Die Bibel der Abtei Sankt Viktor
Projektbeginn: 1.4.2001
Die Bibel ist der entscheidende Text der abendländischen
Geistesgeschichte, nicht nur im Bereich der Theologie. Er war und ist ebenso
zentral für die Philosophen, für die mittellateinische und alle
neusprachlichen Literaturen, für die Kunstgeschichte und für
die Geschichte Europas überhaupt. Erst seit Gutenberg begann der Bibeltext
in gedruckter, d.h. in normierter Form Verbreitung zu finden. Bis ins 16.
Jh. hinein waren jedoch im Westen stets nur verschiedene Versionen der
Hieronymus-Übersetzung
im Umlauf. Aufgrund älterer Vorarbeiten
ist seit längerem schon die Bedeutung der Viktorinerexegese und der
Viktorinerbibel für die mittelalterliche Geistesgeschichte bekannt.
Seit etwa 15 Jahren wurden neue Arbeiten zur intellektuellen Produktion
der Pariser Abtei Sankt Viktor und zu deren erhaltenem Handschriftenbestand
vorgelegt. Deshalb hat sich heute als Desiderat herauskristallisiert, die
Bibeln dieser Reform-Abtei zu untersuchen. Durch die Erhebung der viktorinischen
Bibeltexte sowie begleitender Studien zu Kodikologie und Paläographie,
Bibliotheksgeschichte und Illustrationen dieser Handschriften
soll die zentrale Bedeutung der Viktoriner-Bibel
für die weitere geistige Entwicklung der Universität Paris im
Mittelalter untersucht werden. Unmittelbar erwächst dieses Projekt
auch aus der laufenden Edition von Hugos Kommentar
zum Octateuch und den Königsbüchern.
Die Bibelhandschriften der
Abtei Sankt Viktor und der von ihnen transportierte Text sind bislang nicht
Gegenstand monographischer Behandlung gewesen. Hin und wieder trifft man
in der Literatur auf Bemerkungen über die Glossa ordinaria, die sich
heute in der Bibliothèque Mazarine befindet (cod. 131-144). Es gibt
außerdem frühe Arbeiten über die viktorinische Handschriftenproduktion,
insbesonders über die Frage identifizierbarer Schreiberhände
aus dem Scriptorium der Abtei. Erst kürzlich ist darüber hinaus
eine ausführliche Studie über die viktorinische Bibelillustration
im 12. Jahrhundert entstanden.
Sie belegt anhand kodikologischer und kunstgeschichtlicher
Analysen die zentrale Bedeutung des Viktoriner-Skriptoriums für die
Entwicklung der glossierten Bibeln im Frühmittelalter und stellt außerdem
die Verbreitung der Codices aus Sankt Viktor im mittelalterlichen Deutschland
in ein neues Licht.
Insgesamt wissen wir jedoch
noch zu wenig über die Pariser Handschriftenproduktion im 12. Jahrhundert
und speziell über die Bedeutung der Viktoriner - ihres Bibeltextes,
ihrer biblischen Textkritik, ihrer Glossae, ihrer Exegese - in diesem Kontext.
Darüber hinaus gibt die zusammenfassende Bemerkung M.T. Gibsons immer
noch den derzeitigen Kenntnisstand in bezug auf den viktorinischen Beitrag
zur Entstehung der Glossa ordinaria wieder: „Master Hugh is my candidate
for setting in order the
definitive version of the Gloss, and the community
and library of St. Victor the milieu in which it was first established
as a standard work of reference.“
Ähnlich wie bis vor kurzem
für die Viktoriner-Liturgie, so besteht
immer noch eine vollständige Wissenslücke hinsichtlich des Textbestandes
der Bibelhandschriften. Die Beuroner kritische Ausgabe der vetus latina
berücksichtigt lediglich Textzeugen aus der Zeit bis zum 8. Jahrhundert.
Die kritische Vulgata-Ausgabe des Alten Testamentes durch die Benediktiner
von San Girolamo/Roma verweist auf die hochmittelalterliche Texttradition,
indem sie die Pariser Bibel des 13. Jahrhunderts sowie die entsprechenden
Bibelkorrektorien im historischen Apparat belegt (unter der Sigle Omega).
Die Weiterentwicklung vom karolingischen Bibeltext zur universitären
Bibel des 13. Jahrhunderts, auf dem Weg über die textlichen und textkritischen
Anstrengungen des 12. Jahrhunderts, ist also
bislang weder dokumentiert noch einschlägig untersucht worden.
Es werden Aufschlüsse über die Geschichte
der Bibliothek von Sankt Viktor erwartet, über den Rezeptionsprozeß
des lateinischen Mittelalters zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert fokussiert
auf einen Mikrokosmos: die Stadt Paris, die Abtei Sankt Viktor, die Universität,
das Umland.
(a) Woher stammen diese Bibel-Handschriften?
(b) Welche dieser Handschriften stammen
demnach aus dem eigenen Skriptorium?
(c) Welche weiteren Handschriften wurden,
beispielsweise aufgrund von Bestellung, nach außen gegeben?
(d) Angezielt wird ebenfalls, das Verhältnis
zwischen den Schrifttexten der Liturgie und denen der Bibeln und Glossae
in der Abtei Sankt Viktor eruieren zu können. Besteht zwischen beiden
Textsorten ein reziprokes Rezeptionsverhältnis?
Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert und vom Institutsvorstand R.Berndt und von M.Tischler und einem weiteren Mitarbeiter des Instituts betreut. Es ist eine Laufzeit von mindestens vier Jahren vorgesehen.
