Erstellt: 09. Juli 2000 SB / MS
Theater 2000

Antigone
(Jean Anouilh)


Das Individuum im Spiegel der Gesellschaft - Identität durch Abgrenzung
Die Theatergruppe Sankt Georgen spielt Anouilhs "Antigone"

Die Theatergruppe 2000

Die Antigone-Problematik ist so alt wie die Menschheit selbst. Immer wieder stellt sich bei jedem Menschen die Frage Antigones, die Frage nach der eigenen Identität angesichts des anderen, der Gesellschaft.

Antigone versucht, sich an den ihr vermittelten Werten zu orientieren, doch ihre Versuche stoßen sich mit der Welt, dem Gesetz, repräsentiert durch ihren Onkel Kreon. Die mit sich selbst und der Welt in Konflikt geratene Antigone wählt den Weg in die Isolation; ihre Argumentation ist gekennzeichnet durch eine Immunisierungsstrategie, sowohl auf der inhaltlichen als auch auf der emotionalen Ebene.

Doch das Projekt "Identität durch Abgrenzung" scheitert - und mit ihm scheitert Anouilhs Antigone. Ihr Scheitern gewinnt Gestalt in ihrem Todesurteil, das nicht Kreon, sondern sie selbst fällt. Kreon wird zu einer Figur in dem Spiel, das die Tochter Ödipus' in der Hand hält - Antigone, die an sich und der Welt scheitert.

Ein Lernprozess ist nicht erkennbar, Antigone wählt - den Gesetzen des Absurden folgend - den Weg aus der Welt hinaus. Sie stößt Liebe (Hämon), Freundschaft (Ismene) und Familie (Amme) von sich. Der einzige, den sie an sich ranlässt und um den sie sich sorgt, ist ihr Hund. Erfüllung findet Antigone nur in der Isolation: Glaub nur nicht, dass Du jetzt kommen und mit mir sterben kannst. Das wäre zu einfach!

Anouilhs Antigone muß scheitern, an der Gesellschaft und an sich selbst. Ihre unglaubliche Stärke ist ihre größte Schwäche. Antigone provoziert, polarisiert und reißt schließlich auch andere mit in den Tod. Die Zurückbleibenden stehen vor den Trümmern ihrer eigenen Welt. In der Tat, ohne die kleine Antigone hätten alle ihre Ruhe gehabt; es fragt sich nur, welche Form der Ruhe es gewesen wäre.

Gundel-Maria Busse hat in ihrer Inszenierung die "Antigone" mit einer Doppelspitze aus Kreon und Antigone versehen und in puristischem Stil unauffällig ins Heute verlegt. Die politische Provokation Anouilhs trat dadurch eher in den Hintergrund, die absurde Botschaft gewann deutlich an Kontur.

Die schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarsteller wie der ganzen Gruppe wurde nicht nur in Sankt Georgen zelebriert, sondern auch in der Lokalpresse gewürdigt. Daß die Tragödie trotz der inhaltlichen Schwere nicht starr und traurig wirkte, ist das Verdienst gut besetzter und stark ausgespielter Charaktere, beispielsweise des Hauptwachmann Jonas.

Wie schon in den Vorjahren machte auch die Inszenierung der Antigone Lust auf mehr - auf mehr Schauspiel in Sankt Georgen und auf weitere Inszenierungen mit dieser Handschrift.

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