voll Gestalt gewinnen oder eine eventuelle christologische Engführung überwunden werden. Aber auch der Heilige Geist selbst, der das Herz des Menschen "berührt", ist "Jemand", dem unsere volle Aufmerksamkeit und Anbetung gebührt (vgl. das Große Glaubensbekenntnis).

Die Theologie der letzten Jahrzehnte spricht wieder neu von "Glaubens-Erfahrung" und bringt damit zwei Begriffe zusammen, die lange Zeit wie Gegensätze erschienen. Der Kern eines solchen Geschehens ist nicht ein Gefühl, sondern eine Wahrnehmung der Zuwendung Gottes - die Basis geistlicher Unterscheidung bei Ignatius v. L. Man könnte Glaubens-Erfahrung der Art nach auch unter die "Anregungen" des Heiligen Geistes rechnen, die ja zum täglichen Leben mit Gott gehören und die manchmal besonders eindrucksvoll sein können. Von "Geist-Erfahrung" im engeren Sinne wird heute besonders dort gesprochen, wo mit einer tiefen Erfahrung der Nähe und Kraft Gottes auch bestimmte "pfingstliche" Phänomene auftreten.

Geistliche Erfahrung zu beschreiben ist außerordentlich schwierig, und noch schwieriger ist es, sie in bestimmte Kategorien einzuteilen. Die Übergänge sind immer fließend. Dennoch ist es berechtigt, phänomenologisch von bestimmten Typen zu sprechen, die schwerpunktmäßig den verschiedenen Formen christlicher Spiritualität zugrundeliegen. Man könnte auch von verschiedenen Berufungen sprechen. So wählte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die zunächst neuartigen Wirkungen des Heiligen Geistes den Namen "Geist-Taufe". Dies war eher deskriptiv gemeint: Manche erfuhren sich wie eingetaucht ("getauft") in den Heiligen Geist; das Mindeste ist wohl, daß von denen, die sich zur Charismatischen Erneuerung gehörig fühlen, viele mit der Zeit eine Veränderung in sich wahrnehmen und nicht wenige auch einschneidende Momente benennen können. Ist es das, was Jesus "mit Geist taufen" (Apg 1,5 und Parallelen) nennt? Geschieht das nicht in Taufe und Firmung? Wäre dann eine "Geisttaufe" normativ für alle? In welchem Sinn? An dieser Stelle gibt es erhebliche theologische Kontroversen (vgl. u. 5 und 6).

Eine überraschende Geist-Erfahrung müßte immer dahin führen, sich Gott von neuem zuzuwenden und sein Leben in seine Hände zu legen. Doch gibt es für Menschen, die auf der Suche sind, auch methodische Hinführungen zu Umkehr und einem bewußten Ja zu dem Bund, zu dem jeder Mensch gerufen ist und in dem jeder Christ seit der Taufe steht. Wenn sie in einem persönlichen Gebet ihre Hingabe an Gott vollziehen und dann andere mit ihnen um die Gabe des Geistes bitten, werden viele von Gott berührt, wobei heute nicht wenige einen regelrechten "Durchbruch" des Geistes erfahren - ob innerhalb oder außerhalb einer "charismatischen" Gruppierung. Von der Mitte der Person her wird dem Verstand neue Einsicht gegeben, dem Willen Bereitschaft und Kraft geschenkt und werden Gefühle wie Freude an Gott oder Schmerz über die Trennung von ihm geweckt. Das Wissen darum, daß es letztlich auf die Verbundenheit mit Gott ankommt, befreit von Erwartungsdruck. Die schlichteren Vorgänge können die tieferen sein. Werden auffallende, ungewohnte Gebetsformen, die uns in der Schrift bezeugt sind, neu belebt (die Hände öffnen, erheben, klatschen, Aufblick zu Gott, freies Gebet aus dem Geist heraus, im Gebet für andere: Handauflegung), so erfordert es Gespür für Echtheit, Taktgefühl für den eigenen geistlichen Weg und den anderer sowie Rücksicht auf die Situation einer Gemeinde.

"Der Heilige Geist ... führt das Gottesvolk nicht nur und bereichert es mit Tugenden, sondern 'teilt den einzelnen, wie er will' (1 Kor 12,11) seine Gaben aus und verteilt unter den Gläubigen jeglichen Standes auch besondere Gaben" (Kirchenkonstitution 12). Diese Worte des Konzils, vor dem Aufbrechen der Charismatischen Erneuerung in der katholischen Kirche (1967) geschrieben, waren wie eine geöffnete Tür für die Menschen, die nun im Zuge einer neuen Geist-Erfahrung auch konkrete Handlungsimpulse erfuhren - "Charismen", nämlich aus der Gnade Gottes hervorgehende, jeweils von Gott besonders zugeteilte Befähigungen zum Leben und Dienen in Kirche und Welt. Weil dazu auch "schlichter und allgemeiner verbreitete Gnadengaben (charismata)" gehören, meint "besondere" Gnadengaben solche, die jedem 'gesondert', je einmalig gegeben werden, im Unterschied zu dem, was allen gemeinsam ist. Gerade daraus entsteht die Lebensfähigkeit des Leibes, daß verschiedene Glieder verschiedene Funktionen haben. Müßig, darüber zu streiten, welche nun die wertvolleren sind (1 Kor 12). Gewiß gab es dies immer, auch wenn man es nicht so genannt hat. Aber hier wird stark bewußt, daß Gott darin der Handelnde ist. So greift man nach dem aus der Bibel entnommenen Wort "Charisma". Wichtig ist jedenfalls, die Handlungsimpulse, die man erfährt, zu prüfen, ob sie von Gott sind, sie dann anzunehmen und sorgfältig damit umzugehen. Das gilt für den Einzelnen ebenso wie für eine Gemeinde und für die Kirche als Ganze. Dabei ist klar, daß es hier der Unterscheidung bedarf und derjenige, der einen ungewöhnlichen inneren Auftrag bekommt, sich um Prüfen und Lauterkeit bemühen muß. Andererseits darf die Möglichkeit eines Mißbrauches nicht den echten Gebrauch hindern.

Man spürt wohl die Spannung, die in diesem Aufbruch steckt. Viele grundlegende Wahrheiten des christlichen Glaubens kommen neu zum Leuchten. Das verläuft nicht nur in gewohnten Bahnen. Wenn die Kirche Gott um Erneuerung bittet, sollte sie nicht verwundert sein, wenn Neues geschieht und vielleicht anders, als man es sich dachte. Eine Hauptfrage ist dabei, in welchem Verhältnis dieser Aufbruch, der in anderen Ländern weitaus größere Zahlen aufweist, zum Ganzen der Kirche steht. Ist es ein Unruheherd, den man eingrenzt, indem man sozusagen eine "Nische" für ihn findet? Ist es ein Kranhkeitsherd, den man ausgrenzen muß ("Sekte")? Ist es ein Sammelbecken für labile Typen, die immer wieder neu auf einen religiösen Trip gehen müssen? Ist es wie ein wohltuendes Licht, an dem man sich orientieren und vielleicht auch wärmen kann? Ist es eine Pro-vokation, eine "Heraus-rufung" in der Kirche? Und wenn, dann wohin? Ist es vielleicht der Maßstab schlechthin, das heimliche Ideal, das zur Norm für alle werden sollte? Ist es ein elitärer Klub, der sich als das bessere Christentum wähnt? All diese Meinungen sind dagewesen. Oder ist es eine "Hoffnung für die Kirche" in dem Sinn, daß hier ein Beitrag, ein Teil in das Ganze einzubringen ist, so daß er das Ganze verändert, ohne sich selbst zum Maßstab für das Ganze zu machen? In der Tat liegt ein besonderer Zündstoff in der Frage: "partikulär oder universal"?
 

3. Konkret: In der katholischen Kirche in Deutschland

Ein dritter Zugang ist eine Beschreibung mehr von außen her: Was formiert sich, was ist greifbar? Wer gehört dazu? Es liegt in der Natur eines derartigen Aufbruchs, daß die Grenzen sehr fließend sind. Wer von Gott angerührt wird, gehört, auch wenn dies innerhalb einer bestimmten Gruppierung geschehen ist, damit noch nicht zu einer "Gruppe"; der Heilige Geist führt wohl immer zu "Kirche" hin - freilich nicht konformistisch. Ist die jeweilige Gemeinde dafür offen?

Als sich Anfang der siebziger Jahre in Deutschland, meist aufgrund von Anregungen aus dem Ausland, unabhängig voneinander die ersten Gruppen bildeten - in Würzburg, Ludwigshafen/Rh., St. Augustin, München, Craheim, Berlin, Paderborn, Hochheim/Main, Passau, Weiden/Opf.-, wurde auf einem ersten Treffen von etwa 80 Vertretern (damals auch einige aus Österreich) in Würzburg 1974 beschlossen, in Kontakt miteinander zu bleiben und eine "Koordinierungsgruppe" zu wählen. Beim ersten deutschen Nationaltreffen in Königstein (1976), mit etwa 800 Teilnehmern, wurde darauf hingearbeitet, sich nach Diözesen zu formieren und sich dem jeweiligen Ortsbischof zuzuordnen. Heute gibt es in jeder Diözese einen Kreis von Verantwortlichen, deren "Sprecher" vom Bischof bestätigt ist. Dem Diözesanteam soll ein Priester oder Diakon angehören.

Die Assoziierung zu Gebetsgruppen ist ein freier Akt vieler Einzelner, konstituiert aber dann doch ein soziologisches Gebilde, das einen Ort in der Kirche hat. Da hier nicht nach Art eines Verbandes "Mitglieder" aufgenommen werden, ist die "Zugehörigkeit" stets durch die Bereitschaft des einzelnen getragen. Die Zahl derer, die sich charismatischer Erneuerung verbunden wissen, ist jedenfalls wesentlich größer als die Zahl jener, die sich in der "Charismatischen Erneuerung" zusammengeschlossen haben. Soweit aber einzelne und Gruppen einen solchen Zusammenschluß wünschen, gibt es seit 1984 eine von der Deutschen Bischofskonferenz bestätigte "Ordnung". Man kann sich die Schwierigkeit vorstellen, es kirchenrechtlich zu fassen, da praktisch nur die Leiter von Gebetsgruppen und Gemeinschaften "greifbar" sind - und dies auch nur, solange sie "verbindlich" mittun. Dennoch wurde diese offene Form akzeptiert, um deutlich zu machen, daß diese Strukturen einem offenen Impuls in der Kirche dienen sollen. Viele einzelne und Gruppen haben ohnehin ihren Ort in der Kirche, z.B. in Pfarreien oder Ordensgemeinschaften. Wer dies nicht hat und sich hier nicht eingliedert oder auch, wer sich dem internen Korrektiv durch diese neu entstandene Gruppierung entzieht, muß einen eigenen Weg kirchlicher Einbindung finden.

Den Grundstock bilden die sogenannten Gebetskreise - übrigens auch in manchen anderssprachigen Gemeinden in Deutschland. Sie entstehen meist durch Initiative einiger Laien, manchmal als Hauskreise, die aber in vielen Fällen bald in einem Pfarrzentrum oder Ordenshaus ihren Treffpunkt haben. Viele Gruppen beginnen bewußt innerhalb einer Ortsgemeinde, sind aber nach einiger Zeit überpfarrliche Gruppen, weil sie stets durch persönlichen Kontakt wachsen und diese nicht an den Pfarrgrenzen Halt machen. Zudem sind nicht wenige Menschen auf der Suche nach einem solchen Kreis in ihrer Nähe. Neben dem wöchentlichen Gebetstreffen (ca. 2 Stunden) gibt es in der Regel keine gemeinsamen Aktivitäten der Gruppe nach außen. Jeder ist von innen her gehalten, ein regelmäßiges persönliches Glaubens- und Gebetsleben zu führen, bei dem die Schriftlesung und die Eucharistie wesentliche Elemente sind, und wird dann schauen, welche Aufgaben in seinem Lebensraum ihm gezeigt werden. Hier und da tun sich einzelne zu einer freien Initiative zusammen. Freilich sind manche Gebetsgruppen sehr in sich verschlossen und einige neuerdings auch traditionalistisch oder ungesund "marianisch" verengt.

Nicht wenige sind in gemeindlichen Diensten engagiert, etwa in der Kommunion- und Firmkatechese, im Kranken- und Hausbesuch, bei Glaubensgesprächen, Bibelkreisen, im Pfarrgemeinderat. Dies ist meist eine neue Situation für alle Beteiligten, die zu einer gegenseitigen Bereicherung führen kann. Ein "Zündstoff" liegt darin, daß dabei verschiedene Weisen des Christseins aufeinanderstoßen: eine andere Diktion, andere Erfahrungen, ein anderer 'Stallgeruch', andere Zielvorstellungen und Wertmaßstäbe. In diesem 'Zusammentreffen' liegt für beide Seiten eine geistliche Herausforderung, an der sich die Geister scheiden. Gelingt es, in einen Dialog zu kommen, Echtes anzuerkennen, jedes an seinem Platz und Verschiedenheiten stehen zu lassen? Kann man sich freuen über das Gute im anderen, auch wenn es ungewohnt oder alltäglich erscheint? Nicht unwichtig ist dann, mit welcher Theologie oder Ideologie jede Seite ihren Standpunkt vertritt. Jedenfalls erfordert dies einen geistlichen Dialog, in dem jeder vor Gott auf den anderen hört und von Gott her auf den anderen zugeht. Diesen Dialog brauchen beide Seiten; denn nur, wenn sich jeder in Frage stellen läßt, kann sich herausschälen, "was der Geist den Gemeinden sagen will". Und der Dialog mit der Gesamtkirche ist für das eigene Wachstum Charismatischer Erneuerung entscheidend.

Neben offenen "charismatischen" Veranstaltungen am Ort (auch der Gebetsabend ist in der Regel offen) gibt es inzwischen in den meisten Diözesen einen Kalender von regionalen Veranstaltungen und Diensten. Wenigstens zweimal im Jahr treffen sich die Leiter der Gebetsgruppen, und einmal ist ein "Diözesantreffen". Verschiedentlich gibt es diözesane Werke, etwa das "Evangelisationswerk" in Regensburg. Es gibt einige Priester- und Ordensberufungen; weitaus mehr entscheiden sich freilich für eine der neuen "charismatischen" Gemeinschaften. Deren Verbindlichkeit reicht von zeitweiligen Projektgruppen über Zusammenschlüsse mit regelmäßigen Treffen und jährlicher Erneuerung eines Versprechens bis hin zu ordensähnlichen Lebensgemeinschaften.

Aus einer Initiativgruppe zur Gründung eines "Katholischen Evangelisationszentrums" in Maihingen erwuchs vor 15 Jahren als Träger eine Lebensgemeinschaft "Lumen Christi" (19 Personen), die inzwischen 4 Außenstationen hat, davon eine in Kaliningrad (Königsberg) mit Schwerpunkt Sozialarbeit. Das Haus war das erste überregionale Zentrum der Charismatischen Erneuerung in Deutschland und ist das ganze Jahr hindurch mit Kursen belegt. Mehrere Jahre gab es dort eine Jüngerschaftsschule (je 6 Monate für ca. 25 Personen; insgesamt 200), heute ein Angebot "Heilende Gemeinschaft" (von Wochenenden bis zu Dreimonats-Kursen). Eine der Außenarbeiten liegt in einem regelmäßigen Dienst zum Gemeindeaufbau in verschiedenen Pfarreien, eine andere in der geistlichen Begleitung von Gruppen und Einzelnen - und vieles mehr. Weitere Tagungshäuser sind in Heiligenbrunn (Familien mit Christus), Hochaltingen und Biburg. Das "Haus Philippus" in Guthmannshausen, in der ehemaligen DDR ein ökumenisch ausgerichtetes Zentrum der katholischen Charismatischen Erneuerung, zeitweise mit einer Jüngerschaftsschule, ist heute u.a. Basis für Dienste in Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Rußland.

Aus einer intensiven Jugendarbeit in Ravensburg entstand die "Bundgemeinschaft Immanuel" mit heute ca. 150 Mitgliedern, z.T. nun in Außengruppen, z.B. in Dresden. In ihrer "Geistlichen Wegweisung" heißt es: "Die Mitglieder der Gemeinschaft Immanuel schließen einen Bund miteinander, der den Neuen Bund aktualisiert. Es ist ein erneutes Ja zu diesem Bund Gottes mit den Menschen und eine Verpflichtung, diesen Bund innerhalb der Gemeinschaft Immanuel zu leben. Der Bund wird öffentlich vor Gott und den Anwesenden geschlossen und durch die Unterschrift unter die Mitgliedsurkunde beglaubigt." Zu den "Diensten" gehören u.a. "Musikdienst, Lobpreis, Kreativität/Tanz, Arbeit in Schulen, Bildungsarbeit, Medien". "Immanuel" hat inzwischen eine eigene bischöfliche Anerkennung.

Insgesamt gibt es etwa 30 eigenständige deutsche Gemeinschaften, z.B. in Olching b. München ("Brot des Lebens", 20, und "Neuer Weg", 40), in Augsburg und Umgebung ("Koinonia" Biburg, 80; meist junge Familien, auch nichtkatholische Christen), in Würzburg ("Jedidja", 25), Blaibach (Ichthys, ca. 150), Tittmoning ("Wort des Lebens", 40), Frankfurt/M ("Jugend mit einer Mission", 20, ökumenisch), Marsberg ("Stern von Bethlehem", 40) und Berlin, ("Monte Crucis", 40). Die Initiative "Nehemia" in Karlsruhe (75 Mitglieder, meist junge Familien) ist von vornherein von Christen verschiedener Konfessionen gegründet worden. - Generell ist zu sagen: Auch wenn manche eine Wohngemeinschaft bilden, wohnen doch die meisten Mitglieder für sich - als Familien oder Singles - und gehen ihrem Beruf nach. Verbindlich sind eine geistliche Lebensordnung, regelmäßige Treffen, Mitarbeit in einer Aufgabe und je nach Möglichkeit ein finanzieller Beitrag. In der Gruppe "Wachet und betet" (Pfatter u.a.) sammeln sich etwa 70 Personen um einige (bischöflich anerkannte) "Eremit(inn)en der Anbetung" zu einem Leben des Gebetes.

Vor über 20 Jahren begann durch persönliche Berufung eines einzelnen, die durch einen "Junkie" ausgelöst wurde, eine Arbeit in Gefängnissen und mit entlassenen Strafgefangenen, Drogenabhängigen und anderen aus der "Szene". In langsamer Kleinarbeit entstanden in vielen Gefängnissen meist ökumenische Gebetskreise o.ä., oft nach einer Missionswoche mit zum Teil erschütternden Bekehrungen. Daraus erwuchs die "Emmaus-Gemeinschaft", heute mit 25 ständigen Gruppen, 5 Mitgliedern, die ein Ordensleben führen, und ca. 100 ehrenamtlichen Mitarbeitern, um die sich ein weiter Kreis von Interessenten zieht. Die Arbeit wird z.T. von ehemals Betroffenen getragen; sie haben die rettende Kraft Gottes sehr lebendig erfahren. Aber auch viele "Normalos" helfen mit an der "Befreiung der Armen durch die Frommen und der Frommen durch die Armen". Letzteres ist für viele die große Überraschung. - Ähnlich arbeitet "Pain de vie" (Brot des Lebens, 5 "Stationen"). Die Arbeit von "Glaube und Licht" (Foi et Lumière - Zusammenleben mit geistig Behinderten) wird ebenfalls von Menschen aus der Charismatischen Erneuerung mitgetragen.

Während in den USA und in Frankreich seit Beginn der siebziger Jahre "Bundgemeinschaften" (covenant communities) u.ä. entstanden, kam dies in Deutschland erst relativ spät zustande, wobei mehrere französische Gemeinschaften in Deutschland Fuß gefaßt haben. Die erste war wohl "Emmanuel", die in Paris schon bald mit Straßenevangelisation begonnen hatte und allmählich dort ein ausgedehntes, evangelistisch ausgerichtetes Bildungsprogramm nach Art einer Volkshochschule anbot. In Deutschland bildeten sich Zellen (viele Ehepaare), die inzwischen in mehreren Diözesen eine je eigene bischöfliche Anerkennung haben und insofern mit ihren ca. 350 Mitgliedern, der "Jugend für Jesus" und den jährlichen Großtreffen in Altötting und Paray-le-Monial einen relativ eigenständigen Weg gehen. Schließlich die aus Italien kommende Gemeinschaft Giovanni Battista (Hamburg, 45, und drei weitere Zellen) sowie das "Internationale katholische ("Catholic") Programm für Evangelisation" (ICPE; Malta; Allerheiligen/Schwarzwald, ca. 20).

Im Unterschied dazu gibt es ordensähnliche Lebensgemeinschaften, denen sich jeweils ein größerer Kreis von Freunden und Besuchern zuordnet: "Pain de vie" (s.o.); "Chemin neuf" (Neuer Weg, ca. 20, auch nichtkatholische, Mitglieder; "Kana"-Arbeit mit Ehepaaren). Ferner die "Gemeinschaft der Seligpreisungen" (75, 5 Häuser); Akzente: karmelitisch-kontemplativ; marianisch; große Treffen in Lourdes und Lisieux; je nach Haus verschiedene Dienste (Familien- und Jugendarbeit, Aufnahme von behinderten Kindern, Einkehrtage u.ä., Ost-West-Versöhnung). - Es sei nicht verschwiegen, daß in den USA und Frankreich manche Gemeinschaften in den letzten Jahren in schwere Krisen geraten sind. Gründe sind z.T. überhöhte Ziele im Gemeinschaftsleben und in der Frömmigkeitspraxis, Mangel an geistlicher Unterscheidung, direktiver Leitungsstil u.ä., wodurch so manche Menschen, die mit hohem Einsatz kamen, viel Leid erfahren haben.

Jugend: War der charismatische Aufbruch ursprünglich (seit 1970) stark von jüngeren Menschen mitgetragen, gelang es an einigen Stellen, später einen Traditionsbruch zu vermeiden, z.T. durch neue Initiativen der Jugendarbeit wie "Camps", Zellgruppen, größere Treffen ("Jump"), auch in Verbindung mit den allgemeinen "Deutschlandtreffen" (1987, 1991 und 1993 mit je ca. 3500 Teilnehmern, davon etwa 500 Jugendliche), durch "Einsätze" im In- und Ausland; im letzten Jahr gab es auch ein europäisches Treffen "Europe Arise" mit ca. 1500 Jugendlichen in Maihingen, davon die Hälfte aus Deutschland. Für viele wird hier erstmals die Botschaft "real", sie erleben die Kraft des Wortes Gottes und des Heiligen Geistes in ihrem Leben - und beschämen oft die Erwachsenen. Und sie geben untereinander Zeugnis.

Dienste: Den Musikdienst leisten vielfach junge Menschen, so daß z.B. auch dadurch die Verbindung mit der jüngeren Generation gegeben ist, ferner durch Zusammenarbeit bei Straßenevangelisation, etwa auf den Katholikentagen, auch durch Pantomime oder Konzerte ("Effata", Ravensburg). Grundangebot sind Glaubenskurse (meist in Gemeinden angeboten), neuerdings auch "Alphakurse" (die viele Außenstehende erreichen, ursprünglich anglikanisch); Bibelkurse, Exerzitien, "Gebetsschulen"; Seminare für geistliche Begleitung und Seelsorge durch Laien, für Ehe und Familie, über innere Heilung, Fürbitte; Kurse zu einzelnen Charismen wie Prophetie, Heilung, Unterscheidung; auch Bibliodrama, Tanz als geistlicher Ausdruck sowie für verschiedenste diakonische Dienste und Randgruppenarbeit. An vielen Orten gibt es öffentlich angebotene Lobpreis- und Segnungsgottesdienste (wo mit einzelnen in ihren Anliegen gebetet wird), Zeiten eucharistischer Anbetung, Gebetstage; schließlich einige "Geistliche Bibelschulen" (z.B. von Krefeld aus seit 12 Jahren mit einem ausgebauten Programm).

All dies sind "offene" Dienste in der Kirche, Impulse, die zur Erneuerung der Kirche beitragen wollen und nicht primär auf das Wachstum der "Bewegung" ausgerichtet sind. Was vielfach fehlt, sind "Netze", um Menschen, die neu von Gott angesprochen sind, aufzufangen und mit ihnen weiterzugehen. Neuer Wein braucht neue Schläuche. Manche Gebetsgruppen sind zu sehr in sich verschlossen und einige neuerdings auch traditionalistisch oder ungesund "marianisch" verengt. So gehen viele Katholiken, die eine solche geistliche Erfahrung gemacht haben, in freie Gemeinden. - Auf den häufigen Vorwurf, der soziale und gesellschaftliche Einsatz komme zu kurz, ist allerdings zu sagen, daß einerseits in dieser Richtung im persönlichen Leben viel mehr getan wird, als man meint, zum anderen, daß der Schwerpunkt der spezifischen Berufung der Charismatischen Erneuerung offensichtlich darauf liegt, der Glaubensnot zu begegnen, und da hinein Instrument zu sein für eine Initiative, in der Gott auf die Menschen zugeht ("Evangelisation"). Andere mögen andere Berufungen in der Kirche haben.

Strukturen: Je klarer man sieht, daß charismatische Erneuerung nicht menschlich machbar ist, um so mehr wird man die Funktion von Hilfsdiensten richtig einschätzen. Diözesanvertreter (meistens zwei) bilden zusammen mit 20 Gemeinschaftsvertretern einen "Rat" auf Bundesebene, der eine "Koordinierungsgruppe" und einen "Theologischen Ausschuß" wählt. Über den "Kreis der geistlichen Bewegungen" ist neuerdings ein Vertreter des Rates Mitglied im Zentralkommitee der Deutschen Katholiken. Zum Theologischen Ausschuß gehören auch zwei von der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz entsandte Theologen. Die bewegte Geschichte der nunmehr 25 Jahre ist ein beredtes Beispiel für eine gelungene "Dienstleistung" des kirchlichen Amtes im besten Sinne des Wortes: Hilfestellung, wo es nötig ist (im Sinne des Subsidiaritätsprinzips), Stützung und Vertrauen in die Eigenverantwortlichkeit der Gruppen und Gremien. Auch der Dienst der Leiter und Gremien besteht nicht in der Vorgabe und Durchführung eines zentralen "Programms", sondern darin, durch Prüfen und Unterscheiden das zu stützen und zu schützen, was als Gabe und Berufung hier und da aufbricht. So lernt man Tag für Tag neu, daß nicht menschliche Verordnungen und "Kirchenpolitik", sondern die Kraft des Geistes die Kirche hält und erhält.
 

4. Weltweit und ökumenisch

In Deutschland ist dieser Aufbruch in der katholischen Kirche zahlenmäßig relativ klein. Seit vielen Jahren hält sich die Zahl hier bei 12 000, die sich regelmäßig treffen und "dazugehörig" fühlen; in Österreich spricht man von 7000, in der deutschsprachigen Schweiz von 3000. Dabei handelt es sich um einen recht beständigen "Stamm" und solche, die kommen und nach einiger Zeit wieder gehen, teils weil sie einen anderen Platz in der Kirche haben oder finden, teils aus Enttäuschung, weil es z.B. zu flach, zu eng oder aber auch zu rigoristisch fordernd ist, manchmal aber auch, weil sie sich der geistlichen Herausforderung nicht stellen wollen. Insgesamt dürften in den letzten 25 Jahren im deutschen Sprachraum etwa 100 000 Katholiken von charismatischer Erneuerung erfaßt und (mit)geprägt worden sein. Die Zahl derer, die offen sind für solche Impulse, ist noch größer. Der relativ große Anteil von "postcharismatischen" Katholiken ist in der ganzen Welt zu beobachten.

Dennoch sind in anderen Ländern die Zahlen der "Aktiven" meist wesentlich höher. In Italien z.B., wo sich jährlich ca. 50 000 in Rimini treffen, oder auf den Philippinen hat die Bewegung stärker volkskirchlichen Charakter. Insgesamt spricht man von 90 Mill. Katholiken weltweit, die aktuell zur Charismatischen Erneuerung zu rechnen sind. Große Aufbrüche gibt es z.Zt. in Uganda, Korea und in Kerala/Indien, mit einem stark evangelistischen Zug, getragen von Laien und Priestern in Kontakt mit den Bischöfen. Dabei sind die "national service committees" lediglich eine kleine Hilfe zur Koordination für das, was jeweils vor Ort wächst. Ebenso ist der "International Catholic Charismatic Renewal Service" in Rom ein kleines Büro für Kontakte, nicht etwa die "Schaltstelle" mit einer zentralen Planung oder Verwaltung. Dieses "ICCRS" und der "Internationale Rat" (30 Personen) halten Verbindung mit dem Päpstlichen Rat für die Laien, von dem nun, nach Kardinal Suenens und Bischof Cordes, Bischof Rylko der päpstliche Berater ("Advisor") ist.

Kann so an der katholischen Identität, Authentizität und Integration kein Zweifel sein, muß man nun auch deutlich sagen, daß man dies nicht losgelöst von dem betrachten darf, was seit dem Jahre 1900 zunächst in reformatorischen Denominationen aufgebrochen ist: Die Pfingstbewegung, die nach einiger Zeit zu eigenen Pfingstkirchen führte, da dieses neuartige Wirken des Geistes in den Kirchen nicht angenommen wurde (z.B. die "Berliner Erklärung" von 1909: "Das Zungenreden ist von unten!"). Eine sogenannte "neopentekostale" Phase in den fünfziger und sechziger Jahren war dadurch gekennzeichnet, daß nun viele Menschen die "Geisttaufe" erfuhren und mit dieser in ihren Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften blieben. Katholiken waren es zunächst einzelne, auch lokal begrenzte Eigenanfänge, bis sich nach der gemeinschaftlichen Geist-Erfahrung einer Gruppe der Duquesne-University 1967 zunächst in den USA, aber bald in der ganzen Welt eine schnell wachsende "Charismatische Erneuerung in der katholischen Kirche" formierte.

Ob es einem paßt oder nicht: Hier liegt eine Bewegung vor, die ähnlich wie die ökumenische Bewegung in allen Kirchen eigenständig wächst. Der Heilige Geist ist weder katholisch noch evangelisch noch pfingstlerisch. Dies bringt gewiß für manchen Katholiken in der "Erneuerung" Ängste mit sich, weil er nicht mit allen anderen Formen charismatischer Frömmigkeit identifiziert werden möchte. Aber wie er die vielen Eigenarten und Fehler der eigenen Kirche aushalten muß - nicht ohne nach seinem Maß an der Überwindung der Fehler mitzuwirken -, so muß er bereit sein, auch hier die verschiedenen Ausprägungen und auch Fehlentwicklungen zunächst stehen zu lassen und zu unterscheiden, um das Gemeinsame und Große, das Gott auch in anderen wirkt, nicht zu verlieren. Erst auf dieser Basis kann er, wenn er in der eigenen Kirche verwurzelt ist, von innen her versuchen, Auswüchse zu korrigieren. Insofern ist der katholischen Charismatischen Erneuerung die Ökumene ins Stammbuch geschrieben - was bedeutet, daß sie sich als Teil einer "Charismatischen Bewegung" begreift, die nicht "über-konfessionell" ist (als ob sie über den Konfessionen stünde), sondern von einem "transkonfessionellen" Wirken des Heiligen Geistes getragen ist.

So gibt es in Deutschland in den evangelischen Landeskirchen die "Geistliche Gemeinde-Erneuerung" mit ca. 500 Pfarrer/innen und Diakonen, 5000 verbindlich Dazugehörigen und 50 000 davon Inspirierten; Schwerpunkte sind Gebetskreise, die oft an "Hauskreisarbeit" anknüpfen, Seelsorge, Glaubenskurse, charismatische Gottesdienste. Es gibt auch hier Gemeinschaften mit Tagungshäusern wie Schloß Craheim, Haus Obernkirchen; einige evangelische Orden haben diesen Impuls mitgetragen haben wie die Marienschwestern (Darmstadt), die Christusbruderschaft (Selbitz), die Jesusbruderschaft (Gnadenthal) oder die Schwesterngemeinschaft im Schniewind-Haus (Schönebeck/Elbe); schließlich Werke wie CVJM in München, das JMS: Jugend-, Missions- und Sozialwerk Altensteig (Schwarzwald) oder die FCJG (Freie Christliche Jugendgemeinschaft) in Lüdenscheid - alle mit erstaunlichen, soliden Aktivitäten.

Analoge Gruppierungen gibt es bei den Baptisten, Methodisten und anderen Freikirchen. Eine der ersten Initiativen waren die "Geschäftsleute des vollen Evangeliums" (GdvE, jetzt "Christen im Beruf": Männer), und "Aglow" (Frauen), die ihre Versammlungen meist in großen Hotels halten (z.B. "Frauenfrühstück" mit Vortrag, Zeugnis, Gespräch, Gebet) und sich überkonfessionell nennen, was besagt, daß sie nicht eigene Gemeinden gründen, sondern daß die Einzelnen jeweils in ihrer Konfession bleiben. - Einige Gemeinschaften haben sich aus den Kirchen heraus zu neuen Freikirchen entwickelt, etwa die "Gemeinde auf dem Weg" (mit ca. 400 Gemeindegründungen von Berlin aus) oder die "Anskarkirche" in Hamburg; andere sind von vornherein als "neue Gemeinden" entstanden. Sie haben viele Gottesdienstbesucher und haben ein sehr lebendiges und oft überzeugendes Gemeindeleben, z.B. das "Christliche Zentrum Berlin" (CZB: Kirche am Südstern) und ähnliche "CZ.." an anderen Orten (z.B. CZF) oder die "Biblische Glaubensgemeinde Stuttgart". Andere gehören zur "Glaubensbewegung" oder zu den aus den USA kommenden "Vine-yard"-Gemeinden (Bern "Basileia", nun auch mehrere in Deutschland). Die Kirchenzugehörigkeit der Einzelnen ist oft ungeklärt, da sie häufig nicht aus ihrer angestammten Kirche austreten. An den Sonntagsgottesdiensten des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden nehmen z.B. 30.000 Personen teil (25.000 Mitglieder; eine der fünf "Klassischen Pfingstkirchen" in Deutschland vom Anfang des 20. Jahrhunderts her).

In den letzten 15 Jahren fanden zahlreiche evangelistisch ausgerichtete Kongresse statt, häufig mit Tausenden von Teilnehmern, oft von mehreren Trägern verantwortet. Dort haben viele eine persönliche Umkehr vollzogen, und unzählige Christen erfuhren Ermutigung auf dem Glaubensweg. Manche der genannten Gruppierungen arbeiteten mit bei den Großveranstaltungen "Pro Christ", "Christus für alle Nationen" oder den "Christivals". Initiativen wie "Fürbitter für Deutschland", "Promise-Keepers" (eine Männerbewegung) "Jesusfreaks" oder "Villow Creek" erreichen ein breites Publikum, auch ins säkulare Umfeld hinein. Zudem gibt es in den letzten Jahren Annäherungen zwischen charismatischen und pietistischen Gruppierungen sowie Gespräche zwischen Evangelikalen und Pfingstlern. Damit schließen sich allmählich alte Wunden. Es versteht sich von selbst, daß dort auch viele Katholiken innerlich angesprochen werden. Wie nimmt die Kirche ihre pastorale Verantwortung für sie wahr? Finden sie in ihren Gemeinden Verständnis für ihren neuen Weg mit Gott?

Die Dynamik ist kaum zu überschätzen. Neben den Katholiken, Orthodoxen und den Kirchen der Reformation (incl. Anglikanern) sind die pfingstlich-charismatischen Kirchen und Gemeinden weltweit längst ein vierter Block von etwa 340 Mill., der zahlenmäßig am schnellsten wächst, am stärksten darunter die neuen freien Gemeinden ("Nondenominationals") z.B. in England eine Hauskirchenbewegung. Hinzu kommen die innerkirchlichen charismatischen Aufbrüche, ebenfalls wohl die am stärksten wachsenden geistlichen Bewegungen, z. Zt. besonders unter den Anglikanern ("Church Planting"). So kann man von verschiedenen "charismatischen Strömen" ("Streams") sprechen. Und viele Impulse wirken in alle Kirchen hinein, etwa die von Seoul, Toronto und Pensacola. Das Bild wird immer bunter; alles in allem etwa 490 Mill. Christen in der "Pfingstlich-Charismatischen Bewegung".

So ist hier eine verantwortungsbewußte Ökumene gefragt - zunächst unter den Christen des pfingstlich-charismatischen Aufbruchs. Außer vielen Kontakten vor Ort und bilateralen Beziehungen gab es in Deutschland aufgrund einer Intiative der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen jahrelang Gespräche von Vertretern kirchlicher Charismatischer Erneuerung mit den Pfingstkirchen. In dem "Kreis charismatischer Leiter" stehen heute 45 Persönlichkeiten des gesamten pfingstlich-charismatischen Spektrums aus Deutschland miteinander in Beziehung, darunter 5 Katholiken. Es gibt eine "Europäische Charismatische Consultation" (ECC) und eine "International Charismatic Consultation of World Evangelisation" (ICCOWE), die in loser Form Kontakte fördern; dies geschah u.a. durch ein weltweites Treffen in Brighton / England 1991 mit ca. 3500 und ein eher europäisches Treffen in Prag 1997 mit ca. 400 Teilnehmern, davon die Hälfte aus dem ehemaligen Ostblock (30 Orthodoxe). Dabei ging es nicht um Programme oder "Strategien", sondern um Verkündigung, Zeugnis, Austausch und Gebet sowie um Dialog unter Theologen. Seit 1970 gab es bereits vier Gesprächsrunden von je 5-7 Jahren zwischen dem Römischen Einheitssekretariat und Persönlichkeiten verschiedener Pfingstkirchen. Bei der letzten Runde stellten sich unter dem Stichwort "Evangelisation und Proselytismus" beide Seiten auch der besonderen Problematik in Lateinamerika, wo pfingstliche Aufbrüche manchmal wie ein "Einbruch" in katholisches "Stammland" empfunden werden.

Es verwundert nicht, daß es auf dieser Basis auch diverse gemeinsame Aktivitäten gibt, lokale wie überregionale, in Deutschland etwa die "Christen im Gesundheitswesen" (ca. 800, 25 Gruppen) oder "Jugend mit einer Mission" (Hurlach und 4 weitere Zentren, ca. 100 vollzeitliche und andere ehrenamtliche Mitarbeiter), die in einer guten und fairen Weise mit Ortsgemeinden zusammenarbeiten. Ferner "Christliche Aidshilfe", "Marsch für Jesus" (1991 und 1994 in Berlin mit 75000; weltweit ca 15 Mill.) sowie die "Gebetstage für Deutschland" am 3. Oktober. Im 50. Jahr nach Kriegsende gingen von Deutschland aus mehrere Gruppen "Versöhnungswege" in die von deutscher Invasion betroffenen Länder. Eindrucksvoll die Begegnung in der Festhalle von Wolgograd (Stalingrad) mit den amtlichen Vertretern der Stadt und der Kirchen, wo sich deutsche und russische Kriegsteilnehmer begegneten und die deutsche Delegation um Vergebung bat. Ähnlich die Vergebungsbitte in Petersburg. Und seit 1996 sind verschiedene Gruppen in vier Sommer-Etappen von Köln aus zu Fuß auf einer "Prayer-Expedition" über den Balkan und die Türkei nach Jerusalem, um den Weg der Kreuzzüge nachzugehen und jeweils vor Ort vor allem Juden (aber auch Moslems) um Vergebung zu bitten für all das, was Christen ihren Vorfahren angetan haben. Das Anliegen einer Versöhnung mit Israel wird allmählich bewußter.

Schließlich gibt es viele humanitäre und evangelistische Initiativen in den ehemaligen Ostblock hinein, nicht immer, aber doch manchmal mit einer guten Sensibilität für die Kirche vor Ort. Der Blick richtet sich zunehmend auf die "unchurched" und "unreached people", vor allem im "Gürtel" der nichtchristlichen Völker von Marokko bis Japan ("DAWN"). Diese Arbeit wird besonders von nichtkatholischen Christen getragen. "Wenn nur Christus verkündet wird!" (Phil 1,18). So hat z.B. die FCJG Lüdenscheid Ende 1997 den 1000. Mitarbeiter (meist für Kurzeinsätze) in die Mongolei entsandt und dort bei der Verkündigung und beim Aufbau von Gemeinden ein erstaunliches Wirken Gottes erfahren (vgl. Mk 16,20).
 

5. Literatur

Man kann sich vorstellen, daß die Literatur uferlos ist. Bereits 1980 veröffentlichte Kilian McDonnell aus den verschiedensten Kirchen der ganzen Welt 92 Documents on the Charismatic Renewal: "Presence, Power, Praise", 3 Bde., Liturgical Press, Collegeville/Min., USA. - Der Dialog "Vatikan-Pfingstler" (I bis III) erschien in: Harding Meyer u.a. (Hrsg.), "Dokumente wachsender Übereinstimmung", Paderborn: Bonifatius 1983/1992, Bd. I 476-486; Bd II 581-622. - Manche Werke zur Pneumatologie haben neue Anstöße bekommen; Yves Congar reflektierte "Verheißungsvolles und Fragwürdiges der charismatischen Erneuerung im Geist" (in: "Der Heilige Geist", Freiburg 1982, S. 271-317). - Ferner gibt es eine Reihe von Handbüchern zur "Hinführung".

Im Vier-Türme-Verlag, 97359 Münsterschwarzach Abtei, erscheint u.a. eine Reihe "Aufbruch des Geistes"; von den 28 Büchern seien erwähnt:

- N. Baumert (Hrsg.), Jesus ist der Herr. Kirchliche Texte zur Charismatischen Erneuerung (mit dem oben unter 2 genannten Text "Der Geist macht lebendig" und einer Literaturauswahl bis 1987).

- P. Hocken, "Ein Herr, ein Geist, ein Leib. Die Gnade der Charismatischen Bewegung für die Ökumene" (1993), ein Versuch, mit neuen Formulierungen die Ansätze weiter zu denken.

- K. McDonnell - G.T. Montague, Eingliederung in die Kirche und Taufe im Heiligen Geist. Belege aus den ersten 8 Jahrhunderten (1998). - Eine grundlegende, auch exegetische Untersuchung zu diesen Fragen mit einer Antwort auf McDonnell und Montague ist in Vorbereitung: N. Baumert, Charisma - Taufe - Geisttaufe. Entwirrung einer semantischen Verwirrung. Würzburg: Echter 1999.

Eine umfassende ökumenische Aufarbeitung der theologischen und spirituellen Fragen und Literatur bietet O. Föller, Charisma und Unterscheidung. Systematische und pastorale Aspekte der Einordnung und Beurteilung enthusiastisch-charismatischer Frömmigkeit im katholischen und evangelischen Bereich. Wuppertal; Zürich: Brockhaus 1994. - Schließlich ein erster Sammelband: A. und G. Wenzelmann (Hrsgg.), Geist und Gemeinde - Beiträge zu Charisma und Theologie I, Verlag Geistliche Gemeinde-Erneuerung, Hamburg 1998.

Schließlich vieles andere, sowie diverse Zeitschriften (s.u.). Es fehlt auch nicht an Auseinandersetzungen; man wird zuschauen, ob in solcher Literatur die geistliche Mitte verstanden ist und von da her dann berechtigte Anfragen formuliert werden.

"Theologische Orientierungen" des Theologischen Ausschusses des Rates der CE in Deutschland sind als Sonderdrucke erhältlich beim Sekretariat in Karlsruhe und beim Kommunikationsdienst (Adressen im folgenden).

1. Der oben unter 2 genannte Text "Der Geist macht lebendig", Theologische und pastorale Grundlagen der Charismatischen Erneuerung in der katholischen Kirche Deutschlands (auch in englisch);

2. Zur Firmpastoral (auch in: Geist und Leben 64, 1991, 234-238);

3. Zu körperlichen Phänomenen bei geistlichen Vorgängen (auch zum sog. Toronto-Segen); in englisch: Concerning Extraordinarily Bodily Phenomena in the Context of Spritual Occurrences, in: Pneuma, The Journal of the Society für Pentecostal Studies 18 (1996) 5-32. (Anschrift: M.W. Dempster, Southern California College, 55 Fair Drive, Costa Mesa, California 92626)

4. Zur Praxis der Marienfrömmigkeit (authentische Neugestaltung im Unterschied zu traditionalistischen Verengungen, die den charismatischen Ansatz zu verfälschen drohen);

5. "Endzeitfieber" oder Sehnsucht nach dem Herrn? (Auch in: N. Baumert, Endzeitfieber? Heutige Prophetien und biblische Texte im ökumenischen Dialog. CE-Praxishilfen 3, Vier-Türme-Verlag, 97359 Münsterschwarzach Abtei.)

Auskunft über Literatur: PTL - Bücherdienst. Bei der Jakobskirche 2, 86152 Augsburg, Tel.: 0821/514816. - Für pfingstlerische Literatur: Leuchter-Verlag, Pf 1161, 64390 Erzhausen. Zeitschrift: "Charisma", G. Bially, Mendelssohnstr. 2 A, 40233 Düsseldorf.

Weitere Informationen: Sekretariat der CE, Marienstr. 80, Tel.: 0721/378787 (dort auch: "CE-Info-Dienst"); Kommunikationsdienst, Fam. Ritter, Innstr. 16. 94032 Passau (seit 1976: "Rundbrief für charismatische Erneuerung in der katholischen Kirche"), Tel.: 0851/54966. - Evg.: Geschäftsstelle der Geistlichen Gemeinde Erneuerung (Zeitschrift: "Gemeinde-Erneuerung"), Speersort 10, 20095 Hamburg, Tel.: 040/336043.
 

6. Impulse charismatischer Erneuerung in die Kirche

Wenn nach dem Apostel Paulus "der Heilige Geist jedem zuteilt, wie Er will" (vgl. 1 Kor 12,11), dann ist damit zweierlei gesagt: Einmal, daß wir den Mut haben müssen, die Gaben anzunehmen, die er uns gibt, ohne sie anderen als Maßstab aufzuerlegen, als ob der Geist jedem dasselbe geben müßte wie uns; zum anderen, daß er uns etwas anvertraut, was wir nicht für uns behalten dürfen, sondern in die Gesamtheit einbringen müssen, weil jede persönliche Berufung immer auch eine Bedeutung für andere hat. Was will also Gott der gesamten Christenheit durch diesen charismatischen Aufbruch schenken? Dabei frage ich hier als katholischer Theologe, wie sich die Charismatische Erneuerung in die katholische Kirche hinein auswirken sollte. Der evangelische Christ wird leicht übersetzen können, was dies entsprechend in seinem Umfeld bedeutet.

Ohne Zweifel ist Unterscheidung angesagt (was allerdings ein Zeichen von Leben ist), und zwar sowohl in der Spiritualität wie in der Theologie. Ein frei gewährtes Charisma muß sich zunächst entfalten können, aber dabei auch seinen Ort finden in dem Gesamtwerk der Erlösung in Christus. Für diesen Prozeß bringen wir Katholiken ein anderes Kirchenbild mit als die Christen aus der Reformation. Für uns ungewohnt ist eher, daß die Initiative nicht von der Hierarchie ausgeht, sondern Gott souverän beim Einzelnen ansetzt ("Laienbewegung"). Für Protestanten mag ungewohnt sein, daß der Geist auf Leibhaftigkeit, Sichtbarkeit und Einheit hindrängt. Alle, die sich in diesem Aufbruch engagieren, müssen es sich gefallen lassen, von den übrigen Christen kritisch hinterfragt zu werden; umgekehrt müssen jene sich nach ihren Maßstäben fragen lassen, etwa ob bei ihrer Anfrage die lebendige persönliche Beziehung zum Dreifaltigen Gott ("Glaube") im Zentrum steht oder "Menschensatzungen". Nur vom Heiligen Geist her kann man ja das Wirken des Geistes erkennen (vgl. 1 Kor 2,14f). Von da her muß in diesem innerkirchlichen Dialog jeder immer wieder prüfen, wo noch oder wieder Ungeistliches und "Fleischlich-Sündiges" in ihm am Werke ist. Und bei jeder Gnade muß man mit neuen, spezifischen Gefährdungen rechnen.
 

a) Universale Norm oder partikuläre Gnade?

Theologisch die schwierigste Frage ist, wie die Erfahrung der "Geisttaufe" einzuordnen ist. Haben nur jene, die eine Durchbruchserfahrung gemacht haben und in Sprachen beten, den Heiligen Geist empfangen? Gegen diese Extremposition mancher Pfingstler wehrt sich die innerkirchliche Charismatische Erneuerung mit Recht. Doch auch manche von ihnen sagen, die Hochform oder das Ideal sei, daß jeder Getaufte eine "charismatische Erfahrung" mache (auch wenn der Heilige Geist in allen Gläubigen, etwa in den Sakramenten, wirke); insofern sei die Geisttaufe "normativ" (z.B. Kilian McDonnell). Doch hier hängt alles am Begriff. Will man damit sagen, daß jeder Christ eine lebendige Beziehung zu Gott haben sollte und insofern Glaubens-Erfahrung zum vollen Christsein gehört, ist das sachlich richtig. Aber wenn man dies "Geisttaufe" nennt, wäre der Begriff so überdehnt, daß er geschichtlich nicht mehr brauchbar ist; denn Glaubenserfahrung kennzeichnet alle lebendigen Christen aller Zeiten. Manche sagen darum nur, "Geisttaufe" sei heute ein universales Angebot Gottes. Aber woher will man das ableiten?

Jedenfalls steckte in der Lehre von einer Universalität der Geisttaufe indirekt die Unterstellung, daß der, für den man um die "Geisttaufe" betet, bisher noch kein voller Christ gewesen sei. (Doch viele in der Charismatischen Erneuerung waren bereits vorher einen entschiedenen Weg der Nachfolge gegangen!) Zwar kann eine Hinführung zum Gebet um den Heiligen Geist durchaus darin bestehen, daß man jemanden auffordert, sich (evtl. von neuem) Gott ganz zu überlassen, aber dies ist keine Garantie, daß er oder sie daraufhin die "Geisttaufe" (mit Sprachengebet) empfängt. Zumindest alle Heiligen haben doch in der Ganzhingabe und in der Kraft des Heiligen Geistes gelebt; aber es wäre gewaltsam, dies nun alles mit dem heutigen Begriff Geisttaufe zu belegen. Man darf auch nicht den Schritt des Menschen (Hingabe und Gebet um den Geist) als "Geisttaufe" bezeichnen, wie viele es tun, sondern sollte damit - wie es anfangs üblich war - nur etwas bezeichnen, was dem Menschen von Gott her widerfährt; und das ist immer überraschend und unverfügbar. Denn Er ist es, der "mit Geist tauft" und Geist-Erfahrung schenkt. Wenn heute relativ viele die "Geisttaufe" empfangen (manchmal gibt es regelrechte "Wellen" solcher "Erweckung"), bleibt dies doch eine je neue, freie Gabe Gottes, aus der man weder eine Methode noch eine Norm machen noch eine Bestätigung ableiten darf. Anders gesagt: Man muß sich hüten, aus einem (partikulären) Zeugnis eine (universale) Lehre zu machen!

Also ist die "Charismatische Erneuerung" doch ein elitärer Klub? Und wann ist man dann würdig, um die "Geisttaufe" zu beten? Pointiert könnte man erwidern: Dann, wenn man die Antwort Gott überläßt. Anders gesagt: Es gibt viele Weisen des Wirkens des Heiligen Geistes, aber nicht jede nennt man "Geisttaufe" (als Durchbruchserfahrung, mit den Charismen von 1 Kor 12,8-10). Jeder Christ muß sich immer wieder neu dem Heiligen Geist öffnen und um den Geist beten, und je nach Situation sollte er es vielleicht auch mit anderen tun. Und er sollte darauf vertrauen, daß Gott sein Gebet beantwortet (Lk 11,13). Aber wie Gott ihm den Geist gibt und wie er ihn (vielleicht neu) erfährt, das muß man stets als freie Gabe Gottes betrachten und es Gott überlassen. Warum zu bestimmten Zeiten bestimmte Menschen bestimmte Zuwendungen Gottes erfahren, das ist nie aus den Umständen und ihrer Disposition abzuleiten - so sehr diese eine Rolle spielen mögen -, sondern letztlich aus dem freien Heilswillen Gottes.

Und in diesem Sinne ist auch das Phänomen "Geisttaufe", als Kernstück der "Charismatischen Erneuerung im 20. Jahrhundert", eine konkrete Gnade Gottes. Damit wird diese Gnade nicht "gepachtet" für eine Bewegung, sondern nur beschreibend auf sie hingewiesen, in der Hoffnung, daß viele sie erfahren mögen, ob in oder außerhalb der "Charismatischen Erneuerung". Nur möge man sie nicht zur Norm erheben oder den Begriff so abschleifen, daß die konkrete Gestalt dabei verschwindet! Wir halten es so schwer aus, anders zu sein als andere oder daß andere anders sind. Entweder wir versuchen dann, unsere Gabe anderen überzustülpen, oder wir stehen nicht zu unserer Gabe bzw. neiden sie anderen und suchen sie dann einzuebnen.

Gott will seinen Geist jedem Menschen geben, und zwar konkret und lebendig. So paradox es scheint: Eben dies ist die "Botschaft", die der Charismatischen Erneuerung heute aufgetragen ist. Denn sie soll nicht sich verkünden oder ihre Erfahrung, sondern das Evangelium, das allen Menschen gilt und das allen den Geist verheißt - wie immer er sich zeigen mag. Insofern sagt sie nichts "Neues"; aber dadurch, daß Gott Neues wirkt, macht er neu auf eine "alte" Wahrheit aufmerksam. Die so betroffenen Menschen werden gerade jeden ermutigen, zu der Berufung und Gabe zu stehen, die ihm gegeben oder zugedacht ist. Darum ist es so wichtig, daß das Vatikanische Konzil mit dem Begriff "Charisma" auch die "schlichten und allgemeiner verbreiteten" Gaben bezeichnet. In diesem Sinne wird neu bewußt, daß jeder Christ auf seine Weise den Geist erfahren kann (nicht notwendig als "Geist-taufe") und sein eigenes Charisma entdecken muß. Und in diesem Sinne ist charismatische Erneuerung etwas Universales, auch wenn man es bisher nicht so genannt hat. Wenn man will: Die gegenwärtige "Charismatische Erneuerung" (groß geschrieben, als Bewegung, mit Sprachengebet etc.) ist ein Geschenk Gottes in Richtung auf eine (universale) charismatische Erneuerung der Kirche. Und da ein "Charisma" eine Gabe ist, die der Geist gibt, wie er will, und diese insofern immer ein "Teil" ist, kann man sagen: Die "Charismatische Bewegung" ist selbst ein "Charisma" - ein Teil, der so dialogisch ins Ganze hineingegeben werden muß, daß das Ganze sich erneuert. Darum löst sie sich mit Recht immer wieder in die Kirche hinein auf und behält doch zugleich eine Funktion als "Bewegung". Denn wenn sie sich vorschnell auflöste, könnte sie ihre Impulse nicht einbringen. Von einigen sei nun noch kurz die Rede.
 

b) Akzente in der Frömmigkeit:

- Lobpreis, Anbetung, Fürbitte waren immer Grundelemente christlichen Betens; doch aufgrund der neuen Geist-Erfahrung bekommen sie eine neue Frische und Lebendigkeit. Da sie hier zunächst stark "subjektiv" (vom einzelnen Subjekt her) bestimmt sind, braucht es ein gutes Gespür, um das Anliegen - etwa in "Lobpreisgottesdiensten" - so in die Kirche hinein zu vermitteln, daß die jeweils anwesende Gemeinde den Lobpreis mitvollziehen oder zumindest als etwas Echtes erkennen kann (dieser also insofern stärker "objektiviert" wird).

- Ganzheitliche Frömmigkeit: Der Stil "charismatischen Betens" mit seinen gelegentlich starken Ausdrucksformen ist nur angemessen bei entsprechender geistlicher Tiefe, sonst wird er zur "Masche". Außen und Innen müssen zusammenpassen. Der Streit um "körperliche Phänomene" wie "Ruhen im Geist", besonders mit dem Namen "Toronto" verknüpft, ist ein berechtigtes Suchen nach Authentizität. Die Phänomene gehören in den Raum geistlicher Unterscheidung, nicht ins "Spektakel".

- Nachfolge: Obwohl allen aufgegeben, entspricht doch die Art und Weise der Nachfolge jeweils der einzelnen Berufung; darum ist die konkrete Lebensgestalt "charismatischer" Gemeinschaften nicht normativ, sondern eine spezifische Berufung, ähnlich wie bei den katholischen Ordensgemeinschaften.

- Geist-Erfahrung und Sakrament: Hier kann man nochmals die Frage nach der Universalität verdeutlichen. Erneuerung des Taufversprechens, etwa bei Firmung/Konfirmation oder Firmerneuerung, Erneuerung des Eheversprechens oder auch die Krankensalbung, die für jeden Christen vollziehbar sind, können Anlässe sein, daß man um den Heiligen Geist betet, auch unter Handauflegung anderer. Wenn dann manche dabei oder im Gefolge dessen eine tiefe Berührung durch Gott und vielleicht das Sprachengebet oder andere Charismen empfangen ("Geisttaufe"), dann ist dies ein freies Geschenk Gottes, nicht eine notwendig mit dem Sakrament verbundene Gabe, die jetzt "freigesetzt" würde. Und wenn so etwas in der Urkirche häufig war, danach selten geworden ist und heute wieder vermehrt auftritt, so heißt das nicht, daß in der Zwischenzeit kaum jemand für die Fülle des Geistes offen war, sondern daß dieser charismatische Aufbruch eine (neuerliche) Gabe für heute ist - von dem niemand sagen, kann, wie lange er in dieser Weise gegeben wird. Wenn viele daraus den Schluß ziehen, die Wiederkunft des Herrn stehe unmittelbar bevor, so ist das nach meiner Sicht biblisch und theologisch nicht zu halten (s.o. 5), aber innerhalb der Charismatischen Bewegung kontrovers.
 

c) Einzelne "Charismen":

- Charisma der Prophetie: Einerseits nimmt jeder lebendige Christ "teil an dem prophetischen Amt Christi" (Kirchenkonstitution 12), andererseits gibt es der Geist "dem einen oder anderen" in besonderer Weise (1 Kor 12,10) - und traut allen die Mühe der Unterscheidung zu! Dies gilt auch für die Kirche als ganze: Ist sie bereit, mit "Propheten im eigenen Lande" zu rechnen ("Gemeindeprophetie"), gegebenenfalls aber auch das, "was von der Gnade des Heiligen Geistes in den Herzen der getrennten Brüder gewirkt wird" (Ökumenismusdekret 4), anzunehmen? Die einen prophetischen Auftrag bekommen, müssen ihrerseits bereit sein, den u.U. schmerzlichen Weg des Propheten zu gehen und dürfen sich nicht in falscher Weise als "domestizierte Erneuerung" anpassen. Andererseits: Wo und wie geschieht innerkirchlich das Aufdecken "falscher Propheten", und - was oft noch schwieriger ist - das Aufdecken von eigenen Beimischungen dessen, der das Wort bekommt?

- Charisma der Unterscheidung: Jeder Christ braucht es; außerdem haben es einige in besonderer Weise (1 Kor 12,10), auch zum Dienst für andere. Da in diesem geistlichen Prozeß viel in Bewegung kommt, muß diese Gabe auch in den Versammlungen ausgeübt werden, was nicht immer gefragt und zugelassen wird. Aber sie ist das erste Korrektiv, lange bevor die kirchliche Autorität diesen Dienst auszuüben hat; und sie ist entscheidend für gesundes Wachstum, damit man nicht auf der Stelle tritt.

- Charisma der Heilung: Auch dies hat selbstverständlich niemand "gepachtet". Wenn Heilung auf Gebet hin in der Charismatischen Erneuerung häufiger geschieht - es gibt genügend glaubhafte Zeugnisse - und einige in besonderer Weise die Gabe haben, Heilung zu vermitteln (1 Kor 12,9), dann gewissermaßen als Ermutigung für alle Menschen, ihre Krankheit und Not sehr konkret mit Vertrauen zu Gott zu bringen und - auch hier - die Art der Antwort Gott zu überlassen! In diesem Bereich gibt es viele Übertreibungen, etwa daß man immer geheilt würde, "wenn man nur glaubt".

- Gebet um Befreiung: Ein Beitrag zu dem Ringen um die richtige theologische Sicht des Bösen ist die vielfache Erfahrung in der Charismatischen Bewegung, daß Gebet um Befreiung eine klare, eigene Wirkung hat - wie man auch im Evangelium nicht Exorzismus mit Heilung und nicht Besessenheit mit Krankheit gleichsetzen darf. Ein verantwortliches Miteinander von Medizin, Psychologie und Seelsorge muß gegen Mißbrauch schützen, auch vor Übergriffen auf den Kompetenzbereich des jeweils anderen Fachgebietes; aber dann bleibt die grundsätzliche theologische Frage, ob man die Existenz "des Bösen" ernstnimmt und wie man die letzte Vaterunser-Bitte versteht.
 

d) Kirche und Sendung

- Zeugnis: Von dem zu sprechen, "was der Herr an dir gewirkt hat" (Mk 5,19), kann ein Weg sein, auf dem Gott andere zum Glauben führt oder sie ermutigt, auf eine entsprechende Führung des Geistes im eigenen Leben zu achten. Es darf aber nicht in Propaganda für den Betreffenden selbst umkippen (Mk 1,45), sondern muß im inneren Hören auf den Geist geschehen.

- Glaubensgespräch von Person zu Person war der Weg, auf dem sich das Reich Gottes in den ersten Jahrhunderten ausbreitete. Diese Art von "Evangelisation", auch an Nichtglaubende, ist das Geheimnis des Wachstums auch heute. "Neue Gemeinden" haben hier, trotz mancher Einseitigkeiten, oft eine besondere Frische, auch in ihrer gottesdienstlichen Verkündigung.

- Glaubenskurse u.ä. sind ein methodischer Weg, wenn sie nicht nur informativ, sondern entscheidungsorientiert arbeiten.

- Daß viele sogenannte "Laien" und vor allem Jugendliche erstaunliche Berufungen erhalten, fordert die Kirchenleitungen zum Umdenken heraus - auch was den Einsatz in der "Mission" betrifft.

- Auch das Charisma der Leitung wird nicht selten Laien gegeben, die keine entsprechende Vorbildung haben. Prüfende Instanz ist zunächst die "Gruppe", bis in dem Reifungsprozeß irgendwann auch kirchliche Autoritäten gefragt sind, es zu prüfen und gegebenenfalls zu akzeptieren. Das Problem bei Freien Gemeinden: Wer prüft den Leiter? Wo wird persönliche Autorität evtl. zum Sprungbrett für Eigenmächtigkeit? Zu selten geschieht hier wohl brüderliche Zurechtweisung. Andererseits stellt sich die Frage: Wie weit sind in den großen Kirchen Leitungsstrukturen geistlich? Wo löschen sie den Geist aus?

Charismatische Bewegung - wohin? Auch wenn zur Zeit "Neue Gemeinden" ("Nondenominationals") ein starkes Wachstum erleben, verstehen sie sich doch meist nicht als Kirchenspaltung (darum sollte man sie nicht als "Sekten" bezeichnen), sondern fragen in der Regel nach dem "Ganzen des Leibes Christi" - aber eben auch nach dem Wirken des Geistes in den einzelnen. Wird beides in unseren Gemeinden wirklich angemessen gefördert? Nur über ein lebendiges geistliches Leben finden wir einen Weg zu einer Einheit. Und zu welcher? Wie sieht die Kirche der Zukunft aus? Sind nicht diese neuen "freien" Gemeinden oft genug eine Notlösung Gottes, aber vielleicht doch eine Notlösung Gottes? Auf jeden Fall sind sie eine Anfrage an die Kirche, wie es die kirchliche Charismatische Erneuerung innerhalb ist. Ist diese also ein Randphänomen oder steht sie nicht eher, mit all ihren Begrenztheiten und Menschlichkeiten, von vornherein im Hauptstrom der Kirche, ähnlich wie die Liturgische und die Ökumenische Bewegung? Sie ist nicht nur eine Bewegung in einer Kirche, sondern in der ganzen Christenheit; und sie macht von neuem deutlich, daß das Wirken des Heiligen Geistes auf das Heil aller Menschen ausgerichtet ist.