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Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen

Norbert Baumert

Paulus zur Beziehung der Geschlechter

"Paulus ist sexual-, leib- und weibfeindlich" - so ein weitverbreitetes Urteil. Aber dies ist ein gründliches Mißverständnis! Der Vf. legt hier in Kürze das Ergebnis umfangreicher Studien vor (s. Anm. 1), die das aufzeigen. Schlüssel für die neue Sicht sind einmal semantische und syntaktische Analysen, zum anderen die Beachtung der jeweiligen Briefsituation, z.B. in 1 Kor 7. Das Unheil beginnt dann, wenn man aus damaligen Beratungsgesprächen für Einzelne eine allgemeine Belehrung macht.- Der folgende Beitrag ist bisher nur auf Spanisch veröffentlicht, in: Revista Católica Internacional, Communio, segunda época, ano 15, mrz-abr. 93, p. 158-179. Hombre y mujer (Ediciones Encuentro, S.A., Cedaceros, 3, 20 - E 28014 Madrid). Er wird im Frühjahr 2001 auch auf Deutsch erscheinen in: N. Baumert, Stuttgarter Biblische Aufsatzbände. Studien zu den Paulusbriefen (SBAB 29?).

Als ich vor einiger Zeit Pinchas Lapide, er ist inzwischen verstorben, zu dem Thema sprechen hörte: "War Eva an allem Schuld?", hatte ich zum Schluß den Eindruck: ,Paulus ist an allem Schuld!' Der jüdische Theologe, im jüdisch-christlichen Gespräch sehr engagiert, wies auf viele Aussagen in der hebräischen Bibel hin, welche die Würde der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter betonen und zeigte die gleiche Tendenz im Verhalten Jesu auf. In scharfem Kontrast dazu sah er in den Paulusbriefen eine Tendenz zu einer Unterordnung und Geringschätzung der Frau. So könne 1 Kor 11,7, daß die Frau "Bild und Abglanz des Mannes" sei, nicht aus dem Judentum erklärt werden. Ferner sei es erst Paulus, der betone, daß der Mann das Haupt der Frau sei. Die Abwertung der Frau gehe dabei Hand in Hand mit einer Abwertung der Sexualität. Die beste Christin sei eine Jungfrau (mit Verweis auf 2 Kor 11,2); und nach 1 Kor 7 sei es am besten, überhaupt nicht zu heiraten. Schließlich sei sexuelle Vereinigung in sich anstößig (1 Kor 6,16; sie werden ja "ein Fleisch") und ehelicher Umgang "gierige Brunst" (1 Thess 4,5).

Damit hat dieser jüdische Theologe nur eine in christlichen Kreisen übliche Paulusinterpretation wiedergegeben. Freilich mutet man Paulus erhebliche Widersprüche zu, und zwar nicht nur im Blick auf Gal 3,28, wo er sich einmalig zu einer "Spitzenaussage" über die Gleichheit von Mann und Frau erhoben habe. Paulus spricht zwar griechisch, denkt aber in den Grundideen hebräisch. Hat er sich wirklich in jenen anscheinend negativen Aussagen auf einmal so weit von seiner jüdischen Wurzel entfernt?

Denn auch wenn es bei den biblischen Autoren allgemein, gemessen an ihrem Hintergrund, Tendenzen zu einer Hebung der Frau gibt, bleiben doch gerade bei Paulus einige ärgerliche Stellen, die zumindest eine unnötige Schärfe in die Diskussion zu bringen scheinen. In der Tat ist in der gesamten christlichen Exegese bis heute eine sexual- und frauenfeindliche Deutung einiger Paulustexte anzutreffen. Und auch die wesentlich positiveren Töne in neueren Arbeiten kommen über bestimmte, offensichtlich im Text liegende Hürden nicht hinweg, etwa daß Paulus am liebsten alle Menschen ehelos sehen würde oder über den Widerspruch zwischen dem Schweigegebot in 1 Kor 14 und dem prophetischen Reden der Frau in der Gemeinde von 1 Kor 11. Am Text also entscheidet sich alles, und so möchte ich hier für die wichtigsten Abschnitte wesentliche Korrekturen vorstellen.(1) Dabei werden wir beobachten, daß Paulus die befreiende und liebende Botschaft des Alten Testamentes Jesu weiterführt und entfaltet.
 

1. Erlösung der Sexualität

"Am Anfang war es nicht so", antwortet Jesus auf die Frage, warum Mose den Männern im Falle einer Ehescheidung einen Scheidebrief zur Pflicht macht. Daß in den Evangelien über die Ehe nur anläßlich der Scheidungsfrage gesprochen wird, mag schmerzlich sein, aber die Frage offenbart die "Hartherzigkeit" der Männer (Mt 19,8). So legt Jesus den Finger auf die jahrhundertealte Wunde. Denn seit dem Sündenfall ist die Gemeinschaft zwischen Frau und Mann gestört, weil sie der Gemeinschaft mit Gott entgegengehandelt haben. Der Mann herrscht über die Frau, und dies ist Folge der Sünde, nicht etwa Gottes Ordnung. Schließlich "bricht der eine oder die andere die Ehe und sie gehen auseinander".

Der Schöpfer steht vor einer Schöpfung, in der sein Abbild nicht mehr zu erkennen ist. Der Riß geht durch alle Beziehungen, aber auch durch jeden einzelnen hindurch. Darum begibt sich Er, "durch den alles geschaffen ist" (1 Kor 8,6), in die Lage der Sünder, um die Menschen nach dem Bild des Schöpfers zu erneuern (Kol 3,10). Es ist entscheidend, von dieser Erlösungsbedürftigkeit und Hilflosigkeit des Menschen auszugehen. Nur wer allem Versuch einer Selbsterlösung entsagt hat, allem naiven Fortschrittsoptimismus, selbstherrlichen Aktivismus oder den pseudoreligiösen Ideologien eines "Neuen Zeitalters", nur der vermag den "schmalen Weg" zum Leben zu finden.

"Tötet also Unzucht, Unreinheit, Leidenschaft und schlechte Begierde!" Der Imperativ setzt dabei den Indikativ voraus: Tötet sie auf der Grundlage, daß ihr mit Christus gestorben und auferstanden seid (Kol 3,3-5). Daß dieser "Lasterkatalog" mit sexuellen Sünden beginnt, weist nicht darauf hin, daß Sexualität für etwas Gefährliches gehalten wird, sondern eher dafür, daß die Liebe das Größte ist und ihre Verletzung besonderes Gewicht hat, zumal wenn sie unter dem Zeichen der Liebe geschieht (vgl. Gal 5,19 mit 22). Nicht das ist verdächtig, daß der Mensch geschlechtliches Verlangen in sich spürt, sondern daß er es loslöst von seiner Gottesbeziehung und dieses dadurch zur "Begehrlichkeit" wird. Dies aber "war einst euer Zustand!" Jeder hat zunächst diesen "alten Menschen" in sich, und nur Christus kann uns zu "neuen Menschen" machen (Kol 3,7-10). Auch unsere Sexualität bedarf also der Erlösung.

Besonders deutlich wird dies in 1 Kor 6,12-20, wo Paulus, davon ausgehend, daß einige Männer mit Prostituierten verkehren, in das Zentrum wahrer Liebesbeziehung führt. Die Korinther hatten von ihm gelernt, daß sie das Fleisch von Götzenopfern ruhig essen könnten, weil alles dem Herrn gehört (vgl. 1 Kor 10,23-32). Einige zogen nun daraus den Schluß, daß sie dann auch die Freiheit hätten, zur Dirne zu gehen. Paulus reagiert: Die Speisen gelangen nur in den Bauch, die Sexualität aber betrifft die ganze Person. Der Glaubende ist mit seinem ganzen Wesen, mit Leib und Seele, dem Herrn verbunden; wie kann er sich da mit einer Dirne vereinigen? Als Glied am Leibe Christi hat er bereits Teil an seinem Auferstehungsleben.(2) Zwar fährt Paulus in V 17 fort: Wer sich mit dem Herrn verbindet, ist mit ihm ein "Geist"; doch das ist nicht im Sinne eines westlichen anthropologischen Dualismus zu lesen, als ob der Leib gegenwärtig keinen Anteil an der Erlösung habe, sondern jetzt nur die Seele von Gott erlöst werde. Paulus will in diesem Zusammenhang gerade betonen, daß der Mensch mit seiner Sexualität auf Gott ausgerichtet ist und gerade auch mit seiner Leibexistenz mit Christus vereint und so mit ihm "ein Geist", nämlich ein "geistlicher Leib" ist. Der Leib Christi in dieser Welt ist ein Auferstehungsleib, ist bereits "neue Schöpfung" - auch wenn dieses neue Leben noch "verborgen" ist (Kol 3,2). Mit "geistlich" meint also Paulus nicht etwa einen "geistigen oder höheren Teil" des Menschen, sondern er nennt den Menschen dann "geistlich", wenn er in allen seinen Bereichen vom Heiligen Geist gereinigt und durchdrungen ist: "Wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?" (1 Kor 6,19)

Dabei ist der Heilige Geist nicht wie ein fremder Gast, sondern er durchdringt das ganze Wesen des Menschen; er möchte alle seine Glieder (Röm 6,13.19), seine Gedanken (Röm 12,2) und seine Taten durchformen (1 Kor 10,32). Darum darf der Mensch die Sexualität nicht losgelöst vom Heiligen Geist sehen, sondern nur in Einheit mit ihm. Wie "tödlich" es ist, die Sexualität von Gott zu lösen, erfahren Menschen, wenn sie zunächst gemeinsam Leben wecken, aber sich dann nicht in der Lage sehen oder bereit sind, die Frucht zu tragen. An der Tötung so viel ungeborenen Lebens wird deutlich, wie in unserer Gesellschaft mit den Kräften des Lebens umgegangen wird. Die erschütternde Abtreibungsstatistik ist Folge eines selbstherrlichen, "autonomen" Umgangs mit der Sexualität.

Es ist also nicht gleichgültig, wie ich mit dem Zeichen der Liebe umgehe. Wenn ich es abspalte von der ganzheitlichen Bindung an den Partner, dann stört dies meine Beziehung zu den anderen Menschen, zu mir selbst und besonders zu dem Menschen, dem ich mich hingebe, ohne mich wirklich hinzugeben. Denn man schenkt ja dann nicht wirklich sich selbst, sondern nur einen Augenblick, eine Geste, ein Gefühl - oder ist es gar nicht ein Zeichen der Liebe, sondern des Habenwollens? Vor allem aber stört es die Liebesbeziehung zwischen der Christin/ dem Christen und Christus. "Der Leib - nicht dem Verkehr mit der Dirne, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leib." So der Urtext, ohne Prädikat. Die Übersetzungen glätten, wenn sie etwa hinzufügen: Der Herr "ist für" den Leib oder "gehört" dem Leib. Das wirkt überzogen. Vielmehr sind beide einander zugeordnet: der Leib dem Herrn und der Herr dem Leib; beide bilden miteinander eine Beziehungseinheit. Das Erstaunliche ist, daß Paulus, da ,Leib' hier für Sexualität steht, sagt: Die Sexualität ist dem Herrn zugeordnet. Noch erstaunlicher aber ist, daß "der Herr dem Leib zugeordnet" ist, also Christus in Beziehung steht zur Sexualität des einzelnen. So darf der Mensch alle Wünsche und Spannungen, alle Phantasien dem Herrn zeigen in dem Vertrauen, daß er ihn die Dinge richtig sehen lehrt. Man darf ihm "den ganzen Film" zeigen, der manchmal abläuft, weil er, der Schöpfer, dafür Verständnis hat und allem einen Maßstab gibt, letztlich sich selbst, seine herzliche Liebe zum Menschen. Da Sexualität im tiefsten ein "Du" sucht, will er selbst dieses "Du" sein; nur von da her wird der Mensch dann auch zu einer unauswechselbaren und lebenslangen Partnerbeziehung in der Ehe fähig.

"Gott schuf den Menschen als sein Abbild männlich und weiblich" (Gen 1,27). Der Schöpfer hat also beides in sich: männliches und weibliches Wesen, aber auf eine göttliche Weise. Darum ist ihm nichts fremd in uns, sondern er fordert uns auf, sein Abbild in uns zu entdecken und zu entfalten: "Seid fruchtbar und vermehrt euch" (Gen 1,28). Gott schenkte den Menschen die Liebe zueinander: "Beide, Adam und seine Frau, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander" (Gen 2,27). Denn sie waren von Gott selbst für immer miteinander zu "einem Fleisch" verbunden. Und wir dürfen wohl die Urgeschichte so weiterlesen: Gott wollte ursprünglich mit dem Menschen ein Fest feiern und ihm selbst vom "Baum der Erkenntnis" zu essen geben; diese "Erkenntnis" besteht ja letztlich darin, daß der Mensch ihn tiefer erkennen darf. Durch die Eigenmächtigkeit des Menschen wurde gewissermaßen Gott (und auch dem Menschen selbst) dieses Fest verdorben. Der Mensch erkannte nicht Gott, sondern daß er "nackt" ist - nicht weil Nacktheit etwas Minderwertiges ist, sondern weil der Mensch sie nun nicht mehr verkraftet, da sie für ihn zu einem Symbol seiner Ohnmacht und Ausgeliefertheit wird und ihm seine Sünde offenbart. Die Ursache ist die Eigenmächtigkeit - damals wie heute. Darum wird der Mensch auch nicht durch eine "sexuelle Revolution" die "Freiheit" gewinnen, sondern nur in der Rückkehr zu seinem Schöpfer und in der liebenden Begegnung mit seinem Herrn.
 

2. Die Fragen um Ehe und Ehelosigkeit

Aber ist Paulus, der so gern von der "Freiheit der Kinder Gottes" spricht, in diesem Punkt wirklich ein Künder der Freiheit? Sagt er nicht etwa in 1 Kor 7,1: "Es ist nicht gut, daß ein Mann eine Frau berührt"? Steckt darin nicht eine Minderbewertung der Frau und eine grundsätzliche Sexual- und Ehefeindlichkeit? Es wird ja als Begründung angefügt: "Wegen der Gefahr der Unzucht aber soll jeder seine Frau haben" (dies wäre also das Motiv für die Eheschließung) und soll jeder den Verkehr als "eheliche Pflicht" (nicht ,Liebe') vollziehen - was er höchstens zugunsten des Gebets einmal unterlassen dürfe (als ob die eheliche Liebe das Gebet stört?). Im übrigen sei aber die Ehe doch ein Zugeständnis, denn Paulus wäre es lieber, alle wären unverheiratet wie er. So 1 Kor 7,1-7 in den üblichen Übersetzungen. In manchen Bibelausgaben wird dieses Kapitel überschrieben: "Die Standesordnung in der Gemeinde", und 7,1-7: "Die christliche Ehe" (EÜ). Dadurch entsteht der Eindruck, Paulus gebe hier eine grundsätzliche Erklärung über Ehe und Jungfräulichkeit ab. Aber das Kapitel beginnt: "Worüber ihr geschrieben habt"; so gibt Paulus Antwort auf Fragen. Hat aber die Gemeinde wirklich gefragt, ob die Ehe erlaubt sei, ob man heiraten solle oder auch, ob es allgemein besser sei, nicht zu heiraten?

In einer eingehenden Analyse der Texte habe ich gezeigt, daß dem Kapitel eine andere, und zwar eine einheitliche Fragestellung zugrundeliegt. Die lebendige Begegnung mit Christus und die neue Erfahrung seines Geistes (vgl. 1 Kor 12-14; Gal 3,1-5) hat die Menschen so tief berührt, daß alle Maßstäbe ihres Handelns in Frage gestellt und viele verändert wurden. Dies betrifft auch ihre Sexualbeziehungen. Einige Gemeindemitglieder nun - wie gesagt einige, nicht alle - spüren in sich wenigstens aktuell eine Neigung zu Enthaltsamkeit. Die Christusbeziehung hat sie in einer solchen Weise neu erfüllt und berührt, daß dahinter die sexuelle Begegnung zurücktritt, und zwar nicht nur bei Ledigen, sondern auch bei Verheirateten. Mir persönlich sind aus der Seelsorge mehrere Eheleute bekannt, die nach einer tiefgreifenden Geist-Erfahrung zumindest für eine Zeit am liebsten keinen Verkehr mit dem Partner gehabt hätten. So stark und ganzheitlich war die neue Erfahrung, daß das Herz davon ganz erfüllt war und sie Zeit brauchten, die verschiedenen Lebensbereiche, auch die Sexualität, in jene zu integrieren. So setzt unser Kapitel Menschen voraus, die aus einem geistlichen Motiv heraus die Enthaltsamkeit wünschen. Ist dies der Ausgangspunkt der Anfrage, ob und wie sie ehelos leben könnten, dann lesen sich unsere Verse erheblich anders, da sie nun eine seelsorgliche Beratung für Menschen mit einem solchen Anliegen sind (dies ist die "literarische Gatttung"). Da man die jeweiligen Fragen nur aus dem vorliegenden Text erschließen kann, standen sie am Ende unserer gründlichen Textanalyse. Für die Darlegung aber ist es hilfreich, diesen Anfragebrief, den wir sozusagen "zwischen den Zeilen" gefunden haben, an den Anfang zu stellen, um den Verständnisweg abzukürzen.(3)

Anfrage: Die Gemeindeversammlung von Korinth grüßt Paulus, den geliebten Bruder im Herrn und Apostel Jesu Christi. Nachdem du von uns weggegangen bist, ist in unseren Versammlungen und in persönlichen Gesprächen immer wieder die Frage aufgetaucht, wie die einzelnen mit dem Wunsch, in Liebe zum Herrn sich ehelicher Gemeinschaft zu enthalten, umgehen sollen.
Da sind zunächst einige Ehemänner, die sagen, seitdem sie den Geist empfangen haben, trete das geschlechtliche Begehren sehr zurück; sie spüren in sich den Wunsch, enthaltsam zu bleiben und empfinden das körperliche Zusammensein mit ihrer Frau manchmal als Last. Andererseits haben sich einige Frauen beklagt, ihr Ehemann würde sie vernachlässigen. Was sollen wir ihnen sagen? Ist es recht, daß Ehemänner sich so von ihren Frauen zurückhalten?
Antwort 1 Kor 7,1-5: 1Was das betrifft, worüber ihr geschrieben habt, so steht es einem Ehemann gut an, sich seiner Frau (einmal) nicht zu nahen; 2wegen der Gefahr illegitimer Geschlechtsbeziehungen aber soll jeder mit seiner Ehefrau eheliche Gemeinschaft pflegen, und soll jede Ehefrau mit ihrem Mann eheliche Gemeinschaft pflegen. 3Seiner Frau gegenüber soll der Mann seine Verpflichtung erfüllen, ebenso aber auch die Frau ihrem Mann gegenüber. 4Die Frau hat über ihren Leib (ihre Geschlechtlichkeit) keine Befugnis, sondern der Mann; ebenso aber hat auch der Mann über seinen Leib keine Befugnis, sondern die Frau. 5Betrügt euch nicht umeinander, es müßte denn etwa sein, daß ihr euch in Übereinkunft enthaltet (in ,Symphonie'), je nach Situation, um für das Gebet frei zu sein; und kommt wieder zusammen, damit euch nicht etwa der Satan infolge eurer Enthaltung in Versuchung führt.

Der Abschnitt endet also mit V 5, so daß die Schwierigkeit entfällt, worauf sich das "Zugeständnis" in V 6 bezieht: auf den Eheabschluß (V 2), die Enthaltung (V 5a/b) oder das "Wieder Zusammenkommen" (V 5c)? Hinzu käme der Widerspruch, daß Paulus nach dem allgemeinen Heiratsgebot von V 2 dann in V 7 am liebsten eine allgemeine Ehelosigkeit empfehlen würde. Wie paßt das zusammen?

Durch die Anfrage ist nun klar, daß Paulus hier nicht etwa Gen 2,18 widerspricht, als ob es nun doch generell "gut sei, daß der Mensch allein ist"; vielmehr antwortet er Ehemännern, die aus dem besagten religiösen Motiv heraus ihre Frau vernachlässigen, es sei selbstverständlich eine Sache der Mannesehre, wenn ein Ehemann beim Verkehr Rücksicht auf die Frau nimmt, die ja nicht jederzeit dafür disponiert ist. Aber, so fährt er fort, wenn du dich völlig zurückhältst, bringst du deine Frau in Bedrängnis; wenn du dich ihr versagst, wird sie für andere Männer ansprechbar. Und weißt du, wie lange du selbst solche Enthaltsamkeit durchhalten wirst? Es könnte sein, daß du dann, um vor deiner Frau nicht das Gesicht zu verlieren, in das andere Extrem verfällst und zu einer Dirne gehst. Die Gefahr illegitimer Geschlechtsbeziehungen (das Wort 'Unzucht' ist hier zu weit und ungenau) wird also von Paulus nicht etwa als Motiv für einen Eheabschluß genannt, sondern als ein zusätzliches Motiv für einen regelmäßigen ehelichen Verkehr, wo jemand diesen in Frage stellt. Das griechische "seine Frau, ihren Mann haben" aber heißt hier so viel wie mit dem Ehepartner eheliche Gemeinschaft pflegen.

Dies haben die Partner einander versprochen! Darum erinnert Paulus denjenigen, der es dem Partner vorenthalten will, an seine "Pflicht". Nun wird dieses Wort verständlich, gerade gegenüber einer falschen Askese. Daß sie übereinander "verfügen" aber besagt nicht eine Art Leibeigenschaft (sie wäre dann ja gegenseitig), sondern setzt voraus, daß im Bereich der Sexualität keiner über sich selbst verfügt, sondern diese Anlage nur im ehelichen Miteinander zum Vollzug kommen soll, so daß dann jeweils der/die eine sich der/dem anderen "hingibt" und sie/ihn vertrauensvoll gewähren läßt. Ein solches Miteinander ist auch keineswegs mit dem Gebet unvereinbar; vielmehr wird hier die religiöse Motivierung der Fragesteller indirekt deutlich: Wenn sie einmal lieber im Gebet bleiben wollen, dann mögen sie diesem Impuls des Geistes nur folgen, wenn der Partner innerlich mitgehen kann; sie mögen sozusagen "in Symphonie" (so das griechische Wort) sich enthalten. Paulus warnt vor Übertreibung, weil eine Enthaltung, die über das Maß hinausgeht, wieder der Versuchung eine Tür öffnet: Man wird mürrisch und unzufrieden und kommt gar am Schluß wieder auf andere Gedanken (s. V 2). Ein seelsorglicher Rat für diese Situation. Dann würde nicht etwa der eheliche Verkehr, sondern die Enthaltung Einfallstor einer Versuchung "Satans".

Anfrage: Andere, die unverheiratet sind, sagen uns: ,Wenn Paulus unverheiratet lebt, können wir auch so leben; es ist doch dann sicher etwas Gutes.' Du kennst ja N. und N.; ihre Familien und die Leute in der Stadt verstehen das nicht, und es gibt Gerede: ,Was sind das für neue Moden?' Die Ansichten in der Gemeinde sind geteilt. Was sagst Du dazu? Wir wissen ja, daß Du selbst so lebst, aber ist das etwas für jeden? Einige junge Witwen wollen nun nicht mehr heiraten, und wir sind uns nicht sicher, ob das gut geht. Aber sie berufen sich auch auf Dich.
Antwort 1 Kor 7,6-9: 6Das Folgende hingegen sage ich im Sinne einer Zustimmung, nicht etwa einer Auflage: 7ich bin natürlich einverstanden (ich hab ja nichts dagegen), daß alle Menschen so sind wie ich, aber jeder hat ein eigenes Gnaden-Geschenk von Gott her, der eine so, der andere so. 8Ich sage also den unverheirateten Männern und den Witwen: Es ist gut für sie (vorteilhaft, günstig), wenn sie bleiben wie ich; 9wenn sie sich aber nicht in der Hand haben, sollen sie heiraten. Günstiger (stärker, vorteilhafter) nämlich ist es, zu heiraten als zu brennen (sich zu verkrampfen).


Der Text spricht für sich. Kein "Zugeständnis" an Eheleute, sondern eine "Zu-stimmung" für solche Ledige, die einen Wunsch nach Ehelosigkeit verspüren. Dabei ist nicht an heiratsfähige junge Leute gedacht, sondern an solche, die über dieses Alter hinaus sind, seien es "Junggesellen", Witwer oder Witwen. Da sie ihn gefragt haben, ob sie "so leben dürften wie er", kann Paulus eigentlich nur sagen: 'Von mir aus dürft ihr das schon (nicht: ich wünsche es für alle!) -, aber schaut, daß ihr nicht mich zum Maßstab nehmt, sondern eure eigene Berufung.' Paulus wehrt also ab; er weist sie von sich weg auf das "Geschenk" der Berufung, das sie in sich tragen, und mahnt (wieder!) zur Vorsicht. Fast hat man den Eindruck, er sieht bei einigen Fragestellern die Gefahr einer Imitation und Unselbständigkeit.

Anfrage: Ferner gibt es Ehepaare in der Gemeinde, bei denen einzelne Partner so weit gehen, daß sie am liebsten ihren Ehepartner entlassen möchten (und Frau N. hat das schon getan?). Sie sagen: ,Wir brauchen das eheliche Zusammensein nicht mehr und möchten gern - wie manche Apostel und ihre Mitarbeiter - für uns allein in der Gemeinschaft mit dem Herrn leben.' Sie empfinden das Zusammenleben mit dem Partner beinahe als eine Last. Von ihrer Vergangenheit her sind sie gewohnt, bei wichtigen Gründen die Ehe durch Scheidung lösen zu können; dies scheint ihnen nun ein angemessener Grund zu sein.
Antwort 1 Kor 7,10-11: 10Den Verheirateten aber gebe ich Weisung - nicht ich, sondern der Herr -, daß eine Frau sich vom Mann nicht scheide; 11wenn sie sich aber tatsächlich von ihm geschieden hat, soll sie unverheiratet bleiben oder sich mit dem Mann wieder verbinden. Und ein Mann soll seine Frau nicht fortschicken.


Gegenüber Menschen, deren Ehe zur beiderseitigen Qual geworden ist, würde Paulus wohl einen anderen Ton anschlagen. Die Schärfe hier erklärt sich daraus, daß jemand aus vermeintlich "frommen" Motiven den Partner loswerden will. Solchen Leuten gegenüber betont er die Autorität des Herrn. - Man beachte, daß Paulus immer demjenigen, der die Scheidung sucht, das Gebot des Herrn vor Augen hält.(4)

Anfrage: Und bei einigen, die mit einem nichtchristlichen Partner verheiratet sind, kommt noch hinzu, daß sie uns darauf hinweisen, wie gefährlich doch eine solche Ehe werden könnte, weil der Partner »unrein« sei. Was sollen wir diesen Leuten sagen?
Antwort 1 Kor 7,12-16: 12Den übrigen jedoch sage ich, nicht der Herr: Wenn ein Bruder eine nichtchristliche Frau hat und sie auch ihrerseits es zusammen mit ihm für gut hält, mit ihm zusammenzuleben, soll er sie nicht fortschicken. 13Und wenn eine Frau einen nichtchristlichen Mann hat und dieser es mit ihr für gut hält, mit ihr zusammenzuleben, soll sie den Mann nicht fortschicken. 14Geheiligt nämlich ist der nichtchristliche Mann für die Frau (in den Augen der Frau), und geheiligt ist die nichtchristliche Frau für den Bruder, da ja bekanntlich eure neugeborenen Kinder (für den Heiden wie auch für euch früher) unrein, jetzt aber (für uns als Erlöste) heilig sind. 15Wenn allerdings der nichtchristliche Partner sich zu trennen sucht, soll er geschieden werden; der Bruder oder die Schwester ist in solcher Lage nicht etwa (durch meinen Rat) versklavt. Gott freilich hat uns in Frieden berufen (zu Gemeinsamkeit). 16Vielleicht, Frau, wirst du den Mann retten, oder vielleicht, Mann wirst du die Frau retten!

Der Gedanke an eine Trennung geht also jeweils von dem christlichen Teil aus, und wohl wieder, weil er enthaltsam leben möchte. Aber Paulus läßt "Unreinheit" nicht als Grund für eine Entlassung gelten und betont, daß es der christlichen Berufung eher entspricht, in einer bestehenden Ehe zusammenzubleiben, trotz der ,Religionsverschiedenheit', und dem Partner den Weg zu Christus zu ebnen. Wenn dagegen die Scheidungsabsicht vom "nicht-christlichen" Partner ausgeht, kann der Christ in die Scheidung einwilligen und ist nicht etwa "sklavisch" gebunden an den "Rat" des Paulus, zusammenzubleiben. - Indirekt erfahren wir aus diesem Text, daß Paulus und mit ihm die Urkirche der Überzeugung waren, das Scheidungsverbot des Herrn gelte nur für christliche Paare, während Ehen mit Nichtchristen generell als lösbar angesehen wurden. Die westliche Tradition nennt das "Privilegium Paulinum"; aber es ist nicht ein Privileg, das Paulus gibt, sondern eine Voraussetzung, die uns durch seinen Text überliefert wird, während er selbst dazu "rät", nach Möglichkeit zusammenzubleiben -sozusagen ein ,Privileg der Liebe'.

Anfrage: Die Personen und Umstände sind oft so verschieden; kann man jedem die gleiche Antwort geben? (Ob dies im Brief angedeutet war, bleibt fraglich. Paulus jedenfalls bringt nun die zentrale Aussage in seiner Antwort.)
Antwort 1 Kor 7,17-24: 17Doch jeder, wie ihm der Herr zugeteilt, jeder wie ihn Gottgerufen hat, so soll er sein Leben gestalten. Und so ordne ich in allen Gemeinden an: 18Wurde einer als Beschnittener gerufen, so soll er es nicht rückgängig machen; ist einer in Unbeschnittenheit gerufen worden, soll er sich nicht beschneiden lassen. 19Die Beschneidung ist nichts, und die Unbeschnittenheit ist nichts, sondern das Befolgen der Weisungen Gottes (ist alles). 20An dem Ruf Gottes, mit dem er gerufen wurde, an dem soll jeder dranbleiben (sich orientieren, von ihm her sein Leben gestalten).
21Wurdest du als Sklave gerufen, kümmere dich nicht darum (befasse dich nicht, hab' keine Mühe damit); doch wenn du wirklich imstande bist, freizukommen, mache es dir eher zunutze. 22Der im Herrn gerufene Sklave ist nämlich Freigelassener des Herrn! - In ähnlicher Weise ist der freie Berufene Sklave Christi. - 23Ihr seid um einen Preis (durch Christus aus der Sünde) freigekauft worden; werdet nicht Sklaven von Menschen! 24Jeder soll, womit er gerufen wurde, Brüder, in dem bei Gott bleiben!

Die entscheidenden Veränderungen sind in Vers 20 und 21: Müßte man in dem "Stand" bleiben, in dem man berufen wurde, würde uns das Evangelium an jener Stelle festnageln, an der es uns angetroffen hat, und jeder soziale Aufstieg, ja jede Veränderung wäre unzulässig. Und dies würde gerade dem schwächsten Glied in der Kette, dem Sklaven, eingehämmert: 'Keine Freilassung annehmen!' Hier wird man mit Recht stutzig. Und da diese Weisungen als Beispiele für die Frage nach Ehe und Ehelosigkeit angeführt werden, käme die groteske Folgerung heraus, daß niemand nach seiner Berufung etwas ändern dürfe, also jugendliche Christen, die ja doch alle unverheiratet sind, niemals heiraten dürften - was den Versen 7,1-7 in der früheren und der neuen Fassung widerspräche. Doch klesis heißt nicht beruflicher oder gesellschaftlicher "Stand", sondern Berufung. Sie ruft gerade viele Menschen heraus aus gewohnten Bahnen und wirkt immer verändernd! Sie trifft den Sklaven so, daß sie ihm seine Würde wiedergibt und den Freien, indem sie ihn lehrt, in Christus einen Herrn über sich anzuerkennen; sie trifft den mit Minderwertigkeitskomplexen Beladenen, indem sie ihm sein Selbstwertgefühl zurückgibt und den Stolzen, indem sie ihn Demut lehrt. An dieser "Lektion" seiner Berufung also soll jeder "dranbleiben", sich orientieren. - Damit sind diese Verse die sachliche Mitte des Kapitels. Sie formulieren das Prinzip, nach dem alle anstehenden Fragen zu beantworten sind. Paulus nimmt keinem die Entscheidung ab, sondern verweist schließlich jeden darauf, sie vor Gott zu treffen.

Anfrage: Besondere Sorge machen uns schließlich einige Verlobte, die plötzlich auf die Idee kommen, nicht zu heiraten. Wie sollen sich diese jungen Männer ihrer Braut gegenüber verhalten? Sollen sie die Verlobung lösen? Einige haben das bereits getan und bekommen heftige Vorwürfe von der Familie, weil sie die Braut haben sitzen lassen. Doch werden sie das durchhalten? Andere sagen, sie wollten für immer verlobt bleiben, ohne zu heiraten. Das stößt zum Teil bei den Vätern und Familien, aber auch in der Gemeindeversammlung auf heftigen Widerstand. So ist über ein Paar viel gesprochen worden (N. und N.?), das so angefangen und nachher dann doch geheiratet hat (aber der Mann ist in seinem Gewissen nun ein wenig bedrückt). - Einige junge Männer sagen zwar, sie hätten diesen Wunsch schon damals mit Dir besprochen und Du hättest sie darin bestärkt. Andere kommen mit diesem Wunsch nun zu uns und fragen um Rat. Meinst Du wirklich, daß das gut geht? Die Gemüter sind etwas erregt, und ein klärendes Wort von Dir würde uns allen weiterhelfen.
Leb wohl! Der Herr segne Dich, Bruder. (Antwort: 7,25-40)
1. Teil der Antwort, 7,25-28c: 25Über "die Jungfrauen" nun liegt mir ein Gebot des Herrn nicht vor; eine Meinung jedoch gebe ich ab, da ich vom Herrn die Barmherzigkeit erfuhr, mit einer Vertrauensstellung betraut zu sein. 26Ich meine nun, folgendes sei angesichts der vorhandenen, gegenwärtigen Not recht, weil es für einen Mann gut ist, sofern es sich (mit ihm und seiner Braut) so verhält wie ihr schreibt: 27Bist du durch einen Brautvertrag an eine Frau gebunden, bemühe dich nicht um Lösung; hast du dich gelöst von einer Frau, suche keine Frau. 28Wenn du aber tatsächlich heiratest, sage ich nicht, daß du gesündigt hast, und auch die Braut wird, wenn sie heiratet, nicht gesündigt haben; jedoch müssen solche Leute eine zusätzliche Belastung durch das Fleisch ("die Welt") in Kauf nehmen.

Manche Ausgaben bringen als Überschrift: "Ehe und Jungfräulichkeit: 7,25-38". Aber von der Ehe war schon von 7,1-16 ausgiebig die Rede gewesen und auch die Ehelosigkeit war in 7,6-9 bereits angesprochen. Paulus kommt auch in 7,27 nicht etwa nochmals auf die Frage der Ehescheidung zurück - darüber hatte er in 7,10f stärkere Worte gefunden -, und er will in V 28 nicht etwa betonen, daß Ehe keine Sünde sei. Vielmehr spricht der ganze letzte Teil dieses Kapitels durchgängig von Verlobten, bei denen wenigstens ein Teil die Enthaltsamkeit wünscht. Was soll man solchen jungen Leuten sagen? Paulus betont, daß er dazu seine Meinung darlegt (nicht: einen "Rat" gibt)! Seine "Ratschläge" fallen ja ganz verschieden aus, je nach Situation der Leute. Paulus weist auch nicht auf eine "bevorstehende" Not hin, die einer baldigen Wiederkunft des Herrn vorausginge, sondern er spricht von der "gegenwärtigen" Bedrängnis, welche das Christsein in dieser Welt generell kennzeichnet: Pilger und Fremdlinge sind wir und spüren, wenn wir Jesus mit ganzem Herzen folgen, den Widerspruch der Welt in uns und um uns. Diese Not berechtigt einen jungen Mann dazu, dem in V 27 ausgesprochenen Grundsatz zu folgen, "sofern es so ist", das heißt, falls er in sich den Wunsch nach Enthaltsamkeit spürt und, wie wir in V 36 sehen werden, dies auch die Neigung der Braut ist. Daß die kurze Andeutung dies aufgrund des Anfragebriefes zum Inhalt hat, ergibt sich aus dem Kontext. Paulus macht also wieder, wie in 7,6, nicht eine "Auflage", sondern gibt eben eine Antwort auf Verlobte, die mit dieser Frage an ihn herangetreten sind. Das Erstaunliche ist: Sie sollen dann die Verlobung nicht lösen (offensichtlich aus einer Achtung vor dieser menschlichen Verpflichtung, die in der Antike eine stärkere Rechtskraft hatte als unsere heutige Verlobung), sondern den Weg der Enthaltsamkeit gemeinsam versuchen. Im 2. und 3. Jahrhundert wird es das ausgedehnte Institut der "Josefsehe" geben, bei dem sich die Partner von vornherein Enthaltsamkeit versprechen; aber hier geht es um Verlobte, die nicht von vornherein mit dieser Intention ihre Verlobung eingegangen waren.

Wenn beide eine Zeit lang diesen Weg der Enthaltsamkeit um des Herrn willen gegangen, also unverheiratet geblieben sind, später aber dann doch heiraten, könnte in ihnen die Frage auftauchen, ob sie sich damit nicht gegen jene Berufung zur Enthaltsamkeit verfehlt haben. Paulus enthält sich eines konkreten Urteils, weil er ja nicht weiß, wo die Motive liegen. Er betont aber in V 28 nicht etwa, daß Heiraten "keine Sünde" sei, sondern daß es für diese Menschen keine Sünde sei, wenn sie merken, daß die vermeintliche Berufung zur Ehelosigkeit für sie nicht tragend ist und sie diesen Weg nicht weitergehen. Es kann gute Gründe geben, dann doch zu heiraten; ja unter Umständen kann sogar eine Pflicht dazu bestehen, wie er in 7,36 ausführen wird. Nur werden sie die Bedrängnis dieser Pilgerschaft, von der in V 26 bereits die Rede war, dann stärker spüren. Doch Paulus weiß für sie eine Hilfe.

2. Teil der Antwort 7,28d-34: 28dNun, ich gehe rücksichtsvoll mit euch um; 29in diesem Sinne also sage ich, Brüder: Die Gelegenheit läßt nicht auf sich warten (oder: die Gefahr liegt auf der Lauer); folglich sollten sie, wenn sie mit Frauen Gemeinschaft haben, in gewissem Sinne (irgendwie) nicht Gemeinschaft haben,30wenn sie weinen, gewissermaßen nicht weinen, wenn sie sich freuen, sich geradezu nicht freuen, wenn sie sich auf dem Markt betätigen, sich sozusagen nicht niederlassen,31und wenn sie sich die Welt zunutze machen, sie gleichsam nicht voll für sich ausnutzen. Es vereinnahmt nämlich das Verhalten dieser Welt; 32ich sehe euch jedoch gern ohne Sorgen. Der Unverheiratete befaßt sich mit den Wünschen des Herrn, nämlich wie er dem Herrn gefalle; 33insofern er geheiratet hat, befaßt er sich jedoch mit den Interessen der Welt, wie er der Frau gefalle 34- und ist zerissen (geteilt zwischen den vielen Dingen der Welt). Und die Unverheiratete sowie die Jungfrau befaßt sich mit den Wünschen des Herrn, nämlich heilig zu sein mit Leib und Geist; insofern sie geheiratet hat aber, kümmert sie sich um die Interessen der Welt, wie sie ihrem Mann gefalle (und ist be-kümmert).

Zwar wird durch die Ehe die Gefahr, daß die Welt nach ihnen greift, größer werden, und sie werden den Sog, der von den Beziehungen und Dingen ausgeht, deutlicher zu spüren bekommen; aber dagegen können sie sich schützen, wenn sie mitten in diesen Beziehungen und Aufgaben "gewissermaßen nicht habend" bleiben: in der Freude der Welt gleichsam nicht aufgehen, sondern die tiefste Freude weiterhin in Christus suchen und finden; sich von Schmerz und Leid nicht aufzehren lassen, sondern sich bewußt bleiben, daß Christus stärker ist als alles Leid der Welt; im Vollzug ehelicher Gemeinschaft den Herrn nicht vergessen und den Partner nicht vergötzen; und so zu allen Dingen und Personen dieser Welt eine letzte Distanz halten, weil das Herz schon einem anderen gehört. Diese tiefste Liebesbeziehung, die vorher ihr Leben bestimmt hatte, mögen sie sich auch in der Ehe bewahren und so auch in der Ehe "gewissermaßen ehelos" leben. Dadurch werden sie mitten in dem zusätzlichen Kummer, den die Ehe mit sich bringt, geschützt und insofern "ohne Sorgen" sein (V 32a).

Um diesen kostbaren, schwierigen Gedanken noch zu verdeutlichen, fügt Paulus eine Erklärung jenes "gewissermaßen nicht habend" (hos me) an. Er vergleicht das Spezifische ihrer "Enthaltsamkeit um des Herrn willen" mit jenem Lebensbereich, der durch die Eheschließung hinzukommt, und formuliert pointiert: 'Als Unverheirateter für den Herrn bist du mit ihm, dem Einen, befaßt - und das ist einfach und schön; insofern du geheiratet hat, befaßt du dich (zu Recht) in neuer Weise mit deiner Partnerin und mit vielerlei weiteren Belangen dieses Lebens - und wirst dabei schmerzlich erfahren, wie sehr dich die vielen Dinge hin und her zerren.' Also: sich mit dem Herrn befassen ist leicht und einfach, sich mit dem Vielerlei der Welt befassen ist anstrengend, oder, um das griechische Wortspiel nachzuahmen: "insofern sie sich um den Herrn kümmern, sind sie ohne Kummer; insofern sie sich um die Welt kümmern, sind sie be-kümmert". Paulus sagt dies, um die Fragesteller zu bestärken, mitten in dem Vielerlei der Welt die Beziehung zu dem Einen zu bewahren, der ihr tiefstes Wesen ausfüllt. Das ist hier formuliert im Blick auf Verlobte, die nach einiger Zeit der Enthaltsamkeit dann doch den Weg der Ehe gehen. Selbstverständlich leben die Menschen in beiden Berufungen ständig in beiden Lebensbereichen und waren die Fragesteller auch vor der Eheschließung schon "mit der Welt befaßt"; nur wird es für sie jetzt schwerer werden.

Hat man dies als den ursprünglichen Sinn erfaßt, kann man ihn mutatis mutandis auf alle christlichen Eheleute übertragen. Denn als lebendige Christen haben sie sich alle vor ihrer Ehe bemüht, dem Herrn zu gefallen und in seiner Nachfolge zu leben. Insofern sie aber dann heiraten, werden sie eine neue Belastung spüren, aber werden darin geschützt sein, wenn Christus immer der Dritte, oder sagen wir besser: der Erste im Bunde bleibt. Dann werden die Bedrängnisse der "Welt" sie nicht "zerreißen", sondern die tiefere Beziehung zu Christus wird sie "schonen" (V 28d) und tragen - auch in den Spannungen mit ihrem Partner - und sie somit "vor Sorgen schützen" (V 32). Entscheidend ist also, daß Paulus gerade den Eheleuten zeigen will, wie sie auch als Verheiratete durch das "gewissermaßen nicht habend" in der ganzen, ungeteilten Liebesbeziehung zum Herrn bleiben und sich nicht von dem "Verhalten dieser Welt", ihrem Sog "gefangennehmen lassen".

Freilich wurde dieser Text bisher völlig anders gelesen! Aber es ist hier weder von einer "kurzen Zeit" oder von "Naherwartung" die Rede, noch von der Vergänglichkeit dieser Welt ( heißt nicht 'vergehen'), die man darum so behandeln müsse, "als ob sie nicht wäre". Vor allem aber: V 34a besagt nicht, daß der Verheiratete zwischen Christus und der Welt bzw. der Frau geteilt sei und folglich nicht mehr ungeteilt dem Herrn dienen könne. Wer Christus mit irgendetwas anderem "teilen" möchte, ist insofern schon kein Christ mehr (vgl. Mt 6,24). Eine glückliche Inkonsequenz bewahrte die Christenheit davor, den Eheleuten, etwa aufgrund dieses Textes, das Christsein abzusprechen, aber es blieb doch immer der Makel, als ob sie nur Christen zweiter Klasse seien. Doch sagt das Vatikanum II klar: "Jeder Christ ist zur Vollkommenheit berufen" (LG 39-42). In 7,25 und 40 steht auch nicht das Wort "Rat", sondern "Meinung"; dies und der gesamte Inhalt bieten also keinen Anhalt dafür, von einem "Stand der Räte" oder einem "Stand der Vollkommenheit" zu sprechen. Paulus "rät" ja zu sehr verschiedenen Schritten; und jeder Mensch ist dann auf dem Weg des "Rates" des Paulus, wenn er unter Berücksichtigung aller Umstände seinem "Ruf" folgt, ob in der Ehe oder in der Ehelosigkeit. Entscheidend ist also, daß jeder "sein Charisma" erkennt und aufgreift (7,7); dann ist er auf dem ihm vorgegebenen Weg der ungeteilten Nachfolge, ob in der Ehelosigkeit oder in der Ehe. Hier wäre die übliche Redeweise zu überprüfen. Wenn der einzelne einen Ruf Gottes spürt (ob zur Ehe oder Ehelosigkeit) und er vor Gott abwägt, dann ist das, wozu Gott ihn einlädt, für ihn persönlich das Vollkommenere: aber es ist falsch, wenn man diesen Begriff ofjektiv für einen Stand reserviert und ihn als den "Stand der Vollkommenheit" deklariert, so daß der Eindruck entsteht, daß in jedem Fall derjenige, der ihn wählt, das Vollkommenere wählt. Es kann für den einzelnen, falls er diese Berufung nicht hat, dann gerade das Unvollkommenere sein, es kann auch ein Fehler sein, etwa aus Verklemmung oder Verdrängung, oder sogar eine Sünde, falls er den Weg der Ehelosigkeit aus ungeistlichen Motiven, etwa aus Eitelkeit oder Karrierestreben wählt.

Diese Offenheit beider Lebensformen hin auf ungeteilte Hingabe wird sofort ausgesprochen in V 35, der wieder, wie V 6, den kommenden Abschnitt einleitet. Hat Paulus bisher mehr aus der Sicht der verlobten Männer gesprochen, welche ja die Frage gestellt hatten, so mahnt er sie nun auch, auf die Wünsche der Braut zu achten und überhaupt alle Umstände zu berücksichtigen:

3. Teil der Antwort, 7,35-40: 35Das Folgende aber sage ich je nach eurem eigenen Nutzen, nicht um euch eine Fessel anzulegen, sondern je nachdem, was edle Lebensart ist und wobei ihr ohne größere Mühe gut in Gemeinschaft mit dem Herrn bleibt.
36Wenn also jemand der Überzeugung ist, sich (durch die Ehelosigkeit) seiner Braut gegenüber unfair zu verhalten, falls sie von einem starken Verlangen nach der Ehe erfaßt ist, und wenn es sich demnach gehört, daß geschieht, wozu sie neigt, soll er es tun; er sündigt nicht, sie sollen heiraten. 37Wer jedoch in seinem Herzen ruhig und unbeirrt geworden ist, ohne unter einer Notwendigkeit zu stehen, vielmehr, was seinen Wunsch nach Ehelosigkeit betrifft, volle Handlungsfreiheit hat und infolgedessen für sich persönlich in seinem Herzen zur Entscheidung gekommen ist, seine Braut zu bewahren, tut gewiß gut daran. 38Also handelt einerseits derjenige, der seine Braut heiratet, recht, anderseits derjenige, der sie nicht heiratet, günstiger (stärker, vorteilhafter, glücklicher).
39Eine Frau (der weibliche Teil einer solchen Verlobung) ist gebunden, solange ihr Mann lebt. Wenn der Mann aber stirbt, hat sie die Freiheit, jemand, den sie möchte, zu heiraten; nur geschehe es im Herrn. 40Glücklicher freilich ist sie, wenn sie unverheiratet bleibt - nach meiner Meinung; und ich denke doch, daß auch ich Geist Gottes habe.

Die Aussage ist klar: Wenn Verlobte gemeinsam den Weg der Enthaltsamkeit versuchen, dann soll es nur im Einklang miteinander geschehen (vgl. 7,5: in Symphonie), mit geistlicher Freude und einer "gewissen Leichtigkeit". Sobald es einen Teil belastet oder zu einer krampfhaften Anstrengung kommt, ist es "stärker", zu heiraten (vgl. 7,9). Erst in V 37 kommt schließlich der Satz, auf den man seit V 25 wartet: die Ermutigung zur Ehelosigkeit. Aber sie kommt keineswegs uneingeschränkt, sondern es wird als "Glücksfall" verstanden, wenn alle Umstände entsprechend sind. Dann allerdings ist die Ehelosigkeit für die beiden Brautleute "stärker und günstiger", aufgrund ihrer Voraussetzungen für sie "leichter", aber nicht etwa das sittlich Bessere. V 38 sagt auch nicht allgemein, daß Nicht-Heiraten günstiger sei, sondern nur unter der Voraussetzung einer entsprechenden Berufung. Wieviel Verwirrung die bisherige Deutung auslöste, das möge jeder selbst nachlesen, z.B. in den Kommentaren. - Die letzten beiden Verse aber sprechen nicht etwa plötzlich wiederum von dem allgemeinen Problem der Witwen (von diesen war in 7,6-9 die Rede), sondern sprechen nun die Frau direkt an, die einen solchen Weg mit ihrem Verlobten geht. Wenn er stirbt, ist sie nicht an ihren bisherigen Lebensstil der Enthaltsamkeit gebunden (dieser war ja geschützt durch den gleichgesinnten Partner), sondern ist frei, nun einen Mann ihrer Wahl zu heiraten. Doch wenn sie so bleibt (nämlich unverheiratet wie bisher), ist sie - nicht besser, sondern "glücklicher", ähnlich wie der Mann, von dem in 7,38b die Rede war. Paulus weiß, daß er gerade mit diesem Vorschlag gemeinsam bewahrter Jungfräulichkeit vielen ,Vernünftigen' in der Gemeinde einiges zumutet. Aber er ist überzeugt, daß der Heilige Geist in jungen Menschen so etwas wirken kann (es gab damals noch keine Klöster). So fügt er gleichsam werbend hinzu, daß er doch "auch" Geist Gottes habe.

Diese neue Sicht von 1 Kor 7 legt einige Schlußfolgerungen nahe. Es hat wohl etwas mit der Menschwerdung Gottes zu tun, daß die Liebe zu Gott seitdem den Menschen noch ganzheitlicher erfaßt und somit die Sexualität im ehelichen Vollzug ebenso wie im Verzicht erlöst und wandelt. Das "gewissermaßen nicht habend", das allen Christen gemeinsam sein muß, dürfen einige Menschen auch zeichenhaft ausdrücklich machen. In der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen mögen sie in dieser Welt veranschaulichen, daß Christus die tiefste Erfüllung jedes Menschen ist. Nicht als ob nur Ehelose die Ganzhingabe leben könnten - dies soll jeder Christ -, sondern sie sollen diese Ganzhingabe in einer spezifischen Weise leben. Ihre "Berufung" besteht darin, daß sie aufgrund der Art ihrer Christusbeziehung einen tiefen Frieden finden, wenn sie in ihrer tiefsten personalen Beziehung "mit Christus allein" leben. Ihre Liebesfähigkeit ist von Christus in einer Weise angesprochen und erfüllt, daß sie nicht mit einem menschlichen Partner ehelich zusammenleben möchten und es darum, wenn alle Umstände entsprechend sind, es auch bewußt wählen. Andere dagegen spüren gerade von ihrer Christusbeziehung her, wie er sie auf einen Partner hinweist; sie mögen dann in der Weise ehelicher Liebe ihre Ganzhingabe an Gott zeichenhaft zum Ausdruck bringen. Dies wenigstens ist die Grundstruktur beider "Berufungen".

Bevor man also junge Menschen zu "geistlichen Berufen" zu motivieren sucht - wer könnte so leicht sagen, wen Gott erwählt? -, sollten wir alle jungen Menschen darauf hinweisen, daß jede Entscheidung, ob zur Ehe oder zur Ehelosigkeit, von Gott ausgehen muß. Darum ist die erste Aufgabe, alle Menschen dahin zu führen, ihr Leben in vollem Vertrauen in Gottes Hand zu legen, also die Grundoption für Gott zu vollziehen (man mag das "Lebensübergabe" nennen, oder auch persönlichen Vollzug des Taufversprechens). Das ist die Basis, um dann zu erkennen, auf welchem Weg der einzelne seine Ganzhingabe leben soll: der eine in der Ehe, der andere in der Ehelosigkeit (vgl. 1 Kor 7,7). In Berufungs-"Erlebnissen" ist gewöhnlich zugleich die Einladung zur Ganzhingabe enthalten, "ob so oder so" (7,7).

Wegen der hohen Sensibilität der persönlichen Christusbeziehung legt Paulus in 1 Kor 7 großen Wert darauf, daß niemand unter irgendeinem Druck die Entscheidung für die Ehelosigkeit treffen soll. Verhängnisvoll wäre es, wenn junge Männer auf dem Weg zum Priestertum die Ehelosigkeit nur mit in Kauf nähmen, ohne sie in sich selbst zu bejahen. Auch findet sich bei Paulus nicht das Motiv, sie zu wählen, um "für den Dienst frei zu sein". Sonst würde der Bereich personaler Beziehung verzweckt. Der Verzicht auf eine menschliche Partnerbeziehung kann nur durch eine andere Du-Beziehung verantwortet werden, in die auch die sexuelle Anlage integriert ist. Hauptmotiv für eine solche Entscheidung muß also sein, "dem Herrn zu gefallen" (1 Kor 7,33f). Wo dies nicht die lebendige Mitte ist, handelt es sich nicht um Ehelosigkeit "um des Himmelreiches willen", und solcher "Etikettenschwindel" rächt sich durch Verkümmerung, Verbitterung, Ersatzbefriedigung oder Bruch.

Eine andere Frage ist es, ob man für den Dienst des Priesters das Charisma der Ehelosigkeit zur Voraussetzung machen sollte. Die Briefe des Neuen Testamentes bieten dafür keinen Anhalt. Paulus ist sehr behutsam und sucht jeden Druck zu vermeiden. Um hier den Weg zu finden, den Gott heute führen möchte, muß die Kirche intensiv um die Führung des Heiligen Geistes bitten. Solche Bitte aber ist nur echt, wenn sie die Offenheit für neue Wege nicht ausschließt und nicht von vornherein die Bindung des Priestertums an den Zölibat für unumstößlich hält, etwa weil es das Vollkommenere sei, denn dann ist man nicht mehr frei, echt nach dem Willen Gottes hier und heute zu fragen. Je klarer die geistliche Freiheit in diesem Bereich geübt wird, um so eindeutiger kann die gelebte Ehelosigkeit in der Kirche wieder zum Zeichen werden für die Grundhaltung, die allen Christen eigen sein soll, nämlich zuerst und ganz Christus zu gehören.

Und je mehr der einzelne Christ diese "Ehelosigkeit des Herzens", das "gewissermaßen nicht haben" gelernt hat, um so besser wird er es bewältigen, wenn ihm durch äußere Umstände Enthaltsamkeit oder Ehelosigkeit auferlegt wird. Ist dies dann nicht eine Einladung, auf neue Weise in der Christusbeziehung sein Genüge zu finden? Nicht wenige leben in unseren Gemeinden, die einen solchen Weg gehen, und zwar ohne den Schutz und den "Ehrentitel" von Priestertum oder Ordensstand. Und wieviele Christen gehen den manchmal schweren Weg ehelicher Treue aus ihrer Ganzhingabe an den Herrn heraus. Ist nicht das Leben dieser Menschen eine der verborgenen Kraftquellen der Kirche?

Wenn Paulus mit aller Behutsamkeit und geistlichen Ehrfurcht der Berufung zur Ehelosigkeit ein Heimatrecht in der jungen Kirche zu schaffen sucht - es war etwas Neues -, dann kommt dies nicht aus einem Ressentiment. Er ist in seiner Bildsprache so klar, daß man ihm keine Leibfeindlichkeit oder Sexualangst unterstellen darf. Ebenso ist er weit davon entfernt, die Sexualität zu "sublimieren", d.h. sie ihrem natürlichen Wesen zu entfremden, um einen rein geistigen (oder wie immer gearteten) Vorgang an dessen Stelle zu setzen. Das könnte leicht zu Verdrängung führen. Vielmehr geht Paulus davon aus, daß der Mensch so vom Geist erfaßt und durchdrungen werden kann, daß von daher auch seine Sexualität Ort und Ausdruck des Geistes wird (1 Kor 6,13-20).

"Erlösung" der Sexualität aber geschieht bei jedem Menschen dadurch, daß er sie ganz von seiner Christusbeziehung her sieht, sie also nicht aus dem Leben hinausdrängt, sondern in das Leben mit Gott hineinnimmt. Alles, was den Menschen in seinem Herzen oder in seiner Phantasie bewegt, soll er dem Schöpfer zeigen, damit er ihn lehrt, es mit seinen Augen zu sehen. Wenn ein Mensch sich so in seinem Innersten von Gott angenommen und geliebt weiß, erwächst ihm aus dieser Begegnung mit dem "Du" Gottes mehr und mehr die Kraft, von da her seine eheliche Hingabe zu gestalten oder gegebenenfalls im zeitweiligen oder ständigen Verzicht auf diese menschliche Erfüllung zu schenken, ohne verbittert zu werden. Dies bedeutet oft einen schmerzlichen Reifungsprozeß. Aber wer sich ihm stellt, wird in wachsendem Maße wissen, daß er beim Herrn ganz geborgen und ihm kostbar ist, daß er im Heiligen Geist mit ihm eins werden darf und daß in seinem Leibe Gottes Herrlichkeit aufstrahlt.
 

3. Frau und Mann in Kirche und Gesellschaft.

So ist eine lebendige Beziehung zu Christus die Basis für ein erlöstes Miteinander der Geschlechter in Familie, Kirche und Gesellschaft. Freilich tauchen nun andere Texte auf, die uns Probleme machen. In Gal 3,28 scheint Paulus zwar eine Gleichberechtigung der Frau zu vertreten; aber hält er das in seinen anderen Schriften durch? Die Worte von der Unterordnung und dem Schweigen der Frau klingen anders. Liegen also nicht doch Brüche und chauvinistische Tendenzen in seinen Briefen vor? Der Versuch, 1 Kor 14,33-36 oder gar 11,3-16 als spätere Hinzufügungen auszuscheiden, ist freilich nicht überzeugend. Vielmehr führt auch hier eine relecture zu einer verblüffenden Konsistenz paulinischen Denkens.

In 1 Kor 14,33 spielt Paulus mit zwei Bedeutungsnuancen von ekklesia: "Wie in allen Gemeinden sollen die Frauen in den (beratenden) Gemeinde-Versammlungen schweigen." Es ist also nicht von Wortgottesdienst oder Brotbrechen die Rede, sondern: Die Gemeindeordnung gestattet ihnen nicht, in solchen Versammlungen zu reden. Dem widerspricht nun nicht mehr 1 Kor 11,3-16, wonach es ja der Frau erlaubt ist, in Gebetsversammlungen laut zu beten und prophetisch zu reden. In beschlußfasssenden Versammlungen hingegen durfte sie auch bei den Juden nicht reden und ebensowenig in einer griechischen "Volksversammlung". Dies sind die Gründe, die Paulus angibt. Unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen würde er sagen: ,Tut, was unter euren Umständen als passend empfunden wird'. So würde er nach demselben Prinzip, nach dem er damals erklärte, das Reden sei ihr verboten, es heute für recht halten. Geht es doch nicht darum, daß er es verbietet oder erlaubt; er schreibt ja nur, was damals allgemeine Norm war.

Doch da dieser Text viele weitere Fragen aufwirft, sei er wieder kurz vorgestellt. Ausgangspunkt ist nicht die Frage, ob die Frau einen Schleier tragen soll, sondern die Tatsache, daß gelegentlich beim prophetischen Reden während der Gebetsversammlung Frauen ihre Frisur auflösen und Männer sich ähnlich oder auf andere Weise "mit ihrem Kopf beschäftigen". Derartige Beispiele sind von heidnischen Propheten und Prophetinnen bekannt. Paulus lehnt dies bei Frauen und Männern ab, nur fällt die Begründung bei den Männern anders aus als bei den Frauen. Da es um den "Kopf" geht, greift er zu einem aus einer ihm wohl vorgegebenen Tradition kommenden anthropologischen Modell.

1 Kor 11,3-16: 3Mir liegt aber daran, daß ihr euch bewußt seid, daß jedes Mannes Haupt Christus ist, Haupt einer Frau aber der Mann und das Haupt des Christus Gott. 4Wie jeder Mann, wenn er beim Beten oder prophetischen Reden sich mit seinem Kopf abgibt, sein Haupt (nämlich Christus) entehrt, 5so entehrt jede Frau, die beim (lauten) Beten oder prophetischen Reden (in der Versammlung) ihr Haar auflöst, ihr Haupt (nämlich den Mann); ist es doch das gleiche, wie wenn sie geschoren würde. 6 Wenn nämlich eine Frau ihren Kopf nicht (mit ihren Haaren) verhüllt, soll sie sich in der Tat die Haare schneiden lassen. Wenn es aber für eine Frau verunstaltend ist, sich die Haare (kürzer) schneiden oder den Kopf kahl scheren zu lassen, dann soll sie ihren Kopf (mit der Frisur) einhüllen.
7Ein Mann ist zwar, wie ihr wißt, nicht verpflichtet, den Kopf einzuhüllen, da er Bild und Ausstrahlung Gottes ist; die Frau aber ist Ausstrahlung ("Glanzstück" und Ruhm eines) des Mannes. 8Es ist ja nicht der Mann aus der Frau (existiert ja nicht männliches aus weiblichem Wesen), sondern die Frau aus dem Mann (Weibliches aus Männlichem); 9auch geschaffen wurde bekanntlich nicht ein Mann aufgrund der Frau, sondern eine Frau aufgrund des Mannes. 10Deswegen ist die Frau verpflichtet, ihren Kopf in Zucht zu behalten aufgrund (der Anwesenheit) der Engel (beim Gottesdienst).
11Gleichwohl (ist) weder Frau ohne Mann noch Mann ohne Frau im Herrn; 12denn wie die Frau (Eva) aus dem Mann (Adam), so auch der Mann (Christus) durch die Frau - das Ganze aber aus Gott.
13Urteilt selbst! Gehört es sich, daß eine Frau mit aufgelöstem Haar (öffentlich) zu Gott betet? 14Auch die Natur lehrt euch nicht, daß es für einen Mann, wenn er das Haar lang herunterfallen läßt, eine Entehrung (Verunglimpfung), 15für eine Frau hingegen, wenn sie das Haar lang fallen läßt, eine Zierde (Ehre) sei; denn das Haar ist (allen!) als Decke (zum Schutz gegeben). 16Wenn aber jemand streiten will: Wir haben eine derartige Gewohnheit nicht, und auch nicht die Gemeinden Gottes.

Es mußte immer befremden, daß Paulus den Männern eine Kopfbedeckung beim Beten und das Tragen langer Haare grundsätzlich verbiete, weil die Priester im Tempel einen Kopfbund trugen, die jüdischen Männer bis heute beim Gebet eine Kippa aufsetzen und Paulus selbst als Nasiräer zeitweise lange Haare hatte. Wenn Mann und Frau dagegen nicht "mit ihren Haaren unästhetisch gestikulieren" sollen, wird alles verständlich. Dabei greift der Pharisäer Paulus auf den zweiten Schöpfungsbericht zurück und begründet damit jenes "Kopf-Glanz-Modell". Kopf (hebräisch: ros) besagt dabei nicht etwa ,Oberhaupt', sondern Ursprung (wie im Griechischen die Quelle Haupt eines Flusses genannt wird); doxa hingegen meint Ausstrahlung und Glanz, nicht etwa minderndes Ab-bild oder "Ab-glanz" (EÜ). Vielmehr ist der Mann Ausgangspunkt, die Frau Entfaltung und Glanz, sozusagen das Schmuckstück der Menschheit. - Somit meint exousia in V 10 nicht ein "Zeichen der Autorität oder Unterordnung", sondern der Satz weist - da es sich ja um ein aktuelles Auflösen der Frisur mitten im Gottesdienst handelt - darauf hin, daß sie Zucht und gute äußere Form bewahren soll. Der Hinweis auf die Anwesenheit der Engel aber weist auf die nötige Ehrfurcht im Gottesdienst hin.

Es bleiben noch die Verse 11,11f: "Im Herrn", also in der neuen Heilsordnung der Kirche, gibt es über die in der Schöpfung vorgegebene und nicht umkehrbare Reihenfolge hinaus eine Ergänzung, so daß nun eine wechselseitige Abhängigkeit entsteht: Dies liest Paulus an den beiden Urpaaren ab, von denen her sich das Verhältnis aller Männer und Frauen (nicht nur in der Ehe) zueinander bestimmt: "Wie die erste Frau aus dem ersten Mann, so der neue Mann, Christus, durch die neue Frau." In der Erlösungsordnung ist die Frau erste und ist sie es, die dem Mann das Leben gibt. Damit heilt Christus, der Mann, den Riß zwischen den Geschlechtern, indem er sich bewußt nicht nur unter das Gesetz, sondern auch unter die Frau stellt und aus ihr das Leben annimmt. Gestützt wird diese Interpretation nicht nur durch Gal 4,4, sondern auch durch 1 Tim 2,15, wo nicht etwa der Frau ein besonderer Heilsweg "durch das Kindergebären" zugemutet wird, sondern wo gesagt wird, daß Eva - von ihr ist immer noch die Rede -, die sich täuschen ließ, Rettung erfahren wird durch die Kindesgeburt, nämlich die Geburt des Messias aus der "Frau", aus einer ihrer Töchter. Eva steht dabei typologisch für alle Frauen nach dem Sündenfall, die das Heil empfangen durch den Messias, der aus der Frau geboren ist. Feuillet spricht hier von der "revanche" Evas.

Das ist ein anthropologischer Ansatz von großer Tragweite. Somit wäre es in der Kirche insbesondere die Frau, die das neue Leben vermittelt. Dieser ihr Dienst am Leben ist sicher nicht nur eingeschränkt auf Geburt und Erziehung von Kindern und die Caritas. Hier sind neue Überlegungen anzustellen über typisch frauliche Formen geistlichen Lebensdienstes in der Kirche, etwa in der Seelsorge. Die häufigen Hinweise in der gegenwärtigen Literatur auf die aktiven Dienste von Frauen in paulinischen Gemeinden werden freilich oft überzogen. Denn die Frau ist und bleibt dort stets innerhalb der allgemein anerkannten "Rollen" im öffentlichen und privaten Bereich. Auch wenn sie eine Gemeinde in ihrem Haus beherbergte, folgt daraus nicht, daß sie die Leitung dieser Gemeinde innehatte. Und der Titel Diakonin besagt noch nicht, daß sie die gleichen Funktionen hatte wie die männlichen Diakone, sondern ihr Dienst blieb - selbstverständlich - eingebunden in die vom allgemeinen Empfinden vorgegebenen Normen ihrer Zeit. Somit kann man daraus auch nicht in direkter Linie ein Argument für die Priesterweihe der Frau entnehmen. Die Überlegung muß tiefer greifen. Denn nach dem heute erreichten Wandel in der Gesellschaft scheint mir von allen Schrifttexten her die Tür dahin offen zu stehen. Doch gehören dazu noch viele weitere Überlegungen, von denen ich einige in "Frau und Mann bei Paulus" ausgeführt habe. Es fordert zudem einen geistlichen Unterscheidungsprozeß in der Kirche, der freilich nur gelingen kann, wenn alle Beteiligten unvoreingenommen sich vor Gott dieser Frage stellen. Wer schon von vornherein "weiß", was dabei herauskommt - sei es 'ja' oder 'nein -, der hat nicht die geistliche Disposition, die für einen solchen Vorgang nach den Regeln geistlicher Unterscheidung notwendig ist', da er nicht mehr offen ist für die Frage nach der Führung des Heiligen Geistes. Die "objektiven" Vorgaben bei Paulus bieten jedenfalls keinen Ansatzpunkt für ein Veto.

Und welche Auswirkung haben diese Ergebnisse nun für die Gesellschaft? Wird nicht in Eph 5 aus der Ursprungsfunktion, dem Hauptsein des Mannes, doch die Unterordnung der Frau abgeleitet? Doch ist zu fragen, welches Gewicht diese Folgerung hat, die Paulus dort zieht. Ist sie Offenbarungsgut, das in sich selbst ein für allemal gültig ist, ganz gleich, ob sich die Umstände ändern? Paulus macht die Aussagen vom Hauptsein des Mannes nicht um ihrer selbst willen, sondern bringt sie als Begründung, einmal für ein angemessenes Verhalten im Gottesdienst (1 Kor 11), im anderen Fall für die rechte Ordnung in der Familie (Eph 5). Leztere begegnet ihm als patriarchalisch strukturierte Hausgemeinschaft. Dieses Gesellschaftsmodell, das er sowohl in der biblisch bezeugten hebräischen Gesellschaft wie auch im hellenistischen Griechenland vorfindet, stellt er nicht in Frage, sondern geht davon aus, daß es so ist. Seine direkte Aussage zielt darauf hin: Achte die Ordnung menschlicher Gemeinschaft und nimm darin in angemessener Weise deinen Platz ein. Dies ist das ,Prinzip', das hinter allen Aussagen steht. Paulus fragt nicht, ob die Ordnung in sich unumstößlich oder veränderbar sei, sondern wie der Christ in der ihm vorgegebenen Gesellschaftsordnung sein Christsein leben soll.

Und wenn dieses Modell in der Bibel des Paulus, unserem "Alten Testament", zu finden ist, haben wir wiederum zu überlegen, ob es nicht auch dort einfach als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Die patriarchalische Struktur wird im Alten Testament tatsächlich so wenig hinterfragt wie im Neuen; aber sie wird auch nicht zum Inhalt der Offenbarung gemacht und damit auch nicht für alle Zeiten festgelegt - sowenig mit der Tatsache des Königtums eine Herrschaftsform von Gott ein für allemal festgeschrieben ist. Freilich hat man lange Zeit die Bibel so mißverstanden. Doch besteht die theologische Aussage nur darin, daß, wenn es Königtum gibt, man den Träger achten soll (Spr 24,21; Koh 8,2 - eines Königtums, das Gott ursprünglich gar nicht wollte: 1 Sam 8,7). Es ist hier ähnlich wie mit den ersten Kapiteln der Bibel: Wir haben zu unterscheiden zwischen dem damaligen Weltbild - das mit unserem naturwissenschaftlichen nicht übereinstimmt - und der theologischen Aussage, die in den Schöpfungsberichten als Offenbarung Gottes vermittelt werden soll. So ist auch die Gesellschaftsordnung für die Verfasser der heiligen Schrift nur Material, an dem sie die christlichen Grundhaltungen vermitteln. Die Gesellschaftsordnung selbst wird dabei nicht in Frage gestellt, aber auch nicht zum Dogma erklärt. Das überläßt Gott der Entwicklung. Gott ist ein Gott der Geschichte, und er holt den Menschen jeweils an dem Ort ab, an der er steht, um ihn weiterzuführen.

Nichts und niemand kann uns also daran hindern, als Christen zu leben, auch nicht eine ungerechte Gesellschaftsstruktur. Doch beginnt nun eine andere Art der Entwicklung: Paulus schafft die Sklaverei zwar nicht ab, erinnert aber die Sklaven an ihre Würde in Christus. Erst recht will er die Frau nicht etwa unterjochen oder zu einer duckmäuserischen Unterwürfigkeit 'erziehen', sondern daß sie aus der Freiheit in Christus heraus ihren Platz einnimmt. Wenn die Sozialpartner einander in Christus begegnen, werden sie eines Tages merken, wo ihre bisherige "Rechtsordnung" (noch) unrecht ist. Wenn christliche Eheleute im Partner Christus sehen, können sie ihre physische und geistige Überlegenheit oder ihre gesellschaftlichen Vorrechte nicht mißbrauchen, um den anderen zu unterdrücken. Das ist die Mahnung des Epheserbriefes. Und wenn sie das konsequent leben, werden sie eines Tages insgesamt merken, daß sie ihr Verhältnis zueinander anders regeln müssen. Daß es so lange gedauert hat - und immer noch dauert -, bis im sogenannten "christlichen Abendland" der Sinn für eine rechtliche Gleichstellung der Frau erwacht ist, hängt gewiß mit der Langsamkeit so tiefgreifender Entwicklungen zusammen; aber es ist zugleich eine Geschichte der Sünde, auch der Sünde der Christen, die sich hier zu Unrecht auf Eph 5 beriefen, als ob Paulus dort gesagt habe, daß der Mann über der Frau stehen solle. Daß "der Mann über die Frau herrschen werde" (nicht: soll!), ist in Gen 3,16 eine Folge der Sünde, nicht Gottes heilige Ordnung! Die geistliche Mahnung an die Frau in Eph 5, unter den gegebenen Umständen ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen, wurde oft genug dazu mißbraucht, diesen Platz vom Mann her festzuschreiben: "Sie soll sich unterordnen." Paulus aber hatte gemeint: Im Blick auf Christus seien beide Partner im Rahmen einer je angemessenen Ordnung bereit, einander zu dienen und somit sich selbst jeweils unter den anderen zu stellen (Phil 2,2-8), in Freiheit und Liebe. Wenn der andere diese christliche Demut ausnutzt, ist das dieselbe Sünde, die man an Jesus beging, als man ihn beiseite schob.

Doch liegt hier das Geheimnis unserer Erlösung: Jesus verändert unsere gestörte Beziehung zu Gott und untereinander nicht dadurch, daß er mit den gleichen Mitteln der Unterdrückung arbeitet wie wir, sondern dadurch, daß er sie am eigenen Leibe aushält und somit von innen her überwindet. Wer so mit Christus durch den Tod in die Auferstehung gegangen ist, weiß zunächst, daß er durch Christi Liebe errettet wurde und daß "Jude und Grieche, Sklave und Freier, männlich und weiblich" keinen Rechtstitel für das In-Christus-Sein bieten (Gal 3,28). Das besagt gerade nicht, daß sie untereinander "gleich" sind, sondern daß trotz der Verschiedenheit alle den "einen Christus" angezogen haben. Das Bild vom Leib aber, das hier zu Unrecht in der Auslegung herangezogen wird, besagt gerade nicht Gleichheit der Glieder untereinander, sondern Einheit in erlöster Verschiedenheit! So werden nicht die Unterschiede mit Gewalt beseitigt, sondern jeder Erlöste erhält einen unmittelbaren Zugang zu Gott. Ohne Unterschiede aufzugeben, setzt Gott doch einen anderen Maßstab: "Wer unter euch der erste ist, der sei der Diener aller"; "wer den Willen meines Vaters tut, ist mir Bruder und Schwester und Mutter." Wie der eine sein vermeintliches "Vorrecht" immer wieder aufgibt, so wird der andere trotz seiner untergeordneten Stellung sich seiner Würde bewußt. Der Sklave weiß sich als ein "in Christus Freigelassener" (1 Kor 7,21f). Wie weit dies auf weite Sicht hin auch gesellschaftliche Stukturen verändert, bleibt vom Neuen Testament her der Geschichte überlassen - wohl im Wissen um die Begrenztheit jeder gesellschaftlichen "Ordnung". Das "neue Leben" beginnt in der personalen Beziehung des einzelnen zu Gott, wo jeder seinen einmaligen Wert empfängt, und nicht darin, daß alle gleich wären. Dann kann es sein, daß auch in einer patriarchalischen Ordnung ein hohes Maß an gegenseitiger Ehrfurcht, an "herrschaftsfreiem" Umgang miteinander gelebt wird. Und es kann andererseits vorkommen, daß in einer partnerschaftlich orientierten Gesellschaft dennoch viel Macht und Unterdrückung ausgeübt wird und der Kampf der Geschlechter unter dem Deckmantel der "Gleichberechtigung" weitergeht.

So richtig es ist, daß eine Rechtsordnung soweit wie möglich vor jedem Unrecht schützen soll, liegt doch der entscheidende Punkt in der Grundhaltung des Menschen, von der her auch deren Normen je neu "relativiert", d.h. zu Jesus Christus in Beziehung gesetzt werden müssen. Dort, in der Erlösung durch seinen Geist, liegt die Quelle des Lebens. Und wenn der Mensch sich diesem Anruf nicht stellt, sind alle seine übrigen Aktivitäten, etwa um Gesellschaftsreformen, verzerrt. Denn in Christus entscheidet sich Heil oder Unheil des Menschen. Unter der Führung seines Geistes muß die Christenheit im Leben und Nachdenken sich gewiß weiter darum bemühen, ob in dem Bild von "Haupt und Glanz" (es ist ein Bild!) Menschheitserfahrungen von bleibendem Wert enthalten sind. Sofern sie in der Bibel vorkommen, ist damit aber nicht eine patriarchalische oder hierarchische Sozialstruktur für alle Zeiten festgelegt. Vielmehr, wer dem andern so begegnet "wie dem Herrn", wird darin das Maß finden, das in keinem "Gesetz" einzufangen ist.


1. Unter dem Titel "Frau und Mann bei Paulus - Überwindung eines Mißverständnisses" habe ich die Ergebnisse jahrelanger Forschung vorgestellt, die ein sehr verändertes Bild der paulinischen Aussagen zu diesem Thema ergeben und wovon ich hier eine kurze Zusammenfassung geben möchte. Das Buch ist erschienen im Echter-Verlag, Würzburg 21993 (448 S.), ISBN: 3-429-01407-7. Inzwischen auch in englisch und protugiesisch: Woman and Man in Paul. Overcoming a Misunderstandig. The Liturgical Press, Collegeville, Min. 56321, USA, 1996, ISBN: 0-8146-5055-4 und Mulher e Homem em Paulo. Superacao de um mal-entendido. Edicoes Loyola, Sao Paulo 1999, ISBN: 85-15-01686-9. - In zwei weiteren Bänden wurden die exegetischen Grundlagen dieser Deutung vorgelegt: "Ehelosigkeit und Ehe im Herrn. Eine Neuinterpretation von 1 Kor 7", Würzburg 21986, und: "Antifeminismus bei Paulus? Einzelstudien." Würzburg 1992. Reihe "forschung zur bibel" Nr. 47 bzw. 68.

2. Hier ist die Lesart des Vatikanus vorzuziehen: Gott hat auch uns auferweckt. Nur so ist der folgende V 15, daß unsere Leiber Glieder Christi sind, eine Erklärung für V 14. Von gegenwärtiger Auferstehung ist auch die Rede in 2 Kor 4,14ff (s. N. Baumert, Täglich sterben und auferstehen (StANT 34), München 1973) und in Röm 6 (so mit Recht Eckstein, Auferstehung und gegenwärtiges Leben nach Röm 6,1-11. Präsentische Eschatologie bei Paulus? in: Theologische Beiträge (Wuppertal) 28 (1997) 8-25. Somit ist dieses den leiblichen Augen verborgene Mitauferwecktwerden mit Christus hier und jetzt nicht nur in den sogenannten Deuteropaulinen Eph und Kol zu finden, für deren Echtheit übrigens im Augenblick wieder mehr Stimmen zu hören sind.

3. Dabei werde ich Abschnitt für Abschnitt die Antwort in meiner neuen Übersetzung einfügen. Kursiv gedruckt sind jene Worte, die eine inhaltliche (nicht nur stilistische) Veränderung gegenüber den üblichen Übersetzungen bringen. Es ist darum gut, immer eine andere Übersetzung zum Vergleich zur Hand zu haben. Fett gedruckte Worte sind im Griechischen durch die Wortstellung hervorgehoben und darum besonders betont. In Klammern sind Lesehilfen eingefügt, die so nicht im Urtext stehen, aber von denen sich aufgrund des Vorverständnisses zeigen läßt, daß der Text in diesem Sinne gemeint ist.

4. Aus einer Untersuchung der synoptischen Scheidungslogien ergibt sich, daß auch Jesus immer nur dem Schuldigen eine neue Ehe verwehrt. Der unschuldig Geschiedene wäre demnach frei. Näheres dazu in: Frau und Mann bei Paulus, 347-366, ausführlicher in: Antifeminismus bei Paulus? 207-260.