Die Wiedergeburtslehre - Kristallisationspunkt moderner Kulturreligiosität
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Veröffentlicht in:
Medard Kehl, Und was kommt nach dem Ende?
Von Weltuntergang und Vollendung, Wiedergeburt und Auferstehung,
Herder Freiburg - Basel Wien 2000, ISBN 3-451-27015-3, S. 47-71 |
Beginnen möchte ich mit der Wiedergeburtslehre, und zwar ausschließlich in ihrer westlichen Variante. Sie stellt ein eigenes, von östlichen Wiedergeburtsvorstellungen nur indirekt abhängiges religiöses Phänomen dar. Unter denen, die heute überhaupt noch an ein Jenseits nach dem Tod glauben, ist sie zu einer gewichtigen Alternative gegenüber der christlichen Hoffnung geworden, selbst unter den getauften Mitgliedern der großen Kirchen. Man rechnet mit etwa 20 % der deutschen Bevölkerung, die diese Hoffnung mehr oder weniger entschieden teilen. Wie kommt das? Mir scheint der Hauptgrund darin zu liegen, daß die Wiedergeburtslehre als die "stimmigste" religiöse Begründung einer heute vorherrschenden "kulturellen Leitformel" (M. E. Ebertz) angesehen wird, nämlich: "Das Leben hat nur dann einen Sinn, wenn man ihm selber einen gibt" (s.o.). Da diese eigenständige Sinngebung nun aber erfahrungsgemäß meist nicht in der einmaligen und durch den Tod befristeten Lebenszeit gelingt, verheißt die Wiedergeburtslehre eben die attraktive Möglichkeit, in immer neuen irdischen Existenzformen diesen rundum erfüllenden Lebenssinn schlußendlich doch zu erreichen. Die innere Stimmigkeit zwischen modernem Lebensgefühl und der Wiedergeburtslehre macht diese in der Tat zu einem markanten Kristallisationspunkt, in dem sich viele kulturelle Plausibilitäten auf religiöse Weise anschaulich widerspiegeln. Darum möchte ich sie hier auch ausführlich behandeln, gleichsam als Zeitdiagnose in theologischem Interesse.(1)
Auf die Geschichte der Wiedergeburtslehre gehe ich jetzt nicht näher ein; sie kann in der angegebenen Literatur gut nachgelesen werden. Aus dieser Geschichte ergibt sich jedoch ein sehr auffallendes Resumé: Derselbe Begriff "Wiedergeburt" oder "Reinkarnation" besagt in den verschiedenen Kultur- und Geschichtsepochen jeweils etwas ganz unterschiedliches. Und zwar einmal hinsichtlich des Subjekts (also der Seele oder des geistig-göttlichen Prinzips oder der Lebenskraft eines Stammes u.a.), das sich in immer neuen Gestalten wiederverkörpert; und zweitens hinsichtlich des Sinns dieser wiederholten Wiedergeburten, also zu welcher Erklärung sie dienen. Die Vorstellung von der Wiedergeburtslehre zeigt sich dabei als außerordentlich flexibel und variabel. E. Benz sprach einmal von der "Reinkarnationsfähigkeit der Reinkarnationsvorstellung in allen möglichen Religionen."(2) Gelingt ihr dies auf längere Sicht auch im Judentum und Christentum? Ich wage es zu bezweifeln, trotz aller heutigen synkretistischen Vermischungen.
1. Der wesentliche Unterschied zwischen westlicher und östlicher Reinkarnationsvorstellung
Zur Veranschaulichung sei ein kurzer Text von Hans Torwesten vorangestellt, einem überzeugten Anhänger der Wiedergeburtslehre, der zugleich ihre Vereinbarkeit mit dem christlichen Glauben aufzeigen will:
"Der Grundgedanke dieser Lehre ist einfach: Ist im Menschen etwas potentiell Göttliches angelegt, so muß er sich auf der relativen Ebene, in Zeit und Raum, so lange entwickeln, bis er seine wahre Natur verwirklicht hat, bis das in ihm Schlummernde voll manifestiert ist. Da ein einziges Menschenleben in den meisten Fällen zu kurz ist (was nicht so sehr aus logischen Überlegungen, sondern eben aus unseren Erfahrungen abzuleiten ist) und da der Tod dem Menschen nicht automatisch die Erleuchtung bringt, bedarf es dazu einer Reihe von Leben. In gewisser Weise ergänzt die Lehre von der Seelenwanderung so die Evolutionslehre, sie fügt dieser eine geistige Dimension hinzu: Der Geist umkleidet sich mit immer neuen Hüllen, geht durch immer neue Erfahrungen hindurch, sucht nach immer besseren Ausdrucksmöglichkeiten, bis er schließlich aus allen Hüllen herausgewachsen ist und seine Unendlichkeit erkennt. Als wir gerade den Grundgedanken der Reinkarnationslehre skizzierten, haben wir absichtlich das positiv-aktive Element betont - das Vorwärtsschreiten zur höchsten Verwirklichung - und nicht so sehr das negativ-passive Moment, auf das in vielen Abhandlungen über die Reinkarnation leider zu oft das Hauptgewicht gelegt wird: Nämlich daß die Wanderung der Seele fast nur eine Serie von Strafen sei, die wir für frühere Vergehen - oder gar eine vorzeitliche 'Ursünde' - erlitten. Zwar kommen wir am Gesetz des Karma - dem Gesetz von Ursache und Wirkung - gewiß nicht vorbei, doch es sei schon hier gesagt, daß das 'Gesetz' nicht alles ist, daß die Lehre von der Reinkarnation nicht nur zurückschaut und unser jetziges, meist nicht besonders zufriedenstellendes Leben durch das Gestern zu erklären versucht, sondern auch und gerade nach vorn blickt - auf den Punkt, wo wir alle Fesseln sprengen und eins mit der göttlichen Wirklichkeit werden."(3)
Was macht den Kern der westlichen Wiedergeburtsvorstellung aus, die sich seit der Aufklärung, besonders aber in den letzten 30 Jahren hier bei uns im kulturellen Kontext der europäischen Moderne entfaltet und sich sehr von den Vorstellungen der großen östlichen Religionen und ihrem Kulturkreis unterscheidet?(4) Nun, die westliche Vorstellung versteht sich bewußt als eine Heilsbotschaft für den einzelnen Menschen und dadurch auch für das ganze "Menschengeschlecht", insofern erst durch die Folge von Wiedergeburten alle positiven Lebensmöglichkeiten des Individuums und der Menschheit im ganzen ausgeschöpft werden können. So erst kann die wahre Identität des eigenen Selbst in seiner geistig-sittlichen Bestimmung voll entwickelt werden und wesentlich zur Vervollkommnung des ganzen Menschengeschlechtes (G. E. Lessing) beitragen. Diese Lehre will also den Menschen unserer Kultur eine Hoffnung über den Tod hinaus vermitteln. Gerade weil das jetzt gelebte Leben oft doch als ein nur sehr partiell gelungenes Leben erfahren wird, weil der eigentlich ersehnte Sinn des Lebens nur sehr begrenzt verwirklicht werden kann und schließlich durch den Tod völlig in Frage gestellt wird, darum eröffnet die Aussicht auf immer neue Geburten und "Einkörperungen" des ewigen "geistig-göttlichen Funkens" in uns (was auch immer das sein mag) doch die sichere Hoffnung auf einen endgültig zu verwirklichenden Sinn des Lebens.
In den religiösen Traditionen des Hinduismus (und ähnlich auch des Buddhismus) dagegen gilt die Lehre von der Wiedergeburt keineswegs als eine Heilsbotschaft. Vielmehr spricht sich in ihr die Erfahrung des leidvollen Unterworfenseins des Menschen unter das kosmische Gesetz des Werdens und Vergehens allen Lebens aus. Von diesem Gesetz sind auch die Toten nicht ausgenommen. Selbst das glückliche Leben im Jenseits (als Lohn für ein gutes irdisches Leben) bietet keine Beständigkeit; es kann durch einen wiederholten Tod verlorengehen. Darum muß die Seele oder das Selbst nach einem neuerlichen Tod noch einmal neu geboren werden usw. Das Ziel besteht darin, irgendwann einmal ein "Nichtwiederkehrender" zu werden, also die endgültige Befreiung aus dem Kreislauf von Sterben, Geborenwerden, neuem Sterben, neuem Geborenwerden usw. zu erlangen. Geschichtlich gesehen läßt sich vom Hinduismus sagen: "Die Furcht vor dem Wiedertod führte zur Lehre von der ständigen Wiedergeburt im Daseinskreislauf und gab der indischen Religionsgeschichte und ihren verschiedenen Traditionen ihr entscheidendes, gemeinsames Thema vor: Die Frage nach der Befreiung daraus."(5)
Mit dieser Lehre verbindet sich unlöslich die Vorstellung vom "Karma", diesem quasi naturgesetzlich wirkenden Bedingungszusammenhang von Handlungen und ihren Folgen. Das heißt: Nach dieser Auffassung herrscht in der Welt eine ethische Vergeltungskausalität, insofern jede Tat unweigerlich ihre (positiven oder negativen) Auswirkungen zeitigt (was z.B. den persönlichen Charakter, Glück oder Unglück, den gesellschaftlichen Stand eines Menschen betrifft). Dieses Karma wirkt sich auch über den Tod hinaus aus; dem Menschen folgen die Wirkungen seines Tuns auch ins Jenseits. Und genau das läßt ihn auch dort nicht zur Ruhe kommen; es zeigt sich als die treibende Kraft und der "Brennstoff" (R. Hummel) des immer neuen Kreislaufs von Geburten und Toden. Erst wenn alles Karma getilgt ist, sei es auf dem Weg der Erkenntnis oder des leidenschaftslosen Handelns oder der hingebungsvollen Gottesliebe, wird der Mensch endlich aus dem ganzen, meist als leidvoll erfahrenen Tun-Ergehens Zusammenhang der Welt befreit, kommt er zur Ruhe, findet er die ersehnte Beständigkeit.
Hier wird der Unterschied zur westlichen Reinkarnationslehre deutlich: In der indischen Vorstellung ist der Sinn des immer neuen Wiedergeborenwerdens nicht die sehr optimistisch als gewiss vorausgesetzte geistig-sittliche "Evolution" auf einen ganz zu sich selbst gekommenen Menschen hin, der all seine in ihm schlummernden positiven Potentiale verwirklicht und damit den Gipfel seiner geistigen und sittlichen Personalität (seines "Personkerns") erreicht hat. Vielmehr zielen hier die wiederholten Tode und Geburten darauf ab, den Menschen ganz von sich selbst und seinem Eingebundensein in die Welt zu befreien, also gerade sein Suchen nach Vollkommenheit und Identität, nach Sinn und Glück restlos aufzugeben. Nur so kann sein "Atman", sein unzerstörbares geistiges Sein (das keineswegs dasselbe ist wie im westlichen Denken der "Personkern", das letzte individuelle Selbst oder die "unsterbliche Seele") wieder ganz eins werden mit "Brahman", der allkosmischen und ewigen Weltseele. Erst darin liegt die endgültige Befreiung vom Fluch der Wiedertode und der Wiedergeburten.
Sicher spielen bei der gegenwärtigen Faszination durch die Reinkarnationslehre auch bestimmte Einflüsse östlicher Vorstellungen eine gewisse Rolle, z.B. durch Filme, Literatur, Reisen, Migrationsbewegungen, auch durch die populäre Übernahme östlicher Meditationsmethoden (wie z.B. Zen und Yoga) usw.(6) Aber entscheidend für die Kernaussagen der westlichen Wiedergeburtslehre dürfte doch die kulturell bedingte positive Umformung der in östlichen Religionen und Kulturen ursprünglich beheimateten Wiedergeburtslehre innerhalb der heutigen westlichen Kultur sein. Diese ist noch immer geprägt sowohl von vielen christlichen Traditionsstücken (z.B. der Wertschätzung der Person, der Hoffnung auf "Unsterblichkeit der Seele" usw.) als auch von typisch neuzeitlichen Wertvorstellungen (z.B. der freien, selbstbewußten, sich selbstbestimmenden und selbstverwirklichenden Subjektivität, der fortschreitenden Entwicklung als einem Grundgesetz des ganzen Daseins usw.). In diesem kulturellen Kontext erst kann die Aussicht auf viele Wiedergeburten als Heilsbotschaft verstanden werden, eben als Chance, sich aus eigener Kraft zu sich selbst und seiner vollen Identität zu entwickeln und so auch die menschliche Entwicklung im ganzen weiterzubringen. Darauf wollen wir jetzt im einzelnen näher eingehen.
2. Die kulturell bedingte Plausibilität der westlichen Wiedergeburtslehre
a) Ihr "naturaler" Charakter
Diese Kennzeichnung bedeutet: Die Vorstellung vom ständigen Wechsel zwischen Geborenwerden, Sterben und wieder neuem Geborenwerden legt sich den Menschen in zahlreichen Kulturkreisen schon aus der anschaulichen Erfahrung bestimmter Lebensrhythmen in der Natur spontan nahe, gerade wenn sie mit der Wirklichkeit des Todes sinnvoll umgehen wollen. Auch der menschliche Tod wird dann einfach in den Umkreis der natürlichen "Schwingungsrhythmen des Lebendigen"(7) einbezogen; auch er ist eben nur ein (wenn auch extremer) Pol im Hin- und Herschwingen zwischen den verschiedensten Polaritäten des Lebens (Ein- und Ausatmen, Wachen und Schlafen, Tag und Nacht, Sommer und Winter, Blühen und Verwelken, Ebbe und Flut; oder auch im menschlichen Bereich: Einheit und Vielfalt, Krieg und Frieden usw.). Darum muß auch der Tod immer wieder dem anderen Pol Platz machen, eben dem Wiedergeborenwerden. Wenn die Natur in ihrer so beständigen Rhythmik zum Modell auch der menschlichen Lebensdeutung erhoben wird, legt sich die Wiedergeburtslehre als Sinndeutung des menschlichen Lebens und Sterbens relativ problemlos nahe.
Das gilt keineswegs nur für archaische Kulturen und Religionen, sondern auch für unseren modernen westlichen Kulturkreis. In dem Maße, wie christliche Transzendenz- und Hoffnungsbilder an Überzeugungskraft verlieren (gerade auch wegen ihres personalen Charakters!), wächst umgekehrt der Sinn für das Heil, das aus der Natur und ihren schier unerschöpflichen Lebens- und Selbstheilungskräften hervorzugehen scheint (vgl. die religiöse Aura, die häufig die Rede von der "Mutter Erde", von den "kosmischen Energien", vom "ökologischen Gleichgewicht", vom Einschwingen in die Rhythmen des Lebens u.ä. umgibt). Einer solchen "Naturmystik" kann sich die Vorstellung von der Wiedergeburt gut einpassen: Auch das Leben und Sterben der Menschen ist eben nur ein besonderer Fall in der allgemeinen Gesetzlichkeit des natürlichen (vor allem pflanzlichen) Rhythmus von Leben und Sterben und wieder neuem Leben.(8)
An diese naturreligiöse Auffassung wird der christliche Glaube aus seiner Verantwortung für eine humane Deutung des Todes doch bestimmte Fragen richten müssen: Wird eine "naturale" Interpretation wirklich dem Phänomen des menschlichen Todes gerecht, der ja einer einmaligen, sich ihrer selbst und ihres Sterben-müssens bewußten Person widerfährt, die dazu in irgendeiner Weise auch bewußt Stellung nehmen muß? Wird mit dieser "Naturalisierung des Personalen" nicht zusammen mit dem Tod auch Personalität, Freiheit und Geschichte des Menschen außerordentlich verharmlost, ja nivelliert zu einem bloßen Moment des Übergangs im Ganzen der natürlichen Rhythmen des "Lebens", das demgegenüber stark "hypostasiert", d.h. zu einem Quasi-Subjekt erhoben wird? Aber was ist denn eigentlich "das Leben" als "Träger" solcher Polaritäten und Rhythmen? Kann "das Leben", das Hin und Her des natürlichen "Lebensstromes" wirklich einem personalen Wesen, das mit Selbstbewußtsein und Freiheit begabt ist, über seinen Tod hinaus letzten und endgültigen Sinn zusprechen? Bleibt bei einer solchen, an der Natur der Pflanzen abgelesenen Wiedergeburtsvorstellung nicht genau das auf der Strecke, was sie eigentlich retten möchte - eben die vollendete Identität des Menschen, gerade auch in der Fülle seiner geistig-sittlichen Potenzen? Gerät die westliche Wiedergeburtslehre bei einer solchen Begründung nicht in einen inneren Widerspruch, der sie als Heilsbotschaft für ein personales Wesen wie den Menschen doch eher untauglich macht? Es sei denn, man verzichtet generell auf die einzigartige und unverwechselbare "Würde des Menschen", die aus seiner Personalität stammt und die ihn nicht einfach zu einem bloßen Element im Ganzen einer kosmischen Energie werden läßt. Das wäre allerdings ein sehr hoher Preis an Humanitätsverlust, den heute dennoch viele zu zahlen bereit sind. Vermutlich aufgrund der Ambivalenz einer neuzeitlich überzogenen Anthropozentrik, die den Menschen fast völlig aus dem Naturzusammenhang des Lebens herausisolierte, was umgekehrt zur verhängnisvollen Instrumentalisierung der Natur durch den Menschen führte. Aber der andere Straßengraben, die Nivellierung des Personalen in das Naturale des Lebens hinein, wirkt sich auf Dauer mindestens genauso verhängnisvoll aus, nämlich in Richtung einer Selbstzerstörung des Menschen als eines personalen Wesens und damit seiner ganzen kulturellen und sittlichen Lebenswelt.
b) Die strukturell-gesetzmäßige Erklärung des Weltverlaufs
Die westliche Form der Wiedergeburtslehre bietet dem Menschen eine scheinbar sehr stringente rationale Erklärung für alles, was geschieht, auch für das Übel in der Welt: Es wird auf Handlungen in früheren irdischen Existenzen zurückgeführt, die eben unabdingbar solche Folgen hervorbringen. "Die Welt ist ein lückenloser Kosmos ethischer Vergeltung ... Der Einzelne schafft sich sein eigenes Schicksal im strengsten Sinn ausschließlich selbst."(9) Mit einer solchen Weltdeutung wird vieles zugleich erreicht, was der Mentalität der Moderne und dem, was sie für rational hält, gut entspricht: Einmal wird hier der Wunsch nach absoluter Gleichheit und Gerechtigkeit befriedigt; denn jeder ist in vollem Sinn "seines eigenen Glückes Schmied". Was immer ihm auch zustößt, er hat es in seinen früheren Existenzen selbst verursacht und kann darum bei niemand anderem sein Recht auf mehr Glück einklagen. Damit wird zugleich dem Willen zur vollen sittlichen Autonomie und Selbstverantwortung Genüge getan; allein die eigene Freiheit ist der Urheber des eigenen Schicksals. Ebenfalls kann damit auch das moderne "Unbehagen am Schicksal"(G. Sachau) weitgehend ausgeschaltet werden. Es fällt eben vielen Menschen unseres Kulturkreises sehr schwer, das unaufhebbar Kontingente des Lebens und der Geschichte auszuhalten; also das offene, unberechenbare und kausal aus keiner Notwendigkeit ableitbare Zusammenspiel von Freiheiten, Gesetzmäßigkeiten und auch Zufällen. Stattdessen wird in der Wiedergeburtslehre alles Geschehen auf einen notwendigen ethischen Ursache-Folge-Zusammenhang zurückgeführt, in welchem ich selbst (in früheren Leben) der Urheber meines jetzigen Geschicks bin. Deswegen braucht man sich vor der verunsichernden Kontingenz des Lebens und Sterbens nicht mehr allzu sehr zu fürchten. Das jetzige Leben steht eben in einer notwendigen und darum "gesicherten" Kontinuität zu früheren und zu späteren Leben; und dieser Zusammenhang läuft gesetzmäßig und zielstrebig auf einen absoluten Höhepunkt an menschlicher Vollkommenheit zu. Das gibt dem Leben einen verläßlichen Sinn und eine optimistische Perspektive.
Schließlich ist für viele Zeitgenossen mit dieser strukturell-gesetzmäßigen Welterklärung auch das schwierige Theodizeeproblem gelöst, also die Rechtfertigung Gottes angesichts des Übels und des Leids in der Welt. Für die einen wird Gott als eine personale Wirklichkeit, die mit ihrer Freiheit und Liebe in der Geschichte der Menschen am Werk ist, völlig entbehrlich oder höchstens noch - deistisch - als letzter Garant des unabänderlich geltenden Karma-Gesetzes gebraucht. Für die anderen, die an einem personalen Gott festhalten wollen, wird er durch die strukturelle, also nicht-personale Erklärung des Übels in der Welt völlig entlastet - allerdings um den Preis, daß er damit auch aus dem Weltgeschehen weitgehend herausgelassen wird. Auch hier zielt die Logik dieser Weltdeutung höchstens auf eine deistische Gottesvorstellung; das heißt, Gott hat mit dem konkreten Weltverlauf nichts mehr zu tun, nachdem er ihn einmal angestoßen hat. "In der Gnade Gottes erfährt das neuzeitliche Individuum keine erfreuliche Botschaft, ist sie doch letztlich Indiz unberechenbarer Spontaneität und möglicher Willkür."(10)
Diese heute so plausibel klingende Weltsicht ist doch recht ambivalent. Ich möchte vor allem zwei Anfragen an sie richten:
(1) Zunächst scheint mir hier ein in sich widersprüchlicher Umgang mit der Selbstverantwortung des Menschen für sein eigenes Schicksal vorzuliegen: Auf der einen Seite wird hier dem einzelnen viel zu viel an Selbstverantwortung zugeschrieben, was ihm in diesem Maß gar nicht zukommen kann und was er auch gar nicht allein tragen kann, weil es ihn im Grunde völlig individualisiert und heroisch vereinsamt. Denn jeder Mensch ist in seiner ganzen Lebensgeschichte von Anfang an verstrickt in viel größere Zusammenhänge, sowohl der vergangenen Geschichte wie auch der gegenwärtigen Gesellschaft. Jeder partizipiert auf seine Weise an dem rational nicht aufzuhellenden Zusammenspiel von natürlichen (biologischen, physikalischen, psychologischen) Gegebenheiten seines Körpers und seiner Seele (z.B. seinen Erbanlagen) einerseits und von vielen unerklärbaren "Zufällen" des Lebens anderseits, von eigenen Freiheitsentscheidungen und denen der anderen, von biographischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Strukturen usw. Die Wiedergeburtslehre vereinfacht grandios (und deswegen auch so faszinierend für viele) diesen komplexen Zusammenhang, indem sie alles jetzige Geschehen monokausal auf das Handeln der einzelnen in früheren Existenzen zurückführt. Dadurch wird die frühere Verantwortung für das eigene Geschick entschieden überfordert. Auf der anderen Seite wird aber zugleich die jetzige Verantwortung des Menschen für den Lauf der Dinge und ihr mögliches Anderslaufenkönnen weit unterschätzt (weil ja alles dem geheimen Gesetz des Karma folgen muß). Mit Recht nennt darum W. J. Hollenweger die Reinkarnationsvorstellung ein "Legitimationsmodell des Bestehenden".(11)
Bestimmte Intentionen der Wiedergeburtslehre, die sich auf die Verantwortlichkeit des Menschen für die jetzigen Erfahrungen des Übels und des Bösen in der Welt beziehen, sind m.E. in der christlichen Erbsündenlehre viel besser aufgehoben. Denn dort ist der einzelne weder einfachhin völlig selbstverantwortlich für das Böse, das er tut oder für das Übel, das ihm zustößt; noch ist er daran einfachhin unschuldig. Er steht mit seinem Tun immer schon in der Spannung zwischen vorgegebener Situation, die auch von der Schuld anderer (auch früherer Generationen) und von "struktureller Sünde" mitgeprägt ist ("Sünde als Macht"), und der eigenen freien Entscheidung, diese Vorgegebenheit durch sein Tun zu bestätigen und zu verstärken (Sünde als Freiheitstat). Insofern Christus in seinem Tod und in seiner Auferstehung die in der Geschichte von Anfang an wirkende Macht der Sünde "im Prinzip" entmachtet hat, ist der einzelne keineswegs mehr unentrinnbar ihren Auswirkungen und Vorprägungen ausgeliefert. Er kann in der Kraft des Geistes Jesu die Sünde (als Tat der Freiheit) meiden und die von Jesus gebahnten neuen Wege des Heils gehen.
(2) Meine zweite Anfrage an das strukturell-gesetzmäßige Weltmodell der Wiedergeburtslehre richtet sich an ihre scheinbar befriedigende Lösung des Theodizeeproblems. Mir scheint die von ihr gegebene "Lösung" eher zynisch und kalt zu sein; z.B. wenn etwa das Grauen der Konzentrationslager oder auch nur das Schicksal eines behinderten Kindes als "Vergeltung" für schuldhaftes Handeln der Betroffenen in früheren Leben "erklärt" werden sollen. Die nationalsozialistischen Verbrechen, die zur Shoa der europäischen Juden führten, können absolut nicht in ein Proportionsverhältnis zu etwaigen "vorgeburtlichen" Vergehen dieser europäischen Juden gesetzt und erst recht nicht dadurch entlastet werden! Der christliche Glaube verhält sich in dieser Frage bedeutend humaner, weil bescheidener: Es gibt keine rational befriedigende generelle "Erklärung" für all das Übel und das Böse in der Welt. Seine Unerklärbarkeit kann oft nur ausgehalten werden, indem Menschen einander beistehen, das damit verbundene Leid zu mildern versuchen, gegen Unrecht aktiven Widerstand leisten und dabei hoffend vertrauen, daß dieses Leid dennoch eingeborgen ist in der Sym-pathie der mitleidenden, mitgekreuzigten Liebe Gottes; daß es so auch eine Auferstehung diesseits und jenseits der Todesgrenze finden kann. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich gern an den Vers aus dem alten Gebet: "Seele Christi, heilige mich": "Birg in deinen Wunden mich!" Das bedeutet: Der christliche Glaube vertraut in gelebter Solidarität mit den Leidenden darauf, daß alles Leid dieser Erde in den Wunden des Auferstandenen geborgen ist; das erklärt und verklärt nicht das Leid, aber es läßt uns human damit umgehen, weil es auf eine von uns her nicht erreichbare Versöhnung hoffen läßt (s. 2. Teil VIII).
c) Die Spiritualisierung des neuzeitlichen Fortschrittsdenkens
"Die Verbindung von Zyklus und Rhythmus mit dem Fortschrittsgedanken ist das Grundprinzip westlicher Reinkarnationsvorstellungen."(12) Genau diese Synthese zwischen den natural anschaulichen Zyklen von Leben, Sterben und neuem Leben einerseits und linearer Fortschrittsgläubigkeit der Neuzeit anderseits (welche die Endlosigkeit des Zyklus von Leben und Sterben in einem letzten Ziel beendet), macht die Wiedergeburtslehre für die Kultur der Moderne wiederum so attraktiv. Im Bild der zyklisch sich immer weiter nach oben drehenden "Spirale" passen sich die Vorstellungen der Wiedergeburtslehre sowohl in die postmoderne Naturrenaissance ein als auch in das fast schon zur "Heilsgeschichte" hochstilisierte Fortschritts-, Entwicklungs- und Wachstumspathos der Neuzeit. Danach muß und kann sich alles weiterentwickeln, immer höher, immer besser, immer perfekter. Im Bereich der Wirtschaft und der Technik hat dieser Fortschrittsglaube allerdings seine ungebrochene Faszination in den letzten Jahren doch etwas verloren. Wir stoßen eindeutig an die "Grenzen des Wachstums", des Fortschritts und der Leistungsideologie. Es scheint, daß die mit dieser Einsicht auffallend parallel laufende Begeisterung für die Wiedergeburtslehre eine spirituelle Kompensation ist; denn jetzt wird das Fortschritts- und Leistungsdenken von der äußeren, gesellschaftlichen Wirklichkeit einfach in den geistig-seelischen Bereich zurückverlagert wird. Wenigstens dort muß es doch einen Fortschritt ohne Grenzen und ohne vorzeitiges Ende durch den Tod geben! Die Entwicklung muß doch einfach weitergehen, und zwar durch unsere sittlich-geistigen Anstrengungen!
Angesichts der deutlichen Ambivalenzen des modernen Fortschrittsdenkens kann man auch hier wiederum fragen: Dient seine religiöse Spiritualisierung wirklich der Humanisierung der modernen Lebenswelt? Warum muß die Entwicklung des Menschengeschlechtes ewig voranschreiten - auf eine von uns entworfene ideale Vollkommenheit hin? Warum muß jedes einzelne Menschenleben durch sich selbst, durch seine eigene sittliche Leistung so vollkommen werden, daß es diesem Ideal entspricht? Wird hier nicht der Leistungsdruck einfach auch noch in das Jenseits des Todes hinein verlängert? Zudem: Welches Vollkommenheitsideal steht hinter dieser Lehre? Ist es nicht die typisch westlich-neuzeitliche Utopie vom perfekt machbaren und herstellbaren Menschen und seiner Gesellschaft? Ob uns dieses Ideal wirklich innergeschichtlich und im Hinblick auf eine endgültige Vollendung weiterführt? Könnte nicht stattdessen die rettende Alternative zu diesem Denken in der christlichen Hoffnung bestehen, die darauf vertraut, daß endgültig erfülltes Leben letztendlich nur geschenkt werden kann? Ist es nicht auf Dauer viel befreiender, das Paradox des Menschen demütig anzunehmen: Nämlich daß ihn gerade das, was er von Natur aus als zutiefst beglückend ersehnt, eben - so wie er ist - umfassend angenommen und bejaht zu werden, nur dann wirklich beglückt, wenn es ihm von außen spontan und unverdient geschenkt wird? Jede gute Freundschaft bestätigt doch diese Erfahrung. Warum also nicht sie zum Modell jenseitiger oder endgültiger Vollendung nehmen, wie es die christliche Hoffnung tut?
d) Vermittlung von Identität aufgrund pluraler Existenzen
Die Wiedergeburtslehre gibt vielen unserer Zeitgenossen eine befriedigende Antwort auf das existentielle Problem: Wie finde ich meine Identität angesichts der unüberschaubar vielen Möglichkeiten, Erfahrungen zu sammeln und mein Leben zu führen, die ich ja nur zu einem ganz geringen Teil nutzen kann? Die Vielfalt an Möglichkeiten, immer neue und ganz verschiedene Lebenserfahrungen und Lebensentwürfe durchzuprobieren, sich nicht auf einen Weg fixieren zu müssen, macht die Kultur der gegenwärtigen Phase der Moderne ja einerseits so faszinierend; bietet sie doch eine Fülle an verlockenden Chancen, das Leben so oder so zu gestalten.(13) Aber anderseits läßt sie das Individuum auch immer deutlicher seine Grenzen spüren, diese Pluralität an Lebensmöglichkeiten wirklich ausschöpfen und genießen zu können. Ständig verpaßt es irgendwelche Chancen, ständig muß es sich zwischen mehreren Möglichkeiten und Angeboten entscheiden, ständig auch immer wieder bestimmte Alternativen ausschließen, ohne sicher zu sein, ob diese Wahl auch richtig war. Fast "notgedrungen" muß es sich darum stets eine Tür offenhalten, um seine Entscheidungen revidieren zu können; daher die typische Redeweise bei Verabredungen heute: "Wenn nichts dazwischen kommt ...". Identitätsfindung im Rahmen so vielfältiger Lebenschancen ist außerordentlich anspruchsvoll und anstrengend.
Angesichts solcher Grenzerfahrungen bietet nun die Wiedergeburtslehre eine anziehende Verheißung: Du brauchst dich nicht zu überanstrengen und krampfhaft deinem Glück hinterherzulaufen; was du in diesem Leben nicht findest, wird dir im nächsten oder übernächsten Leben als neue Chance angeboten. Der Mensch, besser: seine ewig-geistige Natur, der göttliche "Energiefunke" in ihm, hat unendlich viel Zeit, ja sogar die Ewigkeit zur Verfügung, um alle erstrebenswerten menschlichen Lebensmöglichkeiten zu ergreifen und so in sich hinein zu integrieren. Seine Identität bildet sich demnach erst im Verlauf eines ewigen Erfahrungs- und Lernprozesses heraus. Sie integriert eine große Vielfalt von menschlichen Persönlichkeiten, die in den verschiedensten Epochen auf der Erde gelebt haben mögen (z.B. eine deutsche Lehrerstochter im 19. Jh., eine Israelitin in der Makkabäerzeit im 1. vorchristl. Jh., eine böhmische Adelige im 16. Jh. usw.)(14) Und doch sind diese alle zutiefst eins, eben aufgrund der integrierenden Kraft der geistig-ewigen Natur in uns.
Daß sich in der jeweils neuen Existenzform genau dieselbe Ambivalenz von Chancen und Grenzen, von Herausforderung und Überforderung einstellen kann, kommt angesichts des ungefragten Entwicklungsoptimismus nicht in den Blick. "Reinkarnation dekonstruiert Identität"; d.h. sie löst sie erst einmal auf und setzt sie dann neu zusammen, und zwar "durch innere Dissoziierung: Ich bin ganz viele. Der reinkarnierte Mensch ist polysynthetisch und verfügt über eine multiple Persönlichkeitskarriere."(15) Auf diese Weise scheint der Wunsch nach Pluralität von erstrebenswerten Lebensmöglichkeiten und zugleich der Wunsch nach gelungener Identität miteinander versöhnbar zu sein.
Die Frage ist auch hier wiederum: Welcher Preis an Humanität wird für diese Lösung gezahlt, die alles zusammen haben möchte, und zwar in leibhaft erfahrbarer Weise auf dieser Erde? Ich möchte hier nur zwei Einwände gegen diese Lösung formulieren:
(1) Was hilft es zur Identitätsfindung des Menschen, wenn die früheren Existenzformen der jetzt lebenden Person völlig unbewußt sind? Nur eine scheinbare Ausnahme bilden jene, die in der Reinkarnationstherapie in frühere Leben zurückgeführt werden sollen. Denn auch hier ist es sehr fraglich, ob es wirklich frühere Leben sind, an die man sich da erinnert (s.u.). Identitätsfindung aufgrund eines Lern- und Erfahrungsprozesses - selbstverständlich; aber das ganze ohne ein Bewußtsein dessen, was ich bereits erfahren und erlebt habe oder woraus ich in Zukunft lernen sollte, das scheint mir ein Widerspruch in sich zu sein. Auch ein naturhaft wirkender, unbewußter "Instinkt" kann die bewußte Leistung der menschlichen Identitätsfindung niemals ersetzen. Denn menschliche Identität ergibt sich immer nur im Prozeß jeweils neuer, bewußter Identifizierungen (oder auch Distanzierungen), die das menschliche Ich hier und jetzt gegenüber seinen vergangenen oder auch seinen zukünftigen Entwicklungsstadien vornimmt (z.B. ich bin personal derselbe wie vor 40 Jahren, weil ich mich mit meiner damaligen Zustandsweise identifiziere, also auch dazu "ich" sage). Wenn ich davon aber nichts weiß, kann ich mich damit auch nicht identifizieren. Daraus folgt: In der Wiedergeburtslehre geschieht die menschliche Identitätsfindung eher auf dem Weg eines unbewußt naturhaft ablaufenden Prozesses, zu der das personale Selbstbewußtsein nicht nötig zu sein scheint.
(2) Ein weiterer hoher Preis für das Konzept einer "multiplen Persönlichkeitskarriere" scheint mir die Gefahr der realen Spaltung der menschlichen Identität in zwei völlig trennbare und dann kaum miteinander zu vermittelnde "Substanzen" zu sein: Nämlich in eine geistig-ewige und eine körperlich-vergängliche Substanz. Die geistig-göttliche Energie in mir sucht sich immer wieder einen neuen Leib, eine neue Zeit, eine neue Geschichte, neue Partner, Beziehungen und Freundschaften, ohne daß die eine "Verkörperung" von der anderen etwas weiß, so daß die früheren Existenzen auch jetzt keine ausdrückliche Bedeutung mehr haben. Meine Frage lautet: Ist mein konkretes leiblich-geschichtliches Leben, meine persönliche Biographie mit ihren vielen prägenden zwischenmenschlichen Beziehungen und Freundschaften, mit ihrem Einsatz für das Leben auf dieser Erde usw. so unbedeutsam für mein geistig-ewiges Ich, daß es im Tod wie ein Allelujates Kleid einfach abgelegt und vergessen werden kann? Wird davon am Ende nur der bleibende Ertrag für meine eigene geistig-sittliche Vervollkommnung herausgezogen? Kann eine solch starke Egozentrik wirklich dem Menschen zum Heil dienen? Spricht nicht gerade die Liebe in ihrer tiefsten Intention zum anderen: "Du sollst ewig sein" (G. Marcel), und damit auch die Beziehung unserer Liebe? Mir scheint, daß in der Wiedergeburtslehre die Schwierigkeiten unserer hoch individualisierten Kultur mit dauerhaften, ja endgültigen Bindungen weltanschaulich legitimiert wird: Da auch der Tod keinen Übergang in die Endgültigkeit des einmalig gelebten und bei Gott aufgehobenen Lebens bringt, da vielmehr nach dem Tod das irdische Leben in einer neuen Biographie von neuem beginnen kann, stellt auch das jetzige Leben im ganzen und im Detail nichts endgültiges dar. Darum braucht einem Versprechen, einer Selbstverpflichtung zur Treue auch nicht notwendig mehr ein einmaliger und verbindlicher Wert zugeschrieben zu werden. Alles läßt sich auflösen, neu versuchen, nachholen ...
e) Der Anspruch, Glauben durch Wissen ersetzen zu können
Immer wieder wird von Anhängern der Wiedergeburtslehre behauptet, diese Lehre sei inzwischen aufgrund der Erforschung parapsychologischer und therapeutischer Ergebnisse wissenschaftlich bewiesen. Die zahlreichen außergewöhnlichen (nicht "übernatürlichen"!) Phänomene wie z.B. des Déja-vu ("das habe ich doch schon einmal gesehen!") oder der Wiedererinnerung an ganz vergangene Zeiten oder weit entfernte Orte, in denen die betreffende Person zu Lebzeiten nie gewesen war, oder die (allerdings selten vorkommende) Kenntnis von fremden Sprachen, die jemand nie erlernt hatte (Xenoglossie), oder die Erfahrungen der "Rückführungstherapie", in der Menschen zu Erkenntnissen über ihre Geburt und Empfängnis hinaus zurückgeführt werden - all das lasse sich am schlüssigsten durch die Theorie der Wiedergeburt erklären. Somit könne sie durchaus einen Rang als "Wissenschaft" einnehmen. Sie stehe damit in der Skala menschlicher Erkenntnismöglichkeiten bedeutend höher als religiöse Glaubensaussagen, denen jede Erfahrungsgrundlage und Erklärungskompetenz einfach deswegen abgesprochen wird, weil ihre Aussagen nicht "wissenschaftlich" zu beweisen seien (s.o.). Den religiösen Glauben an das Jenseits durch Wissen zu ersetzen - auch das macht die Wiedergeburtslehre für viele Zeitgenossen noch einmal besonders anziehend.
Was ist dazu zu sagen? Abgesehen von der bereits oben zurückgewiesenen methodischen Vermischung von Wissenschaft und religiösem Glauben läßt sich mit guten Gründen auch die spezielle Behauptung der wissenschaftlichen Begründung der Wiedergeburtslehre bezweifeln. Denn auch wenn z.B. in der sog. Reinkarnationstherapie durch Suggestion bestimmte Erzählungen und Eindrücke wiederholt hervorgerufen und als therapeutische Mittel erfolgreich eingesetzt werden können, so ist doch die Erklärung dieser Äußerungen durch die Reinkarnationsvorstellung (also als "Erinnerung" an vorgeburtliche Existenzen) ein weiterer Schritt, der das Feld des empirisch Erfahrbaren und Beweisbaren eindeutig überschreitet. Denn weder die Existenz einer "ewigen göttlichen Natur" in uns noch ihr Hinaustreten aus dem gestorbenen Leib oder ihr Wiedereintreten in einen neuen Leib sind irgendwelche Fakten, die man mit den Methoden einer rationalen Wissenschaft beweisen könnte. Sie gehören in den Bereich weltanschaulicher oder religiöser Deutungen, die für die existentielle Sinnfrage des Menschen und seiner Welt ihre unersetzliche Bedeutung haben, aber nicht auf dem Feld wissenschaftlicher Fakten verhandelt werden können.
So sind auch seriöse Vertreter einer Reinkarnationstherapie (z.B. Thorwald Dethlefsen und Brian Weiss)(16) oder der psychologischen Erforschung spontaner Erinnerungen bei Kindern (z.B. Ian Stevenson)(17) sehr vorsichtig mit der Behauptung, durch ihre Ergebnisse ließe sich die Wiedergeburtslehre (der sie selbst anhängen) wissenschaftlich hinreichend beweisen. Obwohl in der öffentlichen Reklame ihre Bücher oft unkritisch als "wissenschaftliche Beweise" angeführt werden, stehen die Autoren selbst viel kritischer ihren Forschungsergebnissen gegenüber. Sie sind sich nicht nur der methodischen Problematik solcher Behauptungen bewußt, sondern auch der eindeutigen Grenzen ihrer eigenen empirischen Forschungen. So lassen sich die meisten in der Therapie oder bei den spontanen Erinnerungen der untersuchten Kinder auftauchenden Erinnerungen historisch überhaupt nicht mehr auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen. Oder die Verfasser ziehen selbst andere plausible Erklärungsmodelle für die rätselhaften Phänomene heran; wie z.B. die Kryptomnesie (unbewußte Erinnerung an irgendwie aufgenommene, aber vergessene Erfahrungen), oder die Phantasiehypothese bzw. die "Konfabulation"(18), oder die Kombination von außersinnlicher Wahrnehmung (Telepathie, Hellsehen bzw. Hellhören u.ä.) und Personifizierung mit einer anderen Person, über die durch außersinnliche Wahrnehmungen Informationen erworben worden sind, oder die Hypothese der Besessenheit (ein lebendes Bewußtsein wird durch bestimmte, noch irgendwie telepathisch wirksame Bewußtseinselemente eines früher gelebt habenden Menschen zeitweise "besetzt") usw. Höchstens in einigen der vielen untersuchten Fällen hält z.B. der amerikanische Psychiater I. Stevenson die Reinkarnationshypothese für die naheliegendere Erklärungsmöglichkeit.(19) T. Dethlefsen weist ihr vor allem die Rolle einer therapeutisch hilfreichen Vorstellung zu, insofern sie der Heilung kranker Menschen dienen kann. Wenn die Wiedergeburtslehre auf diese methodisch verantwortbare Weise relativiert wird, ist prinzipiell nichts dagegen einzuwenden, sie als mögliches weltanschauliches Erklärungsmodell heranzuziehen; das macht sie aber noch längst nicht zu einer wissenschaftlich ausgewiesenen Hypothese.
3. Sind christlicher Glaube und Reinkarnationslehre zu vereinbaren?
Vorbemerkungen:
(1) Offene Differenzen zwischen privatem und gemeinsam-verbindlichem Glaubensbewußtsein.
Bei Vorträgen zum Thema Wiedergeburt ist auffallend, daß sich gerade bei dieser Frage nach der Vereinbarkeit die Gemüter sehr erhitzen und die Geister scheiden. Offensichtlich fühlen sich christliche Anhänger der Wiedergeburtslehre hier besonders betroffen. Deswegen möchte ich ausdrücklich betonen: Ich spreche keinem, der von der Wiedergeburtslehre überzeugt ist, damit schon sein Christsein ab. Wenn jemand es miteinander vereinbaren kann, sei ihm das unbenommen. Es bezeichnen sich heute ja auch genügend Menschen als Christen, die nicht an den dreieinen Gott oder an die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus oder an die Auferstehung Jesu von den Toten oder an unsere eigene Auferstehung glauben.
Und doch - bei allem Respekt vor der persönlichen Glaubenssicht der Einzelnen: Christsein ist nicht nur eine Sache der subjektiven Selbsteinschätzung! Sie ist wesentlich auch eine Teilhabe am Glauben der christlichen Glaubens- und Traditionsgemeinschaft. Und diese Gemeinschaft verkündet eindeutig von Anfang an, ja von ihren jüdischen Wurzeln her eine Vollendungshoffnung, die objektiv gesehen, also vom inneren Zusammenhang des ganzen Glaubensbekenntnisses her, in ihrem Kern nicht mit der Wiedergeburtslehre, gerade auch in ihrer westlichen Form vereinbar ist. Jedenfalls ist das auch heute noch die Auffassung der meisten Theologen, die sich mit dieser Frage intensiver auseinandersetzen. Auch wenn es einer verbreiteten Mentalität heute widerspricht, hat eine Glaubensgemeinschaft doch ihr gutes Recht, zu sagen: Nicht alle subjektiv plausiblen religiösen Überzeugungen sind damit schon Zeichen des "sensus fidelium", des untrüglichen Glaubenssinnes des Volkes Gottes. Manches paßt eben nicht stimmig mit dem gemeinsamen, biblisch begründeten und von der Tradition bewahrten Glauben zusammen. Er hat sein eigenes, unverwechselbares und unverwässerbares Profil.
(2) Notwendigkeit des Dialogs
Mit der Feststellung einer theologischen Unvereinbarkeit bestimmter Grundpositionen des christlichen Glaubens und der Wiedergeburtslehre soll aber keinesweg der Dialog von unserer Seite her abgebrochen werden, weder mit den östlichen Religionen noch mit der westlichen Form dieser Lehre. Ein sinnvoller Dialog könnte m.E. darin bestehen, daß man wechselseitig versucht, genauer hinzuhören und die gegenteilige Position besser zu verstehen, gemeinsame Intentionen herauszuarbeiten und so offen zu sein für Modifizierungen, die vielleicht eine partielle Annäherung möglich machen.(20)
So lassen sich - in Anschluß an Fr. J. Nocke - bereits jetzt schon folgende Gemeinsamkeiten feststellen: Die Hoffnung über den Tod hinaus (gegen eine rein materialistische Weltanschauung); der Zusammenhang zwischen dem menschlichen Tun im jetzigen Leben und im Leben nach dem Tod (ob bei Gott oder noch einmal auf dieser Erde); die Betonung der sittlichen Verantwortung für das eigene Leben und seine Vollendung (gegen jeden fatalistischen Schicksalsglauben); die Einsicht, daß sich gutes wie schlechtes Handeln auf mein ganzes Leben auswirkt, daß ich die Konsequenzen in meinem Lebensgeschick tragen muß; das Bewußtsein von der Verflochtenheit jedes individuellen Lebensgeschicks mit der ganzen vergangenen Menschheitsgeschichte (Stichwort "Erbsünde"); das Motiv einer sittlichen "Läuterung", die auch nach dem Tod nicht einfach beendet ist, sondern den Menschen seiner endgültigen Vollendung entgegenführt.(21)
Dennoch: Bei allen nicht zu unterschätzenden Gemeinsamkeiten sind die Unterschiede gerade in einigen zentralen Grundoptionen doch wiederum so groß, daß ich - bei dem jetzigen Stand der Dinge - nicht sehe, wie beide Vollendungsvorstellungen theologisch konsistent miteinander zu vereinbaren sind, ohne daß von einer Seite her Wesentliches aufgegeben werden müßte.(22) Bevor ich die ausschlaggebenden Gründe für diese theologische Unvereinbarkeit nenne, soll erst kurz noch eine wichtige geschichtliche Frage angeschnitten werden:
a) Das frühe Christentum und die Wiedergeburtslehre
Immer wieder taucht in Kreisen von Anhängern der Wiedergeburtslehre die "Wanderlegende" auf, in den frühesten Zeiten des Christentums habe es Vertreter dieser Lehre unter den Kirchenvätern gegeben; diese seien aber dann von der offiziellen Theologie zurückgewiesen worden.(23) Diese Behauptung ist, auch wenn sie noch so oft wiederholt wird, falsch. Von den frühesten Zeugnissen an ist die Ablehnung der Kirchenväter eindeutig und einheitlich; richtete sich doch ihre Theologie vielfach gegen die Gnosis, eine spätantike, aus der platonischen Tradition genährte Erlösungsreligion im römischen Reich. Sie vertrat die Lehre von der Wiedergeburt. So sehr sich Gnosis und Christentum gegenseitig in manchen Vorstellungen zugleich beeinflußten und voneinander abgrenzten, so eindeutig ist aber auch die Tatsache, daß die Wiedergeburtslehre niemals als eine christliche Lehre angesehen wurde; nicht einmal als Irrlehre, die sich innerhalb der Kirche von der orthodoxen Lehre abgespalten hätte (= "Häresie") und deswegen verurteilt worden wäre. Nein, sie galt immer schon als eine außerchristliche religiöse Überzeugung, die für die gesamte frühe Kirche mit dem christlichen Glauben unvereinbar war.
Es scheint eine einzige Ausnahme gegeben zu haben, nämlich Origenes, den großen östlichen Kirchenvater des 3. Jahrhunderts. Sein Einfluß war ungeheuer groß; Teile seiner Lehre wurden noch im 5. und 6. Jahrhundert von Synoden verurteilt. Was jedoch hat Origenes zur Wiedergeburtslehre gesagt? Wenn man die betreffenden Abschnitte aus seinem Werk "Peri Archon" ("Über die Ursprünge") sorgfältig liest, kommt man zur Erkenntnis, daß Origenes nie die Reinkarnation gelehrt hat, sondern (in der Tradition Platons) die Inkarnation der präexistenten Seelen. "Origenes hat gelehrt, daß die Seelen, und zwar alle Seelen, am Anfang von Gott gleichzeitig geschaffen worden sind und daß sie je nach ihrer Treue zum Ursprung, zu Gott, in ihrer Höhe geblieben sind oder aus dieser Höhe abgefallen sind. Da gab es einige, die ganz abgefallen sind, das wurden die Teufel, die in die tiefste Tiefe gefallen sind. Da gab es andere, die in der Höhe geblieben sind, das sind die Engel. Da gab es wieder andere, die sich abgewendet haben und von Gott dann zur Strafe im Leibe eingesperrt wurden. Und je nach dem Grad des Abfalls in Tierleiber oder in Menschenleiber. Das ist, so scheint es, die Theorie des Origenes. Er hat aber, soweit man es beurteilen kann aus den Texten, die erhalten sind, nie gelehrt, daß die Seelen dann wiederkehren."(24) Im Gegenteil: In vielen anderen Schriften zur Bibelauslegung lehnt Origenes eindeutig die Interpretationen bestimmter Stellen durch die Gnostiker, die daraus eine reale Wiedergeburt der Seele herauslesen wollen, ausdrücklich ab.
Aber hat sich nicht eine Synode von Konstantinopel im Jahre 543 damit befaßt? In der Tat, sie hat Origenes und den Origenismus verurteilt, aber keineswegs die Reinkarnationslehre! "Das ist nun ein interessantes Zeugnis: Wenn man im 6. Jahrhundert geglaubt hätte, Origenes habe die Reinkarnation gelehrt, können wir sicher sein, man hätte die Gelegenheit nicht versäumt, ihm dies zum Vorwurf zu machen. Der Text des Konzils verurteilt die Präexistenzlehre des Origenes, d.h. die Lehre, daß die Seelen alle gleichzeitig am Anfang der Schöpfung geschaffen sind und erst dann in die Leiber eingesperrt wurden. Das wurde verurteilt! Daß damit natürlich implizit auch die Reinkarnation ausgeschlossen ist, ist nur eine indirekte Frage. Die Kirche hat die Reinkarnation nie verurteilt. Nicht, weil sie sie bejaht, sondern weil sie bisher, bis ins 20. Jahrhundert, es nie als Frage empfunden hat, daß die Reinkarnation überhaupt als eine Lehre in Frage käme, die sich mit der christlichen Grunderfahrung vereinbaren ließe."(25) Außerchristliche religiöse Überzeugungen brauchen eben vom kirchlichen Lehramt weder beurteilt noch verurteilt zu werden; es sei denn, sie werden als christliche Lehren oder als mit ihnen vereinbar ausgegeben, was aber bisher theologisch im Fall der Wiedergeburtslehre nie der Fall war.
Hauptgründe für die theologische Unvereinbarkeit
(1) Der Schöpfungsglaube
Im Gegensatz zur Wiedergeburtslehre betont der christliche Glaube: Alles, was in der Welt existiert, auch unser innerstes geistiges Selbst, unsere Seele oder unser "Personkern" (wie immer man den entscheidenden "Identitätsträger" des Menschen bezeichnen will) - alles ist geschaffen, ist endlich, ist nicht göttlich! Darum gibt es einen unendlichen, von uns her nicht zu übersteigenden Abstand zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen Gott und der Welt. Darum kann ich auch in tausend und abertausend möglichen Wiedergeburten von mir aus nicht göttlich-vollkommen werden, oder mich dem Göttlichen allmählich annähern in meiner geistigen oder sittlichen Vollkommenheit. Das Geschöpf bleibt ewig Geschöpf, und darum endlich, unvollkommen.
Aber ist denn unsere Seele nicht unsterblich? Das ist sie durchaus; aber diese Unsterblichkeit kommt ihr nicht "von Natur" aus zu, weil sie etwa ein "göttlich-geistiger Funke", ein Teil Gottes in uns wäre - was sich auch viele Christen so vorstellen. Nein, statt einer "göttlich-natürlichen" Unsterblichkeit eignet unserer Seele eine "geschenkte" Unsterblichkeit. Das bedeutet: Wir sind nur deswegen "unsterblich", weil - etwas salopp gesagt - Gott "unsterblich" in uns verliebt ist! Diese "Liebesbeziehung" Gottes zu uns macht uns "unsterblich". Unsere Seele ist (theologisch gesehen) nichts anderes als das "Ansprech- und Antwortorgan" des Menschen für Gott; also die uns von Gott geschenkte Fähigkeit, mit "ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all meinen Kräften" (vgl. Mk 12,30) Gottes Liebe zu empfangen und zu erwidern. Diese Gabe Gottes an uns ist unsere "Seele". Sie ist deswegen unsterblich, weil Gott uns, indem er uns ins Dasein ruft, mit unbedingt treuer Liebe bejaht; weil er uns unter keiner Bedingung, auch in Schuld und Tod nicht fallen läßt; und weil er uns dabei zugleich auch die Fähigkeit gibt, uns unbedingt von ihm lieben zu lassen und ihm darauf zu antworten. Das macht unsere Seele, ja uns selbst in unserem ganzen Menschsein vor Gott unsterblich. Das macht uns auch über den Tod hinaus bewahrens- und liebenswert. Nicht aber, weil unser innerster "Personkern" von Natur aus schon immer etwas Göttliches wäre und sich nur aus den Schlacken des Diesseits befreien müßte, um endlich wieder ganz rein und vollkommen zu werden. Das ist Gnosis, aber nicht christlicher Glaube (dazu mehr im 2. Teil III).
Das Ja zur Endlichkeit und Geschöpflichkeit des Menschen durch und durch, auch seines Geistes, seiner Seele und seines sittlichen Vermögens, das macht den ersten und wohl auch den grundlegenden Unterschied zwischen dem Gottes- und Menschenbild des christlichen Glaubens und dem der Wiedergeburtslehre aus.
(2) Vollendung durch Vergebung
Häufig wird von Anhängern der Wiedergeburtslehre gegen die Ablehnung durch die Kirche argumentiert: Die christliche Lehre vom "Fegfeuer", also von der jenseitigen Reinigung und Läuterung des Menschen von aller Schuld, ist doch etwas ganz ähnliches wie die Wiedergeburtslehre! Macht es einen so großen Unterschied, daß diese Läuterung entweder in vielen irdischen Leben (wie es die Wiedergeburtslehre meint) oder sofort nach dem Tod bei Gott vollzogen wird?(26) Ja, es macht einen sehr gewichtigen Unterschied, der m.E. die Annahme wiederholter Wiedergeburten zum Zweck der Läuterung eigentlich überflüssig macht. Denn der christliche Glaube vertraut darauf, daß Gott uns in unserem Tod so, wie wir sind und geworden sind, annimmt; unser ganzes gelebtes Leben, auch mit den vielen Anteilen an "ungelebtem Leben" und mit der ganzen Geschichte unserer persönlichen Schuld. Gott drückt jeden Menschen so an sein Herz, wie es das Gleichnis Jesu vom Vater und dem verlorenen Sohn zeichnet. Es ist sicher das schönste biblische Gleichnis für die christliche Hoffnung auf Vollendung: Diese letzte Begegnung mit einer unendlichen Barmherzigkeit auf dem Grund aller Dinge und Geschehnisse schenkt dem Menschen sein Heil, seine Vollendung, seine Vollkommenheit. Sie trägt für uns Christen eben das Antlitz des menschgewordenen und menschenfreundlichen Gottes.
Wie aber führt diese Barmherzigkeit Gottes den Menschen zur Vollendung? Indem sie ihm zuallererst die Schuld vergibt, falls er in seinem Leben wirklich schuldig geworden ist. Vollendung durch Vergebung, nicht anders. Aber diese vergebende Liebe Gottes verurteilt den Menschen keineswegs zur Passivität (genausowenig wie eine zwischenmenschliche Vergebung). Im Gegenteil: Die Vergebungsbereitschaft Gottes befähigt den Menschen, auch von sich her seine Schuld anzunehmen, sie nicht mehr zu verdrängen, sondern sie "aufzuarbeiten", sie wirklich zu bereuen, um so auch erst die Vergebung zutiefst akzeptieren zu können. So wird der Mensch nach seinem Tod von Gottes vergebender Güte "geläutert"; durchaus auch schmerzlich geläutert! Denn dieser Aufarbeitungsprozeß der eigenen Schuld im Angesicht der Güte Gottes ist absolut nichts Harmloses! Da geht es um die innerste Wahrheit und Unwahrheit meines Lebens, was ich verdrängt, was ich mir und den anderen vorgespielt habe. Da wird die Seele gleichsam "ausgefegt" von allem Falschen und Verlogenen in mir. Aber da dies alles im Angesicht der vergebenden und versöhnenden Liebe Gottes geschieht, ist es befreiend, ist es heilend. So wird der Mensch der endgültigen Gemeinschaft mit Gott und den anderen Geschöpfen würdig gemacht.
Das gilt in vergleichbarer Weise auch für das unschuldig und viel zu früh gestorbene Kind, für einen geistig schwer behinderten Menschen, für die, die durch ihre Lebensumstände gar nicht zum vollen Einsatz ihrer Freiheit kommen, und auch für alle, die im Leben einfach zu kurz gekommen sind. Auch sie brauchen angesichts dieses Gottes ebenso wenig wie der schuldig gewordene, also seine Freiheit mißbraucht habende Mensch durch Wiedergeburt eine neue Chance hier auf der Erde, um sich zu einer von uns vorgestellten und geforderten humanen Lebenserfüllung emporzuarbeiten. Nein, gerade den Ärmsten und Unschuldigsten unter seinen Geschöpfen bringt diese letzte Begegnung mit der Güte Gottes ihre ganz persönliche, sie unendlich beglückende, in all ihren individuellen Möglichkeiten restlos erfüllende Vollendung. Diese ist bei jedem Menschen ganz verschieden, je nach seiner individuellen Persönlichkeit und Lebensgeschichte! Aber weil es eine Vollendung aus Liebe heraus ist, eben aus der ganz und gar persönlichen Beziehung des liebenden Gottes zu seinem jeweils ganz einmaligen Geschöpf, darum braucht keiner irgendein (von Gott oder uns Menschen) aufgestelltes Maß an sittlicher Vollkommenheit oder menschlich geglücktem Leben zu erreichen, um selig zu werden. Er muß sich nur unbegrenzt lieben und in die Gemeinschaft der von Gott geliebten Brüder und Schwestern seines Sohnes aufnehmen lassen. Und das kann ein Kind, ein Behinderter, ein Armer meist bedeutend besser als alle anderen! Wo wir aus diesem Vertrauen heraus leben und sterben, da "brauchen" wir keine Wiedergeburt auf Erden, da bringt uns eine Wiedergeburt keine bessere Chance, keine Steigerung an Heil und Vollkommenheit. Im Rahmen eines solchen Gottesbildes, das auch existentiell gelebt wird, scheint mir die Wiedergeburtslehre keinen sinnvollen Platz zu haben.
(3) Die Hoffnung auf die Auferstehung des Leibes
Zweifellos hat sich im Christentum aufgrund des starken Einflusses der platonischen und neuplatonischen Philosophie, aber häufig gegen den biblischen Grundimpuls immer wieder eine große Leibfeindlichkeit breit gemacht. Dennoch wurde der Leib (wenigstens prinzipiell!) nie so abgewertet wie in der Wiedergeburtslehre, die damit (in der westlichen Variante) ihren Ursprung in der spätantiken Gnosis und deren Verachtung alles Materiellen und Geschichtlichen nicht verbergen kann. Demgegenüber bedeutete das Bekenntnis zur "Auferstehung des Leibes" im Christentum stets einen kräftigen Widerhaken gegen allzu starke spiritualisierende Tendenzen.
Was aber verstehen wir unter dem "Leib", der auferweckt werden soll? Hier ist wichtig, daß im Verständnis der christlichen Hoffnung (ähnlich wie bei der Eucharistie) der Leib mehr ist als nur die chemisch-biologische Substanz unseres Fleisches, mehr als nur die äußerlich-sichtbare Gestalt unseres Körpers. Im biblisch-theologischen Sinn bezeichnen wir mit "Leib" vor allem den durch unsere ganze Lebensgeschichte hindurchgegangenen Körper; im Leib drücken wir uns in die Welt hinein aus, und umgekehrt: In ihm drückt sich die Welt in uns hinein ein (G. Greshake: Der Leib als "expressives und impressives Medium" unseres innersten personalen Selbst). Wegen dieser engen Verbindung von "Leib und Seele" kann für das Christentum der Leib (und seine konkrete Geschichte) nicht einfach eine auswechselbare Hülle für etwas "Geistig-Göttliches" in uns ein. Vergleichbar der "Seele" als "Ansprechorgan" für Gott ist der Leib unser unverwechselbares "Beziehungsorgan" zur Welt, zu den anderen Geschöpfen, zur Natur und Kultur, zum anderen Menschen. In diesem Leib und in den von ihm ermöglichten Beziehungen leben, lieben und leiden wir. Das alles prägt auch zutiefst unsere innerste persönliche Identität; und darum kann es nicht einfach nach unserem Tod für immer abgestreift und durch einen völlig anderen Leib, ein völlig anderes Lebensgefüge und Beziehungsnetz ersetzt werden. Wenn dem Menschen wirklich Heil- und Ganzwerden-Können verheißen ist, dann kann es nur für Leib und Seele zugleich sein. Und zwar für diesen Leib, der unauflösbar mit unserem innersten Personsein verbunden ist. Daß uns diese Einheit von "Leib und Seele" einmal ganz ungebrochen geschenkt wird, daß die schmerzlichen Dissonanzerfahrungen zwischen dem personalen Selbst und seiner leiblichen Ausdrucksgestalt (z.B. in Krankheit, im Altern, im Sterbenmüssen) beendet sein werden, das erhoffen wir von der "Auferstehung des Leibes". In ihr wird nicht bloß unser innerstes geistiges Selbst "endgültig" aufgehoben, sondern der ganze Mensch in der Vielfalt seiner leibhaftig gelebten Bezüge (dazu mehr im 2. Teil IV).
Zum Abschluß dieser langen Ausführungen noch eine Geschichte, die ich in einem Artikel des jetzigen Erzbischofs von Wien, Kardinal Christoph Schönborn, zu diesem Thema gefunden habe. Sie macht noch einmal sehr klar den Unterschied zwischen christlichem Glauben und der Wiedergeburtslehre deutlich. Christoph Schönborn berichtet:
"Ein alter Russe hat mir folgende Geschichte erzählt: In seiner Jugend, nach der russischen Revolution, ist er nach Frankreich geflohen. Weil er nichts zu tun und kein Geld hatte, ging er in die Fremdenlegion und wurde dort Offizier. Unter seinen Legionären war auch ein deutscher Soldat, der sich durch besondere Brutalität der Sprache und des Umgangs auszeichnete. Nun kam es einmal zu einem Scharmützel, und dieser junge Legionär wurde schwer verwundet. Er läßt seinen Offizier, den damals noch jungen Russen, zu sich rufen. Dieser überlegt sich, ob er hingehen soll, um dann nur wieder unflätige Worte zu hören. Er geht schließlich doch hin und findet den verwundeten Legionär verändert. Dieser stellt ihm in Französisch, in sehr feinen Worten die Frage: 'Glauben Sie, daß Christus mir etwas von sich geben kann, wenn ich jetzt sterbe?' Der junge Offizier war etwas verwirrt und fragte: 'Was meinen Sie damit?' 'Ja', sagte der Verwundete, 'wenn ich jetzt sterbe und dann hinüber komme und da dann all die Engel und Heiligen sind, dann werden die auf mich zeigen und sagen: 'Was macht der denn da!?' und ich werde nicht hineinkommen. Aber wenn Christus mir etwas von sich gibt, dann können sie nichts sagen, dann komme ich rein.' Der Russe hat dem Legionär versichert, Christus werde ihm wohl etwas von sich geben. Kurz darauf ist dieser gestorben. Mit diesem Erlebnis, sagte der alte Russe, habe er zum ersten Mal begriffen, was eigentlich das Christentum ist. -
Das ist die christliche Grunderfahrung: daß Christus uns etwas von sich gibt und wir dadurch neue, vollkommene und vollendete Menschen werden. Alle Knochenberge des Karma, alle Ozeane der Tränen können diesem Geschenk nicht widerstehen, wenn Christus uns etwas von sich gibt."(27)
Das Wort, das Jesus dem reuigen Schächer am Kreuz zugesprochen hat, das spricht er zu jedem, der es in seinem Tod hören will: "Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!" Heute - nicht erst nach einer langen Kette von Wiedergeburten! In dieser endgültig vergebenden und versöhnenden Güte Gottes liegt das ungemein Befreiende der christlichen Botschaft. Es kostet allerdings wiederum den Preis des Vertrauens, der heute vielen zu hoch erscheint. Sie zahlen lieber mit eigener sittlicher Leistung. Sie scheint ihnen (allen gegenteiligen Erfahrungen zum Trotz!) auf Dauer sicherer und bewährter zu sein. Der Gegenwind unserer kulturellen Mentalität bläst eben auch der christlichen Hoffnung im Augenblick stark ins Gesicht. Vertrauen auf Gott oder Vertrauen auf das eigene Tun: Das muß keineswegs eine sich ausschließende Alternative sein! Der christliche Glaube verbindet beides, weil er von der Erfahrung lebt, daß das eigene Tun nur dann heilend und befreiend sein kann, wenn es sich im größeren Rahmen des Vertrauens bewegt, daß Gott mich immer schon unbedingt angenommen hat und so all mein eigenes Tun trägt und wirklich heilend sein läßt. Die westliche Wiedergeburtslehre dagegen tendiert doch in die Richtung einer Trennung zwischen Vertrauen auf Gott und Vertrauen auf das eigene Tun; und dabei plädiert sie entschieden für das letztere. Darum muß hier der christliche Glaube deutlich seinen Widerspruch anmelden, gerade im Namen einer Humanität, die nicht dem Zeitgeist und seinem sich heute auch religiös verkleidenden Leistungsdenken und Fortschrittsglauben geopfert werden darf.
1. Vgl. dazu auch G. Bachl, Über den Tod und das Leben danach, Graz 1980, 241-257; G. Greshake, Seelenwanderung oder Auferstehung. In: Ders., Gottes Heil - Glück des Menschen, Freiburg 1983, 226-244; H. Torwesten, Sind wir nur einmal auf Erden? Freiburg 1983; M. Kehl, Eschatologie, Würzburg 31996; ders., Nur einmal auf Erden? In: Bibel und Kirche 49/1994, 35-41; Chr. Schönborn, Reinkarnation und christlicher Glaube, in: C.-A. Keller u.a. (Hg.), Reinkarnation - Wiedergeburt aus christlicher Sicht, Freiburg/Schweiz1987, 127-146; R. Hummel, Reinkarnation, München/Mainz 1988; H. Kochanek (Hg.), Reinkarnation oder Auferstehung, Freiburg 1992; G. Sachau, Westliche Reinkarnationsvorstellungen, Gütersloh 1996 (auf diese ausgezeichnete Untersuchung werde ich mich im zeitdiagnostischen Abschnitt am meisten stützen).
2. G. Sachau, aaO. 58.
3. H. Torwesten, Sind wir nur einmal auf Erden? Freiburg 1983, 21 f.
4. Vgl. R. Hummel, Reinkarnation, Mainz 1988; R. Sachau, aaO. 67 ff.
5. R. Hummel, aaO. 36.
6. Vgl. R. Sachau, aaO. 70 ff.
7. AaO. 170 (im Anschluß an Torwald Dethlefsen).
8. Gerade auch bei Kindern läßt sich diese "naturwüchsige" Deutung des Todes beobachten; sie können, ohne jede Kenntnis östlicher Kulturen und Religionen, aber auch unbeeinflußt von den religiösen Überzeugungen ihrer Eltern, für sich die Vorstellung von der Wiedergeburt entwickeln, um sich zu erklären, was nach dem Tod kommt. Vgl. dazu T. Brocher, Wenn Kinder trauern, Zürich 1980, 37-43; 51 ff.
9. M. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1980, 318 f.
10. G. Sachau, aaO. 251 f (mit Hinweis auf H. Torwesten).
11. W. J. Hollenweger, Geist und Materie. Interkulturelle Theologie III, München 1988, 263 ff.
12. G. Sachau, aaO. 200.
13. AaO. 253 ff.
14. Vgl. Th. Dethlefsen, Das Erlebnis der Wiedergeburt, München 1976, 15-43. Der Psychotherapeut Th. Dethlefsen gilt als Begründer der Reinkarnationstherapie.
15. G. Sachau, aaO. 254.
16. Th. Dethlefsen, Das Erlebnis der Wiedergeburt, München 51986; ders., Schicksal als Chance, München 191987; B. Weiss, Die zahlreichen Leben der Seele, München 1994; ders., Heilung durch Reinkarnationstherapie, München 1995.
17. I. Stevenson, Reinkarnation, Freiburg 1986; ders. Wiedergeburt. Kinder erinnern sich an frühere Erdenleben, Grafing 1989.
18. Vgl. G. Sachau, aaO.: "Die tiefe Entspannung in der therapeutischen Situation mit der Erlaubnis 'alles zuzulassen und kommen zu lassen' ermöglicht innere Dramatisierungen tabuisierter und bedrohlicher Bewußtseinsinhalte. Sind die Bilder auch von höchster Intensität, so ist doch Distanz zu ihnen möglich, indem sie 'vergangenen Leben' zugewiesen werden können" (264). Und auch diese Form der Distanzierung kann (wie jede andere therapeutische Aufarbeitung traumatischer Symptome auch) durchaus zur Heilung psychischer Krankheiten führen. Erfolge solcher Therapien "beweisen" damit aber noch längst nicht die Wahrheit der Wiedergeburtslehre, mit deren Hilfe solche therapeutischen Erfahrungen gedeutet werden können.
19. "Obwohl das Studium der Kinder, die behaupten, ein früheres Leben zu erinnern, mich überzeugt hat, daß einige von ihnen in der Tat reinkarniert haben mögen, so hat es mir doch auch die Gewißheit verschafft, daß wir nahezu nichts über die Reinkarnation wissen." So I. Stevenson in: Wiedergeburt, aaO. 374.
20. In der Frage der Wiedergeburtslehre hat sich auf katholischer Seite v.a. Fr. J. Nocke für einen solchen Dialog eingesetzt; vgl. seinen Beitrag: Ist die Idee der Reinkarnation vereinbar mit der christlichen Hoffnung auf Auferstehung? In: H. Kochanek (Hg.), Reinkarnation oder Auferstehung, Freiburg 1992, 263-284.
21. Vgl. Fr. J. Nocke, aaO. 276 ff.
22. Diese Überzeugung wird gerade auch durch die zehn Punkte bestärkt, die Fr. J. Nocke unter dem Titel anführt: "Was nicht verloren gehen dürfte" (aaO. 278 ff.). Es fällt mir schwer zu erkennen, wie angesichts dieses christlich Unaufgebbaren die Wiedergeburtslehre, so wie sie sich jetzt hier bei uns im Westen darstellt, dennoch irgendwann in den christlichen Glauben integriert werden könnte.
23. Vgl. dazu H. Frohnhofen, Reinkarnation und frühe Kirche, in: StdZ 114 (1989), 236-244; Ch. Schönborn, Reinkarnation und christlicher Glaube, in: C.A. Keller u.a., Reinkarnation - Wiedergeburt aus christlicher Sicht, Freiburg 1987, 127-146.
24. Ch. Schönborn, aaO. 140.
25. AaO.142.
26. Selbst K. Rahner hat in seinem "Grundkurs des Glaubens" diesen Unterschied relativiert, um einen Ansatz der Verständigung mit der Wiedergeburtslehre der östlichen Religionen zu finden; allerdings unter der Voraussetzung, daß der Läuterungsprozeß durch viele Reinkarnationen hindurch auch einmal bei Gott sein Ende finde. Ich kann ihm in dieser Auffassung nicht folgen. Vgl. K. Rahner, Grundkurs des Glaubens, Freiburg 1976, 424 f.
27. Chr. Schönborn, Reinkarnation und christlicher Glaube, aaO. 129 f.
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