Petrus Alfonsi, Dialogus contra Iudaeos.
Petrus Alfonsi, Gespräch mit den Juden. Lateinisch-deutsche Ausgabe
1. Autor und Werk
Über den 1106 in Huesca zum Christentum konvertierten und auf den Namen Petrus getauften sefardischen Juden Moses wissen wir hauptsächlich über seine Werke Bescheid. Das in der Literatur oft zu lesende Geburtsjahr 1062 beruht auf der irrtümlichen Interpretation einer Textstelle im Dialogus contra Iudaeos. Um 1110 arbeitet Petrus Alfonsi an diesem Werk vermutlich schon in Südengland, wo er der Arabischlehrer des Adelhard von Bath gewesen sein könnte. Parallel zu seiner astronomischen Lehr- und Übersetzertätigkeit schreibt Petrus während seines Englandaufenthalts bis 1115/1116 die Disciplina clericalis. Vielleicht um 1120 versucht er mit der Epistola ad peripateticos, einer Werbeschrift für seinen stark auf die Astronomie fokussierten Unterricht, den Fuß in die Tür des klerikalen Unterrichtswesens in Nordfrankreich zu setzen. Dies scheint Petrus nicht geglückt zu sein. Vielleicht befindet er sich im April 1121 wieder in Nordspanien. Danach verliert sich seine Spur, wenn sich nicht die in jüngerer Zeit von diversen Forschern vertretene Meinung als zutreffend herausstellen sollte, wonach der Magister Petrus von Toledo, der Petrus Venerabilis 1143 den Pseudo-al-Kindi übersetzt hat, mit Petrus Alfonsi identisch sei.
2. Bedeutung des Dialogus contra Iudaeos
Der Dialogus contra Iudaeos ist der erfolgreichste antijüdische ‚Religionsdialog' des Mittelalters und übertrifft mit gegenwärtig über 90 erhaltenen Textzeugen Gilbert Crispins Disputatio Iudaei et Christiani (35 Handschriften) um mehr als das Doppelte. Auch die bald einsetzende und nie unterbrochene Rezeption des Textes im gesamten Hoch- und Spätmittelalter spricht für seine große Wirkung. Gleichwohl lag der Fokus der Forschung lange Zeit auf Alfonsis anderem erfolgreichen Werk, der Disciplina clericalis, einer Sammlung von orientalischen Beispielerzählungen und Sentenzen (mind. 87 Codices). Erst die Neubewertung des heute bekannten Gesamtœuvres durch Jacqueline Reuter (1975), Manfred Kniewasser (1980), Barbara Phyllis Hurwitz (1983) und John Victor Tolan (1993) hat die Einzigartigkeit des Dialogus contra Iudaeos herausgearbeitet.
Der Text ist aber nur vordergründig ein antijüdischer Dialog der klassischen Prägung, denn es handelt sich um das Gespräch zwischen der alten und der neuen Identität des Autors, zwischen Moses und Petrus. Zunächst widerlegt Petrus in vier sog. "tituli" die jüdische Position, um in sieben weiteren "tituli" die christliche Position anhand des Symbolon zu verteidigen. Am Scharnier dieser beiden Position wird erstmals in einem abendländischen Religionsdialog der Islam in einem eigenen Abschnitt behandelt, wobei ein ‚Muslim' als Gesprächspartner noch nicht anwesend ist, sondern die dritte Religion aus jüdischer und christlicher Perspektive thematisiert wird. Die jüngere Forschung konnte zeigen, daß der Dialog gleichsam der "modus operandi" der christlichen Subjektwerdung eines konvertierten Juden ist. Die "conversio" ist dabei als langgestreckter Erkenntnisprozeß im Spannungsfeld von "auctoritas" und "ratio" konzipiert. Doch der Einsatz der "ratio" bleibt nicht auf dem Feld der jüdisch und arabisch beeinflußten Philosophie stehen, sondern bezieht auch unbekanntes astrologisch-medizinisches Wissen der "Iberia" als Konversions- und Rechtfertigungsargument mit ein. Petrus Alfonsi möchte daher mit seinem Dialog nicht nur das Christentum als das einzig vernunftgemäße Glaubensgesetz ("lex") erweisen, sondern er unterbreitet mit ihm zugleich den Neuentwurf eines Wissenssystems, welches das abendländische Schema der "septem artes liberales" ablösen soll. Der autobiographische Dialog ist wohl eine frühe Stellungnahme zum anselmschen Entwurf des sich selbst und Gott erkennenden Glaubenssubjekts.
3. Ausgaben des lateinischen Textes
Die Kölner Editio princeps von 1536 ist in der Ausgabe von Migne (PL 157, 535-672) neu abgedruckt. Sie beruht auf einer bis heute nicht identifizierten Corveyer Handschrift. Klaus-Peter Mieth legte in seiner Berliner Dissertation von 1982 eine semikritische Neuausgabe vor, die auf ausgewählten Berliner und Pariser Handschriften basiert. Dieser Text wurde 1996 in einer in Huesca gedruckten lateinisch-spanischen Ausgabe einem breiteren Publikum zugänglich gemacht.
4. Moderne Übersetzungen
Der Text wurde schon um 1300 ins Katalanische übersetzt. Im 19. Jahrhundert wurden erstmals geringe Stücke ins Deutsche (N.N.: 1847) und Französische (N.N.: 1853) übertragen. Die erste spanische Vollübersetzung legte Esperanza Ducay 1996 vor, Alfredo Ballestín Serrano ließ 2002 eine weitere Vollübertragung folgen (daraus erschien 2003 auch die Übersetzung von "titulus V"). Im Jahr 2006 erschien die erste englische Gesamtübersetzung von Irven Michael Resnick. Eine hebräische Version ist derzeit bei Yossef Schwartz in Tel Aviv in Arbeit. Eine deutsche Vollübersetzung existiert bislang nicht. Sie wäre demnach die dritte Gesamtübertragung in eine moderne europäische Sprache überhaupt.
5. Wissenschaftliche Hürden
Voraussetzung für die deutsche Übersetzung ist ein gesicherter lateinischer Text. Dieser liegt aber in mehrfacher Hinsicht noch nicht vor: Es besteht Unsicherheit hinsichtlich des ältesten Titels des möglicherweise akephalen Werkes, auch bestehen Zweifel daran, ob die beiden von Klaus-Peter Mieth ausgemachten Versionen A und B wirklich zwei echte Textfamilien repräsentieren. Einig ist sich die jüngere Forschung hingegen darüber, daß die frühe Verbreitung des Textes in (Süd)England und Nordfrankreich im Kontext von Benediktiner- und Zisterzienserklöstern erfolgte, die mit der Pariser Chorherrenabtei Saint-Victor im Austausch standen. Durch gezielte Probekollationen an den Handschriften dieses Überlieferungsraumes soll daher zunächst eine zuverlässige lateinische Textgrundlage gewonnen werden, die den wissenschaftlichen Wert der zweisprachigen Ausgabe erhöhen wird. Zur Diskussion wird gestellt hierbei die Überlegung, ob nicht ein autornaher "textus historicus" des 12. Jahrhunderts die Grundlage zur deutschen Übersetzung bilden könnte.
6. Vorbereitende Publikationen
Matthias Martin Tischler: "Der iberische Grenzraum. Drei frühe Entwürfe zum Islam aus Exegese und Theologie", in Mittelalter im Labor. Die Mediävistik testet Wege zu einer transkulturellen Europawissenschaft (Europa im Mittelalter. Abhandlungen und Beiträge zur historischen Komparatistik 10), hg. von Michael Borgolte E. A., Berlin 2008, 95-116 [elektronische Fassung: http://www2.hu-berlin.de/sppedia].
Matthias Martin Tischler: "Hommes de passage. L'élément juif dans les textes polémiques et les constructions identitaires hispaniques (XIIe-XIVe siècles)", in Passages. Déplacement des hommes, circulation des textes et identités dans l'Occident médiéval (Méridiennes. Études médiévales ibériques), éd. par Joëlle Ducos/Patrick Henriet, Toulouse 2009 (im Druck).
7. Die erste lateinisch-deutsche Ausgabe
Ziel des Projektes ist die Herausgabe eines wissenschaftlich gesicherten lateinischen Textes und der ersten deutschen Gesamtübersetzung einschließlich einer Einführung in Autor und Werk. Als Publikationsort ist mit Prof. Dr. Dr. Matthias Lutz-Bachmann (Frankfurt am Main) und Prof. Dr. Alexander Fidora (Barcelona) "Herders Bibliothek der Philosophie des Mittelalters" vereinbart worden.
8. Projektleiter
PD Dr. Matthias M. Tischler
Hugo von Sankt Viktor-Institut für Quellenkunde des Mittelalters
Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen
Offenbacher Landstr. 224
D - 60599 Frankfurt am Main
Tel. 0049/(0)69/60 61 291
E-mail: tischler@sankt-georgen.de
Homepage: http://www.sankt-georgen.de/hugo/institut/tischler.php
